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Bewertung von mimitatis_buecherkiste aus Krefeld
am 17.02.2025
Die Nacht der Schildkröten
Olivo, Greta

Die Nacht der Schildkröten


ausgezeichnet

Als bei Livia eine Augenkrankheit diagnostiziert wird, möchte diese es nicht wahrhaben. Das junge Mädchen möchte ihr Leben genießen und tun, was gleichaltrige Kinder in ihrem Alter tun. Erst allmählich begreift sie, dass sie unaufhörlich auf den Zeitpunkt zusteuert, an dem die Dunkelheit auf sie wartet. Und damit das Erwachsensein.

»Mir wurde klar, was passiert war, was von Anfang an passieren sollte, nämlich dass die Welt jetzt diese war. Dass diese Straße, diese Gasse, in der ich noch nie zuvor gewesen war, für mich auf diese und keine andere Weise existierte und immer existieren würde.« (Seite 217)

Das Debüt von Greta Olivo, in dem Livia als Ich-Erzählerin fungiert, hat mir wunderbare Lesestunden beschert. Ich konnte förmlich mitfühlen, welche Verzweiflung sie ergriffen hat, als sie begriff, dass es keinen Ausweg, kein Entkommen gibt, und dass die gestellte Diagnose unumstößlich feststeht. Die kleine Hoffnung, die als leise Stimme im Hintergrund flüsterte, erstarb allmählich und trotzdem wehrte sich Livia vehement dagegen, wenn ihr Hilfe angeboten wurde und wollte es schaffen aus eigener Kraft. Sie dabei zu begleiten hat mich berührt, ihre Stärke hat mich beeindruckt und ihr Schmerz weckte immer wieder mein Mitgefühl. Ein großartiger Roman, den ich gerne weiterempfehlen möchte.
mimitatis_buecherkiste aus Krefeld

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von VolkerM am 14.02.2025
Gründerzeit 1200
Graichen, Gisela;Wemhoff, Matthias

Gründerzeit 1200


ausgezeichnet

Dass das Mittelalter nicht ganz so dunkel war, wie es mein Geschichtslehrer noch darstellte (und dann husch husch darüber hinweg ging), hat sich ein bisschen rumgesprochen. Um 1200 explodierte die mitteleuropäische Kultur geradezu, es kam zu gesellschaftlichen Umwälzungen, die an das heranreichen, was wir gerade erleben. Innerhalb kürzester Zeit wurden alleine in Deutschland Hunderte Städte gegründet, von denen die meisten tatsächlich heute noch existieren. Die Stadt war ein Erfolgsmodell. Wie kam es dazu? Und was für Folgen hatte es für die Menschen?

Gisela Graichen und Matthias Wemhoff – Namen, die man aus diversen ZDF-Dokumentationen kennt – haben zusammen ein Buch darüber geschrieben, in dem sie nicht nur die Ursachen untersuchen, sondern auch, wie Archäologie und Geschichtsforschung Licht in das vermeintliche Dunkel gebracht haben. Viele der Erkenntnisse sind noch keine 20 Jahre alt und sie haben altes „Überlieferungswissen“ oft genug widerlegt. Fake News gibt es nicht erst seit Donald Trump und Nancy Faeser.

Besonders gefallen hat mir der interdisziplinäre Ansatz der Autoren, die aus verschiedenen Richtungen an das Problem herangehen. Sie diskutieren das Klima(optimum) im Hochmittelalter, die Umbrüche im Rechtssystem (vom Gewohnheitsrecht zur Kodifizierung), die Rolle von Kirche und Klöstern, den Raubbau an der Natur und seine dramatischen Folgen, Epidemien, Handelsbündnisse und Stadtplanung. Und obwohl es ein spezielles Kapitel „Frauen in der Stadt“ gibt, ist das Buch erfreulich frei von woken Gedankenschranken und Sprachverhunzung. Man muss heute auf sowas leider extra hinweisen, weil es im akademischen Umfeld mittlerweile so weit verbreitet ist. Aber das geht wieder vorüber. Heute klopfen wir uns über das wolkige 68er-Gefasel („Die Gesamtsituation ist irgendwie unbefriedigend“) auch vor Lachen auf die Schenkel. Kleiner, notwendiger Exkurs, zurück zum Buch:

Ein zweiter Punkt, der mir positiv aufgefallen ist, ist die spürbare Begeisterung der Autoren, die sich beim Lesen überträgt. Die beiden brennen für ihr Thema. Exemplarisch an einzelnen Städten unterschiedlicher Größe und Lage diskutieren sie Gemeinsamkeiten der Entwicklungen und wichtige Unterschiede. Da spielen Handelsgeografie, Umwelt und Politik eine Rolle, aber nur selten ist eine Stadtgründung reiner Zufall. Im Verlauf des Buchs wird die eine oder andere Diskussion zwar redundant erzählt, aber das stört nicht viel, sondern festigt das Gelesene.
Die Darstellung ist fachlich auf dem allerneuesten Stand und insbesondere Matthias Wemhoff stellt die jeweiligen Wissenschaftler auch immer mit Namen vor, denn ihm als Archäologen ist offenbar sehr bewusst, wie wichtig Teamarbeit in seinem Job ist. Auch das ist mir positiv aufgefallen.

„Gründerzeit 1200“ setzt so aus Tausenden Einzelfakten das bunte Bild einer sehr dynamischen und in die Zukunft gerichteten Entwicklung zusammen, die bis heute unser Zusammenleben prägt. Erstmals nach der römischen Antike kam es zu hochgradiger Arbeitsteilung und zu bürgerlicher Selbstorganisation. Es sind die ersten Schritte hin zur Emanzipation des Individuums und letztlich der Demokratie.

Soll nochmal jemand sagen, das Mittelalter sei dunkel gewesen.
VolkerM

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von VolkerM am 12.02.2025
Ein Yankee aus Connecticut am Hof von König Artus
Twain, Mark

Ein Yankee aus Connecticut am Hof von König Artus


ausgezeichnet

Mit 14 habe ich den „Yankee“ zum ersten Mal gelesen, damals noch als reine Abenteuergeschichte. Es war tatsächlich meine erste literarische Begegnung mit Mark Twain, noch vor „Tom Sawyer“ oder dem herrlichen „Bummel durch Europa“, mit der wohl lustigsten Beschreibung der deutschen Grammatik überhaupt. Im Abstand von einigen Jahrzehnten habe ich den „Yankee“ jetzt wieder gelesen und er hat mich erneut gefesselt. Zu meinem Glück hatte ich viele Wendungen schon vergessen, so dass die Spannung nicht gelitten hat, hinzugekommen ist aber die Bewunderung für die originelle Geschichte, die tatsächlich ein echter Science-Fiction-Roman ist. Der Ich-Erzähler wird aus seiner Gegenwart, dem Ende des 19. Jahrhunderts, geradewegs ins Mittelalter katapultiert, wobei er mit seinem technischen und naturwissenschaftlichen Wissen einen unschlagbaren evolutionären Vorteil genießt. In kürzester Zeit erobert er sich die Stelle des Premierministers und beginnt, das Land umzubauen. Sein Fernziel ist die Abschaffung der Leibeigenschaft und des Adels, was erwartungsgemäß auf Widerstand trifft, doch Twains Überlegenheitsgefühl bekommt irgendwann Risse. Der Zauberer Merlin, mit dem er in inniger Feindschaft verbunden ist, wartet nämlich nur auf seine Gelegenheit. Und die wird kommen.

Twains Humor zeichnet sich besonders durch seine Menschenfreundlichkeit und feine Selbstironie aus, wodurch die menschlichen Schwächen sogar noch deutlicher hervortreten. Der Kampf von Wissenschaft und Logik gegen tumben Glauben ist selten so originell beschrieben worden und die Mechanismen, mit denen Menschen in einer weltanschaulichen Blase die Wahrheit ausblenden, erinnert doch sehr an unsere Gegenwart. Twain ist erstaunlich zeitgemäß, bedenkt man, dass das Buch fast 150 Jahre alt ist. Die Einfälle sind heute noch so originell wie damals und nicht umsonst wurde es mehrfach verfilmt. Übrigens erschien der „Yankee“ noch vor dem Roman „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells, der sich nicht wenige Ideen von Twain „geborgt“ hat.

Die Übersetzung ist gut, aber an einigen Stellen, bei denen englische Wortspiele im Hintergrund stehen, hätte ich mir etwas mehr Mühe bei der Übertragung gewünscht. Harry Rowohlt war einer der wenigen Übersetzer, der solche Transferleistungen ins Deutsche genial hinbekam, hier gelingt das nicht ganz so elegant. Auch die „mittelalterliche“ Wortwahl der Einheimischen erinnert mich eher an Living History als an authentischen Sprachgebrauch.

Trotzdem habe ich das Buch wieder mit großem Vergnügen gelesen, auch weil die liebevolle Buchausstattung der Manesse-Ausgabe dazu zusätzlich beiträgt. Eine Geschichte, die jede Generation aufs Neue begeistern wird.
VolkerM

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von VolkerM am 12.02.2025
Briefe von morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten
Vermes, Timur

Briefe von morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten


ausgezeichnet

Unsere Welt ist mittlerweile so irre, dass die Zukunft nicht mehr das Versprechen, sondern die Drohung ist. Was wäre, wenn es immer so weitergeht? Wenn die künstliche Intelligenz irgendwann bemerkt, dass es gar keine natürliche gibt? Wenn uns Konzerne regieren, deren Beschwerde-Hotline nur noch eine Geheimnummer hat? Oder man stelle sich mal vor, Wahlprogramme würden sich von der Realität entkoppeln! Eine gruselige Vorstellung.

Timur Vermes hat unsere Gegenwart ein kleines bisschen weiter überdreht und daraus keinen Roman gemacht, sondern ein satirisches Kaleidoskop, das er nach jedem Kapitel schüttelt, damit ein neuer Irrwitz herauskommt: Eine KI-Augenlinse, die die Realität an die Wünsche des Trägers anpasst. Archäologen der Zukunft, die sich Gedanken über eine unterirdische Kultstätte machen, in der tödliche Strahlenschätze lagern. Ein virtueller Thomas Gottschalk, der aus dem Grab eine Laudatio auf Deutschlands erste Influencer-Kanzlerin hält. Einen Bestellschein für maßgeschneiderte Babies, mit eingebauter Ritalinpumpe und Fernbedienung. Ein Gespräch mit Gott, der sich um andere Dinge kümmert als die um die Menschheit. Und das ist noch lange nicht alles.

So unterschiedlich die Themen, so unterschiedlich die Formate: Briefe, Interviews, Werbebroschüren, Zeitungsartikel, geheime Gesprächsmitschnitte. Immer ganz dicht dran und knallhart nachgefragt. Lanz ist auch dabei.

Den meisten Spaß hatte ich an den Dialogen, die so auf den Punkt geschrieben sind, dass wirklich jede Pointe sitzt. Messerscharf, absurd, aber nicht weniger realistisch als unsere absurde Gegenwart. Etwa so wie der brachialrhetorische Schlagabtausch zwischen den Presseabteilungen der Hamas und Israelis. Nur Gewinner. Irgendwann.

Sogar Dennis Scheck lobt Timur Vermes, aber spätestens hier wird dann klar, dass das alles nur ausgedacht ist. Kurz, aber nicht schmerzlos.
VolkerM

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von Jola am 06.02.2025
Ostfriesennebel / Ann Kathrin Klaasen ermittelt Bd.19 (eBook, ePUB)
Wolf, Klaus-Peter

Ostfriesennebel / Ann Kathrin Klaasen ermittelt Bd.19 (eBook, ePUB)


sehr gut

Ostfriesennebel ist Band 19 der Reihe. Das Buch hat 544 Seiten. Das Cover passt optisch zu den anderen Bänden, wie immer. Die Serie bleibt weiterhin in schwarz gekleidet.
Der Schreibstil ist leicht, locker, flüssig und hält die Spannung bis zum Ende. Die Charaktere wirken echt und authentisch. Ann Kathrin und ihr Team recherchieren und arbeiten mit ganzem Herzen und mit ganz viel Engagement. Die Schauplätze werden wie immer mit viel Liebe zum Detail dargestellt. An manchen Stellen wirkt es leicht langatmig, aber nur deshalb, weil man als Leser lieber wissen möchte, was als nächstes passiert und, wie es weitergehr. Die Auflösung der Geschichte war für mich vorhersehbar, trotzdem recherchiert man mit und es liest sich gut. Es ist ein Krimi von Klaus Peter Wolf und wie immer ist man als Leser nicht enttäuscht, wenn man die Reihe mag.
Wer ist Fabian Oberdeck? Ein liebevoller Vater und Ehemann oder doch ein Mörder und Identitätsschwindler? Ann Kathrin Klassen will versuchen es zu enträtseln. Da hat sie Einiges auf sich genommen. Sie bekommt Besuch von einer Frau, die behauptet, ihr Mann sei nicht ihr Mann. Sie meint, so wie er sich benimmt und sich gibt, das passt gar nicht. Sie denkt ihr Mann ist tot, es gibt aber keine Leiche, keine Zeugen. Es ist schwierig. Sie will ihr trotzdem helfen. Einen Tag später wird auf den Bahngleisen die Leiche einer jungen Frau gefunden. Wer ist sie? Jetzt kommen die ersten Fragen auf. In diesem Band geht es um ein perfides, kaltblütiges Spiel mit der wahren Identität eines Menschen. Wer ist hier wer oder wer spielt dieses tödliche Spiel? Wo ist Carinnas Mann Fabian wirklich, wenn sie behauptet Florian, seinen Zwilling, bei sich zu haben? Ist Fabian wirklich auf Lanzarote verunglückt durch einen Fall in den Vulkan? Und wer ist dieser Eisenbahnmörder? Was haben die Kaninchen im Norden damit zu tun? Und erst recht die Schuhe? Zielfahnder Wollenweber vom BKA ermittelt und Ann Kathrin hilft ihm, so gut sie kann. Es wird viel gerätselt und recherchiert, mit Erfolg??? Das muss der Leser selbst erleben. Ich vergebe 4 Sterne für die gute Unterhaltung und die angenehme Lesezeit und empfehle Band 19 der Reihe auf jeden Fall weiter.
Jola

3 von 6 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von Babs007 am 06.02.2025
Verlassen / Mörderisches Island Bd.4
Ægisdóttir, Eva Björg

Verlassen / Mörderisches Island Bd.4


sehr gut

spannende Story
Verlassen von Eva Björg Ægisdóttir
Zu einem Familienfest in einem abgelegenen Hotel trifft sich eine schwerreiche isländische Familie. Zunächst ist es scheinbar eine gelungene Familienfeier. Als plötzlich jemand verschwindet, wird klar, dass in dieser Familie längst nicht alles Gold ist, was glänzt, und jeder und jede ist plötzlich verdächtig. Viele der Familienmitglieder haben ihre Probleme. Die Hotelangestellte Irma ist aufgeregt, dass sie diese berühmte Familie im Hotel betreuen kann. Aber lest selbst was sich alles so ereignet und erlebt einen spannenden Krimi. Flüssiger Schreibstil. Die Beschreibung der Protagonisten ist gut gelungen. Man kann die Handlungen.Beweggründe und Emotionen gut nachvollziehen. Genauso ist die Beschreibung der Handlungsorte gut gelungen. Erzählt wird aus verschiedene Perspektiven.
Babs007

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von mimitatis_buecherkiste aus Krefeld
am 03.02.2025
Ein Espresso für den Commissario
Minardi, Dino

Ein Espresso für den Commissario


sehr gut

Ein zweiundzwanzigjähriger Student wird tot aufgefunden, der junge Mann liegt erwürgt in seinem Bett. Die Ermittlungen gestalten sich zäh, da fällt Commissario Marco Pellegrini eine Aufnahme in die Hände, die den Toten mit einem Motorrad zeigt. Kurz vor seinem Tod hat der Student sich eine Ducati gekauft, die weit über zweihundert Tausend Euro gekostet haben soll. Es bleibt abzuwarten, ob hierin das Motiv für den Mord zu finden ist.

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den ersten Teil der Buchreihe mit dem sympathischen Commissario Marco Pellegrini, der viel lieber im elterlichen gastronomischen Betrieb Karriere gemacht hätte, als sich einen anderen Beruf suchen zu müssen. Aus familiären Gründen war dies leider nicht möglich, sodass er letztendlich bei der Mordkommission gelandet ist. Anfangs war ich skeptisch, nachdem das Buch als Überraschung bei mir angekommen ist, bin aber nach dem Lesen tatsächlich angenehm überrascht. Aber der Reihe nach.

Zu Beginn musste ich mich auf die bildlichen Beschreibungen einlassen, man merkte der Geschichte die Liebe des Autors zu Italien an. Der Fall selbst war interessant, unblutig und der Weg zur Lösung überwiegend kreativ gestaltet. Zwischendurch erfuhr ich einige Dinge, die privater Natur waren und die Vergangenheit erklärten, was mir die Person des Commissarios näher brachte. Ich wurde sehr gut unterhalten und war selbst erstaunt darüber, wie gut mir dieser eher unaufgeregte Krimi gefiel. Mein einziger Kritikpunkt hat mit der Ermittlung zu tun, denn Verdachtsmomente reichen meines Erachtens nicht dafür aus, dass die volle Maschinerie der Justiz in Bewegung gesetzt wird, hier hätte ich mir eine realistischere Lösung gewünscht. Ansonsten gibt es aber wenig zu meckern und erfreulicherweise gehts nicht nur weiter, sondern es gibt bereits weitere drei Fälle auf dem Markt. Ich freue mich drauf!
mimitatis_buecherkiste aus Krefeld

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von mimitatis_buecherkiste aus Krefeld
am 31.01.2025
Ein klarer Tag
Davies, Carys

Ein klarer Tag


ausgezeichnet

Der verarmte schottische Pfarrer John Ferguson reist 1843 auf eine kleine Insel im Nordmeer, um den letzten Bewohner des Eilands dazu zu überreden, diese zu verlassen. Der Gutsbesitzer möchte die Insel mit Schafen bevölkern und will den Einsiedler dafür von dort verjagen. Auf der Insel angekommen, stürzt John Ferguson, er verletzt sich lebensgefährlich, wird von Ivar gefunden und gesund gepflegt. Es entsteht eine Freundschaft zwischen den ungleichen Männern, die nicht einmal eine gemeinsame Sprache haben. Indessen reist Johns Frau Mary diesem nach, weil sie davon überzeugt ist, dass ihr Mann seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.

»In der Mitte des achtzehnten und bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hinein wurden ganze Dorfgemeinschaften gewaltsam von Grundbesitzern vertrieben, die durch erzwungene und systematische Enteignung mehr Platz für Ackerbau, Rinderzucht und später vor allem für Schafe schaffen wollten.« (Seite 215)

Die Autorin verbindet hier einige historische Fakten und webt diese in ihre Geschichte ein, so wie ich es am liebsten mag. Die Lossagung von einem Drittel der Pfarrer von der Schottischen Kirche im Jahr 1843 verbindet sie mit dem mittellosen John Ferguson, die Vertreibung einer ganzen Bevölkerungsschicht mit dem auf der Insel alleine lebenden Ivar und dazu zwingt sie beide Männer dazu, miteinander in einer Sprache zu kommunizieren, die mittlerweile ausgestorben ist.

Die laufende Erzählung wurde unterbrochen durch Rückblenden, die das Leben von John und Mary beleuchteten, Ereignisse aus dem Leben von Ivar erfuhr ich nebenher. Das langsame Herantasten der beiden Männer genoss ich, verstand Johns Ängste und konnte die Sorgen, aber auch die hoffnungsvollen Gedanken von Ivar ganz gut nachvollziehen. Mich überraschte es, welche Wendung die Geschichte nahm, wie sich behutsam und vorsichtig eine Richtung herauskristallisierte, die mich berührte und fast schon seufzen ließ. Ein kleiner Nervenkitzel und ein furchtsamer Moment folgte, um in einem Finale zu münden, das mich zufrieden stellte. Lesenswert!
mimitatis_buecherkiste aus Krefeld

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von Fernweh_nach_Zamonien aus Buchhaim
am 29.01.2025
Mein fuchsteufelswilder Stinkesauer-Tag
Patterson, Rebecca

Mein fuchsteufelswilder Stinkesauer-Tag


sehr gut

Eine lehrreiche Alltagsgeschichte über schlechte Laune, Wut und Frustration. Farbenfroh illustriert.


Inhalt:

Bella hat einen schlechten Tag!

Gerade erst aufgewacht, krabbelt ihr kleiner Bruder Bob in IHREM Zimmer herum und nuckelt an IHREM Schmuck herum.

Mit einem lautstarken "RAUS AUS MEINEM ZIMMER!" beginnt Bellas fuchsteufelswilder Stinkesauer-Tag.

Bella motzt und nörgelt in einer Tour. Alles geht schief!

Zum Glück dauern Miese-Laune-Tage nicht ewig. Besonders dann nicht, wenn Mama da ist, um Bella mit der nötigen Geduld zu begegnen ...


Altersempfehlung:

ab etwa 4 Jahre


Illustrationen:

Die Geschichte wird ergänzt durch große, farbenfrohe Illustrationen. Der Vorlesetext fügt sich harmonisch in die Zeichnungen ein.

Bellas wütende Ausrufe sind in einer anderen, auffälligen Schriftart sowie fett und größer gedruckt. So wirken sie gleich doppelt.

Die Figuren, insbesondere ihre Mimik und Gestik sind ausdrucksstark und ganz besonders die brodelnden Emotionen des kleinen Mädchens werden ganz wunderbar eingefangen.

So eindrucks- und wirkungsvoll die Ausarbeitung ist, gefällt der Zeichenstil insgesamt nicht sehr gut. Das Cover ist wenig ansprechend und nur anhand der Zeichnungen hätte ich nicht zum Buch gegriffen.


Meine Meinung:

Das Bilderbuch beinhaltet eine Alltagsgeschichte, die einfühlsam und (angemessen) humorvoll geschildert wird.

Bella ist in einer Situation, in die sich die meisten Kinder gut hineinversetzen können. Sympathisch wirkt sie dabei aber nicht.

Frustriert und mit jedem weiteren Stein im Weg werden das Genörgel und Geschrei immer größer.

Bella lässt ihre Wut an allem und jedem aus.

Sie wirft sich auf den Bürgersteig und brüllt weiter. Nervig, aber authentisch.

Der ganze Tag ist in Bellas Augen eine Katastrophe!

Mitleid empfindet man mit der geduldigen, aber sehr müde wirkenden Mutter, die Bellas Ausbrüche mit ruhigen Worten gegenübertritt und nebenbei den kleinen Bob versorgt.

Das kleine Wort "Entschuldigung" am Abend versöhnt alle Beteiligten.

Bellas Erlebnisse zeigen:

Jeder kann (und darf) mal einen schlechten Tag haben. Am nächsten Tag schaut die Welt wieder ganz anders aus.

Eine ehrliche Geschichte über Frustration, Ungeduld, grundlos miese Laune und über die außergewöhnliche Beziehung zwischen Mutter und Kind.


Fazit:

Eine alltägliche und zugleich lehrreiche Geschichte über Wutanfälle.

Mit ausdrucksstarken Illustrationen.


...

Rezensiertes Buch: "Mein fuchsteufelswilder Stinkesauer-Tag" aus dem Jahr 2024
Fernweh_nach_Zamonien aus Buchhaim

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung von Dreamworx aus Berlin
am 27.01.2025
Die Sehnsucht, die bleibt
Lange, Kerstin

Die Sehnsucht, die bleibt


ausgezeichnet

Auch der längste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt. – Laozi
1953 Wien. Die 10-jährige Reni lebt mit ihren älteren Brüdern und ihrer depressiven Mutter bei ihrer Großmutter in ärmlichsten Verhältnissen. Der Vater ist aus dem Krieg nie zurückgekehrt. Als der örtliche Pfarrer in der Schule von einem Austauscherholungsprogramm der Caritas für besonders mangelernährte Kinder berichtet, träumt Reni insgeheim davon, ein Teil davon zu sein, um endlich mal genug zu essen zu haben. Ihr Wunsch geht in Erfüllung, schnell befindet sie sich auf einem Schiff Richtung Portugal, wo sie von der freundlichen Familie Figueira nebst deren Tochter Marissa aufgenommen und gepäppelt wird. Die Zeit vergeht wie im Flug, Reni möchte am liebsten gar nicht zurück, verliebt sich sogar heimlich in den Bauerssohn Joao, doch ihre Mutter macht ihr einen Strick durch die Rechnung, so dass Reni nach Wien zurück muss…
Kerstin Lange hat mit „Die Sehnsucht, die bleibt“ einen bewegenden historischen Roman vorgelegt, der dem Leser nicht nur die Entbehrungen der Menschen nach dem Krieg deutlich vor Augen führt, vor allem das Schicksal der Kinder steht hier im Vordergrund. Der flüssige, empathische und bildhafte Erzählstil stellt den Leser sofort an die Seite der 10-jährigen Reni, wo er sie drei Jahrzehnte begleitet und sowohl den Kontrast zwischen ihrer lieblosen Wiener Familie und ihrer warmherzigen portugiesischen Gastfamilie miterlebt als auch Renis Entwicklung in eine selbständige Frau, deren Gedanken- und Gefühlswelt wie ein offenes Buch vor ihm liegt. Reni ist schon in der Schule eine Außenseiterin, doch mit ihrer kindlich-offenen Art und dem Herz am richtigen Fleck trifft sie mitten in des Lesers Seele. Das Verhalten ihrer depressiven Mutter und der Egoismus ihrer Brüder sind unerträglich, einzig ihre Oma lässt ihr Liebe zuteilwerden. Reni lechzt regelrecht danach und findet diese in der Gastfamilie in Portugal. Als Leser kann man es ihr nicht verdenken, dass Reni am liebsten für immer dort bleiben möchte, aber der Tod der Oma bringt sie zurück nach Wien. Die Autorin schafft es mühelos, neben dem geschichtlichen Hintergrund beide Welten wunderbar in Szene zu setzen und dem Leser die gravierenden Unterschiede näher zu bringen, die Reni gefühlsmäßig in einen Zwiespalt bringen. Der Leser durchlebt eine Achterbahn der Gefühle, während die Seiten nur so durch seine Hände fliegen.
Die Charaktere sind glaubwürdig und lebensnah ausgestaltet, so dass der Leser sich ihnen verbunden fühlt und ihnen nicht von der Seite weicht. Reni ist liebenswert und wissbegierig, sie besitzt Mut und Stärke, dabei aber auch eine tiefe innere Verletzlichkeit. Marissa ist eine tolle „Stiefschwester“, die alles mit Reni teilt. Renis Mutter ist die personifizierte Selbstsüchtigkeit, ebenso ihre Brüder, einzig die Oma wirkt zwar herrisch, kümmert sich aber besonders liebevoll um Reni. Ebenso tragen weitere Protagonisten wie Senor Duarte oder Joao dazu bei, die Handlung lebendig zu halten.
„Die Sehnsucht, die bleibt“ erzählt nicht nur von den schlimmen Lebensumständen nach dem Krieg und dem Austauscherholungsprogramm für Kinder, sondern vor allem von Reni und ihrer Entwicklung, ihrer Suche nach Liebe, Glück und ihrem ganz eigenen Platz im Leben, wobei sie sich von Rückschlägen nicht aufhalten lässt. Wunderbar erzählt – absolute Leseempfehlung!!!
Dreamworx aus Berlin

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.