Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
LichtundSchatten

Bewertungen

Insgesamt 267 Bewertungen
Bewertung vom 03.04.2025
Good Morning Germanistan!
Broder, Henryk M.;Mohr, Reinhard

Good Morning Germanistan!


ausgezeichnet

Was wären die aktuellen Zustände ohne diese beiden Autoren von der Denkstelle? Man könnte verzweifeln. Aber man muss sich eine Art von Humor wieder zulegen, der die Dinge zurecht rückt und sie in ihrer erschütternden Art und Weise richtig bettet. Betrachten was ist und wie es ist, dazu dient dieses Buch, das uns eine feine Analyse jener Zustände offenbart, die jedem größte Sorgen bereiten müssen.

Wenn Politiker alle Probleme verhüllen und sie schönreden, ist das exakte Gegenteil lebenswichtig. Sätze, die bleiben, Henryk M. Broder und Reinhard Mohr können schreiben, in der Zwölf sitzend, erinnerungsstark und durchlüftend. Sie formulieren so wie Politiker von heute morgen als Ex-Politiker plötzlich die Wahrheit entdecken werden.

Ab Seite 114 wird in dem Kapitel „Endlich frei: der Typus des Ex-Politikers“ die Spezies jener Leute wie Sigmar Gabriel oder P. Steinrück erklärt, denen nach der politischen Karriere das richtige Licht aufgeht. Bis zu diesem Abschiebeprozess aber stehen Politiker vor dem Wohlfahrtsausschuss ihrer jeweiligen Partei und werden in der Zange der korrekten Sichtweise zurechtgeschüttelt. Wir alle kennen die daraus resultierenden verharmlosenden Reden.

Das Buch nennt auch Dinge, die in ihrer Absurdität nicht im normalen Medienmainstream stattfinden. Wer wusste, dass Sitzbänke gefährlich sein können, weil herabstürzende Äste (Klimawandel!) dort landen könnten? Sie werden tatsächlich in Baden-Württemberg abmontiert, vor allem dort, wo Rentner am liebsten sitzen und über die Weltlage nachdenken: am Waldrand.

Bürokratischer Kontrollaufwand ist in Deutschland auf dem Vormarsch, aktuell stehen alle Müllsünder unter strenger Beobachtung. Geldstrafen bis 5000 Euro drohen. Deutschland, einig Überwachung- und Phrasenland, der Floskelolympiade können wir täglich in den Medien zuhören. Man schiebt notwendige Maßnahmen auf eine Analyse des Dunkelfeldes und meint, dass wachsende Kriminalität auch auf eine erhöhte Bereitschaft der Bürger, Anzeigen zu erstatten, zurückzuführen sei.

Sondervermögen, Doppelwumms, grünes Wirtschaftswunder, viele Unternehmen in Deutschland gehen Konkurs, nur die Produktion von Narrativen, Einordnungen und ideologischen Nebelschwaden wächst. Deutschland scheint besonders heute der Herrscher im geistigen BeReich der Wertschätzung, des Zusammenhalts und der Augenhöhe mit dem globalen Süden. Diese „rhetorische Mehlschwitze“ (Alexander Kissler) lässt notwendige Debatten verschwinden bevor sie überhaupt beginnen können. Wir erleben „spießerhafte Leersätze als rhetorische Brandmauer gegen die Wirklichkeit“.

Mehr Ideen, mehr Taten, mehr Arbeit, mehr Vernunft - so könnte man den Appell dieses Buches zusammenfassen. Allerdings ohne große Hoffnung auf eine Zielerfüllung. Vor überbordender Hypermoral hat Deutschland seine eigene Geschichte, seine Herkunft weitgehend vergessen und grüßt gerne das ewige Murmeltier, den Sozialismus. Die Grüne Jugend Vorsitzende schrieb 2022: „Möchte kurz angeben, habe gerade meine Bachelorarbeit mit ner 1.0 bestanden. Bin jetzt valide Expertin für kapitalismuskritische frühkindliche Bildung, falls ihr sowas mal braucht.“
Meine Lieblingsaussage: „Verwegener Gedanke: Selbstbewusstsein kommt vor allem aus Geschichtsbewusstsein. Genau hier könnte man ja mal einen neue Anfang wagen. Durch das Raue zu den Sternen.“

Entdeckt habe ich das Buch von Klaus Harpprecht, dem Redenschreiber von Willy Brandt, der über Schorndorf nach Bonn zog. Der Titel: „Schräges Licht.“

Bewertung vom 02.04.2025
Die hohe Kunst der Weisheit
Höffe, Otfried

Die hohe Kunst der Weisheit


ausgezeichnet

Weisheit ist ein vielfältiges, komplexes, mehrdeutiges Phänomen. Es hängt ab von Raum und Zeit, von Kultur und Religion und vielem anderen. Eine überragende Fachkompetenz steht am Anfang valider Nachweise über ihr Vorhandensein. Dabei gelangen viele Menschen zur weisen (beruflichen) Könnerschaft, die aber nur bedingt in andere Bereich des Verhaltens überstrahlen. Erst eine umfassende Lebensweisheit im Zusammenleben mit anderen und der Natur erzielt ein Höchstmaß an Weisheit, die bleibt und den Menschen sanft umschließt, sogar auch in den Todesstunden.

Das Buch bietet Ursprünge und Anregungen satt aus unterschiedlichen Epochen und mithin einen reichen Fundus für eigene Weisheitsinhalte. Liebe, Gesundheit, Kinder, Freunde, Urlaub, Unterhaltungen, Spannung und Abwechslung sehen viele als Bestandteile für ein erfülltes Leben. Andere wollen Selbstständigkeit, Macht, Gewinn und immer mehr Geld. Für mich entscheidend wäre ein Beruf, der mich begeistert und der Arbeit im klassischen Sinn nicht mehr spüren lässt.

Das Buch bot mir einen anregenden Gang durch die Zeit, die Ideen vieler Philosophen und Denker, verstreut über alle Kontinente. Besonders spannend dann am Ende das Kapitel Weltweisheitserbe, in dem z.B. auch auf chinesisches Denken eingegangen wird. „Die Menschen konzentrieren sich auf das, was im Bereich ihres Wissens liegt, und erkennen nicht, wie sehr sie davon bestimmt werden, was jenseits davon zu finden ist.“

Dieses aus dem Daoismus stammende Denken wird bei Chinesen ergänzt durch den Konfuzianismus. Dort fordert z.B. ein Lehrer (Xuni), dass man den Geist von Aberglauben und Vorurteilen befreien solle. Chinesische Lehren sind weniger religiös als vielmehr dem normalen, verständigen, mitfühlenden, menschlichen Geist entsprungen, eine Richtung, die den monotheistisch intoleranten Religionen als Alternative entgegensteht.

Glück ist, wenn alles für Dich Sinn macht, sagte Diane Keaton. Und ganz am Ende lese ich im Grunde die Begründung für unser westliches, marktwirtschaftliches System, das viele als kapitalistisch negativ abkanzeln: „Wenn man Menschen sie selbst sein lässt, blühen sie auf.“ Leider gibt es dazu keine Quelle, vermutlich aber ist es die Spruchweisheit oder der zentrale Kalenderspruch liberaler Parteien. Dazu noch diese Aussage von Otfried Höffe: „Frühe Enttäuschungen sind heilsame Lehren.“

Ein höchst anregendes, kreatives weit gespanntes Buch, das weitere Grundierungen für meine Lieblingsaussage lieferte:

"Immer den Mut wie eine Flamme vor sich tragen,
nichts fürchten und nichts unmöglich nennen,
niemanden hassen, aber seinen Irrtum meiden,
alle lieben, aber das Vertrauen vorsichtig und weise verteilen."
(Prentice Mulford, Unfug des Lebens und des Sterbens)

Bewertung vom 01.04.2025
Zukunft im Widerspruch
Thoms, Anahita; Dettmers, Sebastian; Wilke, Gülsah; Kienbaum, Fabian; Oehl, Magdalena; Schwiezer, Hauke

Zukunft im Widerspruch


ausgezeichnet

Internationale Kapitalströme prägen die Dynamik der Weltwirtschaft. Die seit 2015 auftretenden Probleme charakterisiert Theodor Weimer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börsen AG in seinem Artikel zu Beginn. Deutschland ist im internationalen Ranking weit zurückgefallen und hat strukturelle, also nicht so schnell zu behebende Probleme.

Wir lesen in dieser Anthologie eine breite Vielfalt von Problemanalysen und Lösungsvorschlägen, vom Spannungsfeld moderner Unternehmen in zunehmender Globalisierung über Probleme am Arbeitsmarkt bis hin zu Bildungsthemen. Nicht alle Themen sehe ich ähnlich, einige rufen Widerspruch hervor, aber genau das sollte ein gutes Buch erreichen, ein beginnendes Gespräch.

Die berühmte Diversität oder Vielfalt ist inzwischen zu einem unhinterfragten Synonym für zukünftigen Erfolg geworden. Es war schon immer richtig und wird es auch in Zukunft bleiben, trotzdem müssen mögliche Problem und kulturelle Unpässlichkeiten analysiert werden. Vielfalt ist nicht per se gut, sondern nur wenn sie ehrlich und offen gelebt werden kann. Ich war zeitlebens Teil von internationalen Teams und kenne die Stolperfallen der Praxis.

Eins ist keinem Menschen beizubringen: der Wille zur Leistung. Wie sie erzeugt wird? In keinem Fall in einem satten Umfeld, in dem Haltung mehr zählt als praktisches Arbeiten. Ich selber von von ganz unten ganz nach oben gekommen und meinem Willen hatten sich wenig Barrieren in den Weg gestellt. Quoten in diesem Zusammenhang sind eher hinderlich und kein Mensch braucht sie.

Degrowth ist ein Unterfangen des ewigen, nie schweigenden Sozialismus als Ziel einer universellen Gerechtigkeit, heute auch im Klimabereich. Beides sehe ich kritisch und sollte stärker hinterfragt werden. Sinn und Orientierung ist durchaus angebracht, aber nicht auf Kosten von Motivation und Selbstständigkeit. Steigt die Staatsquote über 50%, wie aktuell in Deutschland, startet der Sozialismus. Die freien Kräfte des Marktes aber sind ein scheues Reh, das schnell seinen globalisierten Standort wechselt.

Ein höchst interessantes Buch mit 44 Essays, die alle Probleme und Lösungen diskutieren, die Deutschland wieder nach vorne bringen können.

Bewertung vom 31.03.2025
Genial ernährt!
Adler, Yael

Genial ernährt!


ausgezeichnet

Im Grunde weiß es jeder, mehr Bewegung, mehr Sport, Haferflocken, Gemüse, Linsen, Sauerkraut, Joghurt, Kefir etc. sind gute Rezepte für lang anhaltende Gesundheit. Die Autorin beschreibt anschaulich und verständlich alle Baustoffe unseres Körpers, ihr Zusammenwirken und mögliche Optimierungen bei der Nahrungsaufnahme. Besonders interessant und wie Zusammenfassungen zu lesen sind die eingestreuten Tipps: „Ei-weise Tipps, Süße Tipps, Fette Tipps, Tropfenweise Tipps etc.

Frau Dr. Adler erinnert an jene einfachen und guten Tricks, die Ernährung ohne viel Zutun besser machen, die man aber so gerne vergisst: „Gekochte und dann abgekühlte Pasta hat einen niedrigeren GI als frisch gekochte, heiße, weil die Stärke während des Abkühlen retrogradiert, also sich die Moleküle neu anordnen, wodurch die Stärke weniger leicht verdaulich wird. Die resistente Stärke macht als Ballaststoff die Darmbakterien glücklich.“ Gleiches gilt vor allem auch für Kartoffeln.

Instant-Haferflocken haben einen höheren GI Wert als Stahlhafer, weil bei Letzterem die Bestandteile des Hafers erhalten bleiben, also neben dem Mehlkörper auch Frucht- und Samenschale und der Keimling noch vorhanden sind. Stahlhafer war für mich ein neuer Begriff: stahlgeschnittener Hafer (auch als irisches Haferflockenmehl bekannt) sind Vollkornhafergrütze, die in kleinere Stücke geschnitten (nicht gerollt) wurden, um Haferflocken zu erhalten. Stahlhafer wird häufig als herzhaftes Frühstücksflocken oder Müsli verwendet und hat den höchsten Nährwert aller Haferformen.

Eine Nahrungsbibel, die umfassend informiert, im Anhang mit übersichtlichen Tabellen zu Mineralien, Vitaminen, Spurenelemente und Anti-Aging-Supplementen sowie auch zu semi- und nicht essenziellen Aminosäuren. Ein weit gefasster Index rundet das Buch ab und bietet für nahezu alle Fragen ein Stichwort bzw. entsprechende Verweise.

Bewertung vom 29.03.2025
Worte, die die Welt beherrschen
Lau, Jörg

Worte, die die Welt beherrschen


sehr gut

Das Buch versammelt 80 Begriffe zur Außenpolitik, die in ihrem historischen Kontext diskutiert und sehr verständlich in die Jetztzeit vermittelt werden. Besonders hervorzuheben ist für mich, dass im weitesten Sinne keine politische Haltung erkennbar ist, man also selber analysieren und einordnen kann. Viele Aussagen der letzten Jahre sind mir so wieder präsent geworden oder überhaupt ins Gedächtnis gerückt.
Wir lesen mithin in Worten der Gegenwart und blicken zurück in die Geschichte, um Begriffe zu verstehen.

Die Appeasement Politik z.B. wurde durch Chamberlain versinnbildlicht, der H. gegenüber zu nachgiebig war. Sein Konkurrent Churchill, der das Desaster kommen sah, definierte den Begriff so: „Ein Appeaser sei ein Mann, der das Krokodil in der Hoffnung fütterte, dass es ihn zuletzt verschlingen möge.“ Nach dem Korea Krieg korrigierte er und definierte: „Appeasement aus Schwäche und Angst ist sowohl nutzlos als auch fatal. Appeasement aus Stärke ist großherzig und edel und mag der sicherste und einzige Weg zum Weltfrieden sein.“

Heute stehen alle Maßnahmen, die Putin beschwichtigen sollen, unter Appeasement Verdacht, die Angst wird bis hin zum Angriffskrieg gegen Deutschland geschürt. Dabei wird übersehen, dass Putin selbst Appeasement dem Westen gegenüber betrieben hat, die ihm im Minsk 2 Abkommen keinesfalls gedankt, sondern mit mehr Hinhalten und Rüstung beantwortet wurde. Hier lohnt sich in jedem Fall, die Ukraine-Russland Geschichte ab den 1990ern zu verfolgen. Interessant ist zudem ein Studium der Denker Iljin oder D.gin.

Ob die H.mas die „arabische Straße“ auf ihre Seite gebracht hat oder nicht? Der Autor meint, sie hätten es nicht geschafft. Blicke ich auf die Berliner Straßen ergibt sich aber ein anderes Bild. „Europäische Lösungen“ wurden meist von Merkel beschworen, wenn es um Flüchtlinge ging. Trotzdem blieb alles beim deutschen Steuerzahler hängen. Sogenannte Frontstaaten winken Ankommende einfach nach Deutschland durch. In jedem Fall werde ich vorsichtig, wenn die Europäische Lösung, in welchem Zusammenhang auch immer, ins Spiel kommt. Jeder könnte hier merken, dass die EU weit ineffizienter arbeitet als man annehmen könnte.

Es stimmt: „Keinen anderen Begriff wie den Frieden hat die Politik so rücksichtslos abgenutzt wie diese Sehnsuchtsformel.“ Willkür und Unfreiheit waren in der Ukraine schon zu Gast als Russland nicht angegriffen hat. Frieden ist mithin mehr als die Abwesenheit von Krieg. Die stillen Kriege um fast alle Tauschoperationen bzw. Produkte/Geld von Oligarchen zum Volk, zwischen Volksgruppen & Kulturen und Ländern schwelen versteckt und lautlos, sie sind oft in Gefahr als Vulkan auszubrechen.

Bücher, denen ich widersprechen kann, sind besser als pure Zustimmung. Habe es in diesem Sinne gerne gelesen und viel gelernt.

Bewertung vom 28.03.2025
Der Reiz des Verbotenen
Steinkopf, Leander

Der Reiz des Verbotenen


ausgezeichnet

Regeln im Leben sind Krücken für kreativ Lahme. Diese Aussage ist mir lebenslang ein guter Begleiter gewesen. Wer Ideen entwickeln muss, sollte übliche, alte Pfade verlassen, um Neues, Ungewohntes, Überraschendes zu erhalten. Dazu gehört auch das bisher Verbotene, welches morgen oft zum neuen Standard mutiert.

„Der Reiz des Verbotenen ist auch ein Rausch des Selbst.“ Was wäre, wenn es keine Regeln gäbe? Wäre dieser Rausch für immer verraucht? Vielleicht, aber zunehmende Regeln schaffen mithin zunehmende Möglichkeiten des Individuellen Ausdrucks, der Rebellion. Ein pendelnder Beamter, der strikt nach Vorschrift arbeitet, kann im Verkehr jene Sünden begehen, die ihm das Leben noch nach Freiheit und Abenteuer riechen lassen. Selbstfahrender Verkehr ist ein Alptraum für alle Autobesitzer, die Freude am Fahren vermissen werden. Maschinen zwingen uns zum Rädchen im Uhrwerk zu werden, das keine Bedeutung mehr hat.

Es machte mir Freude, mit diesem Buch von Leander Steinkopf jene Grenzen zu überdenken, die man überschreiten kann, ohne andere zu gefährden. Kirschen aus Nachbars Garten sind möglich, ist es Mundraub oder wird es heute schon mit Geldstrafe verurteilt? Ich kenne solche Fälle, die kaum glaublich sind, aber doch jene überbürokratischen Mauern zeigen, die wir so gerne einreißen. Der Reiz des Verbotenen ist eine rätselhafte Kraft, sie wird vor allem in jungen Jahren geschätzt und drückt sich heute oft in Rap oder Graffiti-Sprüchen aus.

Schon in den 70ern gab es die Möglichkeit, über Schlager Grenzgänge zu antizipieren oder von ihnen zu träumen. Der Autor integriert u.a. „Das Bett im Kornfeld“, aber auch Roland Kaiser oder Udo Jürgens gingen damals schon über gesellschaftliche Grenzen hinaus. „Die sieben Todsünden bieten Übertretungspotential, süß und und sanft wie Speiseeis.“ Sie sind Grund und Geschichten für unzählige Romane und ihre Realisierung in der eigenen Realität. Stellvertreter in Büchern übernehmen für einen selbst die kleinen oder großen Sünden. Ob man sie selbst begeht: wer weiß schon, wieviele Vorbilder in Romanen Ideengeber für uns selbst wurden?

Innovation durch Übertretung ist das 5. Kapitel überschrieben und erscheint mir besonders interessant. „Der schöpferische Naturwissenschaftler bedient sich also der Regeln, er befolgt sie nicht.“ Vorwärts zu kommen heißt hier, über das Gewohnte hinauszudenken, neue Wege zu gehen, die alten Erkenntnisse kritisch und dauernd zu hinterfragen. Hier wird Theorie durch Tun und praktische Erfahrungen ergänzt, die immer neue Versuchsanordnungen erfordern.

Heimlich oder ganz offen, wie gestalten sich Grenzüberschreitungen generell? In meinem Verständnis eher im versteckten, individuellen Fall, aber doch ist heute, in Zeiten der sozialen Medien, ein verstärktes Öffentlichkeitsbedürfnis festzustellen, das oft in Shitstorms gipfelt und dann seine überraschende Wirkung entfaltet.

Ein hervorragendes Buch, das einem Lust macht, tiefer in das Thema einzusteigen, sich auch selbst zu hinterfragen.

Bewertung vom 28.03.2025
Sisyphos im Maschinenraum
Heßler, Martina

Sisyphos im Maschinenraum


ausgezeichnet

Eine Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts beschrieb uns so: «Wir sind alle Menschen, d. i. eingeschränkte, schwache, den Fehlern und Irrthümern unterworfene Menschen.“ Es war dies die Sichtweise vor der industriellen Revolution, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Dampfkraft startete.

Barbara Stollberg-Rilinger kennzeichnete das Uhrwerk als Symbol für die Fortschrittsgläubigkeit der damaligen Zeit: „Sie liefert als Urbild planmäßiger Herstellung, gesetzmäßiger Bewegung der Teile im Raum, gleichförmigen Ablaufs und strenger Funktionalität das Modell für die Welt, den lebendigen Körper, das methodische Schließen und schließlich für den Staat.“

Dabei wurden Menschen zunehmend als Störfaktor für das Funktionieren technischer Abläufe bewertet. „Sie behinderten demnach reibungslose Prozesse und meist, so das Diktum, funktioniere Technik besser ohne sie – eine Haltung, die bis in die 1970 er Jahre dominant blieb.“ Mit zunehmender Komplexität und den Computern/Software änderte sich diese Einstellung. Die Mensch-Maschine-Interaktion begann.
Solange Maschinen von Menschen in hochkomplexen Systemen erdacht, gebaut, gefüttert, gesteuert und repariert werden, sind menschliche Fehler möglich. Ich lese viel in Zeitschriften ab dem Jahr 1850 bis 1900 und habe dort unglaubliche, phantastische Bilder vorgefunden in eine Zukunft zeigend, in der Maschinen das Meiste regeln. Dem Optimismus schienen keine Grenzen gesetzt. Aber die Katastrophen hielten schnell Einzug und störten die instrumentelle Vernunft, die Hoffnung auf immer mehr zuverlässiges Funktionieren unserer Umgebung ohne unser Zutun.

Martina Heßler führt uns durch die erste industrielle Zeit bis ins heute und zeigt die Fallstricke, auf die unsere Vorfahren und wir heute trafen/treffen und oft vor große Rätsel stell(t)en. „Maschinen läuteten also nicht, wie gehofft, ein fehlerfreies, technologisch errichtetes Paradies ein. Vielmehr präsentieren sie sich als eine permanente Aufgabe: Sie wurden immer komplexer und bleiben stets unfertig.“

Ein Software-Ingenieur sagte im Jahr 2005: «We put a man on the moon. So why can’t we make software that works?» Technikfixierung wird zur permanenten Herausforderung, die unser Nachdenken erfordert. Wenig geschieht alleine, wie der Sisyphos sitzen wir immer in Hab Acht Stellung, um die Maschine zu durchleuchten und sie am laufen zu halten.

Ein höchst spannendes Buch, das herausfordert, vielen Dinge neu ordnet und am Ende mit einem Hinweis auf Elon Musk eine nahe Vision erkennbar macht. Der Chip in unserem Gehirn, der diesem System auf die Sprünge helfen soll. Nur wenn Menschen so schnell denken lernen wie Chips kommt es zu einem Gleichgewicht?

KI und ihre nahe Vergangenheit der Maschinengläubigkeit, das Weitergehen in Bereiche, für die uns heue noch Begriffe fehlen. Das Buch von Martina Heßler bringt die Gehirnzellen auf Trab, es regt an zum skeptischen Denken. Wer hat noch nicht festgestellt, dass KI nicht immer dieselben Antworten gibt und bei harter Diskussion schnell seine Meinung ändert?

Besonders spannend war für mich das Kapitel über das Autofahren, ein Thema, dem wir alle nahe sind. Jeder kann den Verkehr in San Francisco in 1900 heute auf youtube beobachten. Immer wieder bewundere ich den Fahrradfahrer zwischen allen Kutschen und ersten Autos, er versucht auf den Schienen zu fahren bzw. zu balancieren, weil dieser Untergrund besonders fahrbar scheint. Es gab damals die sog. Herrenfahrer, Menschen also, die das Gefährt selber steuerten, statt es einem Auto-Kutscher zu überlassen. Ich bezweifle, dass sie besonders rücksichtslos fuhren, kann es aber nicht nachweisen. Adenauer hatte in den 20ern als Mitfahrer in einem Auto einen Unfall, an dessen Folgen er lebenslang laborierte. Kurz: Problem des Verkehrs war immer der Sünder, der schwache, nicht alles im Blick habende Mensch. Die Verkehrssünderkartei ist heute noch eine Analogie zu diesem Begriff des sündigen Menschen aus dem 18. Jahrhundert, seit Ende März 25 endlich nur noch digital und nicht mehr in Hängeregistrauren auf Papier.

„1979 war die Rede von «gefährlichen Schleichern. «Seien Sie kein Pfropf», lautete die Aufforderung an zögerliche Autofahrer. Die Lösung wurde nun nicht mehr in einer starren Regeleinhaltung gesehen. Stattdessen sollten die menschlichen Autofahrer vom Computer koordiniert werden, denn diese könnten, anders als der einzelne Fahrer, den gesamten Verkehr überblicken.“ Man sollte also in den Fluss kommen, sich von Maschinen optimieren lassen. Heute soll man nur noch gefahren werden, der Maschinen-Computer-Kutscher möchte die Lenkung übernehmen. Ob man noch Freude am Fahren hat und auch Spaß daran, überall mit Maschinen zu reden? Bei der Einfahrt in Parkhäuser gibt es ein neues System, das mir gefällt. Ich muss keine Karte mehr ziehen, sondern ein Scanner erkennt die Autonummer automatisch. So geht assistierte Erleichterung durch Maschinen, ihre 99%-igkeit wünscht wohl niemand.

Bewertung vom 27.03.2025
Die Kämpfe der Zukunft
Piketty, Thomas;Sandel, Michael

Die Kämpfe der Zukunft


gut

Gleich zu Beginn erklärt Thomas Piketty, dass sich mit der franz. Revolution und der Aufhebung von Adelsprivilegien die Ungleichheit reduziert habe und bis heute dieser positive Prozess anhält. Auch die amerikanische Unabhängigkeit habe dazu beigetragen und der neoliberale Umschwung seit den 80ern hat nichts daran geändert (vielleicht hat er es zum Besseren gewendet?). Insbesondere Frauen haben mehr Teilhabe und gleiche Rechte. Die Einkommensunterschiede waren von 100 Jahren größer und noch ungleicher vor 200 Jahren. Fairer Zugang zu Bildung für alle war ein Schlüsselmoment für diese Entwicklung.

Das geführte Gespräch zieht den Leser in das Denken zweier sozialistischer oder sozialdemokratischer Denker hinein, in dem ihr Denken oft etwas zu abgehoben erklärt wird. Sie springen von Staat zu Staat und wirken hochmoralisch gerecht und sozial mitfühlend. Dabei wollen sie die ganze Welt zu einem Ausgleich und zur Gerechtigkeit führen. Alles kann so gesehen bzw. bedacht werden. Auf Seite 146 lesen wir von Piketty diesen Satz: „Der Wettbewerb hat bis zu einem gewissen Maße zum Wohlstand beigetragen, allerdings mit enormen sozialen Kosten, sozialen Schäden und Umweltzerstörungen.“

Hier bin ich anderer Meinung. Marktwirtschaft oder Kapitalismus wie sie von vielen abwertend umschrieben wird, ist die einzige Möglichkeit, Wohlstand und Gerechtigkeit zu schaffen, weitestgehend im Wettbewerb. Sie war die wesentliche Ursache der Zurückdrängung von Armut. Alle sozialistischen Konzepte sind in der Geschichte gescheitert. Etwas für sich selbst zu erschaffen, Ideen zu entwickeln, sie mit anderen zu tauschen, ist die allen Menschen am meisten Vergnügen bereitende Art zu arbeiten, um etwas zu erreichen. Viele mögen die Zurschaustellung des Besitzes genießen, nach außen, die meisten aber genießen still nach innen, im Sinne einer intrinisischen Motivation.

Menschen mögen kollektivistische Verirrungen und Vorgaben nicht, die von anderen definiert werden. Die Geschichte hat dies bewiesen. Bei uns zuletzt in einer sozialistischen DDR, bei der die kleine Spießbürgerlichkeit durch Honecker oder Mielke zum Himmel schrie. Diese Kernfrage sozialistischer Führung wird von beiden nicht diskutiert. Stattdessen denken sie an die Gemeinschaft, gemeinsame Werte und soziale Teilhabe etc. Es sind durchaus berechtigte Ziele, die aber immer den Identitätskern des Menschseins unterstützen sollten, nämlich für sich selbst und die Familie etwas zu er-wirtschaften. Das darum liegende Gemeinschaftliche ist wichtig, aber dem nachgelagert.

Der Wettbewerb hat m.E. also nicht nur bis zu einem gewissen Maß zum Wohlstand beigetragen, wie das Piketty ausdrückt, sondern ganz entscheidend oder überwiegend. Wer das Buch so liest, erkennt, das beide die negativen möglichen Effekte von Kapitalismus ansprechen und die Frage stellen, wie man diese zurückdrängen kann. Deswegen ist das Buch in jedem Fall interessant und bedenkenswert. Sie wollen z.B. Steueroasen unmöglich machen und plädieren für eine Steuerzahlung nur in den Ländern, wo auch produziert wird. Durchaus sinnvoll, aber schwer zu erreichen ohne eine Weltregierung, die es wohl nie geben wird.

Dass immer wieder Rousseau angeführt wird, der die Ungleichheit ganz wesentlich auf das Bürgertum zurückführt, das mit dem Einzäunen des ersten Hauses alles Negative geschaffen hätte, es wirkt eher bemüht und peinlich. Wichtig wäre der Vergleich seiner Ideen mit seinem tatsächlichen Leben bzw. seinem Tun gewesen.


Überhaupt nicht diskutiert werden kulturelle und religiöse Unterschiede als Ursache für Ungleichheit z.B. bei muslimischen Frauen. Hier geht man wohl davon aus, dass dies nicht so wichtig sei. Die Wähler in großen Agglomerationen in Frankreich wählen z.B. Le Pen, auch wegen der Migrantennähe. Dies wird erwähnt, die dafür notwendigen Analysen fehlen aber.

Schade, dass beide Autoren aus dem gleichen (linken) Lager kommen, ein stärkerer Verfechter der Marktwirtschaft wie z.B. Dr. Dr. Zitelmann würde aus diesem Buch ein echtes Gespräch bzw. eine Diskussion gemacht haben, die wirklich weiter bringt. Die Autoren haben völlig Recht, wenn zu große Machtkonzentration als Haupt-Problem eines fairen Wirtschaftens angesprochen wird. Kartellämter aber werden in den meisten Staaten nicht mehr so wichtig genommen. Man kann an den Markt und seine Innovationskräfte glauben wie man an wertebasierte Vorgaben glaubt, beide sollten fein ausbalanciert werden, um langfristig erfolgreich zu sein. Dabei darf der Staat niemals ein Übergewicht bekommen, sondern die freien, kreativen Kräfte sind die besseren Wohlstandsmacher und Ungleichheits-Vermeider.

Bewertung vom 24.03.2025
Glamour
Cohen, Ute

Glamour


ausgezeichnet

Glamour (aus dem Schottischen) ist eine Art Zauberspruch oder eine Verhexung, so glänzt eine Person oder Sache besonders prunkvoll oder betörend elegant, oft schockartig. Der Unterschied zum Alltäglichen wird zur Spannungssteigerung. Das Buch von Ute Cohen zeigt auf, wo kunstvolle Inszenierungen waren oder noch sind, warum sie vergangen sind / vergehen, und ob man noch Hoffnung auf Besserung haben könnte.

Der Einstieg über Ava Gardner vermittelt Glamour als etwas unerklärlich Anhaftendes, mit dem Schwächen überspielt und in ihr Gegenteil gedreht werden können. Diese Frau wusste, dass sie keine gute Schauspielerin war, trotzdem aber wurde sie als Filmgöttin verehrt. Ihre flirrende Eleganz faszinierte und zog Zuschauer in ihren Bann. „Glamour ist elegant und wild, entfaltet sich erst im Widerstreit.“ Heute aber wird diese Leuchtkraft von den meisten abgelehnt. „Der glanzlose Auftritt simuliert eine moralisch makellose Geisteshaltung.“

Glamour ist heute Maskerade, die Kunst sich lustvoll zu exponieren wird als Blendung erlebt, nicht als Verzauberung. Und doch gibt es Licht am Ende des Tunnels, glanzvolle Auftritte könnten bald wieder ihre Strahlkraft entfalten. Denn das Leben hält sich oft in den nicht benennbaren, riskanten Zwischenräumen auf, aus denen neue Kraft, Magie und Energie entstehen können. Ein Kult der Echtheit ist das Contra zum Glamour, der sich über die „Einpökelung abgestorbener Dinge“ am Leben halten will. Seine kalte Demonstranz aber scheint nur ein Zeichen für das Ende einer Epoche.

„Die Bühnen unseres Landes verkommen mehr und mehr zu moralischen Erziehungsanstalten, in denen herrschenden Vorstellungen von Geschlechter- und Sprachgerechtigkeit Genüge getan werden muss, anstatt menschliche Experimentierfreude in Szene zu setzen und auch dem Abgründigen eine künstlerische Form zu verleihen.“ Schon lange war ich bei keiner Theateraufführung mehr und der folgende Satz von Ute Cohen spricht mir aus der Seele: „Die Bühne verwandelt sich entweder in ein steriles Labor normversessener, vermeintlich progressiver Sprechpraktiken oder in ein fetischistisches Sch…haus.“

Vielfalts- und Minoritätenbesessenheit denkt Menschen permanent als Opfer und gibt alle aufklärerischen Impulse auf, so Ute Cohen. Dabei werden neue Dinge inszeniert, die im Gleichklang von Schönheit und Gutem sogar zeigen und sagen kann: „Ich werde tun, was schön ist für Allah.“ Moralische Unanfechtbarkeit wird also mit einer Umdeutung des Schönen hin zu religiösen Verhüllungen zelebriert. Die Influencerinnen verstecken ganz züchtig ihr Gesicht hinter Blumen und Handykameras. Islamische Sprachwissenschaftlerinnen fragen sogar: „Was macht säkulare Sprache mit unserer Spiritualität?“ Solche Leute definieren rationales Handeln mithin als Fehler! Liberale Gesellschaften sind für sie ein Rahmen, der zu fehlerhaftem Handeln führt.

„Das Haus der Tugendprahler aber ist auf Sand gebaut.“ Die Autorin vermittelt jene Aktionen/Ideen, die dem woken Wahn Glamour entgegensetzen, der mit kreativer Lust alle lächerlich macht, die sich zu sehr als Spaßverderber benehmen, sei es aus moralischer oder berechnender ideologischer Motivation. Mein Lieblingssatz aus diesem Buch: „Das Leben hält sich in den nicht benennbaren Zwischenräumen auf.“ Es entspricht einem anderen Satz, den ich mag und in diesem Buch wiedergefunden habe: „Regeln sind Krücken für kreativ Lahme.“ Wer sich zu vielen Regeln unterwirft und den GlamourFaktor aus dem Leben streicht, verliert alle Überraschungen und zieht sich in die Langeweile zurück.

Es gibt wenig Zitate zum Thema Glamour, gefunden habe ich dieses von Walter Fürst, einem Schweizer: „In unserem Gedächtnis treibt sich viel Glamour herum, zuviel Sonntägliches, Ehrwürdiges, Sakrifiziertes und Heroisiertes, erdfreie, bodenfremde Begriffe, die Gespenstern dienstbar sein mögen – doch in den Hausrat eines biederbeinigen Menschen gehören sie nicht.“ Biederbeinige Menschen und Tugendprahler sind wohl identisch und der direkte Feind von Glamour als einem wesentlichen Faktor für Überraschung, Herausforderung, Kreativität und revolutionärem Denken.
Ein sehr gelungenes Buch mit 11 Kapiteln, die Raum geben für weite Sätze der Phantasie in jenen Zwischenräumen, die unser Leben ausmachen als einem Mix aus Ratio, Emotion, Antrieb und neuem Schaffen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.03.2025
Feindliche Nähe
Wolffsohn, Michael

Feindliche Nähe


ausgezeichnet

Das Buch vermittelt auf nachvollziehbare, umfassende Weise tiefe Einblicke in das jüdische, christliche und muslimische Denken und Handeln, in die Geschichte dieser Religionen und die Jetztzeit. Dabei stehen jüdische und christliche Überlegungen im Zentrum, theologische Analysen des Islam sind vorhanden, stehen aber nicht im Vordergrund.

In all den Jahrhunderten wurde das jüdische Volk vertrieben und über den gesamten Erdkreis verteilt. Es war willkommen, wenn es um den Aufbau eines Staates oder einer Region ging, aber meist nur zu Beginn. Michael Wolffsohn benennt diese Tatsache als funktionale Toleranz, sie ging meist schnell zu Ende, wenn Juden nicht mehr gebraucht wurden. Das war so in Polen, Spanien, Deutschland, im osmanischen Reich, überall, wohin Juden freiwillig oder zwangsweise ziehen mussten.

Der Zionismus hatte nach Michael Wolffsohn seinen Ursprung nicht in der Religion, sondern war primär mit der funktionalen Toleranz begründet. „Die Mehrheit hatte nach 2500 Jahren erkannt: Unser Leben als Juden ist, war und wird wohl dies bleiben: Existenz auf Widerruf. Als Minderheit sind wir vom guten Willen der Mehrheit abhängig. Und dieser Wille ist eher selten gut.“ Dies legte die Motivation für einen eigenen Staat, wo Juden Mehrheit sind, nicht Minderheit.

Wir tauchen ein die Geschichte und die Gründung des Staates Israel, der sofort nach Gründung unter Druck der muslimischen Nachbarn stand, bis heute. Wenige wissen noch, dass im Krieg 1973 die deutsche Regierung (Brandt/Scheel) Waffenlieferungen nach Israel verhinderte, die USA aber sorgten für den notwendigen Nachschub, um die Apokalypse Israels zu verhindern. „Wie damals (auch heute) mehr Deklamatorisches als Substanzielles.“

Am 7. Oktober 2024 fand in München (Marstall) eine Veranstaltung statt, in der 3 Personen (Michael Goldberg, Barbara Horvath, Michael Wolffsohn) zur aktuellen Situation nach dem 7.10.2023 sprachen und die Geschichte Israels diskutierten. Dies war für mich der berührendste Teil des Buches (215-251), in dem zentrale Punkte angesprochen wurden, wie eine Zusammenfassung des ersten Buchteiles, vom Stammgebiet Israels bis hin zur unmittelbaren Zukunft von Israel.

Dabei wurde für mich klar, dass der Koran, in der Tradition der hebräischen Bibel stehend, im Grunde auch das Heilige Land den Juden zuordnen muss, denn im Alten Testament wird den ihnen das Heilige Land versprochen. „Der Koran widerspricht dieser Verheißung nicht. Im Gegenteil, er bestätigt sie.“ Israel hat Jerusalem als Zentrum seiner Heilsgewissheit, der Islam den Stadtstaat Medina, beide sollten in Israel neue Wege des Zusammenlebens finden, so das Fazit dieser Veranstaltung und mithin auch des Buches. Diese Schlussbetrachung bleibt eher unverbindlich offen, sie negiert den kompromisslosen Duktus von Koran und Hadith sowie anderen Grundlagenwerken des Islam.

Als Ergänzung oder Vorbereitung zu diesem Buch würde ich das eindringliche Werk von Giuseppe Gracia empfehlen: „Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen.“ Dort wird der Weg Israels in zentralen Aspekten beschrieben und die unversöhnlichen Grenzlinien zum Islam markiert. Nach Gracia bedroht der Antisemitismus in zunehmendem Maße auch das Leben im Westen.