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Top-Rezensenten Übersicht

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Hanne2
Wohnort: 
Langenargen

Bewertungen

Insgesamt 41 Bewertungen
Bewertung vom 30.03.2025
Für immer
Lunde, Maja

Für immer


sehr gut

Maja Lunde geht in diesem Roman der Frage nach, was macht es mit Menschen, wenn plötzlich die Zeit stehen bleibt. Es stirbt niemand mehr, Babies werden nicht mehr geboren, Krankheiten kommen zum Stillstand. Jedes Kapitel widmet sich jeweils einer Figur, was die Perspektiven auf das Thema erweitert - die todkranke Fotografin und Mutter Jenny, der Rentner Otto usw. Mit der Zeit verweben sich einzelne Biografien, treffen Figuren aufeinander. Besonders nachgegangen ist mir die Figur des Außenseiters Philip, der "es in seinem Leben nicht leicht gehabt" hatte, vernachlässigt und oft sich selber überlassen gewesen war, seinen Selbstwert aus einer vermeintlichen "angeborenen inneren Stärke" zieht und gleichzeitig eine massive innere Unruhe und tiefe Unsicherheit und Verlorenheit spürt. Dessen kontraphobischer Krisengewinn, Vergemeinschafterung mit Pseudo-Gleichgesinnten und Radikalisierung mit der Möglichkeit sich nun endlich erfolgsorientiert präsentieren zu können, hat mich zeitweise auf eine beklemmende Art an die Coronazeiten erinnert. Auch die Figur der Fotografin Jenny hat mich sehr berührt mit der Frage, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Ein bisschen mehr Tiefe in der philosophischen Auseinandersetzung mit der Frage des gesellschaftlichen Zeitstillstandes hätte mich sehr gereizt. Alles in allem ist aber in jedem Fall ein gut lesbarer Roman, bei dem jeder Leser vermutlich auf seine Art Figuren findet, denen er sich näher fühlt bzw. andere, die ihn möglicherweise weniger erreichen.

Bewertung vom 25.02.2025
Das Erwachen des Drachen / Kleine Hexe Nebel Bd.1
Pélissier, Jérôme

Das Erwachen des Drachen / Kleine Hexe Nebel Bd.1


ausgezeichnet

Nach einigen Comics, die so "najaa" waren, ist hier die Begeisterung für die kleine Hexe Nebel wirklich übergeschwappt. Unglaublich niedlich, frech und "radikal selbstbewusst", mit ganz viel Sturheit und Entdeckerlust präsentiert sich das kleine Hexenmädchen. Dieser Band ist der erste von insgesamt 3 Bänden über die kleine Hexe Nebel, welche das französische Illustratoren-Paar Jérôme Péllisier und Carine Hinder während der Lockdown-Zeit zurückgezogen in einem pittoresken französischen Dorf geschrieben hat. Ein bisschen erinnert die Kulisse und der Aberglaube der Dorfbewohner an die Asterix-und-Obelix-Comics. Nebel lebt als Findelkind bei dem Dorffischer und möchte so gerne eine Hexe sein. Die alte Hexe des Dorfes Naia ist leider seit einiger Zeit verschwunden und irgendwer muss ja den Job machen... An ihrer Seite sind das schlaue Schweinchen Hubert, welches heimlich im Hintergrund die Fäden zieht, sowie ihr bester Freund Hugo, der ihr treu ergeben ist. Wir haben beim Anschauen und Lesen öfters schmunzeln müssen und besonders das Schweinchen sehr ins Herz geschlossen. Durch die witzigen Dialoge lassen sich auch kleine muffelige Leseanfänger gut hinter dem Ofen hervorlocken. Ein wirklich toller und witziger Comic über ein kleines Mädchen, das fest an sich glaubt und ein großes, ehrliches Herz hat. Wir freuen uns schon sehr auf die nächsten beiden Bände.

Bewertung vom 24.02.2025
Achtzehnter Stock
Gmuer, Sara

Achtzehnter Stock


ausgezeichnet

Das Buchcover mit dem Plattenbau vor blauem Himmel mit hellen Wölkchen wirkt fast heiter und harmlos, nahezu wie eine Theaterkulisse. Dabei geht es bereits auf den ersten Seiten für Wanda, die im achtzehnten Stockwerk eines Berliner Plattenbaus gemeinsam mit ihrer Tochter lebt, um vieles. Einerseits bahnt sich für die erfolglose und alleinerziehende Schauspielerin endlich ein dringend notwendiges Casting an, die finanzielle Situation ist mehr als angespannt. Gleichzeitig ist ihre kleine Tochter Karlie krank. Man spürt von Anfang an den Druck und das Tempo beim Lesen. Die Sprache ist rauh und direkt. Großartig beschreibt Sara Gmuer das Leben mit ihrer Tochter in der Platte, das Eintauchen in die Filmwelt, den Spagat zwischen beiden Welten. Jedem sich am Horizont ankündigenden Stereotyp (Schauspielkollege als Retter und Helfer, Sisterhood unter den in der Platte lebenden Frauen) wird ein Strich durch die Rechnung gemacht. Sara Gmuer zeigt fein beobachtet Figuren mit all ihren Ambivalenzen, mit Ecken und Kanten, die man lieben und an denen man sich als Leser stoßen kann. Es geht um das Träumen vom kleinen und großen Glück, das Dranbleiben, Hoffen und Durchbeißen. Innerhalb von 2 Tagen habe ich die 222 Seiten gelesen und das Buch etwas atemlos beendet. Ein Roman mit einem ganz eigenen Klang, der nachhallt.

„Unerfüllte Träume sind auch Träume. Sie sind bloß viel gefährlicher. Man verbittert, man wird so, wie man niemals sein wollte, man wird wie all die anderen Versager, Verstörten und Vergessenen, man lässt sich gehen und gewöhnt sich an die flirrenden Abgase, die Absagen, den Lärm.“

"Eigentlich ist es ganz einfach, man muss das Schicksal nur lange genug nerven, irgendwann gibt es nach und schmeißt einem das Glück vor die Füße, damit man endlich Ruhe gibt.“

Bewertung vom 20.02.2025
Streit! Und nun? Das artgerecht-Bilderbuch von Nicola Schmidt
Schmidt, Nicola

Streit! Und nun? Das artgerecht-Bilderbuch von Nicola Schmidt


sehr gut

Während das Pappbilderbuch "Mein artgerecht-Geschwisterbuch" von Nicola Schmidt sich an ganz Kleine richtet, sind mit diesem Buch Kindergartenkinder angesprochen. Eine Gruppe von Tierkindern macht einen Ausflug und jedes hat auf seine Art sein ganz eigenes Köpfchen und seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche, was natürlich nicht ohne Konflikte bleibt. Die Zeichnungen sind hübsch und die einzelnen Tierkinder ganz individuell gestaltet. So wie es ja auch bei den Menschenkindern im wahren Leben ist. Das Buch lebt von den Wiederholungen und gleichen Ansätzen. Immer wenn es Streit gibt, nimmt eine erwachsene Tierfigur die Gefühle der beteiligten Kinder auf und fragt "Wie können wir das lösen?". Das Lesen und Anschauen der Lösungsvorschläge hat uns sehr viel Spaß gemacht, da zum Teil lustige Ideen dabei waren und manches hätten unsere Kinder auch anders entschieden. Es gibt halt manchmal einfach mehrere (kreative) Lösungen für ein Problem. Sehr nett fand ich zum Ende die Idee, einzelne abgebildete Ausschnitte von den Kindern im Buch wiederentdecken zu lassen, was das ganz genaue Anschauen der liebevollen Details und kleinen Nebengeschichten auf den Bildern fördert. Die beiden an die Eltern gerichteten Seiten zum "artgerechten" Begleiten von Konflikten bei Kindern fand ich persönlich interessant zu lesen, hätte es meiner Meinung aber nicht unbedingt in diesem Buch gebraucht. Vielleicht hätte auch eine Beilage in Form eines "Lesezeichens" ausgereicht und uns etwas die Diskussion erspart, ob diese Seiten vor dem Einschlafen auch noch unbedingt vorgelesen werden müssen. Aber das Thema "Einschlafverzögerungstaktiken" ist vielleicht noch mal ein anderes Buch wert... ;)

Bewertung vom 19.02.2025
Mein artgerecht-Geschwisterbuch: Ich zuerst! Nein, ich!
Schmidt, Nicola

Mein artgerecht-Geschwisterbuch: Ich zuerst! Nein, ich!


sehr gut

In der Eichhörnchenfamilie gibt es neben dem kleinen Vincent auch noch dessen jüngere Schwester Sophia, die manchmal etwas nervt... ein Buch über das Streiten, Trösten und Vertragen für ganz Kleine. Die Figuren sind unglaublich süß und liebevoll gezeichnet, dass es wirklich eine Freude ist, die Geschichte anzuschauen. Es gibt so viele niedliche Details zu entdecken - z.B. womit spielen kleine Eichhörnchenkinder, die "Parallelstreiterei" zwischen Biene und Marienkäfer. Am Ende gibt es für Eltern auf 2 Seiten nochmal 9 Hinweise, wie aus Geschwistern ein Team wird. Sicherlich ist einem selber als Elternteil vieles bewusst, sehr hilfreich fand ich aber die Beispiele für die konkrete Formulierung z.B. "Statt zu sagen: "Das darfst du nicht sagen! Er ist dein Bruder", sagen wir: "Ja, heute war es wirklich schwierig, aber er wird lernen, deine Grenzen zu beachten, wir üben das gemeinsam."..." Was ich für mich interessant fand, wird gleichzeitig bei uns beim Vorlesen etwas zum Stolperstein, da die letzten beiden Seiten natürlich (!) mit zum Buch gehören und jedes Mal mit vorgelesen werden müssen. Da hilft auch kein "Die bunten Seiten sind deine Seiten, ab hier sind die Mamaseiten". Vielleicht hätte es da auch eine andere Lösung gegeben, z.B. als Beilage in Form eines "Lesezeichens". Insgesamt hat uns die Geschichte aber sehr gefallen und empfehlen wir gerne weiter.

Bewertung vom 16.02.2025
Barfuß in Tetas Garten
Abboud, Aline;Heymann, Nana

Barfuß in Tetas Garten


gut

Die Mutter (DDR-)Deutsche und der Vater Libanese, lernen sich die Eltern der Nachrichtensprecherin Aline Abboud in den 80er Jahren in einem Studentenwohnheim in Leipzig kennen und lieben. Die Autorin erzählt in ihrem Buch vom Aufwachsen zwischen den beiden Welten Ostdeutschland und Libanon. Dabei ist der Erzählton lebendig. Mit viel Wärme spricht sie über ihre Familie und das Leben während ihrer Sommerurlaube im Libanon - ein Land das die meisten nur aus den Nachrichten kennen als von Krisen geprägte Region. Wer eine Biografie erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Dazu fehlt die notwendige Introspektion, Auseinandersetzung mit Ambivalenzen und möglichen Reifungsprozessen, kurzum eine gewisse psychologische Tiefe. Vielmehr fühlte es sich für mich beim Lesen wie das Blättern in einem Fotoalbum an. Hübsche Anekdoten, Bilder im Kopf von leckerem Essen und beeindruckender Landschaft, durchaus unterhaltsam und kurzweilig. Auch wenn es mich nicht unbedingt emotional tiefer berührt hat, mein Interesse für die libanesische Kultur ist durch das Buch von Aline Abboud geweckt.

Bewertung vom 01.02.2025
Halbe Leben
Gregor, Susanne

Halbe Leben


ausgezeichnet

"Ein Haushalt sind diejenigen, die den gleichen Rauch einatmen." S.5

Von hinten rollt der Roman die Geschichte um Klara und Paulina auf. Erstere ist erfolgreich in ihrem Beruf als Architektin, Mutter einer 11 jährigen Tochter, Ehefrau, jetzt abgestürzt bei einer Wanderung. Paulina - aus der Slowakei, alleinerziehend von 2 Söhnen, die Hälfte des Monats in Klaras Haushalt in Österreich lebend, um deren erkrankte Mutter zu pflegen - hat sie auf dieser Wanderung begleitet. Psychologisch sehr fein zeichnet der Roman die Entwicklung zwischen den beiden Frauen nach. Immer wieder musste ich innehalten, der Roman eröffnet neue Blickweisen und stellt Fragen. Wer ermöglicht denn die eigene berufliche Selbstverwirklichung bzw. schafft zeitlichen Raum, sich mit seinen Hobbies und Interessen zu beschäftigen? Wie gehen wir mit Angehörigen um, die unserer Pflege bedürfen (kleine Kinder, Kranke, Alte)? Zu welchem Preis? Was macht das mit den Pflegenden und ihrem "halbierten Privatleben"? Inwieweit kann Geld die emotionale Belastung kompensieren? Wie eingebunden sind Männer in unserer Gesellschaft in die Care-Arbeit? Sehr gut stellt Susanne Gregor den Egoismus und eine Naivität gegenüber dem Leben und Schicksal der Pflegepersonen dar, verborgen hinter einer vordergründigen "Gutmenschlichkeit" ("Wir haben sie immer gut behandelt [...] und Gefallen außerhalb des Vertrages immer großzügig kompensiert." S.177). Zwar atmen alle im Haushalt den gleichen Rauch ein, gleich sind sie damit noch lange nicht... Beide Frauen eint zwar gleichermaßen eine Zerrissenheit zwischen Beruf und Familie. Allerdings besitzt nur Klara die finanziellen Mittel sie hinreichend zu kompensieren, während Paulinas Familie mehr und mehr auseinanderdriftet. Glücklich sind dennoch beide Frauen nicht, erleben eine zunehmende Gereiztheit und Überforderung. Die Darstellung der männlichen Figuren spiegelt gleichzeitig die gesellschaftliche Realität wider, in der Männer noch wenig in die Care-Arbeit eingebunden sind - der Ex-Mann von Paulina, der die Betreuung der gemeinsamen Söhne in deren Abwesenheit der eigenen Mutter überlässt, um seine eigene Partnerschaft nicht zu belasten. Klaras Chef, der sich aus dem Vordergrundgeschäft zurückgezogen hat, an Wochenenden und nach Feierabend Klara dennoch dirigiert und mit Aufgaben zuschüttet. Klaras Ehemann, selbstständiger Fotograf und kaum ausgelastet mit seiner Arbeit, der sich weder regelmäßig um den Hund, die Tochter noch die Schwiegermutter kümmern kann und möchte. Mir hat sehr gefallen, wie komplex die Frauenfiguren gezeichnet wurden - z.B. Paulina mit ihrem unbewussten Wunsch als "Engel der Familie" Anerkennung zu finden, anhaltende Gefühle von Schuld und Sorgen, dem Neid gegenüber dem scheinbaren Glück - dabei immer realistisch und nachvollziehbar. Der Roman hat mich gleichermaßen berührt wie wütend gemacht. Ich empfehle den Buch gerne weiter an Menschen, die sich für aktuelle gesellschaftliche Themen interessieren.

Bewertung vom 01.02.2025
Du bist du ... und wunderbar
Blais, Mykaell

Du bist du ... und wunderbar


ausgezeichnet

Ich gebe es zu, auf den ersten Blick hat mich der Stil der Illustrationen zunächst nicht angesprochen - recht reduziert, farblich eher dezent. Die Botschaft und der Text treten hingegen deutlich in den Vordergrund. Das Sachbuch setzt sich auf witzige Weise ohne zu banalisieren oder mit erhobenen Zeigefinger zu belehren mit Geschlechterrollen, Vorurteilen und Fragen der Identität auseinander. Elise Gravel ist bekannt und mehrfach ausgezeichnet für ihre Arbeit, besonders schwierige Themen kindgerecht und witzig darzustellen. Inhaltlich unterstützt wird sie dabei durch Mykaell Blais, selbst transsexuell und bei einer LGBTQ+-Organisation für Jugendliche arbeitend. Sowohl mein 8 Jähriger als auch meine 11 Jährige haben das Buch gerne angeschaut und gelesen. Der Zeichenstil ist eher cartoonhaft, "nicht so babymäßig", was auch ältere Kinder anspricht. Über Fragen wird anfangs zu der Thematik hingeführt, was sehr einlädt, sich auszutauschen. Besonders gefallen hat uns der liebevolle Blick der Illustratorin. Immer wieder haben wir geschmunzelt und zudem einiges Neues erfahren, z.B. dass vor 100 Jahren Modemagazine die Farbe Rosa für Jungen und Blau für Mädchen empfahlen. Ein tolles Buch, das den Horizont erweitert.

Bewertung vom 20.01.2025
In einem Zug
Glattauer, Daniel

In einem Zug


gut

"Und wir plaudern im steten Bemühen um Gleichklang und Ausgewogenheit über herrlich belanglose Dinge [...]. Kurzum: über die Sättigungsbeilagen des Alltags, die das Leben ausmachen, ohne dass man es merkt." S.84
 

Eduard Brünhofer, ein in die Jahre gekommener Schriftsteller für Liebesromane mit Schreibblockade, trifft im Zug auf dem Weg zu einem unliebsamen Gespräch mit seinem Verlag auf Catrin Meyr, eine eher junge als alte Therapeutin mit der Fähigkeit, Menschen gekonnt auszufragen. Ganz besonders interessiert sie seine Partnerschaft mit seiner Frau Regina sowie seine Einstellung zur Liebe. Grundsätzlich eine hübsche Idee 2 gegensätzliche Personen auf diese Weise miteinander ins Gespräch kommen zu lassen. Allerdings habe ich die Dialoge weder als besonders pfiffig noch in die Tiefe gehend erlebt. Es ruckelt und zuckelt gemächlich wie die Regionalbahn durchs Hinterland ohne besonderes Aufsehen zu erregen. Naja, ganz ohne Aufsehen stimmt eigentlich nicht...genauso wie Eduard empfand ich das bohrende Nachfragen von Catrin zunehmend als unangenehm. Ganz interessant fand ich den Blick des Schriftstellers auf seine Leser und Kritiker - mögliche Ähnlichkeiten mit dem Autor sind selbstverständlich purer Zufall. Es blieb zum Ende das leise Gefühl zurück, von Glattauer an der Nase herumgeführt worden zu sein ("Ihr wollt euren Liebesroman, so, da habt ihr ihn...") und dass die weibliche, liebeshungrige Leserschaft (lese ich zwischen den Zeilen eine leise Verachtung des Autors gegenüber seiner Leserschaft heraus?) mit dem Kauf des Buches sein kleines Weingut mitfinanziert. Für mich war es insgesamt ein unaufgeregter Roman über die Alltäglichkeit einer Langzeitbeziehung, eine Art "Sättigungsbeilagen"-Roman mit der Erkenntnis, dass "so ein gediegenes Spießerleben zu zweit [...] härter erarbeitet [ist], als es den Anschein hat." (S.139). Phasenweise unterhaltsam, nach hinten raus ermüdend.

Bewertung vom 14.01.2025
Nach uns der Himmel
Buchholz, Simone

Nach uns der Himmel


sehr gut

Das Buch würde von mir sofort die Auszeichnung "Coverliebling" bekommen, da es sehr schön mit Perspektiven spielt. Von außen hat man den Eindruck, durch Flugzeugfenster nach draußen zu blicken. Geöffnet zeigt sich innen dann ein weites Meer, darüber der Himmel, das aber eher wie eine Leinwand wirkt. Ähnlich geht es den Passagieren eines Urlaubsfliegers. Dieser gerät während des Fluges in heftige Turbulenzen, so dass die Passagiere in einer Art Zwischenstadium zwischen Leben und Tod auf einer Urlaubsinsel landen. Diese entpuppt sich zunehmend als eine Art Schuhkarton, als eine Art Schein, zunehmend kleiner werdend, sich auflösende. Gleichzeitig entwickeln sich die Beziehungen der Figuren zunehmend weiter, finden sich neue Paare, moralische Grenzen werden überschritten, eine neue Freiheit entdeckt. Wo vorher Bitterkeit, Traurigkeit und Neid vorherrschte, entsteht plötzlich Liebe und Lebenslust. Vergangenes ist zunehmend schwerer erinnerbar, löst sich auf zugunsten eines friedlichen Hier-und-Jetzt-Zustandes. Das hört sich fast etwas traumartig an, dabei ist der Stil sehr klar und direkt. Die Dynamik in den Partnerschaften fand ich sehr spannend zu lesen, wie die Figuren sich von den Zwängen des Alltags lösen und immer mehr zu sich selber und ihren eigenen Bedürfnissen finden. Alles in allem erscheint es, als würden die Figuren erst im Angesicht des Todes viel lebendiger werden. Ich könnte mir den Roman super als Theaterfassung auf der Bühne vorstellen. Es ist ein Buch, das trotz der Thematik rund um den Tod eine Leichtigkeit hat und über das man im Anschluss gut noch etwas philosophieren kann.