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Adelebooks
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Bremen

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Insgesamt 163 Bewertungen
Bewertung vom 04.01.2026
Tidhar, Lavie

Adama


sehr gut

Kein Land ohne Blut

Adama wird als Thriller beworben und ist doch so viel mehr. Die Spannungsmomente und zeitweise Brutalität machen den Roman durchaus zu einem Pageturner, sobald man in der Geschichte angekommen ist. Viel eindrücklicher ist jedoch, wie der Autor mit Adama die Geschichte Israels von seinen Anfängen mit den ersten Siedlern, über die gewaltsamen Auseinandersetzungen des Nahost-Konflikts bis hin zur Gegenwart erzählt. Dieser komplexen Geschichte gibt Tidhar mit seinen Figuren ein Gesicht und hilft so ihre Hintergründe in all ihrer Komplexität ein bisschen besser zu verstehen.

Als Hannas Mutter Esther im Jahr 2009 stirbt, stellt die junge Frau fest, wie wenig sie über das Leben ihrer Mutter weiß. Laut ihren Informationen gibt es keine Familie mehr. Ein alter Aschenbecher aus Palästina, ein nicht zuzuordnendes Lied aus Kindertagen, und ein altes Foto in einer großen Runde lassen Hanna leise ahnen, dass ihre Mutter mehr verborgen hat, als sie sich vorstellen kann.

Ausgehend von Esthers Tod blickt der Autor weit in die Vergangenheit und rekonstruiert so Esthers Leben aus der Perspektive ihrer Weggefährten und Vorfahrinnen und damit nicht weniger als die Geschichte Israels. Am Beginn dieser Erzählung steht die junge ungarische Jüdin Ruth, die noch vor der Einnahme Ungarns durch die Nazis Ungarn verlassen hat, um in Palästina ein Kibbuz aufzubauen und aktiv an der Gründung des Staates Israel mitzuwirken. Von den ersten Zelten auf unwirtlichen Böden, die britische Besatzung, zahlreiche Kriege bis hin zu den frühen 90er Jahren erzählt der Roman eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, Familie und Heimat sowie letztlich der Gewalt, die in unvorstellbarem Ausmaß ihren Ausgang im Holocaust nahm.

Eindrücklich war für mich auch die detaillierte Beschreibung des Lebens, der Organisation, Regeln und Normen in einem Kibbuz. In der Zeitspanne über mehrere Jahrzehnte und drei Generationen arbeitet der Autor heraus, wie der Kibbuz sich entwickelt und wie unterschiedlich seine Bewohnerinnen und Bewohner die Lebensform wahrnehmen, sie schätzen und zuweilen mit ihr hadern.

Das Ende war für mich nicht ganz befriedigend und zu abrupt, hier hätte ich mir den Strang in der Gegenwart noch weiter ausformuliert gewünscht.

Insgesamt ist Adama ein spannender, mitnehmender und geschichtlich informativer Roman, den ich nur schwer aus der Hand legen konnte!

Bewertung vom 04.01.2026
Céspedes, Alba de

Was vor uns liegt


sehr gut

Ein Porträt der italienischen Gesellschaft von 1934 und der Wünsche, Zwänge und Träume von jungen Frauen darin

Rom 1934, acht verschiedene Frauen mit unterschiedlichen Hintergründen, Vergangenheit, Geheimnissen und Träumen. Vinca, Augusta, Silvia, Valentina, Anna, Milly, Xenia und Emanuela: Sie alle leben unter Nonnen im Grimaldi-Konvikt, um in Rom, fernab ihrer Heimat und Familien zu studieren, doch so viel sie auf den ersten Blick in ihrer aktuellen Lebenssituation eint, so viel trennt sie auch, wenn man tiefer in die Leben der verschiedenen jungen Frauen blickt.

Mit Was vor uns liegt, beweist Alba de Céspedes einen feinen Blick für Klassenunterschiede, das Verhältnis von Stadt und Land und die Komplexität von Paarbeziehungen sowie den Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmung in der italienischen Gesellschaft von 1934. Über die Spanierin Vinca findet außerdem der spanische Bürgerkrieg immer wieder Einzug in die Erzählung.

Besonders gefallen haben mir die Einblicke in die verschiedenen Herkunftsmilieus der jungen Frauen aus den unterschiedlichen italienischen Landesteilen, von Sardinien bis Florenz, und die Darstellung der Differenzen zwischen den sozialen Klassen und ihrer jeweiligen Zwänge insbesondere für Frauen darin. So wird deutlich wie jede Frau von den gesellschaftlichen Normen der gegebenen Zeit eingespannt wird und auf ihre Art versucht ein selbstbestimmtes Leben zu führen, oft gegen die Erwartungen der Eltern und des Herkunftsmilieus.

Insgesamt fand ich den Roman sehr gelungen. Aufgrund der zahlreichen Frauenfiguren, die jede mit ihrer eigenen Geschichte Eingang findet, wird die Erzählung jedoch zunehmend komplex ohne einen Spannungsbogen zu entwickeln. Der Roman wird aus meiner Sicht daher vor allem historisch interessierten Menschen, die sich für authentische Frauenporträts begeistern, Freude bereiten.

Bewertung vom 09.12.2025
Siefert, Silke

Mister O'Lui feiert Weihnachten


ausgezeichnet

Das zuckersüße Streifenschweinchen und gleichzeitig Mister O‘Luis bester Freund erlebt sein erstes Weihnachtsfest. Dieser Band begleitet die beiden Freunde dabei und vermittelt so eine wunderschöne Weihnachtsstimmung und -Botschaft.

Rupert kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: sein liebster Biberbär wirkt ganz geschäftig, dekoriert, schreibt Wunschzettel. Was hat es damit nur auf sich? Mister O‘Lui fällt mit Schrecken auf, dass Rupert ja Weihnachten noch gar nicht kennt und erklärt ihm ganz behutsam das Fest und die Bräuche. Rupert ist ganz begeistert, und weiß gar nicht, was er sich wünschen soll, da kommen ihm als Inspiration die Wünsche der Freunde auf einem Spaziergang gerade recht. Doch geht es wirklich um die Geschenke an Weihnachten?

Der Band ist wirklich wunderschön gezeichnet und erzählt. Alle Bilder sind so liebevoll bis ins Detail umgesetzt, dass es einfach nur eine Freude ist. Richtig toll sind auch die Steckbriefe der beiden Freunde und das weihnachtliche Rezept im Einband. Das Buch vermittelt so nicht nur in seiner Botschaft einen berührenden Mehrwert, sondern lädt direkt ein selbst in Weihnachtsstimmung zu kommen und zu backen.

Aufgrund der liebevollen Umsetzung ist das Buch aus meiner Sicht mit unterschiedlichen Schwerpunkten für eine breite Alterspanne geeignet und macht Kindern von ca. 2 bis 7 Jahren sicher große Freude!

Bewertung vom 05.12.2025
Suppiger, Tanja

Rauhnächte - Reguliere dein Nervensystem und schaffe die Basis für persönliches Wachstum


ausgezeichnet

Einfühlsam geschrieben, liebevoll und hochwertig gestaltet

Dieses hochwertig gestaltete Büchlein beschäftigt sich nicht nur mit den Rauhnächten, wie der Titel suggeriert, sondern lädt in einem tiefergehenden, integrativen wie transformativen Prozess ein den Jahreswechsel über Sperrnächte und Rauhnächte bewusst zu gestalten.

Im ersten Teil führt Tanja Suppinger ganz feinfühlig, mitnehmend und informativ in die besondere Zeit des Jahreswechsel und seine ursprüngliche Bedeutung in Verbindung mit den Sperr- und Rauhnächten ein. Der zweite Teil setzt als Grundlage des Prozesses das Nervensystem in den Fokus. Verständlich und nachvollziehbar erläutert die Autorin hier wichtige biologische Zusammenhänge und bringt sie im dritten Teil in Verbindung zu innerer Transformation und den Rauhnächten. Nach diesen Grundlagen kann die Umsetzung beginnen, die den Hauptteil des Buchs bildet. Jedem Tag der Sperrnächte und der Rauhnächte ist ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet, in dem die Autorin mit Erläuterungen, Anleitungen und kleinen Impulsen und Übungen durch den Tag führt.

Man merkt sofort, dass die Autorin weiß, wovon sie spricht bzw. schreibt. Bereits die Einführung ist so einfühlsam und mitnehmend geschrieben, dass man sich gut aufgehoben fühlt und einfach fallen lassen und mit der Autorin auf die innere Reise durch die Sperr- und Rauhnächte machen kann: hin zu sich selbst!

Dazu trägt auch das hochwertige Layout mit wunderschönen Bildern bei: die Ruhe für das Innere wird so durch eine aufgeräumte und angenehme Gestaltung der Publikation zusätzlich unterstützt!

Gelegentlich waren einige Ausführungen für mich zu redundant, auch wenn eine gewisse Wiederholung natürlich die Verinnerlichung des Wiederholten unterstützt.

Für mich bleibt es trotzdem eine rundum gelungene Publikation, die unbedingt Lust auf die Rauhnächte und die Reise zu sich selbst, angeleitet durch die Autorin, macht.

Bewertung vom 18.11.2025
Specht, Heike

Die Frau der Stunde


ausgezeichnet

Politiker brauchen ein dickes Fell, Politikerinnen brauchen einen Panzer


Es ist das Jahr 1978 in einer alternativen, fiktiven Vergangenheit. Eine sozial-liberale Koalition ist an der Macht und versprüht Fortschrittsenthusiasmus. Als der liberale Außenmister und Vizekanzler über eine Affäre mit einer jüngeren Frau stolpert, die er zudem noch in seinem Büro auf Steuerkosten angestellt hat, wird überraschend die junge, versierte, liberale Außenpolitikerin Catharina Cornelius seine Nachfolgerin. Und so begleitet der Roman in informativer, wie amüsanter bis erschreckender Weise, was es für eine Frau bedeutet hätte im Milieu der späten 1970er in eine der herausragendsten politischen Führungspositionen des Landes zu kommen.

Konflikte und Machtkämpfe begleiten Catharina Cornelius nicht nur zwischen den konkurrierenden Parteien sondern nicht zuletzt auch in den eigenen Reihen. Überall sieht sie sich einer Dominanz von Männern und einer frauenfeindlichen bis offen ablehnenden Kultur ausgesetzt. Einige Szenen, wie etwa sexistische und beleidigende Zwischenrufe im Bundestag bei einer Rede der Außenministerin, scheinen fast unwirklich, und doch war ein solcher Umgang mit Frauen lange keine Seltenheit oder Ausnahme, wenn man alte Aufnahmen von Bundestagsdebatten aus dieser Zeit betrachtet. Die im Roman fiktionalisierten Schilderungen haben in ihrer Grundrichtung daher durchaus reale Vorbilder und spiegeln die Lebenswelt weiblicher Politikerinnen authentisch wider.

Realistisch ist vermutlich auch der soziale Hintergrund der Protagonistin. Als Tochter aus einem privilegierten Elternhaus mit besten Bildungsmöglichkeiten wird deutlich, wie sehr der unwahrscheinliche Erfolg als Frau in dieser Position, erst ermöglicht wird durch die relative Privilegierung auf sozioökonomischer Ebene.

Über einen klug arrangierten Plot gelingt es der Autorin über Cornelius hinaus die Situation von ambitionierten Frauen aus verschiedenen Generationen und Ländern zu beleuchten. Catharinas Freundin Azadeh ist Iranerin und über ihren Erzählstrang wird die Revolution im Iran beleuchtet. Die Dritte im Freundinnentrio seit Schweizer Internatstagen ist Suzanne, erfolgreiche Journalistin aus Belgien. Im politischen Betrieb wird deutlich wie wichtig weibliche Solidarität und Unterstützung ist, sei es für Catharina selbst durch ihre mütterliche Freundin, Mentorin und Parteikollegin, als auch parteiübergreifend unter den wenigen Frauen, die sich unabhängig vom Parteibuch mit einer sexistischen Machokultur herumschlagen müssen.

Beim Lesen fragt man sich allzu oft fassungslos, wie so mit Frauen umgegangen werden kann und denkt dabei schmerzhaft daran, wie wenig sich letztlich trotzdem geändert hat, wenn man im Heute den Umgang gerade mit weiblichen Politikerinnen betrachtet. So ist die Frau der Stunde nicht nur ein unterhaltsames und informatives Buch, sondern zeigt auch die Notwendigkeit und Kraft weiblicher Solidarität eindringlich auf!

Bewertung vom 03.11.2025
Lühmann, Hannah

Heimat


gut

Kurzweilig, aber eher oberflächlich und zu gewollt

Dem Druck der Stadt entfliehend, in der auch ein Akademikerpaar sich nicht mehr ohne weiteres ein eigenes Haus leisten kann, ziehen Jana und Noah mit ihren beiden kleinen Kindern aufs Land. Ihr neues Eigenheim: ein Haus in einer sorgfältig geplanten Neubausiedlung, ein Trampolin in jedem Vorgarten. Jana hat im Frust über die Reaktion ihrer Chefin auf ihre erneute Schwangerschaft ihren Job in einer Marketingagentur überstürzt gekündigt, sehr zu Noahs Missfallen, denn ein Kredit für das Haus, ist abzubezahlen, das dritte Kind unterwegs und das Geld nur mit Noahs Lehrergehalt knapp.

Trotz ihrer neuen Freiheit während Louis und Ella im Kindergarten sind, fühlt sich Jana in ihrem neuen Zuhause seltsam fremd, Siedlung und Ort wollen noch nicht zu ihr passen und lösen keine Zugehörigkeit bei ihr aus. In dieses Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit tritt plötzlich Nachbarin Caro. Attraktiv, charismatisch, immer hilfsbereit zieht sie Jana sofort in einen seltsamen Bann. Scheinbar spielend scheint Caro Alltag, Beziehung und Mutterschaft zu meistern, all das, was Jana zunehmend mehr abverlangt und herausfordert.

Stück für Stück tritt Jana in Caros Leben ein, ihren Freundinnenkreis, der auch ihrer werden wird, und erhält Einblicke in ihr Familienleben. So lernt Jana nicht nur neue Freundinnen kennen, sondern auch eine Lebenswelt, die ihr zunächst vollkommen fremd ist und doch in ihrer gelebten Selbstverständlichkeit und scheinbaren Funktionalität eine seltsame Anziehung auf sie auswirkt. Janas alte Überzeugungen werden zunehmend in Frage gestellt und provozieren tief greifende Veränderungen in Jana selbst, aber auch ihrer Beziehung.

Hannah Lühmann gibt in Heimat Einblicke in ein Milieu aus Tradwifes, AfD-Aktivisten, Kirchentreuen und Pro Life Bewegung und zeigt dabei auf wie subtil und selbstverständlich diese gerade in ländlichen Regionen ihre Ideen verbreiten und anschlussfähig werden können. Wirklich gelungen ist der Aspekt, wie dies jenseits von Aktivismus allein darüber funktioniert, indem das Milieu funktional Lücken besetzt, die von gesellschaftlichen Entwicklungen forciert entstanden sind und vermeintliche Antworten auf Herausforderungen der Gegenwart liefert. Dorffeste für Zusammenhalt, Freizeitangebote, Kinderbetreuung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Insgesamt konnte mich der Roman jedoch nicht vollständig überzeugen. Die Charaktere wirkten auf mich nicht immer authentisch. Dass Jana trotz ihres Jobs im Marketing, als aufgeklärte Frau mit fast 40, noch nie von der Tradwife-Bewegung gehört haben soll, war für mich schwer vorstellbar, wie auch ihre Unbedarftheit mit und Faszination für Caro. Das Landleben wird in einem sehr speziellen Ausschnitt dargestellt, den es vielleicht an einigen Orten geben mag, mit dem Dorfleben, das ich kenne, jedoch eher wenig zu tun hat. Auch dass Jana trotz Job im Vorfeld, nicht ALG1 beantragt sondern Bürgergeld erhält, war für mich nicht nachvollziehbar und wirkte, als ob nun eben einfach das Bürgergeld auch noch untergebracht werden soll. Dass es hier Nachzahlungen für vergangene Monate gibt, mag der Fantasie der Autorin entsprungen sein, denn es gilt das Antragsdatum. Bei solch sensiblen Themen würde ich mir mehr Faktentreue wünschen.

Der Roman ist kurzweilig und liest sich flott weg, verbleibt jedoch an der Oberfläche und wirkt gewollt in der Botschaft und den Themen, die er erzählen möchte, was zu Lasten der Authentizität geht und nicht wirklich originell wirkt.

Heimat taugt daher als Roman für zwischendurch, aufgrund fehlender Tiefe jedoch nicht als Gesellschaftskritik.

Bewertung vom 31.10.2025
Knightley, Keira

Ich hab dich ganz genauso lieb


gut

Wunderschön gezeichnet, liebevolle Botschaft

Schauspielerin und nun auch Kinderbuch-Autorin Keira Knightley erzählt in - Ich hab dich ganz genauso lieb - von den Veränderungen für die ganze Familie, aber eben besonders auch das erstgeborene Kind, wenn ein Geschwisterkind die Familie vergrößert. Neid und Verlustängste vermischen sich angesichts des Raums, den das Neugeborene einnimmt und die Protagonistin der Geschichte versucht nach anfänglichen Schwierigkeiten Stück für Stück in ihre neue Rolle als große Schwester hineinzuwachsen. Dabei begleiten wir sie in eine magische Traumwelt, die die kindliche Fantasie beflügelt und in der einige Abenteuer auf sie und Babyschwester Lily warten.

Das Eindrücklichste und Auffälligste sind in diesem Kinderbuch für mich die wunderschönen Illustrationen der Geschichte, die im A4 Format besonders gut zur Geltung kommen. Sowohl zeichnerisch als auch in der Farbgestaltung wirken die Bilder sehr harmonisch, fast schon künstlerisch. Ein echtes Highlight für das Auge! Es lohnt sich fast die Geschichte allein über die Zeichnungen zu verfolgen. Allerdings strahlen die Zeichnungen eine gewisse Reife aus, die gerade jüngere Kinder überfordern könnte. Im Ästhetikempfinden richten sie sich für mich eher an ältere Kinder und Erwachsene.

Sprachlich konnte mich das Buch nicht ganz überzeugen. Die Geschichte und der Ausdruck wirken an einigen Stellen nicht ganz rund und etwas holperig, was irgendwie schade angesichts der schönen Gestaltung der Seiten ist.

Insgesamt ist - Ich hab dich ganz genauso lieb - eine tolle Idee, die zeichnerisch kunstvoll umgesetzt wurde, mich im Erzählen und Ausdruck jedoch nicht vollkommen überzeugen kann. Für jüngere Kinder ist die Erzählung aus meiner Sicht zu komplex und die Zeichnungen zu künstlerisch. Ein Highlight im Bücherregal ist das Buch mit dem wunderschönen Cover jedoch allemal!

Bewertung vom 30.10.2025
Tsumura, Kikuko

Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen


sehr gut

Ein einfühlsamer, kurzweiliger Einblick in die japanische Arbeitswelt und den Weg aus einem Burn Out

Die Ich-Erzählerin in - Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen - ist in ihren Dreißigern und kämpft noch immer mit den Nachwirkungen ihres arbeitsbedingten Burn Outs. Dieser hat sie gezwungen wieder bei ihren Eltern einzuziehen und ihr Verhältnis zur Arbeit neu zu überdenken. Doch welchen Job möchte und kann sie überhaupt ausführen und dabei gesund bleiben? Auf genau diesem Weg und ihrer Probezeit in verschiedenen Jobs begleitet der Roman die Ich-Erzählerin. Jeder Arbeitsversuch bildet ein eigenes Kapitel und wirkt fast wie eine eigene kleine Kurzgeschichte.

Dabei erfährt die Leserin nicht nur viel über die Ich - Erzählerin sondern erhält ebenso Einblicke in verschiedene Arbeitsbereiche und Abhängigkeitsbeziehungen darin in der modernen japanischen Arbeitswelt. Immer wieder baut die Autorin surreale, fast märchenhafte Elemente in die Erzählung ein, die so dem Erleben der Ich-Erzählerin und der Geschichte trotz aller Schwere eine gewisse Leichtigkeit verleihen. In jeder Geschichte geht die Autorin zudem über die Arbeitswelt und Ich-Erzählerin hinaus und zeichnet ein zuweilen nachdenklich machendes Bild der japanischen Gesellschaft und dem Arbeitsethos darin auf.

Den Rahmen jedes Kapitels und Arbeitsversuchs bildet die Frage nach dem Verhältnis des Individuums zur Arbeit in modernen kapitalistischen Gesellschaften. Entfremdung und Identifikation als zentrale Konzepte behandelt die Autorin fast schon spielerisch, ebenso die Herausforderung für das Individuum in diesem Spannungsfeld eine Balance zu finden. Das Ende war für mich jedoch nicht ganz schlüssig und angesichts der zuvor in der Handlung aufgezeigten strukturellen Probleme im Arbeitsmarkt zu seicht und unkritisch.

Sprachlich überzeugt die Autorin mit einem sanften, liebevollen und wachen Blick in das Innenleben ihrer Protagonistin, das sie in einer ganz eigenen Mischung aus Nüchternheit und Empathie in der Sprache ausleuchtet.

Lasst mich einfach hier Sitzen und Yakisoba essen, ist ein langsames, fast schon zartes und meditatives Buch, das eine verwundete Seele beim Heilen begleitet und zum Nachdenken über das Verhältnis von Arbeit und Individuum in modernen Gesellschaften anregt.

Bewertung vom 20.10.2025
Yueran, Zhang

Schwanentage


ausgezeichnet

Träume gehören zu den Privilegien der Reichen

In Schwanentage eröffnet Zhang Yueran einen seltenen und oft verborgenen Blick in die chinesische Gesellschaft, ihre Oberschicht und die ungeschriebenen Regeln des sozialen Miteinanders, ebenso wie des mächtigen Einparteienstaats.

Protagonistin Yu Ling ist seit vielen Jahren Kindermädchen des 7 Jährigen Kuan Kuan in einer wohlhabenden, einflussreichen chinesischen Familie: die Mutter Künstlerin und Tochter eines einflussreichen Funktionärs, der Vater erfolgreich in der Wirtschaft, nicht zuletzt dank der Kontakte des Schwiegervaters. Als Yu Ling sich unter Einfluss ihres Partners auf eine Entführung Kuans Kuans einlässt, um selbst am Wohlstand zu partizipieren, wird zeitgleich der mächtige Großvater und mit ihm die ganze Familie in einen Korruptionsskandal verwickelt und Yu Lings Plan nimmt eine vollkommen unerwartete Wendung.

Über Yu Lings Leben in der Familie vermittelt der Roman Einblicke in die Welt der (städtischen) chinesischen Oberschicht, und der besonderen Rolle von Angestellten, oft aus ländlichen Regionen, darin. Eine Illusion von Zugehörigkeit umgibt Yu Ling durch ihre Partizipation am Lebensstil der Familie, Limousinen, teuere Theaterplätze und doch ist nichts davon ihre eigentliche Welt und kann ihr jederzeit mit einem Schlag genommen werden. Die Illusion von Zugehörigkeit zerplatzt so regelmäßig, wenn Angestellte wie Yu Ling auf sich selbst und ihre Herkunft im Klassensystem zurückgedrängt werden. Wie ein falsches Leben in Widersprüchen wirkt Yu Lings Existenz: Nähe und vollständige Abhängigkeit, in Verbindung mit dem Klassensystem ein Leben in unbegreiflicher Fallhöhe, vermeintlicher Luxus, jedoch ohne echte Freiheit.

Die Klassenunterschiede werden dabei insbesondere auch im Kontrast von Yu Lings Familie und der der Hausherrin überdeutlich. Die Rolle als Frau der Arbeiterschicht ist gezeichnet von (männlicher) Gewalt und Entbehrungen, und dies über Generationen hinweg, sodass dies in Yu Lings Umfeld bereits als völlige Normalität gilt.

Am Beispiel der Hausherren zeichnet Yueran wiederum den Aufstieg von Funktionären nach und gibt Einblicke in die Mechanismen von Macht und Herrschaft im modernen China.

Seite für Seite arbeitet die Autorin so in der Geschichte um Yu Ling und ihre Arbeitgeber heraus, wie Klassenschranken im Einparteienstaat China wirken und wie gleichzeitig Frauen in jeder Klassenlage in dem patriarchal geprägten System diskriminiert werden. Besonders erhellend sind dabei die Narrative, die Yueran pointiert aufdeckt und mit denen sowohl Frauen der Arbeiterklasse als auch der Funktionärseliten ihre Rolle im System internalisiert haben und diese kaum in Frage stellen.

Dass all dies so eindrucksvoll gelingt, ist auch der besonderen, schnörkellosen Sprache der Autorin zu verdanken, die distanziert und zugleich mit Tiefe und analytischem Blick die Abhängigkeiten, Zwänge und Möglichkeiten nach Herkunft, Klassenlage und Geschlecht ausleuchtet.

So wird der Roman, der als Entführungsgeschichte beginnt, zu einem Lehrstück über die Funktionsweise der chinesischen Gesellschaft und der Rolle von Frauen darin. Absolute Empfehlung!

Bewertung vom 01.10.2025
Gerhardt, Sven;Dulleck, Nina

Der OktoBus auf großer Fahrt


ausgezeichnet

Kurzweiliges Lese- und Bilderbucherlebnis: liebevoll erzählt und wundervoll gezeichnet, wie ein Regenbogen

Was für ein tolles Kinderbuch! Der Oktobus unternimmt eine Reise, sein Fahrer Otto der Oktopus, ebenso wie die Tiere an jeder Haltestelle sind in freudiger Erwartung auf ihr Ziel. Doch dieses Ziel rückt beim Lesen angenehm in den Hintergrund, denn das Entdecken der Passagiere, ihre Zeichnung und Charakterisierungen sind bereits ein Erlebnis für sich, das jede Seite zu einem Vergnügen macht. Egal ob Otto selbst oder Gerlinde die Giraffe, Carlo das Chamäleon, Krokodil Friedhelm, Ingo Flamingo, Faultier Fanni oder Dackel Rudi, jedes Tier wird in seinen Besonderheiten liebevoll beschrieben. So wird die Geschichte zu einem wundervollen Symbol für den Wert von Vielfalt. Der geschickt eingebundene Hinweis auf die unpünktliche Bahn, bringt darüber hinaus sicher auch vorlesende Eltern zum Schmunzeln.

Sowohl die Geschichte als auch die wundervollen Illustrationen überzeugen auf ganzer Linie. Hier fallen nicht nur die liebevoll gezeichneten Tiere auf, sondern auch die Farbwahl ist von allen Farben des Regenbogens bestimmt und sorgfältig aufeinander abgestimmt, sodass jede Seite für sich ein kleines Erlebnis und Augenschmaus ist. Das Buch lädt so neben dem Lesen auch zum Entdecken ein, fast wie ein Wimmelbild.

Der Oktobus auf großer Fahrt ist ein ebenso liebevoll erzähltes, wie wundervoll gezeichnetes Buch zum Vorlesen und Entdecken!