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Edda
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MAgdeburg
Über mich: 
Leseratte und dabei nicht gerade auf ein Genre festgelegt, Wenn das Buch in einem guten Schreibstil geschrieben ist und man den Autor in seinen Sätzen wieder findet, dann hat mich das Buch schon gefangen ^^

Bewertungen

Insgesamt 2 Bewertungen
Bewertung vom 25.08.2013
Gott ist kein Zigarettenautomat
Gerhards, Matthias

Gott ist kein Zigarettenautomat


sehr gut

„… denn die Hölle ist kein Ort, sondern eine Ansammlung von beschissenen Ereignissen.“

Gerhards entführt uns in die Achtziger und ins Rheinische. Thomas Sieben lebt mit seinem älteren Bruder Jakob, seiner Schwester Petra und seiner Mutter im idyllischen Schillbach. Ein Örtchen das sich im Braunkohleplangebiet befindet, was nichts anderes bedeutet, als das die Braunkohle AG das Dorf irgendwann umsiedeln könnte um dort den Abbau von Braunkohle zu erweitern. Doch diese mögliche Veränderung geht an Thomas vorbei. Gleich zu Beginn des Romans verstirbt sein großer Bruder und mit Verlauf der Geschichte wird deutlich, das das Leben es auch sonst nicht besonders gut mit ihm meint. Von falschen Beschuldigungen und ein Leben mit Sozialhilfe (und dem folgendem Ansehen in Schillbach) bis hin zu den blöden Situationen, (oder besser zur-falschen-Zeit-am-falschem-Ort) scheint es nicht besser für ihn zu laufen. Gott ist kein Zigarettenautomat, also purzelt auch nichts für ihn aus der Kollekte....
Gerhards selbst ist in einem rheinischen Dorf aufgewachsen und hat bis zum Wechsel auf das Gymnasium eine Hauptschule durch lebt. Seine Erfahrungen, mehr oder minder positiv, spürt man in den Erlebnissen des Protagonisten. Dieser wird nicht gerade vom Glück verfolgt. Das Leben mit einer labilen Mutter und fortan irgendwie mit seiner Schwester irgendwie auf sich allein gestellt wirkt sich auf den Leser aus. Man fühlt mit Thomas mit, leidet unwillkürlich und erwischt sich selbst bei einem mitleidigen Lächeln wenn das Leben einfach keine guten Momente für Thomas zu kennen scheint. Der katholische Glaube des Jungen gerät ins Wanken und man kann es ihm kaum verübeln. Wirklich beeindruckt bin ich von Gerhards Leistung das etwas langsamere Denken von Thomas darzustellen. Der Hauptschüler konzentriert sich bei Gesprächen mit anderen Menschen eher auf die Umgebung und als Leser wird man von dieser träumerischen Art mitgerissen und ist selbst mit Tauben und Bäumen beschäftigt, obwohl das im Roman stattfindende Gespräch entscheidend für die Geschichte sein könnte.
Ein weiteres sensibles aber spannendes Thema, das Gerhards verarbeitet, ist die Umsiedlung eines Dorfes. Die andauernde Bedrohung durch den Braunkohleabbau schwingt im Hintergrund mit und die Verunsicherung der Dörfler, sowie die Bürokratisierung eines Gefühls, das man mit 'Zuhause' verbindet, zeichnet Gerhards wunderbar kritisch. Auf der einen Seite Thomas, der sich nicht sicher ist, ob ihm die Umsiedlung egal sein sollte und auf der anderen Seite die Diskussionen darüber, das ein Gutachter den Wert des eigenen Grundstückes festlegen wird.
Sehr spannend und ein etwas anderes aber mutiges Thema für einen Roman. Es hat mich sehr überrascht und direkt mit gerissen!

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