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Benutzername: 
Uwe Kirstein
Wohnort: 
Eisenach

Bewertungen

Bewertung vom 13.03.2025
Göttliches fühlen
Leibrock, Felix

Göttliches fühlen


ausgezeichnet

Göttliches Fühlen – Emotionales Erleben als Weg zum Glück

Ein berührendes Buch, das verbindet

Ein berührendes Buch, das verbindende Elemente zwischen den Religionen, aber auch beispielsweise zwischen Gläubigen und Atheisten anschaulich darstellt und verschiedene Betrachtungsweisen aufzeigt, warum uns bestimmte Ereignisse emotional anrühren.
Felix Leibrock schöpft aus seinem reichen Erfahrungsschatz, den er durch seine Tätigkeiten als evangelischer Pfarrer, als Seelsorger, als Autor zu Themen wie Religionen und Emotionen erworben hat.
Er zeigt uns auch durch viele persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, die die meisten von uns sicher nachvollziehen können, was Emotionen mit uns machen können und wie unterschiedlich z.B. das gleiche Ereignis von verschiedenen Menschen auf Grund ihrer Erfahrungen, ihres Glaubens oder eben Nichtglaubens empfunden, bewertet und verarbeitet wird. Das kann die Empfindung beim Betreten einer Kirche sein, wenn vielleicht gerade Orgelmusik erklingt oder Choräle gesungen werden, die wahrscheinlich bei den meisten Menschen eine Emotion (einen Gänsehautmoment) auslöst, sei er nun gläubig oder nicht.
Das kann aber auch ein Unfall sein, bei dem man unversehrt aus dem Auto aussteigt und beim Anblick des Fahrzeuges denkt, wie bin ich da denn lebend rausgekommen. Ein gläubiger Mensch wird sicher denken, Gott hat mich beschützt, während ein Atheist im wahrsten Sinne des Wortes ungläubig staunt und denkt - Glück gehabt.
Obwohl kein gläubiger Mensch, konnte ich vieles aus diesem Buch in meinem Leben und meinem literarischen Background wiedererkennen. Dazu hat z.B. beigetragen, dass ich die meisten der vom Autor zitierten Bücher selbst gelesen und mal die gleichen und mal ganz andere Erkenntnisse daraus gewonnen habe.
Ich will ein Beispiel zum Kapitel Sehnsucht nennen: Während eines wunderbaren Literaturabends, in einer kleinen Kirche in Oberweimar, zu seinem Buch: Wenn der Sommer kommt, tanzen die Träume, erzählte der Autor, warum er seine Protagonistin in dem Buch Selma genannt habe. Zum einen als Hommage an die Autorin Selma Lagerlöf und zum anderen als Hommage an das jüdisches Mädchen Selma Meerbaum-Eisinger, das mit 17 Jahren in einem Arbeitslager der Nazis 1942 umgekommen war und das ihn durch seine Lyrik zum Thema Sehnsucht berührt habe. Die Gedichte des jüdischen Mädchens sind durch glückliche Umstände gerettet worden und in dem Buch: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, 1980 erstmals veröffentlicht worden. Es ist auch für mich zu einem der beeindruckendsten Bücher zu den Themen Liebe, Sehnsucht, Emotionen in Lyrikform geworden und ich bin sehr dankbar für diese Empfehlung. Natürlich hat Selma Eingang in das vorliegende Buch gefunden (Seite 110).
Mich beeindruckt wie immer die einfühlsame Schreibweise und mir erscheint das Buch wie eine logische Fortsetzung anderer Werke des Autors. Ich entdecke viele Bezüge zu früheren Büchern. Zum Thema Religionen beispielsweise zu seinem Buch: Weg zur Quelle - Was uns die Weltregionen sagen, das in sehr verständlicher Sprache Gemeinsamkeiten und Unterschiede der großen Weltreligionen übersichtlich darstellt. Oder eben das oben erwähnte Buch: Wenn der Sommer kommt, tanzen die Träume, eine wunderbar erzählte Geschichte zum Thema Hoffnung.
So finden sich noch viele Verknüpfungen zu früheren Werken des Autors, selbst in seinen Kriminalromanen finden sich ja viele Bezüge zu Themen wie Religion, Gefühle, Emotionen u.v.m.
Ich habe das vorliegende Buch gelesen als ein Augen öffnendes und zum Nachdenken anregendes Werk, als einen Aufruf, Gefühle zuzulassen, Emotionen zu zeigen, auch wacher zu sein gegenüber den Nöten anderer und auch als Aufruf zu Toleranz im Umgang miteinander, wenn unser Gegenüber vielleicht auf Grund seines Glaubens, eines gerade empfundenen Schmerzes oder angesichts eines Verlustes andere Reaktionen und Emotionen zeigt, als die, die man erwartet.
Ein lohnenswertes Buch, das man, auch in einzelnen Abschnitten, immer wieder zur Hand nehmen kann.