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Bewertungswiesel

Bewertungen

Insgesamt 47 Bewertungen
Bewertung vom 01.04.2025
Der Junge aus dem Meer
Carr, Garrett

Der Junge aus dem Meer


sehr gut

Dieses Debüt hat einen flüssigen Schreibstil, die Hauptfiguren sind wunderbar charakterisiert, es hat Spaß gemacht, ihr Romanleben zu verfolgen. Der gefundene Junge Brendan erlangt in seiner Kindheit geradezu biblische Aufmerksamkeit, der leibliche Sohn leidet unter quälender Eifersucht. Etwas irritiert hat mich der allwissende WIR-Erzähler, der das irische Dorf repräsentiert und jede Menge Bewohner quasi wie Statisten erwähnt, von denen sonst kaum etwas oder gar nichts erzählt wird. Es soll damit wohl das Gemeinschaftsgefühl dargestellt werden, das in Donegal zur Zeit des Geschehens lebendig war. Mir wären Dialoge mit einzelnen Dorfbewohnern lieber gewesen. Das Thema Fischerei ist außergewöhnlich detailliert recherchiert und beschrieben, auch der Wandel durch den Eintritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Viele Wörter musste der Übersetzer durch ein deutsches Wort austauschen, das mir ebensowenig bekannt war, also wohl aus dem Fachbuch für Schiffskundige und Fischer. Auch wenn diese Passagen recht spannend geschrieben waren, kam die Familie, die Schwestern Christine und Phyllis mit dem alten Vater und der Sohn mit dem Adoptivbruder etwas kurz. Hier hätte für meinen Geschmack noch mehr Spannung aufgebaut werden können. Wer sich mit der irischen Westküste und dem Meer verbunden fühlt, wird mit diesem Buch glücklich.

Bewertung vom 19.03.2025
Schweben
Ben Saoud, Amira

Schweben


sehr gut

Mit dem futuristisch gestalteten Buch ist Samira Ben Saoud ein phantasievolles Debüt gelungen. Überlebende des Klimawandels haben sich in nahezu komplett isolierte Siedlungsgemeinschaften aufgespalten. Es handelt sich offenbar um eine nicht übermäßig überwachte Diktatur mit den zu erwartenden widersprüchlichen Regeln. Einerseits herrscht ein sogenanntes Gewaltverbot, andererseits geschehen Morde und Fälle von Verschwinden, deren Aufklärung niemanden interessiert. Die Versorgung mit Gütern erfolgt über LKW, die kontaktlos liefern. Die Fahrer wissen nichts über die Menschen in den Siedlungen. Für alle anderen ist es unmöglich, ihr Siedlungsgebiet zu verlassen und zurückzukehren, jeder Versuch ein Selbstmord. Eventuelle Eindringlinge würden auf Anweisung der für Gewaltfreiheit plädierenden Obrigkeit getötet, Aber es gibt keine. Offensichtlich arrangieren sich fast alle mit einer derart eingeschränkten Lebensweise und überschreiten nicht die weiße Linie. Es existiert auch ein Vergangenheitsverbot, dennoch erhalten die Bewohner Zugang zu einem Naturkunde-Museum, es taucht sogar ein tatsächlich funktionierendes Endgerät für Videos auf.
Das gesamte Setting ist faszinierend beschrieben, auch die Hauptfigur, die ihren Namen nicht kennt, und ihr besonderer Beruf. Über viele Seiten hat mich die Handlung mitgerissen. Ich konnte mich in die Frau, deren Job das Weiterführen gescheiterter Beziehungen ist, hineinversetzen, die Beziehungen, die sie nachstellt, und die, die sie nicht eingeht. Etwa nach der Hälfte bei Kapitel 30 kommt jedoch ein Kipppunkt. Wahrscheinlich soll es ab da richtig spannend werden, mir persönlich wird es zu absurd, die Vorkommnisse unlogisch. Die Grenze verwischt irrational, und damit verpuffen all die interessanten Fragen über Identität und die Existenz des einzelnen in einer existentiell bedrohten Lebensform.
Wer Untergangs-Szenarien mag, wird Freude an diesem Buch haben, sollte allerdings nicht davor zurückschrecken, physikalische Gegebenheiten zu ignorieren!

Bewertung vom 03.03.2025
Die Summe unserer Teile
Lopez, Paola

Die Summe unserer Teile


sehr gut

Das Cover verbirgt mehr, als es zeigt, was schon darauf hindeutet, dass es dunkle Bereiche in der Vergangenheit gibt, die es zu ergründen gilt.
Wir begleiten drei Frauen über drei Zeitebenen durch mehrere Länder: Tochter Lucy, Mutter Daria und Großmutter Lyudmila - Wissenschaftlerinnen. Hochintelligent, aber eher weniger kommunikationsstark. Vor allem nicht im Umgang miteinander. Vermutlich, weil sie gar keine gemeinsame Muttersprache haben.
Das Buch lässt sich leicht lesen und ist auch recht spannend. Mir gefällt die Eingangsszene mit dem Konzertflügel, der enorme Beklemmungen in Lucy auslöst. Schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen bieten einen nahrhaften Boden für tiefgründige Familiengeschichten. Allerdings gibt es ein paar Unstimmigkeiten im Handlungsverlauf. Auf den Spuren ihrer quasi unbekannten, bereits verstorbenen Großmutter reist Lucy allein nach Polen. Das erscheint mir wenig logisch, denn der einzige Anhaltspunkt, den sie hat, ist ein Ferienort, an den die Großmutter mit zwölf Jahren zu ihrer Tante abgehauen sein soll. Natürlich gibt es an diesem Ort auch keine näheren Hinweise. Aber Lucy folgt einem Zugschaffner namens Wladek, der ihre Sprache spricht, und erzählt ihm nach nur drei Sätzen von dem Problem mit ihrer Mutter. Das kann in einem Stadium tiefer Verzweiflung vielleicht passieren, unrealistisch ist aber, dass Wladek sich davon nicht abschrecken lässt.
Die beste Freundin Phil und Lucys Mitbewohner Oliver sind zwei weitere Figuren, die mir nicht sehr authentisch erscheinen, eher aus dramaturgischen Gründen entwickelt, aber in ihrer Unterstützung etwas wankelmütig.
Nicht auszuklammern als tragende Figuren im Hintergrund: die Ehemänner/ Väter! Robert ist der am wenigsten kommunikative Akteur in der Familie, unterdrücktes Opfer der starken Frau Daria?
Insgesamt gesehen ein Buch für alle, die Interesse an komplizierten Lebensgeschichten haben. Kein Geschenk zum nächsten Muttertag!

Bewertung vom 02.03.2025
Hase und ich
Dalton, Chloe

Hase und ich


ausgezeichnet

Das wiesengrüne Buch wirkt optisch wie ein Kinderbuch aus früheren Zeiten. Schlägt man es auf, sieht man eine detaillierte Zeichnung des Schauplatzes, auch jedes der 15 Kapitel wird von einer weiteren Zeichnung und einem alten Vers über Hasen eingeleitet. Nun wimmelt es ja gerade zur Osterzeit von mehr oder weniger unsinnigen Kinderbüchern mit vermenschlicht dargestellten, Eier bemalenden Hasen. Dieses Buch ist völlig anders und auch kein Kinderbuch.
Die Autorin erzählt mit viel Gespür für Feinheiten von ihrer gemeinsamen Zeit mit einem geretteten Hasen. Natürlich besteht bei einem solchen Thema die Gefahr der Rührseligkeit. Einige Tierfreunde in einer solchen Situation hätten dem Hasen wohl ziemlich bald einen Namen verpasst, sein Geschlecht erkundet, es vielleicht als ihren Besitz, ihr neues Haustier zum Tierarzt geschleppt.
Was dieses Buch so angenehm macht, und dem empfindlichen Wildtier vermutlich überhaupt das Weiterleben ermöglicht: Chloe Dalton verzichtet auf all das und gewährt dem Tier nur die Hilfe, die es anfangs braucht, und den Freiraum für sein weiteres artgerechtes, wenn auch ungewöhnliches Leben. Die Geschichte wird trotz der reduzierten Handlung mit sehr wenigen Akteuren nicht langweilig, denn die Autorin hat jede Menge spannende Fakten und auch einige Mythen über Feldhasen zusammengetragen, sie ist eine genaue Beobachterin und kann so ihr Erlebnis im lebendige Worte fassen.
Es lohnt sich für uns alle, dem Thema Aufmerksamkeit zu schenken, fördert die Achtsamkeit in der Natur und bereichert diejenigen, die sich darauf einlassen. Beim Lesen stellt sich eine tiefe Entspannung ein, die perfekte Loslösung vom Alltag!

Bewertung vom 22.02.2025
Russische Spezialitäten
Kapitelman, Dmitrij

Russische Spezialitäten


ausgezeichnet

Zentrales Thema ist die pro-russische Gesinnung der Mutter des in Kiew geborenen Ich-Erzählers. Seine Perspektive bleibt durchgehend die einzige, ungewöhnlich für Neuerscheinungen.
Wir lesen hier die anekdotenreiche und zugleich feinfühlige Bestandsaufnahme einer jüdischen Kontingentflüchtlingsfamilie von den 90ern bis heute.
Der Roman besteht aus zwei Teilen. Der erste ist deutlich ausschweifender, sehr humorvoll, gespickt mit viel Ost-algie. Der zweite, direkt aus dem Kriegsgebiet, ging mir sehr nah, dennoch hochinteressant.
Der Protagonist beherrscht die russische Sprache, nicht aber das angesichts der Lage angemessenere Ukrainisch.
Die Aktualität des Themas lässt einem das berüchtigte Blut in den Adern gefrieren.
Sogar für die Motive der Putin-Anhängerin gibt es den Versuch einer Erklärung.
Der Autor dieses sehr originell fishy erscheinenden Buches ist ein Meister der Wortspielereien. Er kreiert eine sprachliche Neuschöpfung nach der anderen, spart aber auch nicht an gekonnt eingesetzten Wiederholungen. Es gelingt ihm zum Beispiel, das Adjektiv russisch bis zu sieben mal in einem Absatz unterzubringen. Der Handlungsstrang selbst wirkt ziemlich reduziert, die hin und zurück schwingenden Zeitebenen lassen sich manchmal nicht sofort voneinander trennen.
Mich hat dieser Schreibstil zunächst begeistert, zur Mitte hin auch etwas angestrengt. Der zweite Teil ist meiner Ansicht nach der stärkere, lebendig und mitreißend. Der Humor tritt nun zu Recht in den Hintergrund.
In dieser innovativen Form offenbaren sich Inhalte, die Westeuropa größtenteils so noch nicht wahrgenommen hat, trotz aller Berichterstattungen über Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Leser, denen die politische Debatte über den Krieg nicht genügt, erhalten mit diesem Roman die Chance, die Mentalität der Ukrainer etwas besser kennenzulernen.

Bewertung vom 08.02.2025
Achtzehnter Stock
Gmuer, Sara

Achtzehnter Stock


sehr gut

Das traumhafte Cover mit nur einer kleinen Ecke Haus und ganz vielen Wolken könnte nicht passender gewählt sein. Mit authentischer Darstellung der Hausbewohner und außerordentlich prägnanten Sätzen schafft Sara Gmuer genau die Atmosphäre, die es braucht, um einerseits prekären Alltag zu beschreiben, und zugleich Raum für Träume zu lassen.
Solange wir uns im Milieu der unteren Gesellschaftsschichten bewegen, überzeugt das Buch komplett. Wanda stellt eine vielschichtige Identifikationsfigur dar, die das Beste für ihr Kind will, es aber dennoch, oder gerade deshalb, der Verwahrlosung aussetzt. Aylins Mama… das Fehlen eines Vornamens ist ihre zentrale Charaktereigenschaft. Sie ist bodenständig, immer da, stellt das Gegen-Modell einer alleinerziehenden Mutter, einer mit ausschließlichem Fokus auf das Kind dar.
Leider erlebe ich den Wechsel in die Szenerie der Filmwelt als etwas holprig, die hier beschriebenen Personen bleiben eindimensional, agieren oft unlogisch, die Handlung wirkt unglaubwürdig, alles ist selbst für eine Filmproduktion zu irreal. Ich konnte nicht richtig in die weitere Handlung eintauchen. Vielleicht soll es einfach eine Hommage an nicht aufgegebene Träume sein. Eine schöne Idee, mit einer aber nicht ganz schlüssigen Erzählweise. Zu Beginn ein Sozialdrama, neigt das Buch im weiteren Verlauf zu einer absurden Tragikomödie.
Dies ist vor allem ein Buch für Mütter!

Bewertung vom 01.02.2025
Halbe Leben
Gregor, Susanne

Halbe Leben


ausgezeichnet

Dieses Buch zeigt außen ein idyllisches Gemälde, inhaltlich stellt es ein kunstvolles Werk mit deutlich mehr Abgründen dar, das sich auf die soziale Ungleichheit innerhalb Europas fokussiert.
Paulína ist 38, Mutter, berufstätig. Klara ist auch 38, auch Mutter, auch berufstätig. Jedoch unterscheidet sie nicht nur die geographische Region, in der sie aufwuchsen. Paulína verdient in der Slowakei in der Krankenpflege so wenig, dass sie keine andere Möglichkeit sieht, als in Österreich jeweils zwei Wochen des Monats rund um die Uhr eine alte Dame nach deren Schlaganfall zu betreuen, Das bedeutet, ihre zehn und sechzehn Jahre jungen Söhne in der Obhut der Schwiegermutter zu lassen. Der Vater arbeitet ebenfalls im Ausland. Die Österreicherin Klara hingegen ist eine sehr erfolgreiche Architektin, die den Unterhalt für die gesamte Familie erwirtschaftet, wobei noch reichlich Geld übrig bleibt. Weil sie solch eine Freude an ihrer Arbeit, und so wenig Interesse an der Betreuung der eigenen Tochter und kranken Mutter hat, engagiert sie Paulína über eine Agentur. Sie und ihr freiberuflich als Fotograf tätiger Ehemann verstehen sich selbst als Wohltäter, indem sie immer wieder Umschläge mit Geld anbieten, um zusätzliche Dienstleistungen zu erkaufen. Paulína entfremdet sich mehr und mehr von ihrer eigenen Familie - und fühlt sich komplett unverstanden in der neuen. Klara hingegen sieht das Verhältnis als eine Art Freundschaft.
Es ist der Autorin hervorragend gelungen, die einzelnen Figuren zu porträtieren. Ihr Schreibstil ist packend und wird dem schwierigen Thema in vollem Umfang gerecht. Besonders deutlich wird das durch die wechselnden Perspektiven, inneren Monologe und Verzicht auf wörtliche Rede. Mich hat dieses Buch sehr beschäftigt.
Natürlich ist es nicht nur ein Buch über das sogenannte Ost- und Westeuropa, sondern dreht sich vor allem auch um die Rolle der Frauen. Es sind hier eben sie, die die Familien zusammenzuhalten versuchen, und dennoch sind sie oft die weniger beliebten bei den Kindern.
Ich empfehle dieses Buch dementsprechend ganz besonders Männern:)

Bewertung vom 12.01.2025
Drei Wochen im August
Bußmann, Nina

Drei Wochen im August


ausgezeichnet

Das Buch präsentiert sich mit einem ziemlich unbeschwerten Cover, zwei Frauen am Pool. Auf dem zweiten Bild sind sie näher beieinander.
So ähnlich hat sich die Hauptperson Elena, eine der beiden Erzählerinnen das wohl vorgestellt, als sie ihr Kindermädchen Eve, die andere der beiden Erzählerinnen, bat, mit ihr und drei Kindern in ein Ferienhaus an der Atlantikküste zu fahren. Sie sieht Eve mehr wie eine Freundin. Tatsächlich werden die beiden im Lauf des Romans ganz subtil zu einer Art Konkurrentinnen.
Es schweben dunkle Wolken über der Atlantikküste. Es gibt Großbrände ganz in der Nähe. Die Freundin, der das Ferienhaus gehört, liegt im Sterben.
Die schrullige dreizehnjährige Tochter Linn mit ihrer ungleichen Freundin Noémie, an einem gemeinsamen Roman schreibend, heitern die Stimmung nicht auf. Sie kennen sich von einem Klinikaufenthalt. Selbst der kleine Bruder wird als Problemfall charakterisiert.
Und dann gibt es noch den Hausmeister, auch ein enger Freund der Sterbenden. Zwei ungebetene Gäste tauchen auf, Franz mit der vierzehnjährigen Marla, die die Tochter einer früheren Freundin sein soll.
Was genau hinter all dem steckt, weiß die Autorin sehr intensiv und atmosphärisch gelungen anzudeuten. Obwohl eine Handlung kaum vorhanden ist - Nicht-Weiterlesen wird an keinem Punkt zu einer Option.
Welche Rolle spielt der zu Hause gebliebene Ehemann von Elena?
Was genau sucht Elena?
Was stimmt mit Linn nicht?
Warum macht Eve hier überhaupt mit?
Wie stehen Franz und Marla zueinander?
Nicht auf alle Fragen finden sich Antworten. Im Verborgenen kreisen Gedanken, Emotionen, irgendwie brodelt die ganze Zeit über etwas, wie im Kopftopf der riesige Oktopus, gekocht von Franz, der dauernd Meeresbewohner kocht, und sich insgesamt als überraschend hilfreicher Mitbewohner erweist.
Es ist schwierig, eine Zielgruppe für diesen Roman festzulegen. Der Begriff Sommerroman greift jedenfalls nicht, leicht ist hier gar nichts. Der Begriff Kammerspiel passt aber auch nicht, Dialoge stehen nicht im Vordergrund, eher innere Monologe von Elena und Eve.
Für mich ist es das erste Buch von Nina Bussmann, es hat mir ein paar sehr gute Lesestunden bereitet. Ich empfehle es LeserInnen mit einem Interesse am Ungewöhnlichen, die gern hinter Kulissen schauen, aber auch nicht enttäuscht sind, wenn dahinter nur eine düstere Rumpelkammer ist.

Bewertung vom 04.11.2024
Strong Female Character
Brady, Fern

Strong Female Character


ausgezeichnet

Eine solch persönliche Geschichte kann man eigentlich nicht bewerten. Man spürt, hier ist alles gnadenlos ehrlich, nichts erfunden oder literarisch aufgearbeitet. In einem heiteren und flüssig zu lesenden Text erfahren wir teilweise furchtbare Dinge über den Kampf der im schottischen Arbeitermilieu aufgewachsenen, inzwischen als Comedienne etablierten Fern Brady. Ebenso erfahren wir, wie wenig die Gesellschaft einschließlich des medizinischen Fachpersonals bereit ist, den Bedürfnissen autistischer Menschen entgegenzukommen. In der Regel sieht es so aus, dass insbesondere betroffene Frauen mühsam schauspielerische Fähigkeiten entwickeln müssen, um sich als nicht-autistisch darzustellen, um egal wo überhaupt klarzukommen. Das ist auf Dauer wahnsinnig anstrengend und führt zu regelmäßigem Ausrasten, was natürlich oft in Psychiatrien und Gefängnissen endet.
In Form von Fußnoten gibt es Begriffserklärungen, es wird weitere Lektüre zum Thema vorgeschlagen.
Ich denke, dieses Buch könnte maßgeblich zum Verständnis aller Personen, die als anders wahrgenommen werden und sich selbst anders wahrnehmen, beitragen, gerade weil es sich so liest, als handle es sich um das Mädchen von nebenan. Es erfordert keinerlei Überwindung von Distanz, gerade weil die Autorin darauf verzichtet, sich beim Leser beliebt zu machen. Authentischer geht nicht!

Bewertung vom 27.10.2024
In den Wald
Vaglio Tanet, Maddalena

In den Wald


ausgezeichnet

Zunächst war mir das stimmungsvolle, aber vielleicht doch etwas zu unscheinbare Cover gar nicht aufgefallen. Der Roman, der sich dahinter verbirgt, ist außerordentlich gelungen.
Mit einer Sprache, die zugleich bildhaft und verständlich ist, gelingt es der Autorin, über 300 Seiten lang zu fesseln. Das Ganze geschah, so oder so ähnlich, im Jahr 1970: Giovannas Lehrerin ist tief erschüttert vom Selbstmord ihrer Schülerin, geplagt von Schuldgefühlen. Während man heute bei solch einem Vorkommnis wohl mit einer Krankschreibung vom Arzt rechnen würde - posttraumatische Belastungsstörung - flüchtet Silvia in den Wald. Der Schüler, der sie findet, gerät in einen Konflikt, ihr einerseits helfen zu wollen, andererseits auf ihren Wunsch hin aber niemandem etwas von ihrem Aufenthaltsort zu verraten. Besonders dieser Aspekt des Romans ist phantastisch beschrieben, die Rollen kehren sich um, der Schüler kann die verwahrloste Person in der Hütte nicht mehr als Autoritätsperson sehen, dennoch handelt er so, wie sie es von ihm verlangt, er bewahrt ihr Geheimnis, wächst unter dieser Überforderung über sich hinaus. Das dörfliche Leben in Norditalien zu dieser Zeit, bis zurück zur Zeit des Zweiten Weltkrieges wird in parallelen Handlungssträngen ebenfalls erzählt. Das ist alles hochinteressant, keineswegs unübersichtlich, jede Figur ist klar von allen anderen zu unterscheiden, ohne auf Klischees zurückzugreifen.
Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen. Vermutlich geht es allen, die Freude am Aufarbeiten persönlicher Lebensgeschichten haben, ganz genauso!