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Feder im Wind

Bewertungen

Insgesamt 73 Bewertungen
Bewertung vom 02.01.2026
Hoersch, Judith

Niemands Töchter


ausgezeichnet

Zwischen Schweigen und Selbstbehauptung - - -


Dieses Buch hat mich ab der ersten Seite mit großer Konsequenz ergriffen. Denn Niemands Töchter erzählt von Frauen, die durchs Leben gehen, ohne je wirklich gehalten worden zu sein. Es sind Biografien, die von Verlust, Gewalt, Sprachlosigkeit und einem tief sitzenden Gefühl des Nicht-Dazugehörens geprägt sind. Der Roman richtet den Blick auf das, was oft im Schatten bleibt: auf Verletzungen, die nicht spektakulär, sondern alltäglich sind, und gerade deshalb so tief wirken.


Inhaltlich ist das Buch kein bisschen effekthascherisch. Es zeigt, wie frühe Erfahrungen nachhallen, wie sich Trauma durch Generationen zieht und wie schwierig es ist, sich aus diesen Mustern zu lösen. Gleichzeitig ist da immer wieder ein stiller Widerstand spürbar: der Versuch, sich selbst zu behaupten und die eigene Geschichte nicht vollständig von der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Mich hat besonders beeindruckt, wie viel Raum dem Ungesagten gelassen wird. Der Roman erklärt nicht alles, er vertraut darauf, dass man zwischen den Zeilen lesen kann – und genau dort entfaltet er seine größte Kraft.

Der Schreibstil ist klar und eindringlich. Keine großen Gesten, kein Pathos, stattdessen eine Sprache, die präzise beobachtet und emotional sehr nah bleibt. Viele Sätze wirken nach, lange nachdem man sie gelesen hat. Es ist eine Sprache, die nicht tröstet, sondern eine, die ernst nimmt. Und gerade dadurch berührt sie.


Niemands Töchter ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich auf ernste Themen einlassen wollen, ohne einfache Antworten zu erwarten. Ein Roman, der nicht unterhält, sondern hinschauen lässt – und der lange nachwirkt. Für mich ein starkes, wichtiges Buch und eine klare Fünf-Sterne-Empfehlung.

Bewertung vom 02.01.2026
Woywod, Torsten

Mathilde und Marie


ausgezeichnet

- - - Neubeginn im Bücherdorf Redu - - -

Manche Romane drängen sich nicht auf. Sie klopfen nicht laut an, sie treten nicht mit dramatischen Wendungen oder großer Geste auf. Sie stehen einfach da: offen, ruhig, einladend. Mathilde und Marie ist genau so ein Buch. Für mich ein feines, unaufgeregtes Buchjuwel, das seine Wirkung nicht durch Tempo entfaltet, sondern durch Nähe.

Der Roman führt nach Redu, d. h. in ein kleines Bücherdorf in den belgischen Ardennen, das es tatsächlich gibt und das hier fast selbst zur Hauptfigur wird. Ein Ort, an dem die Zeit nicht als Gegner empfunden wird, sondern als Begleiter. Internet gibt es nur stundenweise, der Kirchturm steht schief, die Turmuhr geht falsch, und niemand scheint sich daran zu stören. Diese bewusste Entschleunigung wirkt wie ein leiser Gegenentwurf zur rastlosen Außenwelt.

In dieses Dorf verschlägt es Marie, eine junge Französin, die ihr Leben in Paris hinter sich lässt, ohne genau zu wissen, wohin sie eigentlich will. Ihre Reise beginnt impulsiv, fast fluchtartig, und gewinnt Tiefe, als sie im Zug auf Jónína trifft, eine Isländerin mit der Gabe, Menschen klar und unverstellt zu lesen. Jónína erkennt Maries innere Erschöpfung, noch bevor Marie sie selbst in Worte fassen kann, und nimmt sie mit nach Redu, in ihre kleine Buchhandlung.

Von dort an entfaltet sich der Roman ganz leise. Marie kommt an, nicht nur an einem Ort, sondern zunehmend auch bei sich selbst. Sie begegnet einer Gemeinschaft, die getragen ist von Eigenheiten, Wärme und einem stillen Verständnis füreinander. Besonders berührend ist dabei die mürrische Mathilde, die sich dem Leben zunächst verschlossen zeigt und doch nicht unbewegt bleibt, als der Frühling Einzug hält. In der Natur ebenso wie in den Menschen.

Was mich besonders begeistert hat, ist die geschliffene, ruhige Sprache. Torsten Woywod schreibt mit großer Sorgfalt, ohne ornamental zu werden. Immer wieder streut er detailreiche Naturimpressionen ein: Wälder, Licht, Geräusche, die Jahreszeiten, Tiere. Diese Beschreibungen wirken nie wie Beiwerk, sondern wie Atempausen, die den Text weiten und ihm Tiefe geben.

Die Figuren sind durchweg sympathisch gezeichnet, ohne zu glatt oder idealisiert zu wirken. Selbst Nebenfiguren bleiben im Gedächtnis, z. B. Arthur und Louise. Und dann ist da noch Labradorhündin Anneliese, die immer wieder für unterhaltsame Momente sorgt und dem Roman eine zusätzliche Herzenswärme verleiht.

Mathilde und Marie kommt ganz ohne Action aus. Es gibt keine reißerischen Konflikte, keine künstlich erzeugte Dramatik. Stattdessen erzählt der Roman von Freundschaft, vom Lesen, von Hoffnung, aber auch von Verlust und Trauer. Gerade diese leisen, schmerzhaften Töne machen die Geschichte glaubwürdig und tief. Es ist eine Ode an das Miteinander und ein sanfter Beweis dafür, dass das Leben zumindest zeitweise auch ohne Internet und Social Media gelingen kann.

Für mich ist dieses Buch eine absolute Feel-good-Geschichte im besten Sinne. Das Setting in Redu ist ein Traum. Es ist ein Ort, an dem ich selbst gerne leben möchte. Und genau so, wie man sich in dieses Dorf hineinträumt, schleicht sich auch der Roman ganz sanft und leise ins Leser:innenherz.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die feinsinnige, warmherzige Literatur schätzen, und für jene, die sich nach einer Geschichte sehnen, die nicht laut sein muss, um lange nachzuklingen.

Bewertung vom 25.11.2025
Beyer, Martin

Elf ist eine gerade Zahl


ausgezeichnet

- - - Mutter und Tochter im Ausnahmezustand - - - Beim Lesen von Elf ist eine gerade Zahl von Martin Beyer fühlte ich mich, als säße ich gleich neben zwei Menschen, die mitten in einem Sturm stehen, der sie an den Rand des Sagbaren treibt. Es ist ein Roman, der nicht laut auftritt, aber lange nachhallt, wie ein Herzschlag, den man erst bemerkt, wenn er immer schneller wird.

Im Mittelpunkt stehen Katja und Paula: Paula ist vierzehn Jahre alt und viel zu jung, um mit einer schweren Krankheit konfrontiert zu sein. Katja, ihre Mutter, versucht, gleichzeitig Leuchtturm und Schutzschild zu sein, obwohl sie selbst kaum noch weiß, wohin mit ihren Ängsten. Nur noch wenig erinnert an ihr früheres, alltägliches Leben. Mutter und Tochter driften umher und suchen beide Halt, was ihnen nur ansatzweise gelingt.

Was mich besonders berührt hat, ist die Art, wie Katja ihrer Tochter eine Geschichte erzählt, während sie gemeinsam durch Tage voller Sorgen und Nächte voller Unruhe taumeln. Ein Märchen über einen Fuchs und ein Mädchen, das vor einem Schatten fliehen muss. Diese Erzählung ist mehr als ein Trostpflaster. Sie wird zum Rettungsfaden, der Mutter und Tochter verbindet, während die Welt um sie herum zu wanken scheint. Der Roman greift damit eine traditionsreiche Idee auf: dass Geschichten heilen können, wenn Worte zu Balsam werden. Die erzählte Geschichte wirkt einerseits märchenhaft, aber andererseits auch sehr geerdet und zutiefst menschlich.

Der Buchtitel Elf ist eine gerade Zahl begleitet jede Seite wie ein geheimnisvoller Schlüssel. Je weiter ich las, desto klarer wurde mir, wie perfekt er in das Gefüge des Romans eingewoben ist. Und das zarte und doch kraftvolle Cover spiegelt die Atmosphäre des Buches beinahe vollkommen wider. Das hat mir sehr gefallen.

Martin Beyer schreibt mit einer sprachlichen Brillanz, die mich immer wieder innehalten ließ. Seine Sätze sind klar, präzise und zugleich voller poetischer Resonanz. Er wagt Ehrlichkeit, zeigt Schmerz ohne Pathos, und schenkt Hoffnung, ohne künstlich zu beschönigen. Die verschiedenen Erzählebenen greifen mühelos ineinander. Katja und Paula wirken so echt, dass ich ihre Stimmen beinahe hören konnte, ihre Unsicherheiten, ihre kleinen Mutmomente, ihre treffsicheren Dialoge. Besonders Letztere fand ich sehr aussagekräftig.

Trotz aller Tragik leuchtet der Roman. Denn zwischen den Zeilen glimmt eine Zuversicht, die still trägt. Eine Mutter-Tochter-Beziehung, die mit all ihren Rissen, Zweifeln und kleinen Gesten der Liebe so glaubwürdig erzählt ist, dass sie mich tief berührt hat.

Für mich war Elf ist eine gerade Zahl ein echtes Überraschungshighlight. Ein Buch, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen möchte, weil das Erzählte einen noch festhält, lange nachdem der letzte Satz gelesen ist. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Worte manchmal die sanfteste Form von Mut sind.

Bewertung vom 22.10.2025
Henn, Carsten Sebastian

Sonnenaufgang Nr. 5


sehr gut

Ein Roman für Herz & Seele -
Schon nach den ersten Seiten von Sonnenaufgang Nr. 5 wusste ich: Hier erzählt Carsten Henn wieder mit jener warmherzigen, poetischen und klugen Stimme, die ich an seinen Büchern so liebe. Es geht um das Geheimnis eines guten Lebens, um die Macht der Erinnerung und, dies ist vielleicht am schönsten, um das Geschenk der Freundschaft.
Der Roman stellt eine wunderbare Frage in den Raum: Leben wir zweimal? Erst in der Wirklichkeit und dann in der Erinnerung? Diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und lädt zum Nachdenken ein. -
Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Jonas, der gerade sein Germanistikstudium abgebrochen hat. Vom Leben überfordert und von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt, sucht er nach einem Neuanfang und findet ihn ausgerechnet als Ghostwriter. Seine erste Klientin ist die betagte, exzentrische Filmdiva Stella, die ihre Autobiografie schreiben will. Doch sie möchte ihr Leben schöner darstellen, als es war – frei von Fehlern, Schmerz und Zweifeln. Zwischen Jonas und Stella entwickelt sich eine besondere Verbindung, in der beide lernen, dass man jeden Tag so leben sollte, als wäre er der letzte. Denn nur so entsteht ein Leben, das in Erinnerung bleibt. -
Ich habe diesen Roman als poetisch, kurzweilig und berührend empfunden. Die Figuren sind allesamt liebevoll gezeichnet und wachsen einem schnell ans Herz. Und dort bleiben sie präsent. Besonders Nessa und Bentje haben mir persönlich sehr gefallen, auch wenn sie beide nicht zu den Hauptfiguren zählen. -
Henns Schreibstil ist gewohnt flüssig und eingängig, die Dialoge sind klug, witzig und voller Zwischentöne. -
Ein kleines Highlight waren für mich die Bücherregale von Stella Dor: Darin befinden sich ausschließlich Autobiografien, welche nach Glück und Unglück sortiert sind. Das ist eine so skurrile wie geniale Idee, die jedoch perfekt zu ihrem Charakter passt und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. -
Noch ein Wort zum Cover: Es gefällt mir grundsätzlich gut, auch wenn es für meinen Geschmack nicht ganz zum Titel passt. Ein Sonnenaufgang ist jedenfalls nicht zu entdecken. -
Fazit:
Mit Sonnenaufgang Nr. 5 liefert Carsten Henn erneut einen Roman für Herz und Seele: anrührend, unterhaltsam und klug erzählt. Wie schon in Der Buchspazierer und Der Geschichtenbäcker gelingt ihm erneut eine Story, die zum Nachdenken anregt und zugleich das Lese-Herz erwärmt. Ein Buch für alle, die Bücher lieben, und für jene, die einfach nach einer guten, berührenden Geschichte suchen.

Bewertung vom 26.09.2025
Onhwa, Lee

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei


ausgezeichnet

Koreanische Süßigkeiten als Botschaften zwischen dem Diesseits und Jenseits -

Als ich Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei von Lee Onhwa gelesen habe, hat mich zuerst die ungewöhnliche Ausgangssituation gepackt: Yeonhwa erbt von ihrer Großmutter eine kleine Konditorei für koreanisches Gebäck. Doch die Bedingungen sind alles andere als alltäglich. Sie muss den Laden mindestens vier Wochen weiterführen, und geöffnet wird nur zwischen 22 Uhr und Mitternacht. Schon bald stellt sich heraus, dass ihre Kundschaft keineswegs gewöhnlich ist: Es handelt sich um Verstorbene, die ein letztes Mal vorbeischauen, um mithilfe von Gebäck und einer geheimnisvollen schwarzen Katze ihren Liebsten Botschaften zukommen zu lassen. Dabei enthüllt sich nach und nach auch ein Geheimnis, das Yeonhwa selbst betrifft.

Sprachlich hat mich die Geschichte von Anfang an überzeugt. Der Stil ist flüssig, nie schwerfällig, und zwischendurch finden sich poetische, fast schon philosophische Passagen, die den melancholischen Ton schön unterstreichen.

Ein wenig schade fand ich, dass die Hauptfigur Yeonhwa für meinen Geschmack etwas konturlos bleibt. Über sie erfährt man erstaunlich wenig, und auch die schwarze Katze, die eigentlich eine wichtige Rolle spielt, bleibt ziemlich farblos, nicht einmal einen Namen hat sie bekommen. Gerade da hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht.

Dafür haben mich andere Aspekte umso mehr begeistert: Jedes Kapitel ist mit einer besonderen Süßigkeit oder einem Gebäck verbunden, das nicht nur kulinarisch, sondern auch inhaltlich mit der jeweiligen Episode verknüpft wird. Das verleiht dem Buch eine besondere Stimmung und macht es fast zu einem multisensorischen Erlebnis. Als kleines Extra gibt es am Ende des Buchs einen QR-Code, der zu einem Youtube-Video der Autorin führt, in dem die erwähnten Köstlichkeiten genauer vorgestellt werden. Das ist eine wirklich schöne Idee. Auch das Cover verdient ein Lob: Die warmen Farben und die stimmige Gestaltung fangen die Atmosphäre des Romans perfekt ein.

Insgesamt ist Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei für mich eine wunderbare Lektüre für kühle Herbst- und Winterabende. Das Buch vereint eine cozy Stimmung mit einer leisen Melancholie. Das ist ideal für die dunklere Jahreszeit. Zwar hätte die tolle Grundidee meiner Meinung nach noch ein wenig ausgereifter umgesetzt werden können, aber dennoch habe ich die Geschichte mit viel Interesse gelesen und empfehle sie gerne weiter.

Bewertung vom 08.09.2025
Perry, Rob

Der Große Gary


ausgezeichnet

Ein toter Wal, ein Windhund und der Beginn eines neuen Lebens - Rob Perry legt mit Der große Gary einen eindrucksvollen Debütroman vor, der gleichermaßen zart, schräg und ermutigend ist. Auf 304 Seiten entfaltet er die Geschichte des 18-jährigen Benjamin, dessen Leben sich mit einem Mal völlig verändert, und zwar ausgelöst durch einen toten Wal am Strand und einen streunenden Windhund, der plötzlich nicht mehr von seiner Seite weicht. -
Benjamin lebt zurückgezogen in einem Caravan Park an der Ostküste Englands. Seit seine Großmutter ins Krankenhaus musste, ein Ort, den er wegen seiner massiven Angst vor Keimen und Krankheiten strikt meidet, schlägt er sich alleine durch. Eigentlich will er bloß seine Ruhe, doch dann tritt ein ungewöhnlicher Gefährte in sein Leben: ein herrenloser Hund. - Als Leonard, ein zwielichtiger Essenslieferant, in dem Tier den berühmten Windhund Der große Gary erkennt und vor dessen brutalen Besitzern warnt, steht Benjamin vor einer Entscheidung. Anstatt sich zurückzuziehen, beschließt er, das Tier zu beschützen. Damit beginnt ein turbulenter Roadtrip voller bizarrer Begegnungen, überraschender Wendungen und vor allem einer Reise zu sich selbst. - Rob Perry erzählt diese Geschichte feinsinnig und warmherzig und zugleich mit einem subtilen Humor, der die schwere Thematik zugänglich macht. Besonders eindrucksvoll ist die ungeschönte, aber empathische Darstellung von Ängsten, Zwängen und Phobien. Der Roman enttabuisiert das Thema psychische Belastungen, ohne belehrend zu wirken. - Zudem feiert das Buch Themen wie Freundschaft, Liebe und die heilende Kraft der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Benjamin wächst über sich selbst hinaus, weil er Verantwortung übernimmt, und gerade darin liegt die zentrale Botschaft: Mut entsteht nicht durch Abwesenheit von Angst, sondern durch Handeln trotz Angst. - Fazit: Der große Gary ist Roadtrip, Coming-of-Age-Geschichte und Mutmach-Roman in einem. Witzig, originell und zugleich tief berührend erzählt nimmt er Leserinnen und Leser mit auf eine Reise, die zwischen Schrägheit und Zärtlichkeit pendelt. Benjamin macht eine bemerkenswerte Entwicklung durch, die das offene Ende nur konsequent unterstreicht. - Eine klare Empfehlung für alle, die sich für die Themen Angst und Mut interessieren, die literarische Roadtrips lieben oder die mehr über die besondere Verbindung zwischen Mensch und Hund erfahren möchten.

Bewertung vom 07.09.2025
Kurisu, Hiyoko

Der Laden in der Mondlichtgasse


ausgezeichnet

Süß & sinnhaft! - Hiyoko Kurisus Roman Der Laden in der Mondlichtgasse ist ein literarisches Juwel, das gleichermaßen verzaubert und berührt. Der japanische Wohlfühlroman verbindet Alltagsprobleme mit märchenhaften Elementen und entfaltet so einen ganz eigenen Zauber, der Leserinnen und Leser unmittelbar in die Welt japanischer Mythen und Emotionen eintauchen lässt. - Inhalt und Erzählweise: Im Mittelpunkt steht die geheimnisvolle Mondlichtgasse, ein Ort, der nur zwischen Voll- und Neumond existiert. Zutritt haben allein jene Menschen, deren Leben aus der Balance geraten ist. Dort befindet sich eine ebenso ungewöhnliche wie magische Confiserie, geführt vom rätselhaften Kogetsu. Dieser verkauft seinen Kundinnen und Kunden traditionelle japanische Süßigkeiten, doch jedes dieser Naschwerke hat eine verborgene Wirkung. So begegnen wir etwa der Schülerin Kana, die an ihrer Beziehung zweifelt und sich einsam fühlt, oder dem Immobilienmakler Koguma, der überzeugt ist, wegen seines Äußeren nicht ernst genommen zu werden. Kogetsus Köstlichkeiten schenken ihnen neue Perspektiven, kleine Wunder, die ihr Leben verändern. Dass der Confiserie-Besitzer ein Fuchsgeist ist, der selbst nach Menschlichkeit sucht, verleiht den Geschichten eine zusätzliche Dimension. Der Roman entfaltet sich in sechs miteinander verwobenen Episoden, die sich zu einem stimmungsvollen Ganzen fügen. Jede Geschichte ist ein Plädoyer für Selbstreflexion, für das Annehmen eigener Schwächen und für die Kraft, im Alltäglichen das Besondere zu entdecken. - Stil und Atmosphäre: Kurisu schreibt in einer klaren, leichtfüßigen Sprache, die dennoch poetisch wirkt. Der Ton ist angenehm fließend und lädt dazu ein, in die Geschichten einzutauchen. Besonders reizvoll ist die Verbindung von vertrauten Alltagsthemen wie Einsamkeit, Selbstzweifel, Wünsche und Träume mit märchenhaften Motiven. Dadurch entsteht eine Mischung aus sanfter Melancholie und heilsamer Hoffnung. Die Kapitelüberschriften sind liebevoll gewählt und benennen im wahrsten Sinne zauberhafte Süßwarenkreationen. Am Ende des Buches findet sich zudem ein Glossar, das die im Roman vorkommenden japanischen Naschereien erläutert und kulturelle Hintergründe aufschließt. - Gestaltung: Auch äußerlich überzeugt der Roman. Das Cover in tiefem Blau und schimmerndem Gold wirkt nicht nur atmosphärisch, sondern besticht auch mit seiner hochwertigen Haptik durch den Prägedruck. Schon das Buch in den Händen zu halten, ist ein kleines Erlebnis und perfekt abgestimmt auf den Titel und die magische Stimmung des Inhalts. - Fazit: Der Laden in der Mondlichtgasse ist weit mehr als ein klassischer Wohlfühlroman. Er schenkt Leseglück, weckt Nachdenklichkeit und lädt dazu ein, sich selbst neu zu betrachten. Wer die leisen, warmherzigen Romane von Satoshi Yagisawa mag oder von den poetischen Filmen des Studio Ghibli begeistert ist, wird auch dieses Buch lieben. Einziger Wermutstropfen: Mit seinen 208 Seiten ist das Buch viel zu schnell ausgelesen. Gerne hätte man noch länger in dieser besonderen Welt verweilt. Doch vielleicht ist es gerade diese Kürze, die den Zauber so intensiv macht. - Klare Empfehlung für alle, die sich von einer Mischung aus Alltagsweisheit, Fantasie und japanischem Flair verzaubern lassen möchten.

Bewertung vom 04.09.2025
Sotto Yambao, Samantha

Water Moon


ausgezeichnet

In jeder Hinsicht mitreißend, ideenreich und einzigartig! - Mit Water Moon legt Samantha Sotto Yambao einen Roman vor, der auf 416 Seiten eine ebenso berührende wie fantastische Liebesgeschichte erzählt. Die Autorin versteht es meisterhaft, poetische Sprache, originelle Ideen und emotionale Tiefe zu verweben. Das Ergebnis ist ein Leseerlebnis, das lange nachwirkt.

Selten hat mich ein Buch so verzaubert wie Water Moon. Schon nach den ersten Seiten war mir klar: Hier öffnet sich eine Welt, aus der ich gar nicht mehr auftauchen möchte. -

Worum geht’s?

Im Herzen Tokios, hinter einem unauffälligen Ramen-Restaurant, verbirgt sich ein ganz besonderer Ort: ein Pfandhaus, in dem man seine „falschen“ Entscheidungen gegen Seelenfrieden und eine Tasse feinen grünen Tee eintauschen kann. Hana soll diesen Laden von ihrem Vater Toshio übernehmen. Doch am Übergabetag ist Toshio plötzlich verschwunden, und auch der Tresor ist leer. Gemeinsam mit einem jungen Wissenschaftler begibt sich Hana auf die Suche nach ihm. Auf ihrer Reise stößt sie jedoch nicht nur auf Geheimnisse aus der Vergangenheit, sondern auch auf Wahrheiten, die ihr eigenes Leben für immer verändern. -

Was mich begeistert hat:

Schon das Setting ist ein Traum. Es zeigt Szenen aus dem pulsierenden Tokio und dann eine magische Parallelwelt, die mich sofort an die Filme von Studio Ghibli erinnert hat. Alles wirkt detailreich, fantasievoll und zugleich stimmig. Die Sprache ist poetisch und reich an Bildern, aber gleichzeitig klar und flüssig, sodass man schnell in die Geschichte hineingezogen wird. Ich habe beim Lesen oft innegehalten, weil einzelne Sätze so schön waren, dass ich sie zweimal lesen musste. Inhaltlich überzeugt das Buch mit viel Tiefe. Es geht nicht nur um Liebe, sondern auch um Sehnsucht, Verlust, den Wert von Träumen und darum, wie wir selbst unser Schicksal beeinflussen können. Überraschende Wendungen sorgen dafür, dass es nie vorhersehbar wird. Ganz im Gegenteil, ich habe mehr als einmal mit offenem Mund weitergelesen.

Die Ausstattung:

Besonders erwähnen möchte ich die wunderschöne Buchaufmachung: den genial gestalteten Buchbezug, das ebenfalls toll designte Vorsatzpapier und als Highlight den Origami-Schutzumschlag, der perfekt zum Thema passt. Diese Ausgabe ist ein richtiges Schmuckstück im Regal! -

Mein Fazit:

Water Moon ist magisch, inspirierend und zutiefst berührend. Es ist eine dieser Geschichten, die man nicht einfach zur Seite legt, sondern die einen gedanklich noch lange begleiten. Für mich ganz klar ein 5-Sterne-Buch, das ich bestimmt noch ein zweites, drittes oder viertes Mal lesen werde und das ich nicht nur Fantasy-Fans sehr ans Herz legen möchte.

Bewertung vom 03.09.2025
Yagisawa, Satoshi

Die Tage im Café Torunka


ausgezeichnet

Geschichten über das Leben an sich. Feinsinnig und unaufdringlich erzählt. -


Mit Die Tage im Café Torunka legt der japanische Bestsellerautor Satoshi Yagisawa bereits seinen dritten ins Deutsche übersetzten Roman vor – und erneut gelingt es ihm, mit leisen Tönen eine große Wirkung zu entfalten.

Der Schauplatz ist diesmal ein kleines, unscheinbares Café in einer Seitenstraße des Tokioter Stadtviertels Yanaka. Schon beim Betreten meint man, den Duft frisch aufgebrühten Kaffees in der Nase zu haben. Seit zwanzig Jahren wird dieser Ort von einem leidenschaftlichen Cafébesitzer geführt, unterstützt von seiner Tochter und dem schweigsamen Shuichi, der regelmäßig aushilft. Sonntag für Sonntag taucht zudem die geheimnisvolle Chinatsu auf. Sie hinterlässt Origami-Balletttänzerinnen, behauptet, Shuichi von früher zu kennen, und erst allmählich gibt sie ihre Geschichte preis. Peu à peu öffnet sich eine Vergangenheit, die eine neue Freundschaft und Verständnis füreinander wachsen lässt.

Doch nicht nur Chinatsu, sondern noch einige andere Menschen finden aus den unterschiedlichsten Gründen ihren Weg ins Café Torunka. Sie berichten in der Ich-Perspektive von Hoffnungen, Zweifeln, Verlusten oder stillen Sehnsüchten. So entsteht eine literarische Collage, die von leiser Melancholie geprägt ist, ohne je ins Sentimentale zu kippen. Yagisawas Stärke liegt darin, gerade in den kleinen Gesten und unspektakulären Begegnungen große Gefühle aufscheinen zu lassen.

Der Ton des Romans bleibt unaufgeregt, fast kontemplativ. Die Sprache ist klar und fließend, unprätentiös, und doch voller feinsinniger Anspielungen, die mehr andeuten, als sie direkt benennen. Und genau darin liegt der Reiz: Was zwischen den Zeilen mitschwingt, macht den besonderen Zauber dieser Geschichten aus.

Fazit: Die Tage im Café Torunka ist eine unaufdringliche, aber tief berührende Lektüre, die bestenfalls an einem regnerischen Herbstwochenende gelesen werden kann. Wer sich auf Yagisawas Erzählweise einlässt, erlebt Momente, in denen die Welt für einen Augenblick innehält – so wie es die Besucher:innen des kleinen Cafés selbst empfinden.

Bewertung vom 09.08.2025
Mikail, Nadia

Katzen, die wir auf unserem Weg trafen


sehr gut

Ein leiser Roadtrip, der mitten ins Herz trifft

Nadia Mikails Debütroman ist ein stilles, aber eindringliches Jugendbuch, das vom Ende der Welt erzählt und doch vor allem vom Leben handelt. Die Ausgangslage ist apokalyptisch: In neun Monaten wird ein Meteorit die Erde treffen. Keine Rettung, keine Hoffnung auf ein Wunder. Und doch ist es gerade diese Aussicht auf das unausweichliche Ende, die die siebzehnjährige Aisha dazu bringt, längst verschüttete familiäre Brücken wieder aufzubauen.

Gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrem Freund Walter, dessen Eltern und dem Streuner-Kater Flohsack macht sie sich in einem kunterbunten Wohnmobil auf die Reise von Nord- nach Südmalaysia, um ihre Schwester June zu finden. Und vielleicht auch sich selbst.

Stil und Erzählweise

Nadia Mikail erzählt in einer klaren, unaufgeregten Sprache, die oft wie ein leiser Atemzug wirkt: zurückhaltend, aber voller Gedankenkraft Die fragmentarische Struktur mit vielen Zeitsprüngen und Rückblenden verlangt vom Leser Aufmerksamkeit, belohnt aber mit einer emotionalen Tiefe, die weit über das reine Roadtrip-Abenteuer hinausgeht. Die Stimmung changiert zwischen melancholischer Nachdenklichkeit und zarter Hoffnung. Ein Balanceakt, der besonders bei Themen wie Trauer, Depression und Verlust beeindruckend gut gelingt.

Themen und Wirkung

Im Kern ist dieses Buch kein Katastrophenroman, sondern eine Geschichte über Familie, Vergebung und die Frage: Mit wem möchte ich die letzten Tage meines Lebens verbringen? Die drohende Apokalypse ist hier eher ein Hintergrundrauschen, das jede Entscheidung bedeutungsvoller macht. Nadia Mikail, inspiriert von eigenen Erfahrungen während der Pandemie, fängt meisterhaft das Gefühl ein, dass Zeit ein kostbares Gut ist, gerade wenn sie knapp wird.

Gestaltung und Lesegenuss

Das Cover ist farbenfroh und verspielt, fast in Kontrast zum ernsten Kern der Geschichte, und die liebevollen Katzenillustrationen von Nate Ng im Innenteil sind ein optisches Highlight. Der Titel Katzen, die wir auf unserem Weg trafen ist etwas irreführend gewählt. Warum das so ist, sollte jeder Leser für sich selbst herausfinden. Und noch ein kleiner Wermutstropfen: Manche Passagen wirken sprachlich etwas holprig, was möglicherweise der Übersetzung geschuldet ist. Dennoch überwiegt der positive Gesamteindruck deutlich.

Fazit

Katzen, die wir auf unserem Weg trafen ist ein sanftes, tief berührendes Jugendbuch, das ohne Effekthascherei auskommt. Es wächst Seite für Seite, bis es am Ende mitten ins Herz trifft. Für Leser ab 14 Jahren, die Geschichten mögen, die leise sind, dafür aber lange nachhallen.