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manjula

Bewertungen

Insgesamt 30 Bewertungen
Bewertung vom 21.03.2025
Radikale Freundlichkeit
Blum, Nora

Radikale Freundlichkeit


sehr gut

Nora Blum hat nach ihrem Psychologiestudium zunächst mit Freundinnen eine Online-Therapieplattform aufgebaut und vermarktet, die schnell Anerkennung fand (nicht zuletzt wegen des großen Mangels an zeitnah verfügbaren Therapieplätzen). Mit Anfang 30 ist sie dann aus ihrem aufreibenden CEO-Leben erst einmal ausgestiegen und hat sich der „Radikalen Freundlichkeit“ verschrieben, die sie auch in einem Podcast propagiert. Ihr Buch dazu ist ausdrücklich Berlin gewidmet – der Stadt, in der sie lebt, und die mehr als nur ein bisschen Freundlichkeit im Umgang der Menschen miteinander sehr gut brauchen kann. Nora Blum erläutert nicht nur ausführlich, worum es ihr geht und was sie unter Radikaler Freundlichkeit versteht: Denn Radikale Freundlichkeit bedeutet für Nora Blum nicht „immer nur Lächeln“ und Zurückstecken, sondern empathische Authentizität und liebevolles Für-sich-selbst-einstehen. Sie analysiert aber nicht nur, sondern gibt auch Tips, zum freundlich zu sich selbst sein, wie sich freundlich Nein sagen lässt, wie Konflikte freundlich auszutragen sind etc. All das ein Ansatz, der so alltäglich klingt, dass wir auch selbst schon hätten drauf kommen können. Sind wir aber häufig genug nicht.

Bewertung vom 21.03.2025
Hier draußen
Behm, Martina

Hier draußen


sehr gut

Lara und Ingo sind mit ihren Kindern von Hamburg aufs Land gezogen. Das große Glücksgefühl hat sich daraus aber für sie nicht ergeben. Lara hatte auf Anschluss und unkomplizierte Zugehörigkeit in der ländlichen, dörflichen Gemeinschaft gehofft. Das war aber kein Selbstläufer. Ingo macht die weite Pendelstrecke nach Hamburg zu schaffen. Mit dem ersehnten Idyll hapert es ganz deutlich. Alle – auch die Dorfbewohner, die nach und nach vorgestellt werden – kämpfen und hadern, mal mehr mal weniger, mit ihren Leben. Und dann läuft Ingo noch eine weiße Hirschkuh vors Auto. Ob die Dorfbewohner daran glauben, dass das den Tod innerhalb eines Jahres für die Person, die die Hirschkuh getötet hat bedeutet (und: Ingos Tod? Oder Uwes Tod?), oder überzeugt sind, dass das nur Aberglaube ist – der Vorfall wirkt wie ein Katalysator, das Gefüge wankt. Martina Behm erzählt in ihrem Romandebut nicht nur von den zugezogenen Städtern, sondern auch so einiges über die Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen. Allen zieht sie ein Stück weit die Maske vom Gesicht und zeigt die Doppelbödigkeiten ihrer Leben. Ihr gelingt es, die Befindlichkeiten der handelnden Personen - die Diskrepanz zwischen Sein und Schein - im Detail auszuleuchten. Ein ruhiger, aber wegen der Genauigkeit des Blicks wirklich interessanter Roman.

Bewertung vom 10.03.2025
Wilde Pflanzen essen
Rauch, Christine;Donnerberg, Ernestine

Wilde Pflanzen essen


gut

Wirklich schön aufgemacht.
Survival Siglinde aka Christine Rauch hilft, wild wachsende Nutzpflanzen in der näheren Umgebung zu entdecken. Sie gibt Infos zu Inhaltsstoffen und Wirkungsweise, Auffindbarkeit, Geschmack der beschriebenen Pflanzen. Am Ende des Buches gibt es sogar einen Rezeptteil, und auch bei den einzelnen Pflanzen sehr viele Hinweise zur Verwendung und Rezepte.
Von Survival Siglinde hatte ich vorher noch nichts gehört. Toll, dass sie die Pflanzenbestimmung vor der Haustür populärer macht. Das Buch ermöglicht durch die verspielte grafische Gestaltung nochmal einen leichteren Zugang.
Am Anfang fand ich die Pflanzenzeichnungen (die hat Ernestine Donnerberg umgesetzt) toll, weil es so auch möglich war, Details gezielt heranzuzoomen. Nachdem ich mir alle Pflanzen angeschaut hab, habe ich aber nicht den Eindruck, dass ich mit dem Buch Pflanzen, die ich nicht ohnehin schon kenne, erkennen und bestimmen kann. Das kann dann auch riskant werden, wenn z. B. Bärlauch mit Maiglöckchen verwechselt wird. Gerade in dem Punkt hätte ich mir im Buch auch noch etwas deutlichere Warnungen gewünscht.
Also: hübsch gemacht, aber letztlich braucht es dann doch zusätzliche Hilfsmittel für eine verlässliche Pflanzenbestimmung.

Bewertung vom 15.02.2025
Die Allee
Anders, Florentine

Die Allee


sehr gut

Florentine Anders zeichnet ein Stück Familiengeschichte der Henselmanns nach. Hermann Henselmann war der von der Bauhaus-Architektur geprägte Architekt, der für einige der bekanntesten repräsentativen Bauten Ost-Berlins und der DDR verantwortlich zeichnete, unter anderem Prachtbauten auf der seinerzeitigen Stalinallee, das großartige Kongresszentrum am Alexanderplatz sowie die Entwurfsidee des Berliner Fernsehturms. Florentine Anders ist die Enkelin von Hermann Henselmann, so dass die biografische Erzählung einigermaßen authentisch sein dürfte. Die Geschichte geht zurück bis in die Jugend von Großmutter Isi und Mutter Isa und begleitet natürlich auch die Entwicklung von Hermann Henselmann ab der Weimarer Republik, durch die Zeit des Nationalsozialismus bis zu seiner Position in der DDR. Henselmann lebte bis 1995. Seine zeitgeschichtliche Rolle blieb mitunter umstritten, und seine Rolle in der Familie ließ einiges zu wünschen übrig. Es verwundert nicht so sehr, dass Florentines Fokus ganz wesentlich auch auf ihrer Mutter Isa liegt. Das Buch gibt also einen sehr interessanten Einblick nicht nur in Leben und Schaffen dieses bedeutenden Architekten, sondern auch in das soziale Umfeld, das ihn prägte und das wiederum er maßgeblich prägte. Ein sehr, sehr spannendes Buch für alle, die bisher schon ein Auge für Henselmanns Werk hatten - und sicher ein interessanter Zugang für alle, die zu diesem Werk erst durch die Erzählung etwas erfahren. Das Buch ist sehr eingängig geschrieben, ich war in Windeseile durch. Und sein Cover ein weiteres Meisterwerk von Kat Menschik - auch das toll!

Bewertung vom 11.02.2025
Von hier aus weiter
Pásztor, Susann

Von hier aus weiter


sehr gut

Die Erzählung wird aufgefächert aus Sicht von Marlene, einer ehemaligen Grundschullehrerin Ende 60. Sie hat nach 30 Jahren Ehe gerade ihren Partner verloren: Nachdem bei Rolf ein Hirntumor entdeckt wurde, hat er Suizid begangen. Die vereinsamte Marlene sucht nach Gelegenheiten, auch ihr Leben zu beenden, kann sich aber immer wieder nicht wirklich entschließen. Als ihr früherer Schüler Jack kurz nach Rolfs Beerdigung Klempnerarbeiten für sie ausführt, endet diese Begegnung damit, dass Jack in Marlenes Gästezimmer einzieht.
Marlene ist nicht nur traurig, sondern auch wütend. Susann Pásztor steigt direkt ein mit einer einigermaßen ausgefallenen und immer wieder sehr lakonischen Schilderung, wie Marlene die von Rolfs Kindern und Enkeln gestaltete Trauerfeier erlebt (und sie nur unter wohldosiertem Einsatz der erheblichen Valium-Vorräte, die Rolf angelegt hat, durchsteht). So etwas großartig skurril-klarsichtiges habe ich noch nie gelesen. Es folgen einige weitere unerwartete Wendungen, die hier natürlich nicht verraten werden.
Alles fügt sich auf wunderbare Weise, was mitunter das Buch leider etwas ins Triviale abrutschen lässt.
Andererseits fasziniert doch immer wieder, mit welchen Einfällen - und welcher Ironie und Lakonie - Susann Pásztor die Geschiche voranbringt.
Das wiederum führte dazu, dass ich das Buch im Eiltempo verschlungen habe und mich leichtgewichtig, aber gut unterhalten fühlte.

Bewertung vom 17.12.2024
Low
Kleist, Reinhard

Low


ausgezeichnet

Ein Buch über David Bowie's Berliner Jahre und die Produktion des Albums "Low". Das Ganze in Form einer Graphic Novel von Reinhard Kleist.
Meine Erwartungen waren sehr hoch. Und zum Glück erfüllt Kleist mit dem Buch diese Erwartungen absolut. Bowie's Zeit in Berlin steht für eine seiner wichtigen Entwicklungsphasen. Zudem ist es spannend, das Mauer-West-Berlin der 1970er Jahre noch einmal aus Bowie's Perspektive vor Augen geführt zu bekommen - im wahrsten Sinn des Wortes. Kleist hat diese Graphic Novel atmosphärisch dicht angelegt, in seinem bewährten klaren Zeichenstil. Von Reinhard Kleist kenne und liebe ich schon einige Graphic Novels. Das Vorgängerwerk "Starman", in dem Bowie's Aufstieg als "Ziggy Stardust" abgehandelt wird, hatte ich aber noch nicht gelesen und habe mich gefragt, ob mir damit etwas zum Lesen von „Low“ fehlt. Aber ich denke: nein - jedes steht für sich.
"Low" sehe ich aber als nachdrückliche Einladung, auch "Starman" kennenzulernen.

Bewertung vom 26.10.2024
Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
Brüggemann, Anna

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen


sehr gut

Unheilige Familie
Regina, in der Nachkriegszeit geboren, ist zu Beginn des Romans eine 50jährige Mutter von zwei Töchtern. Ihre als lieblos empfundene Kindheit und Jugend, in der sie nicht die für sie nötige Zuwendung, Anerkennung und Förderung erhalten hat, hängt ihr nach. Ihre Kompensation: Sie ist großartig, in allem. An dem, was in ihrem Leben nicht perfekt gelaufen ist, tragen andere Schuld. Nichts kann ihr wirklich genügen. Als Psychologin weiß Regina es - eigentlich - besser; aber eben nur, wenn es nicht um sie selbst geht. Also überträgt sie ihre unglückliche Prägung auf ihre Töchter Antonia und Wanda, indem sie bei aller vorgeblichen Fürsorge immer nur um sich selbst kreist, und stets fordert statt fördert. Beide Töchter könnten Regina im Grunde nichts recht machen. Antonia reagiert darauf, indem sie vor den an sie gestellten Erwartungen abtaucht und sich so wenig wahrnehmbar macht, wie sie sich fühlt. Wanda kämpft für die Liebe ihrer Mutter, indem sie sich ehrgeizig nach deren Vorstellungen verformt. Richtig interessant wird es auch, wenn aufgezeigt wird, was von ihrer Prägung Antonia und Wanda an die eigenen Kinder weitergeben.
Das Buch ist keine leichte Kost, tragisch und fesselnd zugleich: Eine messerscharfe Studie über eine (ganz bestimmt nicht so seltene) dysfunktionale, unheilige, Familie, bei der die Autorin hintergründig aufs allerschönste auf den Punkt bringt, woran es hakt. Für die Lesenden, die sich von all dem nicht gleich völlig abgestoßen fühlen, hat Anna Brüggemann ein großartiges Buch geschrieben, das absolut nicht kalt lässt. Von mir deshalb eine klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 07.10.2024
Die Mitford Schwestern / Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte Bd.6
Benedict, Marie

Die Mitford Schwestern / Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte Bd.6


ausgezeichnet

Politische Familiengeschichte
Das Buchcover zeigt Fotos von vier der sechs Mitford-Schwestern. Die Mitford-Sisters waren Mitglieder einer britischen aristokratischen Oberschichtfamilie, die besonders vor und zu Beginn des zweiten Weltkriegs für Aufsehen sorgte.
Während die älteste, Nancy, als Schriftstellerin Bekanntheit erlangte und die zweitjüngste, Jessica, genannt Decca, entgegen aller Familientradition Kommunistin wurde, wandten sich die übrigen Familienmitglieder in unterschiedlicher Ausprägung dem Faschismus zu.
Marie Benedicts Roman kreist vor allem um Unity (genannt Bobo), Diana und Nancy Mitford. Aus deren Perspektive, abwechselnd und zu bestimmten Stichtagen von 1932 bis 1941, wird die Geschichte entfaltet, wobei Nancy die einzige Ich-Erzählerin ist.
Unity begeisterte sich früh für den Faschismus und ging Mitte der 1930er Jahre nach München, wo sie durch Beharrlichkeit nicht nur Adolf Hitler persönlich kennenlernte, sondern es schaffte, in seinen engeren Kreis aufgenommen zu werden, und – auch um ihn zu beeindrucken – stärker und stärker in den Nationalsozialismus einstieg. Nicht nur die Nationalsozialisten bedienten sich ihrer zu Propaganda-Zwecken. Auch ihre Schwester Diana nutzte die von Unity hergestellte Verbindung zu Hitler, um die britische faschistische Partei zu stärken und so ihren Partner Oswald Mosley, deren Gründer, enger an sich zu binden.
Nancy steht dem Faschismus als eine der wenigen Mitglieder der Familie kritisch gegenüber und sieht sich schließlich vor der Frage, wie weit sie angesichts der Aktivitäten ihrer Schwestern gehen will.
Die Autorin scheint den literarischen Stil der Zeit treffen zu wollen. Konventionell nach den damaligen für sie geltenden gesellschaftlichen Normen waren die Mitford-Töchter Nancy, Diana, Unity und Jessica aber definitiv nicht.
Das Buch von Marie Benedict ist trotz seines historisch und politisch hochbrisanten Themas eher ein Gesellschaftsroman als ein politischer Roman. Liest sich leicht und wer bislang wenig über die Mitford-Sisters wusste, findet hier einen eingängigen, emotionalen Einstieg.

Bewertung vom 11.09.2024
Tage mit Milena
Burseg, Katrin

Tage mit Milena


gut

Aktueller Aufhänger, interessanter Plot

Die Mittfünfzigerin Annika lebt in Lübeck, wo sie den Familienbetrieb ihres Ehepartners, eine Papeterie, führt. Eines Tages taucht die junge Klimaaktivistin Luzie in ihrem Laden auf, kauft Sekundenkleber und klebt sich damit auf die Straße. Annika solidarisiert sich mit ihr und bricht danach aus ihrem Alltag aus, folgt Luzie nach Hamburg in ein Klimacamp. Annika ist durch Ereignisse in ihrer eigenen Jugend traumatisiert und fühlt sich für Luzie verantwortlich, bis zur Übergriffigkeit. Diese quittiert das mit gebremster Begeisterung. Letztlich brauchen die beiden sich gegenseitig. Annika begibt sich auf eine Reise in ihre Vergangenheit, die sie in den letzten Jahrzehnten verdrängt hatte. Auch Luzie hat ihre Geheimnisse. Die Romanhandlung, die Katrin Burseg sich ausgedacht hat, ist interessant und aktuell. Sie verflicht Ereignisse eines Klimacamps, das im August 2022 wirklich in Hamburg stattgefunden hat, Fridays for future, Aktionen der Letzten Generation und anderer Klimaaktivist:innen, Lützerath, Hambacher Forst, vor dem Hintergrund realer Pandemie-Erfahrungen mit der Besetzung der Hamburger Hafenstraße in den 1980er Jahren und erlebter Gewalt in diesen Kontexten. Die Geschichte wird sehr gemächlich aufgerollt. Den in großen Teilen anschaulichen Erzählstil fand ich an vielen anderen Stellen hölzern. Und leider ist mir keine Identifikation mit den beiden Hauptprotagonistinnen gelungen. Ihre Beweggründe, soweit erkennbar, waren für mich oft nicht nachvollziehbar, vieles blieb oberflächlich, konventionell oder klischeehaft, einiges wirkte auf mich zu konstruiert. Ein unpolitisch politisches Buch. Schön gestaltet ist der Einband mit dem Hafenpanorama. Der Roman hat mich neugierig gemacht auf die weiteren Veröffentlichungen von Katrin Burseg.

Bewertung vom 02.09.2024
Das Möbel-Handbuch
Ramstedt, Frida

Das Möbel-Handbuch


sehr gut

Auf ein solches Möbel-Handbuch hatte ich schon lange gewartet. Die anerkannte schwedische Inneneinrichtungsexpertin Frida Ramstedt gibt in ihrem tollen Buch nicht nur wertvolle Tipps für die Inneneinrichtung, sondern auch zur Materialwahl und -pflege. Und vor allem erklärt sie, welche Abmessungen, Passformen und Eigenschaften Möbel haben müssen, um zu ihren Bewohnern und in die Wohnungen zu passen. Das Buch geht ausführlich auf alle denkbaren Kategorien von Möbelstücken ein und erläutert außerdem noch Planungsgrößen und -konzepte.
So lassen sich Fehlanschaffungen vermeiden und aus schönen Stücken das Beste rausholen.
Das Buch ist also mehr als nutzbringend. Und zusätzlich ist es auch noch wunderschön und wertig aufgemacht, mit seinem Textileinband, ansprechenden minimalistischen Grafiken und einer tollen Farbgestaltung.