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helena

Bewertungen

Insgesamt 28 Bewertungen
Bewertung vom 25.03.2025
Es geht mir gut
Anthony, Jessica

Es geht mir gut


ausgezeichnet

Amüsant und berührend

In diesem kurzen Roman wird die Ehe der Beckets beleuchtet. Es sind die 50er Jahre in den USA. Kathleen und Virgil sind seit 9 Jahren verheiratet und befinden sich in einer Krise. Beide erkennen, dass sie eigentlich in einer Lebenslüge leben, für sich selbst, aber auch in Hinblick auf ihre Ehe. Ihre Lebensträume stehen auf dem Prüfstand und sie werden gezwungen, den verschiedenen Wahrheiten ins Auge zu sehen.

Das las sich für mich amüsant und humorvoll, durchaus auch etwas skurill und schwarzhumorig. Gleichzeitig las es sich ruhig, besinnlich und auch traurig. Die Charaktere von Virgil und Kathleen wurden gut herausgearbeitet, es wurde deutlich, warum sie sich füreinander entschieden haben. Beide suchten Sicherheit und für sich den einfachsten Weg, sie scheuten das Risiko, die Anstrengung. Zugleich wird deutlich, wie oft sie dadurch falsche Entscheidungen getroffen haben, mit Konsequenzen, die sie eigentlich nicht wollten.

Die Komposition und das Setting des Romans gefiel mir gut. Es betrifft einen einzigen Tag und ist kompakt und pointiert geschrieben. Dabei psychologisch interessant, sowohl die Perspektive von Kathleen, als auch die Perspektive von Virgil erhält Raum. Insgesamt gibt es einige Überraschungen sowie ein offenes Ende, was mir gut gefiel.

Man wird durchaus auch angeregt, sein eigenes Leben auf den Prüfstand zu stellen..:)

Bewertung vom 25.03.2025
Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
Lorenz, Sarah

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken


weniger gut

Konnte mich nicht fesseln

Leider habe ich das Buch in der Hälfte abgebrochen, da mir das Interesse am Inhalt komplett abhanden kam.

Die Ich -Erzählerin Elisa wendet sich an Mascha Kaleko, deren Gedichte sie liebt, und berichtet ihr über ihr Leben, über Liebe (n), Freundschaft und ihre Gefühle. Sie ist ein Scheidungskind, die Mutter kann sie nicht ausreichend lieben und sich um sie kümmern, so dass sie einige Zeit in ein Heim geht. Zugleich gerät sie in die Punk- und Drogenszene und ist immer wieder, vor allem im trunkenen Zustand Opfer von sexuellen Übergriffen. Ihre Beziehungen sind geprägt von Bedürftigkeit, der fehlenden Mutter- und Selbstliebe. Sie eskalieren regelmäßig und sind anstrengend für alle Beteiligten. Einen Anker findet sie in verlässlichenen Freundinnen.

Es liest sich anekdotenhaft, immer wieder von philosophischen Gedanken und Reflexionen durchsetzt in einer oft poetischen, manchmal pathetischen, Sprache. Anfangs ist der Ton noch melancholisch, auf Dauer wurde es mir aber zu viel und zog mich herunter. Einige Situationen berührten mich und eigene schmerzhafte Jugenderlebnisse wurden aufgerührt. Einerseits wollte ich mich nicht mit eigenen erlebten Situationen konfrontieren, anderseits begann ich mich leider auch zu langweilen, da ich nichts wirklich Neues erfuhr und mich die aufgeworfenen Gedanken nicht anregen konnten.

Es liest sich sehr autobiographisch, ist aber nicht als Autobiographie ausgeschrieben. Ich gewann den Eindruck, dass hier im Rahmen eines Therapieprozesses die Kindheit und Jugend aufgearbeitet wurde, was natürlich absolut legitim ist. Nur leider konnte mich der Inhalt nicht wirklich fesseln. Schade.

Bewertung vom 25.03.2025
Reservoir Bitches
de la Cerda, Dahlia

Reservoir Bitches


ausgezeichnet

Aktueller Einblick in die Lebenswelt mexikanischer Frauen

In den 13 Kurzgeschichten stehen, oft junge, Frauen im Mittelpunkt. Arbeitsplätze sind rar und die Drogenkartelle (der 5.größte Arbeitgeber in Mexiko!) versprechen mehr Geld, was dringend zum Überleben gebraucht wird. Eine der Frauen ist die Tochter eines Drogenbosses, andere sind die Töchter hochrangiger Politiker, eine Frau versucht ihr Glück in einer Näherei an der Grenze zur USA, eine Frau kämpft mit ihrer Schwangerschaft. Man taucht in die jeweiligen Lebenswelten ein und ist nah dran an den Frauen. Alle kommen mit Gewalt, mit männlicher Gewalt in Berührung, nicht alle überleben es. Daneben erfährt man so einiges von der mexikanischen Kultur, über Tänze und Musik (es gibt am Ende eine Playlist), über Mythen und Legenden, über typisches Essen, Mode und vieles mehr.

Manche der sehr aktuellen und heftigen Geschichten sind miteinander verbunden, einige stehen für sich allein. Es liest sich spannend, emotional, tragisch, dramatisch, aber auch nüchtern und pointiert. Die Sprache hat mir sehr gut gefallen, da sie sehr dynamisch und nah an den Menschen ist. Jede der Geschichten mich wirklich tief beeindruckt, begeistert, berührt und erschüttert. Ich war traurig, als das Buch zu Ende war.

Ich kannte nicht viel über Mexiko, aber nach der Lektüre wurde ich angeregt, mehr über Mexiko zu erfahren, über die Kultur, über die aktuelle politische und soziale Situation. Ich wollte wissen, wie relevant die Dinge sind, über die die Autorin schreibt. Das tatsächliche und ungeheure Ausmaß der Femizide, der Drogenkriege, der Korruption sowie der Armut erschreckte mich dann sehr.

Die Autorin selbst hat eine Freundin verloren und besonders die letzte Geschichte "Die Knochensammlerin" berührte mich überaus. "Mexiko ist ein frauenfressendes Monster. Mexiko ist eine Wüste aus Knochenstaub. Mexiko ist ein Friedhof aus rosa Kreuzen. Mexiko ist ein Land, das Frauen hasst." "...der Prozentsatz ungeklärter Frauenmorde ist in Mexiko extrem hoch. Um genau zu sein, liegt er bei 98 Prozent."

Unbedingt lesen!

Bewertung vom 20.03.2025
Schweben
Ben Saoud, Amira

Schweben


sehr gut

Fragen bleiben...

Die Klimakrise, die Erwärmung der Welt liegt hinter uns. Die Menschen leben in Siedlungen, die voneinander abgeschottet sind. Es gibt zwar Tauschhandel untereinander, der wird aber ohne Kontakt miteinander durchgeführt. Es ist nicht erwünscht, dass die Menschen unterschiedlicher Siedlungen miteinander sprechen. Jegliches Wissen über das Draußen ist verboten. Auch jegliche Erinnerungen an das Davor sind verboten. Ebenso ist Gewalt verboten, aber gerade unter den Jugendlichen gedeiht sie.

Im Mittelpunkt steht eine pfiffige junge Frau. Sie verdient ihr Geld damit, in dem sie andere Frauen nachspielt, so dass nach Trennungen die Eltern oder Partner Trost, oder was auch immer, finden. Für sie ist das eine Überlebensstrategie, da sie so nicht sie selbst sein muss. Sie weiß eigentlich auch nicht so recht wer sie ist, wie sie heißt und was sie eigentlich wirklich möchte.
Bei einem ihrer Aufträge gerät sie in eine Beziehung, in der sie sich verliert, in der sie verbleibt, obwohl die Beziehung ihr nicht gut tut und gewaltvoll ist.

In der Siedlung indess geschehen immer mehr seltsame Dinge, es entstehen Risse, es verschwinden Dinge oder tauchen auf. Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Die Welt gerät scheinbar langsam aus den Fugen...

Die kompakte, in sich runde Dystopie konnte ich sehr flüssig lesen. Sie fesselte mich so sehr, dass ich sie in einem Rutsch las. Die Hauptfigur fand ich interessant gezeichnet. Es wird nachvollziehbar gemacht, warum sie in solch einer gewaltvollen und ungesunden Beziehung bleibt und es wird deutlich gemacht, wie Traumata sich auswirken können. Einige Szenen gingen mir sehr ans Herz. Ich mochte Juri, den jungen Mann aus dem Naturkundemuseum, der sie auf eine gute Weise liebt, den sie aber leider nicht zurück lieben kann.

Das Setting dieser Siedlung mit all den unmöglichen Vorkommnissen gefiel mir mir gut. Ich habe lange keine Dystopie mehr gelesen, so fand ich es sehr erfrischend. Zudem fand ich es spannend, dass nicht alles auf den ersten Blick erklärbar wurde. Allerdings haben sich mir manche Dinge gar nicht allein erschlossen, so hätte ich mich gern ausgetauscht. Die gesellschaftskritischen Anklänge hätte ich mir etwas deutlicher gewünscht. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass im Hauptfokus der Verbleib in einer toxischen Beziehung thematisiert wurde, also das individuelle Sein im Vordergrund stand.

Fazit: Fesselnde und berührende Geschichte einer traumatisierten jungen Frau in einem dystopischen Setting. Für Menschen, die interpretierbare und nicht ganz eindeutige Texte mögen.

Bewertung vom 14.03.2025
Die Sehenden
Addonia, Sulaiman

Die Sehenden


sehr gut

Herausfordernd

Welch ein provokanter und herausfordernder Text. Er hat mich nachhaltig beschäftigt und sehr beeindruckt, durchaus auch zu tief beeindruckt und war schwer verdaulich.

Hannah, eine junge Eritreerin, flüchtet nach Großbritannien. In Eritrea und auch auf der Flucht wurde sie vergewaltigt. In London wird sie als unbegleite Minderjähriger in einer Pflegestelle bei Diana untergebracht. Diese ist selbst eher unglücklich mit ihrem Leben. Hannah wartet auf den Asylbescheid. Sie versucht sich einzuleben, kann aber aufgrund der Gesetze nicht viel machen. Sie stößt wiederholt auf Rassismus. Sie versucht am Leben zu bleiben - nur das Begehren und die Lust halten sie am Leben. Sie verliebt sich.
Ihre spezielle Formen der Lust ist allgegenwärtig und nimmt sehr viel Raum ein. Sicherlich auch als Bewältigungsversuch ihrer traumatischen Erlebnisse zu verstehen. "Es muss weh tun, um all den Schmerz zu ertränken." Zudem setzt sie sich mit dem Tagebuch ihrer früh verstorbenen Mutter auseinander. Hier werden Parallelen deutlich,was ich letztlich als Versuch des eines feministischen Aufbegehrens verstehe.

Eine Bewertung fällt mir schwer. Ich kann von einem bis fünf Sterne alles vergeben:

1 Stern dafür, dass ich Dinge überflogen habe und überlegt habe, abzubrechen. Viele Geschehnisse und Beschreibungen irritierten mich und stießen mich sehr ab.

2 Sterne dafür, dass ich mich manchmal gelangweilt habe, da es zuviel desselben war und mir die Story zu wild wurde. Es nervte mich zudem, dass alles irgendwie mit Sex und verschiedenen Praktiken verbunden wurde. Ich habe einige Ideen dazu, wie man es verstehen kann, aber es war mir insgesamt zu viel und manchmal auch zu heftig.

3 Sterne dafür, dass der Autor ein Mann ist und ich mich fragte, ob es überhaupt okay ist, solch ein Buch aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau zu schreiben. Anfangs dachte ich, es sei eine Autorin. Mein Mitgefühl mit der Protagonistin war dadurch sehr groß, fast schon quälend schmerzhaft und herzzerbrechend. Bald bemerkte ich aber, dass dieser Text nicht von einer Frau sein könne und begriff dann endlich, dass der Autor ein Mann war. Dadurch konnte ich mich besser vom Text distanzieren, und etwas Atem holen, fühlte mich aber auch etwas provoziert.

4 Sterne für den schrägen, ungewöhnlichen und eigenwilligen Text, der ohne Absätze, im Stil eines stream of consciousness geschrieben wurde. Dadurch ist man sehr dicht am Erleben der Hauptfigur dran. Nicht immer ist hierbei klar, ob Ereignisse tatsächlich oder eher metaphorisch geschehen.

5 Sterne für die eindrückliche Darstellung des Lebens als Geflüchtete, die sich einfinden muss und um ihre Identität ringt. Die Schilderungen der politischen und gesellschaftlichen Situation in Eritrea fand ich sehr interessant. Die Darstellung der der Warterei und der Verdammung zum Nichtstun in London fand ich sehr authentisch und beleuchtet das Asylsystem durchaus kritisch.
Der Text zwang mich inhaltlich zur Auseinandersetzung und wird mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Auch strukturell zwang mich der Text zur Auseinandersetzung: was kann Literatur leisten, was soll sie leisten? Zudem hat der Autor meinen tiefen Respekt, da er im Nachgang seine literarischen Anleihen und entnommenen Gedichte als Quellen darlegt.

Fazit: Eindrücklich, tragisch, berührend, provokant, verstörend, interpretierbar. Nicht für jede*n geeignet.
Triggerwarnung: sexueller Mißbrauch, sexuelle Spielarten, Suizid, Gewalt

Bewertung vom 08.03.2025
Cycle Breaker: Für mein Kind mache ich es anders
Vogt, Leandra

Cycle Breaker: Für mein Kind mache ich es anders


weniger gut

Leider wenig überzeugt

Mit diesem Erziehungsratgeber tat ich mich leider sehr schwer, da ich mit dem Stil nicht gut zurecht kam, obwohl ich das Thema sehr wichtig und spannend finde. Thematisch geht darum, aus ungünstigen Verhaltensweisen im Umgang mit Kindern auszusteigen. Die von den Eltern oder Anderen übernommenen ungünstigen (toxischen) Verhaltensweisen, Glaubenssätze und Erwartungshaltungen sollen erkannt und verändert werden. Ziel ist es, aus diesem Kreislauf auszubrechen, um Kinder psychisch zu stärken und resilient aufwachsen zu lassen..

Nach dem ersten Teil, der Einführung werden 20 ungünstige Verhaltensweisen vorgestellt sowie Ideen zur Selbstreflexion gegeben und Hinweise zur Veränderung angeboten. Im letzten Teil finden sich Reflexionsübungen, die man eigenständig durchführen kann sowie Überlegungen zu einem hilfreichen Mind Set.
Soweit, so gut – leider kam ich mit dem Stil des Buches überhaupt nicht zurecht. Der Text wirkte redundant und oft unnötig ausschweifend. Stilistisch wirkte es auf mich eher holprig, da die Autorin viele Substantive verwendete und immer wieder zwischen sehr kurzen und sehr langen Sätzen wechselte. Zudem war der Text durchgehend mit Merkkästen, Stichpunkten, Abgrenzungen und Kurzzapitel strukturiert, was meinen Lesefluss störte und sich wie ständige Unterbrechungen anfühlte. Ein etwas lockerer Fließtext mit Zusammenfassungen am Ende hätte mir hier gutgetan, vielleicht auch ein größeres Buchformat, um eine bessere Übersicht zu haben.

Zwischendurch fanden sich immer wieder gute Gedanken und Hinweise, aber es fiel mir schwer, sie in den gehäuften Wiederholungen und eher abstrakten Allgemeinplätzen oder Füllsätzen zu entdecken, die nicht weiterführten. Insgesamt wird das Thema zu wenig konkret behandelt. Im Einführungstext wird viel über Resilienz gesprochen, aber die konkreten Resilienzfaktoren werden beispielsweise nie umfassend vorgestellt. Zudem fehlte mir eine Differenzierung, da oft unklar blieb, auf welche Altersgruppe sich die Aussagen beziehen. Auch die Frage z.B., in welchem Umfang und wie oft man sich um Geschwister kümmern kann, ohne dass dies als schädigende Parentifizierung gilt, bleibt unbeantwortet. Einige Themen hätten zudem zusammengefasst werden können, da sie im Grunde die gleichen Aspekte beleuchteten. Des Weiteren verfolgte sie einige Gedanken nicht weiter, sondern sprang zu anderen Gedanken, z.B. gibt sie ein Besipiel zur Herausforderung im Umgang mit Geschwisterstreit. Dieses wird kurz skizziert, aber das Beispiel schwenkt dann um und es geht um mangelnde Fitness. Hier wird Potential verschenkt, etwas tiefer in die Thematik einzusteigen.

Positiv hervorzuheben ist, dass die Autorin immer wieder betont, wie wichtig es ist, freundlich und empathisch zu sich selbst zu sein, dass Veränderungen nicht von heute auf morgen geschehen und dass man Fehlerfreundlichkeit leben sollte. Hier gibt sie viel Mut und Bestärkung.

Insgesamt handelt es sich um ein wichtiges Thema, aber leider hat mich die stilistische, strukturelle und teilweise inhaltliche Umsetzung wenig überzeugt. Menschen, die sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben, können hier dennoch gute Impulse erhalten.

Bewertung vom 08.03.2025
Skin City (eBook, ePUB)
Groschupf, Johannes

Skin City (eBook, ePUB)


gut

Potential verschenkt

Ein durchaus brutaler Krimi (als Thriller würde ich es nicht bezeichnen), der quer durch verschiedene Berliner Stadtbezirke und das Brandenburger Umland führt.
Der Roman verfolgt drei wechselnde Perspektiven: Romina, eine Romnja, die es geschafft hat, Polizistin zu werden, was jedoch von ihrer Familie kritisch beäugt wird. Sie ist entschlossen, denjenigen zu finden, der ihre Schwester brutal verprügelt hat, und ist gleichzeitig mit der Aufklärung einer Einbruchserie betraut.
Koba, ein junger Mann aus Georgien, kann aufgrund einer begangenen Blutrache nicht nach Tiflis zurückkehren und ist in mafiöse Strukturen verstrickt. Er will mit Einbrüchen in Berliner Villen genug Geld verdienen, um nach Kanada auszuwandern.
Lippold, ehemaliger Techno-Fan und Drogendealer, der wegen Finanzbetruges im Gefängnis saß, ist schnell reizbar und frisch aus der Haft entlassen. Nun versucht er, sich in der Kunstszene einen Namen zu machen und dabei leichtes Geld zu verdienen.

Der Krimi ist rasant, spannend und fesselnd geschrieben. Die Handlung bewegt sich durch verschiedenste Berliner Milieus, was besonders Berlin-Kennern Freude bereiten dürfte. Von Schrebergärten und Hochhaussiedlungen bis hin zu Zelten am Landwehrkanal, Villen an den Randbezirken, edle Cafe`s der Stadtmitte und Kunstauktionen – die Vielfalt der dargestellten sozialen Welten hat mir gut gefallen.

Die Figurenzeichnung gefiel mir nur mittelmäßig. Besonders zu Beginn konnte ich mit Romina und Koba gut mitfühlen, ihre Handlungen waren nachvollziehbar, ihre Charaktere lebendig und greifbar. Anders verhielt es sich mit Lippold, der für mich als Figur schwer fassbar und wenig überzeugend blieb. Leider verloren Romina und Koba mit der Zeit an Tiefe und wirkten zunehmend eindimensional. Dies gipfelte in einem sehr schwachen Ende, das ich nicht mehr ernst nehmen konnte. Gerade weil die Charaktere mit interessanter Herkunft und viel Potenzial angelegt waren, hätte man hier deutlich mehr herausholen können.

Insgesamt zeichnet der Roman ein düsteres, stellenweise schmerzhaftes Bild von Berlin und seiner kriminellen Szene, bleibt dabei jedoch authentisch und realistisch. Dennoch verbleibt bei mir ein unangenehmer Nachgeschmack von Rassismus und Frauenverachtung, der insbesondere dem Ende geschuldet ist.

Ein weiterer Punkt, der mich irritierte: Das Cover und der Titel schienen nicht recht zum Inhalt des Romans zu passen.

Fazit: Ein spannender Einblick in die kriminelle Szene Berlins sowie die exklusive Kunstwelt. Die Handlung ist packend, doch das Potenzial der vielversprechenden Figuren wurde verschenkt. Das Ende war für mich leider nicht glaubwürdig.

Bewertung vom 08.03.2025
Durgun, Tahsim

"Mama, bitte lern Deutsch" (MP3-Download)


ausgezeichnet

Schafft Verständnis

Ich habe das Hörbuch gehört, das vom Autor selbst sehr gut gesprochen wurde und einfach perfekt passte. Er geht der Frage nach, warum seine Mutter, die schon sehr lange in Deutschland lebt, kaum Deutsch spricht. Dadurch geriet er in unliebsame Dolmetschersituationen, die ihn oft überforderten, und manchmal hatte ihr schlechtes Deutsch auch direkte, negative Konsequenzen für ihn.

Die Familie gehört den kurdischen Jesiden an. Der Autor erklärt ein wenig die Besonderheiten ihrer Kultur und Religion. Er erzählt anekdotisch von humorvollen, berührenden und nachdenklich stimmenden Begebenheiten, vor allem aus seiner Grundschul- und Jugendzeit, mit politischen und nichtpolitischen Seitenhieben, aber stets warmherzig. Rassistische und demütigende Situationen berichtet er stellvertretend für viele andere, die ähnlich aufgewachsen sind. Die gingen mir sehr nah.
Er liebt seine Mutter sehr und huldigt ihr mit diesem Werk. Sie hat sich letztlich komplett zugunsten der Familie zurückgenommen und ein Stück weit geopfert. Sie hat nie gewagt zu träumen, sondern einfach funktioniert, ohne sich je zu beklagen.

Manchmal fand ich die Erzählungen etwas ausschweifend und weniger humorvoll, als ich erwartet hatte. Auch habe ich mich gelegentlich gefragt, warum er gerade diese Szenen ausgewählt hat (zum Beispiel die Diebstähle auf den Maisfeldern). Bei manchen Aussagen oder Geschichten hatte ich daher die Sorge, dass sie eher ausländerfeindlich gesonnenen Menschen bestärken. Auch hätte ich mir gewünscht, die Rolle der Frau vielleicht mehr zu hinterfragen.

Insgesamt ist das Hörbuch jedoch unterhaltsam und treffend und vor allem hat Tahsim bei mir ein wirkliches tieferes Verständnis geweckt, wofür ich sehr dankbar bin!

Bewertung vom 23.02.2025
LONELY PLANET Bildband Die 50 schönsten Reisen von Lonely Planet
Lonely Planet Verlag

LONELY PLANET Bildband Die 50 schönsten Reisen von Lonely Planet


sehr gut

Weckt Reiselust und Fernweh

In diesem Buch finden sich 50 Reiseberichte aus aller Welt, die sowohl bekannte als auch weniger bekannte Reisen abdecken. Die Berichte stammen von verschiedenen Reisenden, die am Ende des Buches kurz vorgestellt werden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich vor allem mit individuellem Reisen, Naturerlebnissen und Rundreisen beschäftigen. Das Interesse am kulturellen Leben der Einheimischen, der Geschichte der jeweiligen Orte sowie das Staunen über beeindruckende Landschaften und Tierbeobachtungen sind durchweg spürbar.

Die Reiserouten werden beschrieben und auch grafisch dargestellt. Es kommen eine Vielzahl unterschiedlicher Fortbewegungsmittel zum Einsatz. Die Autor*innen wandern durch die Dolomiten oder das Amazonasgebiet, segeln übers Mittelmeer, paddeln mit dem Kanu über schwedische Seen, reisen mit einem Frachtschiff über den Atlantik, fahren mit dem Fahrrad durch die Bretagne oder Marokko, bereisen die kanadischen Rocky Mountains im Wohnmobil, segeln mit einer Yacht auf den Galapagos-Inseln, trampen entlang der Seidenstraße und nehmen den Bus durch Kambodscha – und das ist nur ein kleiner Auszug.
Ebenso vielfältig sind die Übernachtungsmöglichkeiten: von Zelten und Vans über Hotels, Hütten bei Einheimischen und Berghütten bis hin zur Transsibirischen Eisenbahn und Tiny Houses.
Abgerundet werden die individuellen Berichte durch kurze, aber treffende Informationen zur Reiseplanung.

Alle Berichte sind mit vielen, auch großformatigen Fotos bester Qualität versehen. Sie sind hervorragend gelungen und zeigen wunderbare Natur- und Tieraufnahmen sowie kulturelle Eindrücke. Nur hätte ich es bevorzugt, wenn die Erläuterungen zu den Fotos direkt darunter platziert gewesen wären.
Normalerweise schreibe ich nie etwas über das Cover, aber in diesem Fall möchte ich erwähnen, dass das metallisch glänzende Blau wirklich sehr schön und besonders aussieht.

Besonders gut gefallen haben mir die Reiseberichte über die Osterinseln, die Galapagos-Inseln, Schottland und die Nordwestküste Spaniens, aber eigentlich haben mir sehr viele Berichte gefallen.
Das Buch eignet sich eher nicht zum Schnelldurchlesen. Vielmehr kann man es zur Hand nehmen, um einige Reisen zu genießen und auf sich wirken zu lassen. Aufgrund der kleinen Schriftgröße, die das Lesen etwas erschwert, habe ich das Buch langsam, aber noch nicht vollständig durchgearbeitet. Einige Reisen werde ich wahrscheinlich nie antreten, umso mehr habe ich die Berichte genossen. Einige der beschriebenen Reisen habe ich selbst bereits unternommen und habe mich gefreut, sie hier wiederzufinden. Für zukünftige Reisen habe ich mir auf jeden Fall eine Fülle an Inspiration mitgenommen.

Bewertung vom 20.02.2025
Der Gott des Waldes
Moore, Liz

Der Gott des Waldes


sehr gut

Fesselnd und bewegend

Camp Emerson im Naturreservat der Adirondock Mountains, in der Nähe von New York. (Das Setting des Ferienlagers inmitten des Naturschutzgebietes hat mir ausnehmend gut gefallen und ich konnte es mir sehr gut vorstellen!)

Barbara, die 13-jährige Tochter einer sehr reichen Familie, denen das Camp gehört und die ihr Anwesen in der Nähe des Camps haben, ist verschwunden. Sie ist ein eher schwieriges Mädchen mit komplizierten Beziehungen zu ihren Eltern. Sie ist punkig, impulsiv und unangepasst. Ihre Mutter Alice ist sehr in ihrer eigenen Welt, in tiefer Trauer, da sie das ungeklärte Verschwinden ihres jungen Sohnes, Bear, vor einigen Jahren nie überwunden hat.

Neben Barbara lernen wir noch die 12-jährige Tracy etwas besser kennen, ihre Eltern sind getrennt und sie soll zwei Sommermonate im Camp verbringen. Sie befreundet sich mit Barabara.

Ein weiterer Fokus liegt auf Louise. Louise kommt ebenfalls aus einer dysfunktionalen Familie. Sie ist sehr intelligent, musste aber aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung ihr Studium abbrechen und jobbt nun im Camp, als Gruppenleiterin von Barbara und Tracy.

Zudem haben wir die Perspektive von Judyta, einer jungen Kriminalinspektorin, die zum Verschwinden von Barabara ermittelt. Es sind die 70er Jahre und Frauen sind in diesem Berufsfeld noch kaum vertreten.

Es stehen also vor allem Mädchen und Frauen in verschiedenen sozialen Schichten im Fokus. Wir erfahren mehr über ihre Herausforderungen und Lebenswege, die mich alle berühren und bewegen konnten. Männer werden auch beleuchtet, treten aber eher als Nebenfiguren in Erscheinung. Alle Personen, auch die Nebenfiguren sind vielschichtig und recht tiefgründig gezeichnet. Die Themen des Frauseins innerhalb oder auch gegen die gesellschaftlichen Konventionen werden gut herausgearbeitet.

Die Haupthandlung spielt einerseits in den 70er Jahren, andererseits in Rückblenden in den 50er Jahren, als der Erstgeborene, Bear, verschwand. Es gibt recht schnelle Perspektiv- und Zeitwechsel, so dass die Spannung durchweg hoch gehalten wird. Es liest sich flüssig und wirklich fesselnd. Es gibt einige sehr traurige und auch tragische Situationen, die mich berührten. Eine Situation zwischen der Mutter Alice und deren Schwester Delphine überraschte und schockierte mich etwas. Sehr schön hingegen empfand ich die zarten Freundschaften der Mädchen untereinander, aber auch die solidarische Unterstützung, die zwischen einigen Frauen gegeben wurde.

Besonders sympathisch erschien mir Louise, über sie oder auch über Tracy, hätte ich gern noch viel mehr erfahren. Ein wenig schade fand ich, dass die Kriminalinspektorin sehr viel Raum bekam, so wurde es doch eher zu einem Krimi.
Das Ende fand ich großartig!

Der Klappentext fasst die Thematiken des Romans tatsächlich sehr gut zusammen: soziale Ungleichheit, Wohlstandsverwahrlosung, Machtmissbrauch, Kampf um weibliche Selbstbestimmung und die große Wichtigkeit von Freundschaft.

Fazit: Ein spannender Krimi in einem interessantem Setting mit starken Elementen eines Gesellschaftsromans, der fesselt, bewegt und durch die Seiten fliegen lässt.