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LichtundSchatten

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Insgesamt 254 Bewertungen
Bewertung vom 28.06.2023
Der Schrei des Hasen
Jörges, Hans-Ulrich

Der Schrei des Hasen


gut

Hans Ulrich Jörges hat klare Ansichten und ist in der Lage, diese verständlich und mit Nachdruck zu äußern. An sich zweifeln liegt ihm nicht. Wenn ich ihm zuhöre, fühle ich eine starke, unabhängige Persönlichkeit, die ihre Meinung auch gegen den Mainstream richten kann. Mit seinem Weggang habe ich aufgehört, den Stern zu lesen.

Neulich sagte er bei BILD TV mit großer Überzeugung, dass der SPD Generalsekretär Klingbeil wohl Verteidigungsminister werden solle, weil seine Eltern Offiziere waren/sind. Das klang gut, liest man dann bei Wikipedia nach, wird klar, dass er Wehrdienstverweigerer war.

Zuverlässig hat Jörgs gehört, dass Lauterbach nicht Gesundheitsminister wird. Sehr wahrscheinlich war also, dass der Spahn-Nachfolger Karl mit Vornamen heißt. Ich mag Jörgs Statements trotzdem, auch wenn er selten meine Meinung trifft. Er kann auch mit vermeintlichen politischen Gegnern reden und grenzt sie nicht aus. Das ist heute schon sehr, sehr viel. Alle Aussagen kann jeder heute in Sekundenschnelle im Netz selbst gegen-checken.

Ein spannendes Buch mit unglaublichen, aberwitzigen Geschichten und Einsichten, die mich bereichert haben, eine Sittenbild des deutschen Journalismus von den 80ern bis heute.

Keinesfalls bin ich damit einverstanden, dass Sarrazin Rassist sei oder alle Religionen zu Deutschland gehören oder gar die häufige Behandlung dieses Themas im Fernsehen schuld am Erstarken der AfD sei. Das Gegenteil ist richtig. Weil dort die einzige Plattform vorhanden war und ist, um die dritte monotheistische Religion zu kritisieren, hat sich um und in dieser Partei ein Areal der Kritik gebildet. Es ist ein verhängnisvoller, schwerer Fehler von HUJ, dass er keine Ahnung von Religionen hat und Wulff einen falschen Satz in eine Rede geschmuggelt hat.

Ganz generell stört mich die enge Liaison zwischen Politik und Journaille, für die Jörges viele Beispiele anführt. Sein starker Einfluss soll mit diesem Buch klar werden, ein Macht-Journalist legt Zeugnis ab. Das alles nervt. Und doch ist Jörges keinesfalls ein Opportunist, er hat Prinzipien und moralische Grundlegungen, die er in diesem Buch erläutert.

Btw: Geschäftsführer und Verleger-Magnaten, auch Journalisten sollten nie im Leben Doppelnamen tragen, keinen einzigen habe ich mir gemerkt. Leider habe ich in der Vergangenheit auch Jürgs und Jörges immer mal wieder verwechselt. So ist es, lieber Herr Jörges: außerhalb Eurer Meinungsblasen seid Ihr viel weniger bekannt als ihr euch einbildet!

Zusammenfassend fest-gestellt: Jörges wurde nach kurzen linksradikalen Auswüchsen ein Kapitalist reinsten Wassers, mit dem Traum Pilot zu werden gesegnet, umgeben von blonden Schönheiten, hungernd in der Jugend und später mit einem benzinschluckenden Daimler kutschierend, ein rhetorischer Boxer mit echten Wirktreffern, großem rhetorischem Geschick inkl. guten Provokationen ausgestattet. Viele seiner Ziele hat er erreicht, er ist nicht langweilig und nach wie vor höre ich ihm gerne zu.

Davon war und ist Jörges weit entfernt: „Die Aufgabe der Journalisten ist es, die Wahrheit zu zerstören, gerade heraus zu lügen, zu verdrehen, zu verunglimpfen, vor den Füßen des Mammons zu kuschen und sein Land und seine Rasse um sein tägliches Brot zu verkaufen. Sie wissen es und ich weiß es.“ John Swinton (1829 - 1901), US-amerikanischer Redaktions-Chef der New York Times

Juni 23: Jörges kommentiert nicht mehr, hat aber einen dystopischen Roman veröffentlicht, der den Trump-Putin-Pakt hell-sehen will. Na ja.

Bewertung vom 26.06.2023
Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen
Berzbach, Frank

Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen


ausgezeichnet

Ein Leben lang war ich in der Kreativbranche tätig - und hatte das Glück, auch meine eigenen Ideen umzusetzen. Vom reinen Berater hin zum Texter, ein weiter, spannender Weg. Hart im Raum trafen sich immer Geschmacksfragen und wer glaubt, dass in Werbeagenturen Intellektualität herrscht, irrt sich gewaltig.

Es steht das Konzept „Ideen und machen“ im Vordergrund. Man sieht im Verlaufe von 40 Jahren viele kreativen Konzepte mehrfach und muss wissen, wann sie reif sind, wie man sie intellektuell verkaufen bzw. an Marketingverantwortliche bringen kann, die immer mal an andere (BWL_Mode-) Konzepte glauben.

Es gibt nur einen Zustand, der in kreativen Berufen dominiert:
Termindruck, Hektik, Stress und schneller machen.

Dieses Buch ist - vom Äußeren her - die Gegensehnsucht dazu:

es ist liebevoll, haptisch ausgezeichnet und vom Layout (außen und innen) und der Typo her ein Genuss. Natürlich hat es die Lieblingskreativfarbe Orange und Schlammgrau drin. Könnte nicht sagen, dass mir das nicht gefällt.

Die Inhalte sind so wie alles in der kreativen Branche: ab- und zugeschrieben.

Dies muss nicht schlecht sein, in keinem Fall. Ich liebe es, wenn Menschen zugeben, wo sie abgeschrieben bzw. drumrum geschrieben haben. Die Inhalte lassen eine Fülle an Zitaten fließen. Sie verquicken sich zu einem gut lesbaren Genuss der Dinge, die man immer schon mal so machen wollte, zumindest in Gedanken, während von außen der Kontakter nach der fertigen Lösung schreit. Umso langsamer sein, genau dann, darauf kommt es an. Lieber nichts präsentieren als das durchschnittliche Mittelmaß.

Danach ruft dieses Buch und selten nur wird es gelingen. Trotzdem ist der Ruf danach richtig und ich habe alle Inhalte gerne gelesen, mit den Gedanken ein Atemholen in der Atemlosigkeit der Zeit genossen.

Bewertung vom 25.06.2023
Am Anfang war der Knoten
Karg, Michael Simon

Am Anfang war der Knoten


ausgezeichnet

Er war die Verbindung vom Steinkeil zum Stiel, er machte die Axt möglich. Der Knoten wiederum basierte auf einem stabilen Seil. Die Entwicklung von Seil und Knoten dauerte Jahrmillionen, so simpel uns das Ganze heute anmuten mag. Wir hinterfragen es nicht mehr. Die unglaubliche Geschichte dahinter ist in diesem Buch spannend aufbereitet und man gewinnt Interesse vom Schnüren des eigenen Schuhknotens weit zurück in unsere eigene Geschichte.

Die Entwicklung von Sprache und Knoten gingen Hand in Hand, von Mund zu Mund. „Wer einige Knoten beherrscht und anwendet, beginnt, seine Umgebung anders zu betrachten und zu beschreiben.“ Tatsächlich steckt hinter den Knoten und Seilen Raffinesse, Vielschichtigkeit und Nachhaltigkeit.

Knoten sind im Lauf der Geschichte verrottet, sie sind kein primärer Bestandteil der Archäologie. Kurz: man weiß zu wenig darüber und so gibt es, wie immer im Blick zurück, hier große Unsicherheiten, ja Unwissen und gegensätzliche Standpunkte. Diese Aspekte werden von Michael S. Karg anschaulich vermittelt.

Es gibt heute keine Knoten-Wissenschaft (Hammatologie), sie würde unterschiedliche Aspekte umfassen wie Kraft, Zug, Belastbarkeit, also Physik, aber auch Kunstgeschichte, Medizin, Heraldik, Ethnologie, Mode, Nautik, Alpinistik, Forensik etc.
Die Entwicklung des ganzen Lebens wird in Knoten erfasst, sie erst machten höheres Leben möglich, ein unentbehrliches Hilfsmittel der Menschwerdung.

Dieses Buch versucht diese Lücke sehr umfassend zu schließen, es bietet Sichtweisen auf die Entwicklung und Anwendung von Knoten in der Geschichte und erklärt, warum diese Aspekte für die Zukunft bzw. mögliche Lösungen in anderen Zusammenhängen wichtig sind.

Nicht zuletzt werden die wichtigsten Knoten am Ende des Buches vorgestellt, auch visuell, so dass ein eigenes Verknoten, eine Art Rückschau und Anwendung möglich wird. Sich an diesen Lösungen hindurchzuwinden kann durchaus Knoten im Gehirn verursachen, die Umsetzungen, aber sind verblüffend, ein Wissen, das in uns allen schlummert. Zum Anwenden empfehle ich die Hilfestellung durch YouTube.

Zum Einstieg versuche man den Palsteck, den unbestrittenen König der Knoten. „Er hat eine feste Schlaufe, zieht sich aber im Gegensatz zur Schlinge nicht zusammen. Er hält sicher und kann jederzeit gelöst werden.“

Bewertung vom 24.06.2023
Der ewige Brunnen

Der ewige Brunnen


gut

Gute Auswahl, mein Favorit:

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich "Euer Gnaden"

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Hatte einen Spruch für eine Hochzeit gesucht, leider nichts gefunden. Die Ehe ist aus dem Buch verschwunden, leider. Es gibt auch kein Stichwortverzeichnis, schade.

Der Vorgänger dieses Buches hat uns immer begleitet, hier die neue Gliederung:

Kindheit
Jugend
Höhen und Tiefen der Liebe
Frau sein, Mann sein?
In der Lebensmitte
Aufbrüche, Umbrüche
Ermutigung und Trost
Aus dem Alltag
Das Alter
Gedanken an den Tod
Natur erfahren
Stadt, Land, Fluss
Mythen und Legenden
In der Einsamkeit
Lebenskunst
Essen und Trinken
Zum Lachen
Feste feiern
Auf dem Feld der Politik
Krieg, Flucht, Vernichtung
Heimweh oder Fernweh
Über die Dichter
Vergänglichkeit
Glaube und Zweifen

------------------------Alte Gliederung: ------------------------------

Buch der Kindheit
Jugend und Freundschaft
Buch der Liebe
Buch der Ehe
Alter und Vergänglichkeit
Buch des Abschieds und des Todes
Buch der Natur
Mythen, Sagen und Legenden
Aus der Geschichte
Kennst du das Land?
Buch des Mutes und der Tapferkeit
Stimme des Schicksals
Lebensalltag
Vom Essen und Trinken
Mensch, Unmensch, Übermensch
Einsamkeit und Schwermut
Ein Buch Sprüche
Buch der Heiterkeit und des Unsinns
Komische Begebenheiten
Ein wenig Spott
Buch der Rätsel
Buch der Lebenskunst
Symbole und Träume
Buch des Glaubens
Buch des Dichters

Bewertung vom 04.06.2023
Mindset
Hotz, Sebastian

Mindset


schlecht

"Reich wird man durch die Ausbeutung anderer." Tatsächlich ist das die Meinung des Autors und so entwickelt sich ein Buch über den Mind-Coach Maximilian Krach wie es phrasenhafter nicht sein könnte.

"Die Wertschöpfung anderer abgreifen", der zweite Gedankensprung in diesem Phantasiewerk zeigt, wohin die Reise geht. Der Autor greift nichts als die Aufmerksamkeit des Lesers ab, ohne ihm irgendwas zurückzugeben.

Holtz ist genau die Person, die hier als Krach agiert. Mit zu viel Eigengroßartigkeit ausgestattet, eine Generation, die rumböhmert statt etwas leisten wollen.

Um reich zu werden, muss man Ideen haben und darf vor allem sich selbst ausbeuten. Aber Social Media macht heute die merkwürdigsten Karrieren möglich.

Von Murx her losdenken, ab- und zuschreiben, das reicht heute.

0 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.05.2023
Ich war BILD
Diekmann, Kai

Ich war BILD


ausgezeichnet

BILD habe ich erst verstanden, nachdem ich die Biografie von Axel Springer und Friede Springer gelesen habe. Diese Art von Journalismus gefällt wenigen, und doch lesen sie so viele. Ganze Zeitungen gründeten ihr Dasein auf Unglücken! Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Warum lache ich bei den Filmen, wenn anderen etwas Dummes passiert? Warum interessieren sich Menschen für Menschen, und vor allem für ihr Unglück? Journalismus ist die Umsetzung funktionierender Mechanismen des schadenfrohen Interesses für andere. Wie entstand das Lachen? Von 10 Menschen am Ufer ergriff der Bär einen und tötete ihn. Neun rannten davon und lachten wie irre!

Und genau so funktioniert der Boulevard-Journalismus. Lachen über andere tut gut, Unglücke angstlustig und mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen lässt einen beschützt im eigenen Umfeld zurück: Gott sei Dank, so schlecht geht es uns / mir nicht. Man kann darüber lamentieren oder zur Kenntnis nehmen, dass man selbst nicht frei von solchen Mechanismen ist. Über andere(s) zu berichten wurde zu einer machtvollen Industrie, die heute mitbestimmt, wohin Politikerkarrieren gehen. Kai Diekmann erzählt zu Beginn dieses sehr lesenswerten Buches über den tiefen Fall des Herrn Wulff, Bundespräsident a.D., dessen Anruf beim damaligen Chefredakteur bzw. die Nachricht auf der Sprachbox der Beginn seines Endes wurde.

Das Buch verdeutlicht, wie eng Journalisten und Politiker verwoben sind. Der Bundespräsident besucht wie selbstverständlich den Chefredakteur und plaudert mit ihm, auch die Gattinnen sind dabei. Man hofft auf den Goodwill des jeweils anderen. Der eine will Geschichten, der andere gute Presse, eigentlich ein perfektes Win-Win-Geschäft. Wären da nicht, wie immer im Leben, die persönlichen Vorlieben und Animositäten. Wir erleben, wie Wulff und seine damalige neue Partnerin durch BILD verständnisvoll begleitet werden, ja richtiggehend abgefedert wolkensanft gebettet. Und wir erkennen die Veränderung, die ein Mensch erleben muss, wenn er ganz oben angekommen ist. Bei Wulff scheint eine Einstellung gewachsen zu sein, die ihm ein Motto unterschiebt, das wir vom royalen Mittelalter kennen: L'etat, c'est moi!

Die idyllische Atmosphäre in Hannover, wo sich alle kannten und Wulff wohl mit allen Journalisten bestens zurecht kam, war aber nicht auf Berlin übertragbar. Für einen Bundespräsidenten gelten andere moralische Gesetze. Wir erleben mit, wie Wulff Diekmann befragt, ob er den Satz vom Islam, der zu Deutschland gehöre, in seiner Rede unterbringen soll. Sogar Wulff's Frau, aber vor allem Diekmann raten ab. Geht Politik und Journalismus noch enger? Das fällt mir beim Lesen dieser Passagen ein. Müssten wir nicht dringend eine strikte Trennung zwischen Politik und Journalismus anstreben? Wie kann es sein, dass ganze Zeitungen zu einer Partei gehören? Welche Rolle spielen in einem über-versorgenden Staat die öffentlich rechtlichen Sender, deren Mitglieder zu fast 90% einer politischen Richtung angehören?

Journalisten und Politiker wechseln häufig zwischen ihren Bereichen hin und her. Dieses Geflecht nimmt immer problematischere Züge an und müsste dringend reformiert werden. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen zu den sozialen Medien abwandern und lieber selber etwas beitragen. Klassische Journalisten unterschätzen den Leser-Kommentar immer noch, der ihren Berufsstand dramatisch unter Beschuss setzt. Ich lese oft nur noch Kommentare von Lesern, der eigentliche Artikel ist lediglich der Start zu einer Diskussion.

Kai Diekmann hat die wesentliche Bedingung für ein gutes Buch (nach Reich-Ranicki) erfüllt, er kann wirklich unterhaltsam erzählen. Ich habe die 544 Seiten in 2 Tagen gelesen und viel Neues erfahren. Es sind durchaus selbstkritische Einsichten eines Insiders dabei, die in weiten Teilen zudem wirklich überraschend sind. Die Sache mit Wallraff (Abhöraffäre) war mir nicht bewusst, ebenso wenig die Frontgestaltung der TAZ in der Rudi-Dutschke-Straße.

Bei Helmut Kohl hat sich für mich ein Puzzle geschlossen, nachdem ich schon die Bücher seiner Söhne gelesen hatte, und natürlich die Kohl-Biografien. Ich freue mich im Nachhinein, dass Helmut Kohl trotz allem Unglück in der neuen Partnerschaft großes Glück und Zuneigung gefunden hat. Dass Kai Diekmann auch in schweren linken Gewässern konservativ blieb, wider alle Zeitgeistanfeindungen, zeugt von echten Nehmerqualitäten. Dabei bot er sich der Gegenseite immer als Mittler an und versuchte, mit allen zu reden, egal ob links oder rechts, auf kreative, intelligente Weise.

Dass er am Ende des Buches den Vergleich 6 und 9 brachte, den auch die aktuelle Außenministerin im Repertoire hat, schmälerte dieses echte Stück Zeit-Geschichte(n) nur minimal. Besonders lesenswert seine Briefe an bekannte und unbekannte Personen, die im Anhang eingefügt sind. Dass er mit Scharping Freundschaft schloss, eine echte Überraschung. Wobei man Scharping für seine Gemütsruhe bei allen Turbulenzen um ihn tatsächlich aufrichtig bewundern muss.

Bewertung vom 26.05.2023
Gehirnwäsche trage ich nicht
Sprenger, Reinhard K.

Gehirnwäsche trage ich nicht


ausgezeichnet

Ein gelungenes Manifest zum selbstständigen Denken und Handeln.

“Es gibt unendlich viele öffentliche Instanzen, die die gelernte Hilflosigkeit der Menschen ausbeutet, um sich unersetzlich zu machen. Je hilfloser die Menschen, desto mehr können Politiker verteilen und regulieren.”

"In der Abenddämmerung der Sozialdemokratie hat dagegen Rousseau noch einmal gesiegt. Sie haben nicht die Produktionsmittel, sondern die Therapie verstaatlicht. Dass der Mensch von Natur aus gut sei, diese merkwürdige Idee hat in der Sozialarbeit ihr letztes Reservat. Pastorale Motive gehen dabei eine seltsame Mischung ein mit angejahrten Milieu- und Sozialisationstheorien und mit einer entkernten Version der Psychoanalyse. Solche Vormünder nehmen in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit den Verirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab.“ („Aussichten auf den Bürgerkrieg“, 1994, S. 37)

Der demokratische Sklave wird aus den Fängen einer überwölbten Bürokratie, öffentlich-lobhudelnder Medien und korrupter Politiker entlassen und muss wieder selbstständig handeln. Der Nanny- und Angstmacherstaat kommt an seine Grenzen, sein Ende wird nicht nur Bürgerkriege auslösen.

Reinhard K. Sprenger schreibt an der Nahtstelle der Risse, die unserer Demokratie aktuell zu schaffen machen. Seine Aussagen sind für Unternehmen, Institutionen, politische Parteien, Universitäten ebenso relevant wie für Privatpersonen.

Mitarbeiter sind keine Adresse zur Pflichterfüllung moralischer Ziele (oder der Sinnstiftung, engl. Purpose), sondern selbstständige autonome Wesen, die in Freiheit leben und arbeiten wollen. "Fürsorgliches Verhalten hat immer einen Zug der Entmündigung."

Heute wird umfassend angeklagt und Angst gemacht, vorrangig geführt von Menschen, "deren Moral über die ökonomische Urteilskraft triumphiert."

Selten habe ich in einem Buch so viele Sätze unterstrichen. Reinhard K. Sprenger bietet eine höchst aufschlussreiche Textsammlung, deren Ziel es ist, persönliche Freiheit und Eigenständigkeit zu erreichen und einem überversorgenden Staat / Unternehmen entgegenzuwirken. Natürlich wird dies nicht alle erreichen, denn viele arbeiten lieber nach dieser Maxime: "Es ist auch heute noch sicher einigen Mitarbeitern rechte, unter dem Regenschirm des Vorgesetzten die behütete Sicherheit des Kindes zu genießen."

Wer klein bleiben will, wählt beschützende Parteien oder Vorgesetzte, wer aber etwas erreichen will, muss dies in Freiheit und Eigenverantwortung tun. Für ihn ist dieses Buch geschrieben, er / sie wird nicht im distanzlosen Du weitermachen, sondern respektvollen Abstand halten zu allen, um sich in den Tsunamis der Konflikte flexibel und eigeninitiativ zu bewähren. Dabei gelten wenig Regeln und die Tatsache eines immer schnelleren Wandels fordert alle täglich neu heraus. "Nur der Konflikt löst von den Fesseln vergangener Erfolge."

Reinhard K. Sprenger blickt pessimistisch in die Zukunft. Er ist der Meinung, dass wir in naiver Weise unsere Freiheit verspielen. "Auch unsere Geistige." Trotzdem, wer bestehen will in härteren Zeiten, ist mit dem Buch "Magie des Konflikts" sehr gut beraten.

Bewertung vom 22.05.2023
Think Again - Die Kraft des flexiblen Denkens
Grant, Adam

Think Again - Die Kraft des flexiblen Denkens


ausgezeichnet

Ein wirklich beeindruckendes Buch, das mir ermöglicht hat, kreativer und flexibler zu denken. An konkreten Beispielen fächert der Autor auf, wie man heute auf Veränderungen reagieren und besser vorankommen kann.

Einser Uni-Abschlüsse garantieren nicht den Karriere Erfolg, sondern Flexibilität und schnelles Umdenken.

Lernen muss intrinsisch sein, Herausforderungen bieten, die den Lernenden in die Lehr-Funktion ver-setzen, um selbstständig agieren zu können. Nicht pauken, sondern selbst denken und handeln sind Kern dieser Denkweise.

Ich irre, also lerne ich.

„Menschen, die sich rühmen, ihre Ansichten niemals zu wechseln, sind Toren, die an ihre Unfehlbarkeit glauben.“ (Balzac)

Bewertung vom 19.05.2023
Die Welt verdient keinen Weltuntergang
Hamm, Peter

Die Welt verdient keinen Weltuntergang


ausgezeichnet

Peter Hamm stand nie in der ersten Reihe bekannter Kritiker. Er wollte sogar nie ein Literaturkritiker sein, die Bezeichnung Großkritiker stammt gleichwohl von ihm (aus dem Buch "Kritik - von wem, für wen, wie?") wohl als Pfeil gegen allzu laute Töne des damit Adressierten abgeschossen. Reich-Ranicki hat dann mit scharfem Geschütz zurückgeschossen, das Gedicht "Niederlegen" des Lyrikers Peter Hamm hatte für ihn nun überhaupt nichts.

Umso wohltuender und besser sind die Kommentare und Einordnungen von Peter Hamm in dieser von Michael Krüger zusammengestellten Anthologie.

In diesem Band von Aufsätzen und Kritiken ist insbesondere der erste Artikel: "Goethe's Nöte – Nöte mit Goethe" hervorzuheben, er zeigt, "wie Peter Hamm sich über Jahre hinweg mit dem Werk eines Autors auseinandergesetzt hat." (aus dem Nachwort von Michael Krüger).

Peter Hamm schreibt: "Die Widersprüchlichkeit Goethes entspricht genau seiner Größe." Bei ihm findet sich Negatives und Positives eng beisammen, vor allem eine Verachtung der Masse. "Zur Popularität gehört Eindeutigkeit, die Eindeutigkeit Schillers etwa." Goethe selbst sagte zu Eckermann: "Meine Sachen sind nicht für die Masse geschrieben, sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen und suchen." Trotzdem versuchte Eckermann ihn populär zu machen, was ihm in Teilen auch gelang.

Der Tod Goethes wurde 1832 fast nicht zur Kenntnis genommen, die führende deutsche Literaturzeitschrift, das "Stuttgarter Literaturblatt", in dessen Verlag Goethe's Bücher veröffentlicht wurden, brachte keine Meldung darüber. Damals war Schiller der Mann der Stunde, ihm wurde 1837 in Stuttgart ein Denkmal gesetzt, das ihn als Schriftsteller zeigt. 1849 blieb der 100 Jährige Geburtstag Goethes fast unbemerkt, während Deutschland beim 100-jährigen von Schiller in ein Begeisterungstaumel geriet. "Das sich emanzipierende deutsche Bürgertum verzieh Goethe den Höfling nicht, den Fürstendiener, sein Ausweichen vor der Politik und der Revolution."

Beethoven schrieb über Goethe: "Ihm behagt die Hofluft sehr, mehr als einem Dichter ziemt." Aber Goethe dachte nicht in solchen Kategorien, Polarität bedeutete ihm mehr als Parteinahme: "Mir scheint, dass sich alles gut verbindet, wenn man den Begriff der Polarität zum Leitfaden nimmt." Er schrieb dies zur Erläuterung der Farbenlehre und zielte damit auf die Einheit der Gegensätze wie von Hegel formuliert.

Ein schöner Satz von Goethe fasst das alles zusammen: "Willst Du ins Unendliche schreiten, geh im Endlichen nach allen Seiten." Peter Hamm ging ebenfalls nach allen Seiten, er analysierte fein und wog ab. Eindeutigkeit zeigte er aber auch, wenn ihm etwas nicht gefiel, vor allem zu Beginn seiner Tätigkeit. Später analysierte er stärker über die Zeitachse, übergreifender, die Einheit hinter den Gegensätzen greifen wollend.

Das Nachwort von Michael Krüger skizziert die Person Peter Hamm aus der Erinnerung und mit großer Empathie. Er beschreibt vor allem auch die Inhalte, die nicht mehr Platz fanden in diesem Buch, allen voran die Ausführungen über Musik, die bei Peter Hamm eine zentrale Stellung einnahmen. Darüber habe ich die Ballade von den Säckeschmeißern wiederentdeckt, ein zweifellos linkes Lied. Peter Hamm war links, zweifellos, aber seine Kritiken waren frei von seichtem Populismus, sie hatten andere Horizonte.