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kerstin_liest_bucher

Bewertungen

Insgesamt 13 Bewertungen
12
Bewertung vom 23.03.2024
Das Befinden auf dem Lande. Verortung einer Lebensart
Vedder, Björn

Das Befinden auf dem Lande. Verortung einer Lebensart


sehr gut

Reflexionen über das Leben auf dem Land

Ein kleines, aber intelligentes Buch über die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land, die Freiheit und dem Zusammenleben als Gesellschaft. "Das Befinden auf dem Lande" ist eine vielschichtige Reflexion über gesellschaftliche Dynamiken, persönliche Erfahrungen und die Sehnsucht nach Freiheit. Björn Vedder entführt uns in seine Welt, geprägt von Kindheitserinnerungen auf dem Land und dem Leben als Familienvater nach dem Umzug von München zum Ammersee, gespickt mit Episoden aus städtischen Gefilden. Dabei zeichnet er ein facettenreiches Bild von Gemeinschaft, sozialer Kontrolle und den Ambivalenzen des Landlebens. Das Werk ist weder ein Lobgesang auf das Land- noch auf das Stadtleben. Es ist eine differenzierte Analyse der provinziellen Mentalität und ihrer Auswirkungen auf individuelle Freiheit. Der Autor bedient sich einer breiten Palette an Quellen, von Psychologie über Philosophie bis hin zur Literatur, um seine Thesen zu untermauern.

Der Autor vergleicht das Verhalten der Menschen auf dem Land u. a. mit einer höfischen Inszenierung, einem Theaterschauspiel um Anerkennung der anderen zu erlangen. Durch die dauerhafte Nähe zu den immer gleichen Menschen wäre dieses Verhalten deutlich ausgeprägter als in der Stadt. Andersartigkeiten werden kritisch beurteilt, da reicht es schon, eine moderne Rollenverteilung zu leben. Außerdem vergleicht er die Unterscheidung in Freund und Feind auf dem Land mit der rechtskonservativen Auffassung von Politik.

"Das Befinden auf dem Lande" ist kein leichter Lesestoff, aber ein Buch, das zum Nachdenken anregt und Fragen über gesellschaftliche Entwicklungen aufwirft. Es ist eine Warnung vor den Abgründen der dörflichen Gemeinschaft, aber auch ein Aufruf zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt und Toleranz. In einer Zeit, in der das Leben auf dem Land wieder an Attraktivität gewinnt, liefert das Buch einen Beitrag, der weit über oberflächliche Betrachtungen hinausgeht und zum Dialog anregt.

Fazit: Eine kleine interessante Abhandlung über das Landleben und die menschliche Freiheit! Ich hoffe, die Nachbarn des Autors haben Humor und das Zusammenleben am Ammersee wird durch das Buch nicht noch schwieriger.

Bewertung vom 19.03.2024
Der rechte Pfad
Sozio, Astrid

Der rechte Pfad


sehr gut

Der Hauptprotagonist Benjamin kehrt in „Der rechte Pfad“ nach Jahrzehnten zurück zu seinem Vater in ein Dorf im Sauerland mit einer streng religiösen Gemeinde. Dort hatte er als Kind und Jugendlicher seine Ferien verbracht. Nach einem Ereignis auf einem Weihnachtsmarkt, bei dem eine Person stirbt und für das sich Benjamin die Schuld gibt, kommt er ins Dorf zurück, um das Erlebte zu verarbeiten. In seiner Jugend kam seine Jugendliebe Hanna bei einem tragischen Ereignis ums Leben, weshalb er den Ort seitdem gemieden hat. Nun muss er beide Schicksalsschläge aufarbeiten und sieht sich gleichzeitig mit den strengen Regeln und dem immer stärkeren Rechtsruck der Gemeinde konfrontiert.

Das Buch hat mich noch länger beschäftigt. Die Autorin beschreibt die Gewalt, den religiösen Fanatismus und die rechten Tendenzen so eindringlich, dass ich beim Lesen ständig das Gefühl hatte, als wäre die nächste Katastrophe nicht weit. Benjamin dagegen scheint manchmal nicht wirklich begreifen zu wollen, wie sich seine Kindheitsfreunde mittlerweile verändert haben. Er nimmt viele Geschehnisse einfach hin oder ignoriert sie, ohne richtig darauf zu reagieren.

Die Erzählung wechselt zwischen der Gegenwart und Benjamins Jugendzeit vor 25 Jahren. Die einzelnen Charaktere werden teilweise im Dialekt bzw. mit ihren sprachlichen Eigenheiten dargestellt, was einen einerseits noch mehr in die Geschichte zieht, andererseits die Lesbarkeit erschwert. Gerade die Haushälterin seines Vaters ist hier ein Extrembeispiel. Dennoch hat mich das Buch schnell in seinen Bann gezogen, allein weil man das teilweise seltsame Verhalten der Dorfbewohner nachvollziehen möchte.

Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, etwas zwischen den Zeilen finden zu müssen, was ich aber nicht finden konnte. Einige Aspekte wie Benjamins familiäre Situation und das distanzierte Verhalten seines Vaters bleiben ungeklärt. Positiv fand ich die Thematisierung von Homosexualität, die in der Gemeinde natürlich absolut tabu ist. Insgesamt bietet das Buch einen erschreckenden Einblick in eine fundamentalistische Gemeinde und ist durchaus fesselnd!

Bewertung vom 19.03.2024
Das verborgene Genie / Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte Bd.5
Benedict, Marie

Das verborgene Genie / Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte Bd.5


ausgezeichnet

Rosalind Franklin, eine herausragende, jedoch lange Zeit unterbewertete Wissenschaftlerin, wird durch den Röntgeneffekt auf dem Cover zwar interessant präsentiert, es spricht mich aber nicht ganz an. Das ist mein erstes Buch der Autorin. Mir gefällt die Idee, die Geschichten vergessener Frauen zu erzählen, hervorragend. Sie hat auch über die Frauen von Einstein und Churchill geschrieben.

Das Buch erzählt spannend von Rosalind Franklins Leben, beginnend nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris, wo sie bedeutende Fortschritte auf dem Forschungsgebiet der Röntgen-Kristallografie erzielt. In Paris wird ihre exzellente Forschungsarbeit geschätzt, sie wird von ihren Kolleg:innen sehr gut aufgenommen. Die Atmosphäre am Forschungsinstitut und das damalige Leben in Paris werden lebendig dargestellt. Aufgrund eines Vorfalls mit ihrem Chef kehrt sie jedoch nach London zurück. Der Grund wirkt für eine rationale Wissenschaftlerin, wie sie etwas weit hergeholt. In London forscht sie an der Struktur der DNA und macht bedeutende Fortschritte. Rosalind war eine akribische und herausragende Wissenschaftlerin, die für ihre Arbeit gelebt hat! Leider erschweren ihr skrupellose männliche Kollegen das Leben. Der einzige Lichtblick ist ihr loyaler Forschungsassistent Ray.

Es war insgesamt fesselnd, den Wettkampf um die Entdeckung der DNA-Struktur zu verfolgen, besonders in einer Zeit, in der Frauen in der Wissenschaft vor großen Herausforderungen standen. Das Buch verdeutlicht, dass obwohl sich die Lage heute etwas verbessert hat, Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist. Die Verwendung eines Spitznamens statt Dr. Franklin durch ihre verhassten Kollegen hat mich an die heutige Kommunikation in sozialen Medien über Politikerinnen erinnert. Trotz des bekannten Ausgangs fiebert man mit Rosalind mit und ärgert sich über ihre hinterlistigen Kollegen. Die Beschreibung der Sicherheitsmaßnahmen im Umgang mit Röntgenstrahlung lässt nicht viel Raum für Überraschungen. Auch wenn man ihre Geschichte nicht kennt, ist spätestens ab dem dritten Teil klar, dass der jahrelange Umgang damit seinen Tribut zollt. Im dritten Teil des Buches findet sie zum Glück wieder angenehmere Kollegen. Die wissenschaftlichen Ausführungen sind angemessen und nicht zu ausführlich. Die Charaktere sind authentisch beschrieben, man kann sich gut in sie hinein versetzen. Das Buch hat mir sehr gut gefallen – insgesamt eine klare Leseempfehlung!

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