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katikatharinenhof

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Insgesamt 372 Bewertungen
Bewertung vom 06.12.2025
Wood, Dany R.

Nur Gundula gärtnerte giftiger


sehr gut

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt (Roland Kaiser)

Auf gute Nachbarschaft ?! Von wegen, denn wer neben Alfred und Gundula Böttinger wohnt, der könnte auch ein Buch mit dem Titel "Meine Horrornachbarn" schreiben. Aber wer geht tatsächlich so weit und vergitet Alfred Böttinger ? Und vor allen Dingen,warum ? Denn die treibende Kraft in all den Zwistigkeiten ist und bleibt seine Frau Gundula. Jupp Backes ermittelt, was das Zeug hält und dreht sich doch immer wieder im Kreis....

Der neue Dorfkrimi aus dem Saarland führt erneut skurrile Figuren in bizarren Szenen den Lesenden vor Augen und beweist, dass der Krieg über den Gartenzaun echte Blüten treiben kann. Denn das, was sich auf den ersten Blick als homogene Gemeinschaft entpuppt, wird beim näheren Hinsehen Schauplatz der zertrampelten Beete, gegenseitigen Beschuldigungen und Verwünschungen – ein Frieden ist nicht in Sicht.

Wer Jupp kennt weiß, dass er sich so schnell kein X für ein U vormachen lässt und es bleibt kein Auge trocken, wenn der bekannteste Saarländer ermittelt. Situtationskomik und verbale Schlagabtausche sind wie immer an der Tagesordnunng und sorgen für Lachmuskelkater am laufenden Band.

Auch die Möglichkeiten zur eigenen Ermittlung sind vorhanden, sodass zwischen Bluemenbeeten, Komposthaufen und Wintergarten die Ideen aufblühen, Verdächtige wie Pilze aus dem Boden sprießen und dann doch wieder eifrig niedergetrampelt werden, weil sie ein (vermeintliches) Alibi haben.

Leider ist mit Zieh-Enkel Luan eine doch eher enervierende Figur in den Roman eingezogen. Mit seiner oberlerherhaften Art und Weise s ist der Junge schon für so manches Augenrollen veranwortlich. Seine belehrenden, besserwisserischen und oft herablassenden Kommentare vermitteln nicht gerade das Gefühl, dass er von allen gemocht werden möchte. Vielemehr ist er daran interessiert, seine Einzigartigkeit noch mehr zu betonen und hervorzueheben - das macht ihn immer unsympathischer.

Ansonsten ein gewohnter cooler Regio-Krimi mit Herz, Hirn und Humo

Bewertung vom 05.12.2025
Grabeck, Tobias

Der Dunkelläufer


gut

Noch Luft nach oben

Die Schwärze der Nacht ist sein Metier und doch fühlt sich Eric Solberg nicht mehr wohl. Während seiner Talkshow im Radio erhält der Moderator einen ominösen Anruf. Doch damit nicht genug, denn die Rätsel gehen weiter - geheimnisvolle Zettel mit kryptischen Botschaften gehören fortan zur Tagesordnung und Stolberg wird zur Spielfigur auf dem Schachbrett des unbekannten...


"Der Dunkelläufer" aus der Feder von Tobias Grabeck wird als „atmosphärischer Thriller voller Wendungen, Abgründe und Gänsehaut“ angekündigt, der tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken soll. Inspiriert von der nächtlichen Radio-Talkshow "Domian" und Nora Roberts’ "Nachtgeflüster – Ein gefährlicher Verehrer" versucht Grabeck, seine Leserschaft mit Themen zu packen, die unter die Haut gehen.

Leider gelingt ihm das nur bedingt. Die Spannung will sich kaum aufbauen, weil der Schreibstil sich häufig in schmückenden, teils überladenen Adjektivreihen verliert. Hinzu kommen fehlende oder falsch verwendete Wörter, die den Lesefluss erheblich stören. Manche Sätze ergeben erst nach dem zweiten oder dritten Lesen Sinn. Wenn dann „unschuldige Augen schuldig blicken“, fragen sich die Leser:innen unwillkürlich, ob der Autor seine eigene Bildsprache noch im Griff hat. Es wirkt, als wäre Grabeck selbst unsicher, welchen Weg seine Handlung eigentlich einschlagen soll.

Auch erzählerisch bleibt der Roman blass, denn die anvisierte Tiefe verkommt zu oberflächlichem Andeuten, ohne die versprochenen Abgründe jemals wirklich zu betreten.

Dieses Debüt hat ohne Frage Ideen – doch sie sind weder sprachlich noch dramaturgisch überzeugend umgesetzt. Wer einen packenden Thriller erwartet, wird enttäuscht. Für die erste Liga im Thriller-Genre reicht es leider nicht; dafür müsste Grabeck im nächsten Roman sprachlich entschlacken, handwerklich präziser arbeiten und endlich die Atmosphäre liefern, die hier nur angekündigt wird

Da Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, wird dieses Buch sicherlich auch seine treue Fangemeinde finden – bei mir allerdings reicht es trotz guter Ansätze nur für 2,5 Sternchen.

Bewertung vom 04.12.2025
Oppenlander, Annette

Heimat aus Eis und Asche


gut

Ohne Heimat sein heißt leiden. Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Die Beziehung zu ihrer Mutter war immer unterkühlt und Lena findet keine Erklärung dafür. Doch als ihre Mutter stirbt, steht ihre Welt plötzlich Kopf, denn nichts ist, wie es vorher wahr. Lena ist nicht die leibliche Tochter, sondern wurde adoiert. Auf der Suche nach Antorten auf ihre brennenden Fragen steht ihr Familienanwalt Ansgar Schuhmann zur Seite. Während sie Dokumente sichten, tauchen sie tief in Ereignisse ein, die die böse Fratze des Zweiten Weltkrieges zum Vorschein bringen. Lena macht sich auf, um ihre Mutter zu finden....


Der neue Roman von Annette Oppenlander verspricht auf den ersten Blick jede Menge Emotionen, ergreifende Szenen und schonungslose Bilder, die sich ins Herz brennen. Doch leider gelingt es der Autorin diesmal nicht, an die Qualitäten ihrer bisherigen Bücher anzuknüpfen.

Ein Hauptgrund dafür liegt in der weiblichen Protagonistin Lena, die unnahbar und oft wenig glaubwürdig durch ihre eigene Lebensgeschichte wandelt. Emotional wirkt sie seltsam unentschlossen und für eine Mittfünfzigerin erscheint sie erstaunlich naiv und weltfremd. Ihre Suche nach der leiblichen Mutter wird von Rückblenden begleitet, die die Grausamkeit des Krieges eindringlich und nachhaltig schildern – diese Passagen gehören klar zu den Stärken des Romans, denn sie nehmen die Leser:innen mit auf die beschwerliche Flucht.

Während der Erzählstrang der Vergangenheit fesselt und eindrucksvoll die Gespenster der Geschichte heraufbeschwört, bleibt die Betrachtung der Gegenwart deutlich hinter den Erwartungen zurück. Erinnerungen und aktuelles Geschehen greifen nicht harmonisch ineinander; manches wirkt konstruiert und bemüht, als müsse die Handlung mit aller Kraft einen Zusammenhang zwischen den vielen Ideen herstellen, die Oppenlander in dieser Erzählung unterbringen möchte.

Besonders wenig überzeugend ist die Begegnung zwischen Mutter und Tochter nach über fünf Jahrzehnten. Ohne jegliche Vorbehalte fallen sie sich in die Arme, kennen keine Berührungsängste und wirken sofort vertraut – ein Szenario, das bei einer solchen Vorgeschichte kaum realistisch erscheint. Der Trauma-Hintergrund, der eigentlich erklären könnte, warum beide nach Nähe suchen, wird nahezu ausgeblendet. Statt vorsichtiger Annäherung entsteht überstürzte Innigkeit.

Zudem packt Oppenlander zu viele Nebenhandlungen in den Roman, wodurch die eigentliche Thematik – Flucht und Vertreibung – deutlich zu kurz kommt. Am Ende bleibt eine Gefühlsdusche mit vorhersehbarem Ausgang, die den vielen Heimatvertriebenen und ihren real erlittenen Traumata nicht gerecht wird.

Die Grundidee ist zweifellos vielversprechend, doch die Umsetzung kann das Potenzial nicht ausschöpfen. Insgesamt enttäuschend – 2,5 Sterne.

Bewertung vom 02.12.2025
Andeck, Mara

Das Schneeflockenmädchen


ausgezeichnet

Schneeflockentanz und Eisblumenzauber

Marie besitzt wenig und doch gibt sie ganz viel, denn mit ihren Märchen öffnet sie nicht nur die Herzen der Kinder, sondern zaubert ihnen diesen ganz besonderen Glanz in die Augen, wenn Kinder Magie spüren. Mit ihrem Schneeflockenwagen reist sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt und bereichert die Weihnachtsmärkte mit ihre Erzählungen. So kommt es, dass sich der Zuckerwattenverkäufer Carl auch zu der jungen Frau hingezogen fühlt. Sie geht ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und je mehr er feine Zuckerfäden spinnt und Marie beim Erzählen zuhört, desto mehr breitet sich ein wohlig warmes Gefühl in ihm aus. Werden beide zueinader finden ?


Mit „Das Schneeflockenmädchen“ öffnet Mara Andeck nicht nur ein zauberhaftes Märchenbuch für Erwachsene, sondern ermöglicht ihren Leser:innen auch eine kleine Zeitreise in die eigene Kindheit. Nicht umsonst heißt es, dass Erinnerungen wie Wärmflaschen fürs Herz sind und genau dort setzt Andeck an, wenn sie ihre Leser:innen in eine funkelnde Winterwelt entführt. Die Reise mit dem umgebauten Zirkuswagen führt durch märchenhaft verschneite Landschaften, die aussehen, als wären sie von einem schimmernden Mantel aus Raureif umhüllt. Es entsteht eine besondere Wunderfunkelglitzerzauberstimmung, die es eben nur im Winter gibt.

Der Autorin gelingt es zudem wunderbar, die Märchen als Geschichten in der Geschichte so geschickt mit der Handlung zu verweben, dass sie eine stimmige Ergänzung zum eigentlichen Erzählstrang bilden und die Leser:innen ihnen nur allzu gern folgen. Es entstehen sanfte Bilder im Kopfkino, getragen von dem wohlig warmen Timbre von Maries Erzählstimme. Es ist, als würden die Lesenden selbst auf den Filzkissen der Sitzbänkchen Platz nehmen, um gebannt ihren Worten zu lauschen.

Auch die Romanze zwischen Marie und Carl wird zart und einfühlsam erzählt – der beste Beweis dafür, dass selbst im tiefsten Winter Schmetterlinge fliegen können. Genauso filigran und zerbrechlich wie ihre frostglitzernden Flügel ist zunächst auch die Beziehung der beiden, die im Verlauf der Geschichte auf die eine oder andere Probe gestellt wird. Es geht darum zu erkennen, dass Worte und verpasste Gelegenheiten nicht zurückgeholt werden können und Sprache mitunter schärfer und verletzender ist als jede frisch geschliffene Klinge eines Messers. Die Botschaften werden wundervoll transportiert, erreichen die Lesenden direkt im Herzen und bringen eine Saite zum Klingen.

Ein Buch, das an funkelnde Wintersterne erinnert, Eiskristallträume zum Leben erweckt und Eisblumenzauber auf jede einzelne Seite malt.

Bewertung vom 28.11.2025
Bestgen, Sarah

Safe Space


ausgezeichnet

Klaustrophobischer Nervenzerrer

Anna ist forensische Psychologin und schaut tief in die Abgründe derer die aus Menschen Sadisten, Psychopathen und Serienmörder werden lassen . Ihr neuer Job führt sie ins Hochsicherheitsgefängnis, denn dort soll sie hinter die Mauern blicken, die die Intensivtäter um sich aufgebaut haben. Doch für Anna ist es nicht nur ein Job, sondern sie such den Schlüssel zur Wahrheit um das Verschwinden ihrer Schwester endlich aufzuklären. Noch ahnt Anna nicht, dass sie eine Schachfigur in einem bitterbösen Spiel ist….


Wow – was für ein Brett!
Sarah Bestgen haut mit „Safe Space“ einen echten Nagelbeißer raus, der seine Leser:innen mit jeder Seite tiefer in einen Strudel aus Raffinesse, Spannung und subtiler Bösartigkeit zieht.

Das Hochsicherheitsgefängnis als Mirkokosmos ist ein Geniestreich: Es wird zum pulsierenden Zentrum der Handlung – ein Ort, der so beklemmend beschrieben ist, dass man beim Lesen fast selbst die stickige Luft atmet, das metallische Echo der Türen hört und mit jeder verriegelten Schleuse ein Stück mehr Beklemmung spürt. Schweißausbrüche, Herzrasen, Atemnot – selten hat ein Setting so körperlich gewirkt!

Bestgen versteht es meisterhaft, an der Spannungsschraube zu drehen. Durch die geschickt gesetzten Perspektivwechsel hält sie Neugier und Anspannung konstant auf höchstem Niveau. Vergangenheit und Gegenwart verweben sich zu einem komplexen Erzählstrang, der mit jeder Seite mehr an Fahrt aufnimmt.

Anna wird im Verlauf der Geschichte von der Jägerin zur Gejagten. Ihr Versuch, unbedingt die Kontrolle zu behalten, scheitert an ihren eigenen Gedanken, an Zweifeln und Ängsten, die sie zunehmend in ein inneres Gedankengefängnis sperren. Während sie sich darin verliert, verliert auch die Leserschaft die Gewissheit, wem überhaupt noch zu trauen ist. Jede Spur könnte in die Irre führen, jede vermeintliche Wahrheit sich als Falle entpuppen – bis am Ende nichts mehr sicher scheint.

Bestgen spielt mit ihren Lesenden wie mit Figuren auf einem Schachbrett. Jeder Zug ist gut durchdacht, jede Bewegung kalkuliert. Aus scheinbar zufälligen Begegnungen und Details formt sie das unausweichliche Ende, das mit voller Wucht trifft. Erst auf den letzten Seiten öffnet sie den Blick in die morbide Gedankenwelt des Täters – schonungslos, verstörend und zugleich faszinierend.

„Safe Space“ ist ein Thriller, der nicht nur fesselt, sondern körperlich spürbar wird. Ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel voller Wendungen, beklemmender Intensität und erzählerischer Brillanz.


Ein mehr als gelungenes zweites Buch der Autorin und ich bin mir sicher: Von Sarah Bestgen will und muss! ich noch viel mehr lesen. Ich bin ihr mit Haut und Haaren verfallen.

Bewertung vom 24.11.2025
Kasperski, Gabriela

Juwelenraub im Schneepalast


gut

Solider Cosy Crime

Der Krimiklub wird mondän- so jedenfalls konnte der Untertitel der Einladung lauten, denn die Resie führt Libby in das Welt von Glanz und Glamour. Mehr Schein als Sein und doch ein Körnchen Wahrheit muss Libby aufdecken, denn ein Cold Case um den Tod von Nina Kandinsky weckt ihr Interesse.Aber der Ausflug dient nicht nur dem Amüsement, denn plötzlich wird aus Spaß bitterer Ernst und Libyy steckt mittedrin in einem neuen Fall....


Mit „Juwelenraub im Schneepalast“ verlegt Gabriela Kasperski den Schauplatz ihres neuen Krimis in das traditionsreiche Gstaad Palace Hotel, das als glamouröse Bühne für Libby Anderschs Ermittlungen dient. Der Mikrokosmos aus Luxus, internationaler Gesellschaft und charakterlichen Abgründen bietet durchaus reizvolle Voraussetzungen für einen spannenden Plot: Zwischen glitzernden Diamanten, leise klingednen Champagnergläsern und dem Gemurmel von Smalltalks entsteht eine Atmosphäre, die das Setting lebendig wirken lässt.

Kasperski verbindet die aktuellen Ereignisse vor Ort mit einem älteren, bislang ungelösten Fall, wodurch eine gewisse Spannung und Abwechlsung entsteht. Die Art und Weise, wie Spuren gelegt und Informationen nach und nach enthüllt werden, zeugt von handwerklichem Geschick und einem guten Verständnis für klassische Krimistrukturen. Leserinnen und Leser erhalten genügend Hinweise, um mitzurätseln, ohne dass die Lösung zu früh erkennbar ist.

Trotz dieser Stärken gelingt es dem Roman jedoch nicht immer, den erzählerischen Funken überspringen zu lassen. Die für die Reihe typische Lebendigkeit der Protagonistin Libby Andersch wirkt in diesem Band mitunter abgeschwächt; ihre sonst so mitreißende Mischung aus Intuition, Selbstironie und Scharfsinn tritt weniger deutlich hervor. Gerade im kontrastreichen Setting des Palace Hotels, das reichlich Potenzial für lebendige Beobachtungen und atmosphärische Wiedergabe bietet, bleibt der erwartete erzählerische Drive stellenweise doch eher zurückhaltend.

Kasperski bindet ihre sehr gut recherchierten Hintergrundinformationen über echte Juwelen, deren Bewertung sowie das Erkennen von Fälschungen zwar souverän ein, die sinnlich erlebbaren Segmente bleiben jedoch aus. Dort, wo ihre anderen Reihen mit anschaulichen Details, emotionaler Ansprache und einem hohen Maß an Nähe zu den Lesenden punkten, bleibt dieser Roman eher nüchtern. Auch biografisch motivierte Einschübe, die sonst oft zu einer stärkeren Verankerung der Figuren beitragen, entfalten in diesem Fall weniger ihren Reiz. Die Charaktere bleiben in einigen Momenten schemenhaft, sodass die ihre persönlichen Hintergründe und inneren Beweggründe nicht immer greifbar sind.

Insgesamt ist dieses Buch eine solide Kriminakost vor mondäner Kulisse mit einer gut durchdachten Fallkonstruktion. Wer Kasperskis bisherigen Schreibstil schätzt, könnte jedoch feststellen, dass der Roman nicht ganz an die schriftstellerische Qualität heranreicht, die ihre anderen Bücher auszeichnen. Als Krimi funktioniert die Geschichte dennoch – nur eben etwas zurückhaltender, als man es von der Autorin gewohnt ist.

Bewertung vom 16.11.2025
Goga, Susanne

Die wilden Jahre


sehr gut

Der Blick hinter den Vorhang

Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, das Rheinland liegt in Schutt und Asche und ist zugleich ein Ort für Träume und Hoffungen. Während aus den Trümmern neue Häuser entstehen, versucht THora ihren großen Traum zu leben - ein Schauspielstudium soll für sie den Weg in die Welt ebenen. Während der Lebensweg von Thora klar vorgezeichnet schein, steht für Bruder Hannes einiges auf dem Spiel, denn sein Schweigen nach seiner Verhaftung trägt nicht dazu bei, seine Situation zu verbessern. Als Thora einen Gedichtband findet, wird sie stutzig, denn im Text sind einige Worte markiert. Aber welche Bedeutung haben diese Worte im Zusammenhang mit Hannes' Verhaftung ?

In "Die wilden Jahre öffnet" Susanne Goga ihren Leser:innen gleich zwei Vorhänge: den zur deutschen Geschichte unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und den zur faszinierenden Welt des Theaters. Geschickt verwebt sie historische Fakten mit fiktiven Begebenheiten zu einer lebendigen neuen Realität, die sowohl Hoffnungen und Neuanfänge mit sich trägt, aber auch nach Theaterschminke, Puder und dem Staub der Ruinen, die das Rheinland im Jahr 1919 prägen, riecht.

Die Figuren sind detailreich gezeichnet und wirken nahbar, sodass sie die Leser:innen regelrecht an die Hand nehmen und in ihre Welt führen. Eine Welt, die vom untergegangenen Kaiserreich über die noch fragile neue Ordnung bis hin zu persönlichen Träumen, Zwängen und Beweggründen reicht. Goga besitzt einTalent dafür, Geschichte atmosphärisch und emotional zu erzählen, sodass die Lesenden immer tiefer in die Handlung hineingezogen werden.

Das Rheinland erwacht zwischen den Buchseiten zu neuem Leben: ein Landstrich voller Trümmer, Unsicherheiten und zugleich Aufbruchsstimmung, der sich für die Leser:innen wie eine begehbare Kulisse entfaltet. Mit den rätselhaften Andeutungen rund um die Figur Hannes weckt Goga die Neugier ihrer Leserschaft und hält sie bei der Stange. So entsteht ein gelungener Mix aus leichter Krimihandlung und historischem Erzählen, in dem die Themen Loyalität, Liebe und Mut geschickt miteinander verwoben sind.

Mit ihrer gewohnt sicheren stilistischen Handschrift schafft Susanne Goga einen Roman, der berührt und lesenswert ist.

Bewertung vom 14.11.2025
Borrmann, Mechtild

Lebensbande


ausgezeichnet

"Wahre Freundschaft besteht die Prüfung der Zeit."

Manchmal gibt es Geschichten, die man nicht nur liest, sondern die einen durchdringen. „Lebensbande“ von Mechthild Bormann ist genau so ein Buch – eines, das sich tief in das Herz eingräbt und nicht mehr loslässt. Es erzählt nicht nur eine Geschichte über Mut, Freunschaft, Zusammenhalt und Widerstand, sondern vielmehr über das, was es bedeutet, Mensch zu sein – in einer Zeit, in der Menschlichkeit systematisch ausgelöscht wird.

Die Geschichte entfaltet sich um drei beeindruckende Frauen: Nora, Lene und Lieselotte. Drei Frauen, die sich der Gewalt und dem Wahnsinn des NS-Regimes entgegenstellen, die sich trotz der dunklen Zeiten aneinander festhalten, füreinander da sind auch wenn alles um sie herum zerbricht. Was Bormann hier schafft, ist mehr als nur eine Erzählung aufs Papier zu bringen. Sie malt in eindringlichen, bildhaften Worten das Bild einer Freundschaft, die mehr ist als nur ein Band zwischen Menschen – sie ist ein Lebensband, das sich in den dunkelsten Stunden immer wieder zeigt, wie ein Hoffnungslicht, das den Weg weist.

Der Moment, als Nora alles für Lotte tut, um deren Sohn vor der grausamen Euthanasie zu retten, verändert alles. Die Folgen dieser Tat und auch von anderen, späteren Entscheidungen werden Nora ein Leben lang verfolgen, und auch die Leser:innen spüren die Last dieser Entscheidung.

Bormann gelingt es meisterhaft, die Schrecken des NS-Regimes wieder greifbar zu machen. Ihre Schilderungen sind eindrucksvoll, emotional und real und doch wird die Geschichte immer wieder durch die Wärme der Frauenfreundschaft und durch durch kleine Akte der Menschlichkeit erhellt

„Lebensbande“ erinnert an die Bedeutung von Freundschaft und Mut, besonders in Zeiten, in denen diese Werte nicht nur gefährdet, sondern aktiv bekämpft werden. Und es ist mehr als nur ein Buch über Vergangenheit – es ist ein Appell an die Gegenwart. Denn gerade jetzt, da das tagespolitische Geschehen immer wieder von Hass, Hetze und Krieg erschüttert wird, fordert Bormann auf, das Licht der Menschlichkeit und der Freundschaft immer weiter zu tragen.

Was bleibt, wenn die letzten Seiten umgeblättert sind ist ein Gefühl der Dankbarkeit – dass es solche Bücher gibt, die an die Kraft des Zusammenhalts erinnern, die zeigen, wie wichtig es ist, füreinander einzutreten. Und ein Bewusstsein, dass wir vielleicht nie wissen, welche „Lebensbande“ wir selbst knüpfen, aber dass sie die Welt verändern können.

Ein leises Buch, das die Lesenden so schnell nicht mehr loslässt. Ein starkes Buch, das zu einem stillen, aber unmissverständlichen Aufruf wird: Freundschaft und Mut sind Rettungsanker in herausfordernden Zeiten

Bewertung vom 11.11.2025
Lucas, Lilly

New Beginnings


gut

„Die besten und schönsten Dinge auf dieser Welt können nicht gesehen oder gehört werden, sie müssen im Herzen gefühlt werden.“ – Helen Keller

Lena ist in Green Valley gestrandet und härter könnte der Kontrast nicht sein. Statt quirlig buntes Großstadtleben wie zuhause in Berlin, bietet ihr die Kleinstadt in den Rockys eher eine Art Nischendasein an. Rundherum nur Berge und Stille. Doch mit ihren Gasteltern hat sie das große Los gezogen und die Coopers tun alles dafür, dass sich Lena wohlfühlt. Nicht so Ryan, der sich wie ein querschädeliger Dickopf gegen alles sträubt, was mit den Worten Freude, Höflichkeit und liebesvolles Miteindern zu tun hat. Lena hat die Faxen dicke und zeigt Ryan, wo der Hammer hängt und diese Aussprache hat es in sich....


Wenn ein Buch die Bezeichnung "warm & Cosy" verdient, dann ist es die Schmuckausgabe von "New Beginnings", denn schon die äußere Gestaltung greift alles auf, was die beiden Atrribute an Assozitationen hervorrufen. Das aufwendig gestaltete Cover mit Goldfolienprägung, raffinierter Ausstanzung und coloriertem Vorsatzblatt ist ein echter Eyecatcher. Im Inneren setzt sich dieser positive Eindruck fort – mit liebevollen Details wie farbigen Illustrationen, stimmungsvollen Kapiteleinstiegen mit Landschaftsmotiven sowie zusätzlichen Extras wie Rezepten und Plakaten. Optisch ist diese Ausgabe somit ein echtes Highlight und lädt zum gemütlichen Schmökern mit einem Punmpkin Spice Latte ein.

Inhaltlich erzählt Lilly Lucas die Geschichte von Lena und Ryan, die sich ein Katz-und-Maus-Spiel liefern, auch mal gepfefferte Schlagabtausche führen und dabei durch Höhen und Tiefen gehen. Themen wie geplatzte Träume, Enttäuschungen, Selbstfindung und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben sind nachvollziehbar und schaffen emotionale Anknüpfungspunkte, die sich jedoch nicht durchgängig durch den Roman ziehen.

Allerdings gelingt es der Autorin nicht immer, die Leserschaft vollständig mitzunehmen. Manche Szenen und Dialoge wiederholen sich, wodurch die Handlung künstlich in die Länge gezogen wird. Ryan zeigt teilweise ein problematisches und abweisendes Verhalten geht sogar dazu über, Lena zu ghosten, während Lena oft sehr naiv wirkt und wenig Selbstachtung zeigt - nicht immer nachvollziehbar und glaubwürdig. Auch die Au-pair-Thematik bleibt eher oberflächlich und wird nur wie Streudeko eingesetzt, odass keine Einblicke in diese Tätigkeit und die damit verbunden Aufgaben möglich sind.

Die Schmuckausgabe punktet vor allem durch ihre herausragende Gestaltung und atmosphärische Aufmachung. Inhaltlich bleibt der Roman dagegen hinter seinen Möglichkeiten zurück - zu klischeehaft, mit etwas zu vielen Längen und Figuren, die nicht überzeugen und deren Entwicklungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft werden.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass ein schöner Teller nicht satt macht. Schnell gelesen, aber auch leider schnell wieder vergessen

Bewertung vom 11.11.2025
Schaefer, Jürgen; Schmitz, Katharina

GEO Epoche 133/2025 - Drogen


ausgezeichnet

Der große Rausch

Das vorliegende Heft lädt zu einer außergewöhnlichen Zeitreise ein.Eeine Reise durch die wechselvolle Geschichte des Rausches, seiner Verlockungen und seiner Abgründe. Kaum ein Thema ist so eng mit menschlicher Sehnsucht, mit gesellschaftlichen Tabus und politischen Interessen verknüpft wie der Konsum von berauschenden Substanzen. Und doch wissen nur wenige, wie es dazu kam, dass der Weg von einst harmlosen Medikamenten für die Behandlung von diversen Zipperlein und Kinderkrankheiten illegale Drogen wurden.

Fesselnd erzählt und mit einer Fülle eindrucksvoller zeithistorischer Originalaufnahmen und Werbemitteln illustriert, öffnet dieses Magazin den Blick auf eine verborgene Welt zwischen Medizin, Macht und Moral. Es räumt mit Vorurteilen und Halbwahrheiten auf und zeigt, wie eng Fortschritt, Exzess und Verfall miteinander verwoben sind.

Von der berauschenden Wirkung des Weins in der Antike über die Opiumkriege des 19. Jahrhunderts bis zum globalen Kokainboom der Moderne – hier wird die Geschichte des Rausches als Spiegel der Menschheit erzählt: voller Glanz und Elend, Gier und Verlust, Aufstieg und Absturz.

Ein spannender, tiefgründiger Exkurs durch die Kulturgeschichte unserer Süchte und zugleich ein Heft, das aufklärt, fasziniert und nachdenklich macht. Starker Stoff – garantiert ohne schädliche Nebenwirkungen.