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yellowdog

Bewertungen

Insgesamt 2187 Bewertungen
Bewertung vom 13.01.2025
Sievert, Sara

Der Unvermeidbare


ausgezeichnet

Ein sehr aktuelles Buch zum Wahlkampf

Der Autorin gelingt es, eine grundsätzliche Spannung mit ihren Schilderungen aufzubauen, die auch kontinuierlich anhält.
Sie schildert die Ereignisse sachlich, fair, aber nicht unkritisch.
Dabei hat ihr Stil eine große Bildsprache. Immer wieder glaubt man, die geschilderten Ereignisse plastisch vor sich zu sehen.

Friedrich Merz steht in diesem Buch natürlich im Mittelpunkt, aber es wird auch einiges von anderen Politikern erzählt, und sie werden als Vergleich herangezogen. Söder, Laschet, Kramp Karrenbauer, Linnemann, Hendrik Wüst, sogar ein wenig Merkel.

Sara Sievert konnte mich mit ihrem lebhaften Stil und ihrer Genauigkeit in diesem Buch wirklich beeindrucken.

Bewertung vom 10.01.2025
Goerz, Tommie

Im Schnee


ausgezeichnet

Tommie Goerz schildert hier ein Dorfleben. Es befindet sich im ländlichen Bereich und viele, jedenfalls die älteren, leben hier ein einfaches Leben wie aus der Zeit gefallen.

Der alte Schorsch ist gestorben. Erzählt wird aus dem Blickwinkel von Max, selbst über 80 und er war Schorsch Freund.
In winterlicher Umgebung geht er zu Schorsch Haus. Von der Totenwache bis zum Begräbnis wird gezeigt, wie die Dorfgemeinschaft zusammenfindet.
Der Autor lässt den Leser so teilhaben, das man sich fühlt, als würde man selbst bei der traditionellen Totenwache dabei sitzen.
Und es werden Geschichten erzählt, die Vergangenheit ist nie ganz vorbei, solange die Alten sich noch daran erinnern können.
Das Dorfleben wirkt auf den ersten Blick wie ein Idyll, doch wenn man genauer hinblickt sieht man gutes wie schlechtes. Max ist ein einfacher Mann, aber sein Blick auf die Gesellschaft ist unbestechlich und enthüllt auch Ungerechtigkeiten.

Tommie Goerz verklärt nichts, findet aber dennoch Respekt und fast poetische Sätze für die Leute, die im Dorf ein konstantes Leben und Gemeinschaft finden.

Es ist ein Buch, in das man abtauchen kann.

Bewertung vom 01.01.2025
Brüggemann, Anna

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen


gut

Roman über Mütter und Töchter

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen heißt der neue Roman von der 1981 geborenen Filmschaffenden und Schriftstellerin Anna Brüggemann und dieser Titel macht neugierig.
Das Buch ist eine Art Familienroman und erzählt von der resoluten Regina und ihren beiden fast erwachsenen Töchtern Antonia und Wanda. Der Untertitel „Roman über Mütter und Töchter“ ist also wirklich zutreffend.
Ihre Beziehungen zueinander stehen im Mittelpunkt.
Antonia ist besonders sensibel und hat nicht viel Selbstvertrauen. Daher hat sie es mit ihrer starken Mutter nicht immer leicht. Wanda ist etwas jünger und hat eine Essstörung.
Die Perspektiven zwischen den drei wechseln. Durch den Blick in ihre Gedanken lernt man die Figuren besser kennen.

In Teil 2 des Buches gibt es einen Sprung von 12 Jahren und wir sind im Jahr 2010, kurz danach schon 2019 und man der Entwicklung der Frauen gespannt verfolgen.

Anfangs hatten mich einige klischeehafte Sätze und schiefe Bilder irritiert, später hatte ich mich mit dem Stil abgefunden und daran gewöhnt.

Bewertung vom 27.12.2024
Zelter, Joachim

Staffellauf


ausgezeichnet

Joachim Zelter hat mit Staffellauf einen 2-Generationen-Roman geschrieben.
Der erste Teil setzt 1961 ein. Bernadette ist eine junge Malerin, die für ihre Kunst lebt. Dann taucht jedoch ein Mann in ihrem Atelier auf, der sie ausdauernd umwirbt. Eigentlich gegen ihren Willen gibt Bernadette nach und heiratet diesen Karl Staffelstein, obwohl sie ihn nicht liebt. Es sind die frühen sechziger Jahre und Bernadette genügt vielleicht den Konventionen ihrer Zeit. Nun sind aber viele Frauen in dieser Zeit schon selbstbewusster gewesen und hätten, wie wohl Frauen der heutigen Zeit, den lästige Umwerber abgewiesen. Aber nicht alle Menschen sind gleich und Bernadette ist eher eine passive, sehr sensible Person.
Sie reagiert dann aber schon bald nach der Geburt ihrer Kinder mit Krankheit und Untätigkeit, schließlich Depression und Aufenthalten in Sanatorien. Das Malen und ihre Kunst hat sie aufgegeben und damit auch einen Teil ihrer selbst.

Dann kommt Teil 2, in dem ihr Sohn Jakob im Mittelpunkt steht. Offenbar hat Jakob auch einiges mit dem Autor Joachim Zelter zu tun. Sie haben jedenfalls einige Eckdaten gemeinsam.
Wo Bernadette ihre Kunst verliert, muss Jakob sie sich erst aufbauen. Zunächst als Schulversager angesehen, wird er dann doch erfolgreich und schließlich wählt er den mühsamen Weg, Schriftsteller zu sein.

So ein Künstler- und Gesellschaftsroman in der heutigen zeitgenössischen Literatur ist selten, aber unbedingt lesenswert.

Bewertung vom 27.12.2024
Schifferli, Dagmar

Auch Fische können ertrinken


sehr gut

Ein nachdenklicher, verinnerlichter Text. Man ist als Leser immer dicht bei den Gedanken der Protagonistin Katharina, die Ärztin ist, aber selbst an Atembeschwerden leidet und daher nach Davos zur Erholung reist. Davos, da liegt der Gedanke an Thomas Manns Zauberberg nahe.
Katharina hat den Eindruck, dass ihr leidender Zustand psychologische Ursachen hat, zum Beispiel ihre harte Kindheit. Ihre Erinnerungen daran sind teils schwer erträglich. Beschädigungen aus der Kinderzeit kann man nicht heilen, nur lindern.

Überraschenderweise verlegt die Autorin die zweite Hälfte des Romans nach New York, dadurch wechselt auch die Stimmung.

Stilistisch kommt mir der Roman ein wenig altmodisch vor. Das liegt vielleicht aber auch an einigen zeitlich weiter zurückliegenden Bezügen und Verweisen. Aber die Emotionen der Protagonistin werden sichtbar gemacht.

Bewertung vom 26.12.2024
Schäfer, Frank

Zu Früh


ausgezeichnet

Neunundzwanzig plus zwei


Der Schriftsteller Frank Schäfer schreibt in diesem offenbar autobiografischen Buch von der Geburt und den ersten Wochen seines Sohnes, der als Frühchen auf die Welt gekommen ist.

Neunundzwanzig plus zwei.
Neunundzwanzig Wochen und zwei Tage.
Jeder Tag zählt.

So fängt das Buch an. Die erste Zeit ist nicht einfach. Das Baby liegt mit wenig Gewicht im Inkubator und muss betreut werden. Für die Eltern eine Zeit der Ängste und Sorgen und Hoffnung.

Zwar erfährt man einiges von den Ablauf mit Frühchen auf der Frühchenstation im Krankenhaus, aber in erster Linie wird die Gefühlswelt der Eltern in dieser Zeit gezeigt. Die ist natürlich recht schwankend, wie man sich denken kann.
Dann auch die Erkenntnis des Erzählers, wie sehr man sich selbst in dieser kurzen, entscheidenden Zeit verändert.
Das ist eindringlich und realistisch gemacht. Man kann gut mit ihnen mitfühlen.
Ein kurzes, aber kompaktes Buch.

Bewertung vom 25.12.2024
Bernemann, Dirk

Kalk


ausgezeichnet

Das interessante an dem Buch ist der Gemütszustand des Protagonisten. Stefan Kalk ist 55, Angestellter und seine Freundin hat ihn vor 6 Monaten verlassen. Klar ist er in einer Art Midlife-crisis.

Kalk ruht eigentlich ziemlich in sich, weiß aber dennoch nicht, was er mit seinem Leben machen soll, und unter der Oberfläche fängt es an zu brodeln.
Das spiegelt sich zum Teil im Leben seines guten Freundes Försters, der Lehrer ist und ebenfalls von seiner Frau verlassen wurde.
Kalk fährt in den Urlaub nach Holland an den Strand.
Dann kommt ein Moment, in dem Kalk im Meer einen Jungen vor dem Ertrinken rettet.
Ein kurzer Moment der Euphorie, doch die Mittelmäßigkeit seines Lebens und seine misanthropische Weltanschauung kann das auf Dauer nicht verdrängen.

Der Stil des Autors ist genau und präzise und zeichnet sich außerdem durch eine gute Lesbarkeit aus.

Bewertung vom 25.12.2024
Stobezki, Eldad

Rutschfeste Badematten und koschere Mangos


ausgezeichnet

Gedankensplitter
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos von Eldad Stobezki ist bei Edition W erschienen.
Dieses Buch mit dem originellen, doppeldeutigen Titel beinhaltet tagebuchartige Aufzeichnungen mit Überlegungen und Beobachtungen des Autoren. Dabei steht eins im Vordergrund. Eldad Stobezki ist in Israel geboren und 1979 nach Deutschland gekommen. Er lebt seitdem als Lektor, Übersetzer, Kulturschaffender in Frankfurt.
Die Texte haben den Blick des Israelis auf Deutschland und er ist gleichzeitig auch Deutscher.
Jeder zweite Text heißt Kleine Kiesel, durchnummeriert von 1 bis 18 und enthält diverse Themen. Dazwischen immer ein eigenständiges Kapitel. Der Autor bewahrt immer eine gewisse Haltung, daher hat das Buch insgesamt doch eine gute Geschlossenheit.
Gelegentlich jobbt der Protagonist in einer Buchhandlung. Literatur ist daher ein durchgehendes Thema.
Dann sind auch die gesellschaftlichen Ereignisse integriert, wie Corona-Pandemie, der beginnende Krieg in der Ukraine und das Massaker in Israel am 7.Oktober 2023.
Dazwischen gibt es auch leichtere Themen. Es ist ein überwiegend amüsantes Buch.
Für mich das originellste Buch des Jahres.

Bewertung vom 16.12.2024
Kang, Han

Unmöglicher Abschied


ausgezeichnet

Das Ereignis, über das nicht gesprochen werden durfte

Als Han Kang den Literaturnobelpreis gewann war ich sehr erfreut und liest man auch nur die ersten 60 Seiten ihres neuen Romans, erkennt man, wie verdient das war.

Die Protagonistin reist ihrer guten Freundin zuliebe, die im Krankenhaus liegt, von Seoul zu deren Haus auf der Insel Jeju, um ihren Vogel zu versorgen. Es ist eine beschwerliche Reise durch unwirtliches und winterliches Gebiet, fast eine Odyssee, die sie mit Flugzeug, Bus und zuletzt zu Fuß durch die Nacht unternimmt. Dabei kommen ihr viele Erinnerungen.
Schon bald wird angedeutet, dass viele Menschen, die hier leben, viele ihrer Verwandten verloren haben, denn kurz vor Beginn des Koreakriegs kam es zu Massakern an der Bevölkerung. Das Jeju-Massaker 1948 war ein Ereignis, das verschwiegen wurde.
Han Kangs Prosa bricht einmal mehr das Schweigen, wie sie es schon in Menschenwerk tat.
Literatur aus Südkorea kann für viele Leser etwas sehr Spezielles sein, aber Han Kangs bringt universell gültiges ein.

Der Roman hat kontemplative Momente, er ist sehr verinnerlicht und nachdenklich. Das hat mir in dieser Form sehr gut gefallen.

Bewertung vom 11.12.2024
Morrison, Toni

Paradies


sehr gut

Paradies ist der erste Roman, den Toni Morrison veröffentlichte, nachdem sie den Literaturnobelpreis bekam. Die Erwartungen waren hoch. Umso schöner, dass das Buch jetzt neu rausgebracht wurde.

Das Buch zeigt Oklahoma und eine Stadt mit ungewöhnlicher Geschichte. Der Anfang ist drastisch. Dann wird auch die Vorgeschichte gezeigt und damit die Charaktere eingeführt. Das sind insbesondere einige Frauen, die in einem Kloster nahe dieser Stadt leben. Man lernt sie und ihr oft hartes Schicksal im Verlaufe des Buches gut kennen.
Es ist kein einfaches Buch, doch eins, über das man lange nachdenken kann.
Ich würde es in der mittleren Bedeutung von Toni Morrison einordnen. Damit ist es auf jeden Fall lesenswert.
Abschließend möchte ich an dieser Stelle endlich auch mal erwähnen, wie ansprechend die Cover der Neuausgaben von Toni Morrison gestaltet sind.