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Magnolia
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Bayern

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Insgesamt 235 Bewertungen
Bewertung vom 28.11.2025
McCluskey, Laura

Wolfskälte


ausgezeichnet

All das Unfassbare…

George Lennox erster Eindruck von dieser winzigen, weit vor der Westküste Schottlands gelegenen Insel, ist frostig. Der Wind peitscht den Regen aufs Polizeiboot, das sie und ihr Kollege Richie auf diese unwirtliche Insel bringt. Ein tragischer Todesfall muss untersucht werden, dafür bleiben sie für ein paar Tage hier. Alan Ferguson, ein junger Mann, soll sich vom Leuchtturm der Insel zu Tode gestürzt haben, zumindest lässt sein Auffinden am Fuße des Leuchtturms darauf schließen.

Laura McCluskeys Romandebüt ist eher eine ziemlich makabere Milieustudie der besonderen Art. Sie ist ganz nah an den Inselbewohnern, von denen sie schon einiges preisgibt, wenngleich keiner dieser schweigsamen, geheimnisumwitterten Gestalten zu durchschauen ist. Schroff wie die Felsen ihrer Heimat, dunkel wie die steilen Klippen kommen sie mir vor. 206 Seelen sind es, die hier auf diesem Felshaufen leben.

Gleich bei Georges Ankunft gibt Kathy, die neben anderer Aufgaben auch Postmeisterin ist, ihr die Aufzeichnungen der vor langer Zeit verschollenen Leuchtturmwärter zu lesen. Was verspricht sie sich davon? Der Leuchtturm ist seit 1919 nicht mehr in Betrieb, heute dient er als heimlicher Treffpunkt für Jung und Alt. Kaum vorstellbar, dass das Schicksal dieser drei Männer mit Alans Tod zu tun haben könnte. Oder doch? Noch tappe ich völlig im Dunkeln.

Dass die beiden Ermittler unerwünscht sind, bekommen sie auch hautnah zu spüren. Da ist jemand mit einer Wolfsmaske, dem George hinterherläuft, dieser Wolf jedoch im Nichts zu verschwinden scheint. Und da ist diese Stille, die sich anfühlt, als ob ein Lauscher ganz nah wäre und nur darauf lauert, zuzuschlagen – wie auch immer dies enden wird. Seltsames geschieht, verstandesmäßig nicht erklärbar, dazu dieser Aberglaube und diese unheimliche Mitgift, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Zu diesem Inselvolk passen die Witterungsverhältnisse perfekt. Karg, windgepeitscht, mit Schnee und Eis und die nächtlichen Verfolgungsjagden, hinein in den finsteren Wald, vor dem gewarnt wird, dazu die eiskalte See, die durchnässten Kleider – all dies ist so treffend geschildert, dass man beim Lesen direkt fröstelt.

Es sind so einige Insulaner, die in all ihren Eigenheiten beschrieben sind, zu jedem habe ich ein Bild vor Augen. Die meisten sind ziemlich mürrisch und abweisend, andere dagegen direkt gastfreundlich. Und doch ist so manch Eindruck trügerisch. Auch George, die eigentlich Georgina heißt, jedoch die männliche Form bevorzugt, hat mit sich selbst zu kämpfen. Was genau das ist, wird dem Ende zu aufgelöst, zwischendurch sind es eher kurze Andeutungen. Alles fügt sich – irgendwie. Nicht so, wie man es vermutet hätte, aber doch nachvollziehbar.

„Wolfskälte“ ist ein fesselnder Kriminalroman vor unwirtlicher Kulisse, der ein schier unfassbares Szenario aufzeigt. Die kriminalistischen Elemente sind immer spürbar und je weiter sich die Story entwickelt, desto sichtbarer wird das Unfassbare. Mich hat Laura McCluskey mit ihrem Romandebüt sofort abgeholt und mich zudem gut unterhalten.

Bewertung vom 28.11.2025
Indriðason, Arnaldur

Zerbrochene Stille / Kommissar Konrad Bd.6 (eBook, ePUB)


gut

Komplexe Story

Der Tourist, den sie im Hafravatn, einem See in der Nähe von Reykjavík, tot aufgefunden haben, wurde offenbar ermordet. Wie sich herausstellt, war dieser Tote der Freund eines vor Jahrzehnten verschwundenen Mannes. Dies wiederum bringt den ehemaligen, mittlerweile pensionierten Kommissar Konráð auf den Plan. Er beginnt zu ermitteln, was nicht jedem gefällt. Alles deutet auf den Vermisstenfall aus den 1970er Jahren hin, der zwar als geklärt gilt, was sich aber nun als Irrtum herausstellt. Konráðs damaliger Freund und Kollege Léo hat diesen Fall damals bearbeitet und nun sucht Konráð nach ihm…

Die Buchbeschreibung hat mich dazu verführt, zu diesem Island-Krimi zu greifen. Dabei habe ich übersehen, dass „Zerbrochene Stille“ Band sechs der Kommissar Konráð-Reihe ist. Und genau diese Reihe sollte man von Anfang an kennen, denn das Hineinfinden war zumindest für mich äußerst schwierig. Nach einigen Kapiteln hab ich zunächst pausiert, um dann konzentriert und mit neuem Elan weiterzulesen. Die komplexe Story verlangt volle Aufmerksamkeit, sie taucht ab in die Zeit des Kalten Krieges, von Spionage ist die Rede und von den Sowjets, auch ist ein alter Lada ist von Bedeutung.

Der Erzählstil ist eher ruhig, die Handlung vielschichtig, das Lesen durch die abrupten Übergänge zwischen dem Gestern und dem Heute schwierig. Um des besseren Überblicks wegen habe ich mir alsbald ein Personenverzeichnis erstellt, das ich so nach und nach mit so einigen charakterlichen Eigenschaften ergänzt habe. Konráð, die Hauptfigur, ist ein Charakter, den man schon näher kennen muss, um ihn zu mögen (oder auch nicht). Und auch von Léo und von dieser Männerfreundschaft ist so einiges zu erfahren, um stellvertretend für alle anderen diese beiden herauszugreifen.

„Zerbrochene Stille“ hat mir – wie oben erwähnt – so einiges abverlangt. Das Buch hat mir zunächst nicht sonderlich zugesagt und nachdem ich einen zweiten Anlauf genommen und mir viel Zeit und Muße verschafft habe, hatte ich mir den nötigen Durchblick verschafft, die Reihe weiterverfolgen werde ich aber nicht.

Bewertung vom 28.11.2025
Bestgen, Sarah

Safe Space (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein äußerst manipulatives, ein gar tödliches Spiel

„Anna Salomon. Ich bin die neue Anstaltspsychologin der sozialtherapeutischen Abteilung“ stellt sie sich vor. Sie hofft, dass ihre Stimme fest genug klingt, denn Nervosität oder mangelndes Selbstvertrauen würde ihre Kompetenz sofort untergraben, hat die 26jährige es doch in Zukunft mit Schwerverbrechern zu tun. Mit Serienmördern, mit Vergewaltigern, mit Sadistin und Psychopathen. Genau hier will sie sein, genau hier ist sie richtig. Dass sie so jung ist, überrascht den Sozialarbeiter Yves Vandenfeld, der in kleinen Gruppen mit den Inhaftierten arbeitet. Der Anstaltsleiter Kirchfeld stellt sie auch ihren anderen neuen Kollegen der sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Weyer, kurz „SothA“ genannt, vor.

HAPPY END habe ich seinerzeit verschlungen, diese irrwitzige Story, die so anders ist, als es lange den Anschein hat. Und nun legt Sarah Bestgen ihren neuesten Thriller vor. SAFE SPACE. Auch er hat mich sofort gepackt. Warum Anna genau hier sein will, ist alsbald klar. Nur sie alleine weiß um ihren eigentlichen Plan, doch bald muss sie entsetzt feststellen, dass nicht sie die treibende Kraft ist, denn eher scheint sie die Getriebene zu sein.

Jemand sinniert über den Tod. Den altersbedingten Tod, den durch Unfall und auch den, der durch die Hand eines anderen herbeigeführt wird. Es gibt viele Arten des Ablebens, eines davon trägt die Handschrift eines Mörders. Das sind die ersten Gedanken, die ich lese – von wem auch immer. Um dann Einblicke in ein Tagebuch zu erhalten, das zwischendurch mehr und immer mehr von einer toxischen Beziehung verrät und das auch von einer Freundschaft berichtet. Auch erfahre ich von Leon, auch er kommt zwischendurch zu Wort. Noch bin ich ratlos, was diese Erzählstränge mit Anna und ihrer geheimen Mission zu tun haben.

So einige Lösungsansätze drängen sich mir auf, jeder davon ist mit vielen Fragezeichen behaftet und jede der hier agierenden Figuren beäuge ich sehr kritisch, es ist ein Auf und Ab der Verdachtsmomente und nicht nur einmal habe ich Angst um Anna. Sie will im Alleingang einen vermeintlichen Mörder dingfest machen, dabei hat es den Anschein, dass nicht nur die Schwerkriminellen ihre Gegner sind. Oder doch? Meine Zweifel werden irgendwann ausgeräumt, verblüfft bin ich nur bedingt, denn auch diese Möglichkeit habe ich in Betracht gezogen, wollte es aber dennoch nicht glauben.

SAFE SPACE bietet für Anna keinen Zufluchtsort, keinen geschützten Raum. Sarah Bestgen lässt tief in menschliche Abgründe blicken, das zunehmend bedrohliche Spiel drängt unaufhaltsam dem Höhepunkt zu, das Ende dann kommt geradezu grotesk daher.

SAFE SPACE ist durchgehend spannend. Ein bitterböses Spiel, das lange nicht durchschaubar ist mit vielschichtigen, undurchsichtigen, manipulativen Charakteren, deren dunkelste Seiten zum Vorschein kommen. Ein Thriller, den ich am Stück verschlungen habe, der nicht unbedingt für Zartbesaitete gedacht ist, den zu lesen es sich für jeden Thriller-Fan allemal lohnt.

Bewertung vom 28.11.2025
Dunlap, A. Rae

Wer die Toten stört (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Spannend, makaber - gewürzt mit britischem Humor

Wie kommt A. Rea Dunlap dazu, in ihrem historischen Thriller „Wer die Toten stört“ über Grabräuber und Serienkiller zu schreiben? Es waren Burke und Hare, Schottlands berüchtigste Serienmörder, von denen sie erstmals in einem Podcast erfahren hatte. Sie ist abgetaucht in eine Zeit, in der Grabräuber sich eine rechtliche Grauzone zunutze machten, um Leichen zu Studien- und Lehrzwecken zu beschaffen und diese gewinnbringend zu verkaufen. William Burke und William Hare hatten als West Port murders traurige Berühmtheit erlangt, sie trieben in den Jahren 1827/28 in Edinburgh/Schottland ihr Unwesen.

Zunächst aber treffe ich auf den jungen, doch ziemlich unbedarften James Willoughby, der nach Edinburgh kommt, um Medizin zu studieren. Er ist begierig, alles über die Anatomie des menschlichen Körpers zu erfahren. Knochen, Muskeln, Nervenbahnen, innere Organe – alles erweckt seine Aufmerksamkeit. Bald hält er ein Skalpell in Händen, vor ihm auf dem Tisch eine menschliche Leiche. Widrige Umstände sind es, die ihn zu Nye MacKinnon treiben und dieser ist es, der ihn in zweifelhafte Machenschaften einführt.

Dieser historische Thriller vereint Wahres mit Fiktion. Neben Burke und Hare sind es noch so einige historische Personen, die mit den fiktiven Figuren, allen voran James und Nye, vermischt sind. Die Grabräuber betrieben ihr in jeglicher Hinsicht schmutziges Geschäft, ihre Abnehmer waren die medizinischen Fakultäten, die enormen Bedarf an Leichen hatten, die allein durch Körperspender nicht gedeckt werden konnten.

Zugegebenermaßen habe ich zuvor weder von den Grabräubern an sich noch von Burke und Hares mörderischen Geschäften gehört. Umso erstaunter bin ich, wie Dunlap diese kriminellen Umtriebe als makabres Gaunerstück präsentiert, ohne dabei würdelos zu sein. Sie hat mich zweihundert Jahre zurückversetzt, sie hat die gesellschaftlichen Normen und das Miteinander auf verschiedenen Ebenen gut eingefangen. Der feine britische Humor blitzt dabei stets durch, sie lässt diese gar schauerliche Geschichte James Willoughby erzählen, dessen Wunsch, sich medizinisches Wissen anzueignen, nicht ohne die notwendigen Studien am menschlichen Körper machbar ist.

„Wer die Toten stört“ ist ein spannender, auf Tatsachen beruhender historischer Roman, der trotz der makabren Thematik einen guten Einblick in die Umstände der anatomischen Studien gibt.

Bewertung vom 25.11.2025
Carsta, Ellin

Geschenk des Loslassens


sehr gut

Neues von den Hansens…

Der nunmehr achte Band der Reihe um „Die Kinder der Hansens“ hat sie alle im Blick. Gleich mal sind wir in Hamburg. In der Villa, die ehemals voller Leben war, ist es ziemlich still geworden. Außer Amala und Eduard, ihrem Cousin, sind alle ausgeflogen. Auguste ist mit Carl und der kleinen Eva für etliche Wochen unterwegs und Therese ist nach Georgs Tod doch wieder nach Wien zurückgegangen. Amalas Bruder Robert zieht es zurück in die Staaten, vorher allerdings will er noch die Wiener Verwandtschaft besser kennenlernen, er ist bei Therese zu Gast. Natürlich ist er auch hier nicht untätig, als Journalist schreibt Robert von seinen Wiener Eindrücken, seine Artikel finden hüben wie drüben seine Leserschaft.

Drüben, in Philadelphia, ist nicht alles eitel Sonnenschein - wir erfahren so einiges von Elsa Harris. Auch werfen wir einen Blick nach München zu Helene und Bernhard und, um den Bogen zurück nach Hamburg zu spannen, ist es Eduard, der seine halbseidenen Geschäfte vorantreibt, die zunehmend lukrativ, aber auch brandgefährlich sind.

Vier Jahre sind es nun, wie Ellin Carsta im Nachwort schreibt, dass sie von den Kindern der Hansens erzählt. Schon Louise hat mich für die Familie Hansen eingenommen - was liegt da näher, auch der nächsten Generation zu folgen. Neben der fiktiven Geschichte um die einzelnen Charaktere sind es die historischen Fakten, die geschickt eingeflochten werden. Roberts Artikel habe ich oben kurz erwähnt, er schreibt über den sogenannten Eisernen Gustav, den Berliner Droschkenkutscher, der mit seiner Droschke, gezogen von dem Wallach Grasmus, von Berlin nach Paris gefahren ist. Dazu verrät sie noch so einiges Interessantes, zudem sind es noch sehr viel mehr tatsächliche Begebenheiten, die in ihre Story mit einfließen. All dies zusammen – Fiktion und geschichtliche Fakten – bietet gute Unterhaltung.

Es ist der mittlerweile achte Band und natürlich passiert im Laufe der Jahre so einiges, sodass man die Reihe am besten von Anfang an liest. Dem beugt die Autorin vor, indem sie immer wieder zurückblickt, was jedoch der Story viel an Tempo nimmt, auch muss ich nicht in jedem Band von möglichst jedem Familienmitglied lesen. Gut, hier ist es Eduard, der den guten Ruf des Hansens gefährdet, das er gleichberechtigt mit seinen Cousinen Amala und Auguste betreibt. Hier habe ich um Eduard gebangt, er ist schon ein ganz besonderer Charakter. Verwegen, nicht ganz bescheiden und doch liebenswert – irgendwie. Auf seine weitere Entwicklung bin ich gespannt. Seinen Weg und auch die Wege der anderen werde ich weiterhin verfolgen.

Bewertung vom 23.11.2025
Beckett, Simon

Knochenkälte / David Hunter Bd.7 (MP3-CD)


ausgezeichnet

Bedrohlich-schaurige Atmosphäre – gute Story, brillant vorgetragen

Direkt bedrohlich geht es los. Von Knochen, die überleben, ist die Rede – anders als der Rest des Körpers, der sich je nach Lage mit der Zeit auflöst. Von nackten Wurzeln eines vom Sturm entwurzelten Baumes wird berichtet, aus denen ein Gesicht starrt.

Und dann ist er es, der sich heillos verirrt. Sein Ziel hat er meilenweit verfehlt, das Navi ist ausgefallen, kein Handyempfang. Mitten auf der Straße steckt ein Schaf fest, er schafft es gerade nochmal so in ein Pub. Dort erfährt er von einem Hotel, das geschlossen ist und doch ist es die einzige Chance, die Nacht nicht im Freien zu verbringen. Auch dieses heruntergekommene Gemäuer wirkt nicht gerade einladend. Mehr noch, es ist geradezu furchteinflößend. Und nicht nur das, auch die Leute in Dorf zeigen ihre feindliche Fratze.

Eigentlich ist der forensische Anthropologe Dr. David Hunter auf der Suche nach einem seit sechs Monaten verschwunden 16jährigen Teenager, der Schneesturm jedoch hat ihn weit abgetrieben und die Straße, die ihn zurückführen würde, ist durch den Einsturz einer Brücke nicht mehr passierbar. Von der Außenwelt abgeschnitten macht er sich auf die Suche nach einem Handynetz, was ihm zwar nicht gelingt, jedoch macht er eine grausame Entdeckung.

Gespannt, ja atemlos folge ich der Beschreibung des Waldes mit all seinen Gefahren, der Bäume und der Wurzeln, die wie ein Netz nicht nur Erdklumpen einspinnen und der Krater, die im Dunkeln so manches verbergen, dazu das unwirtliche Wetter und der tiefe Schnee, in dem es fast kein Durchkommen gibt – es ist eine bedrohlich-schaurige Atmosphäre, die mir Johannes Steck, der Sprecher des Hörbuches, hier vermittelt. Er ist es, der mich über 12 Stunden und 20 Minuten gebannt zuhören lässt. Er gibt jeder einzelnen Figur seine ganz persönliche Note, seine ganz eigene Stimmlage, sodass jeder einzelne sofort erkennbar ist. Ihm zuzuhören, ist Genuss auf ganzer Linie. Die sowieso absolut fesselnde Story gewinnt durch seinen gekonnten Vortrag nochmal, er füllt jeden Charakter mit Leben.

Nicht jeden Band um Dr. David Hunter habe ich gelesen bzw. gehört, diese „Knochenkälte“ jedoch, der nunmehr siebte Band, hat es in sich. Dunkle Geheimnisse inmitten einer angsteinflößenden Kulisse treiben die Story vorwärts, ein Entrinnen scheint unmöglich. Den nächsten Hunter werde ich mir wieder als Hörbuch gönnen, ich bin wieder voll im Hunter-Fieber.

Bewertung vom 20.11.2025
Haigh, Tara

Aufbruch ins Paradies


ausgezeichnet

Eine Reise ins Unbekannte – ins Paradies?

Nachdem mich vor ziemlich genau einem Jahr Tara Haigh nach Madeira entführt hat und ich dem „…Ruf des schwimmenden Gartens“ begeistert gefolgt bin, treibt es mich mit ihrem „Aufbruch ins Paradies“ um die halbe Welt mit Ziel Neuguinea. Wir schreiben das Jahr 1884. Sie erzählt von „drei jungen Frauen und einer Reise, die alles verändert…“

Noch sind wir in Karlsruhe bei der Familie Berger und ihrer Möbelfabrik, die ihr Auskommen sichert, wenngleich die exquisiten Stücke mit ihren Einlegearbeiten, die dem Familienoberhaupt Gustav so viel bedeuten, immer weniger Käufer finden, die Arbeiter brauchen eher einfaches Mobilar. Die Frage der Produktumstellung stellt sich nach dem Brand, der in den Stallungen ausbricht, nicht mehr. Das Feuer breitet sich auf Werkstatt und Lager aus, auch das Haus ist nicht mehr bewohnbar. Vaters jüngerer Bruder Friedrich ist gerade geschäftlich hier, er macht ihnen einen Neuanfang im fernen Neuguinea schmackhaft - sie brechen auf ins Paradies…

…reisen mit der „Prinz Heinrich“. Mit an Bord sind ihre Vorstellungen, ihre Wünsche und Träume. Sie fahren einer Zukunft entgegen, die ihnen Friedrich in den schillerndsten Farben beschreibt. Die Insel ist voller Palmen, weiß er zu berichten. Mit Palmöl lässt sich gutes Geld verdienen, mehr noch mit Kopra, dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuss, daraus wird Kokosöl gewonnen, das vielfältige Anwendungsbereiche abdeckt. Anna, die jüngste von Gustav Bergers Töchtern, will alles darüber wissen. Mehr noch - sie will in dieses lukrative Geschäft einsteigen. Ihr Bruder Ludwig und seine Frau Clara wollen missionarisch unterwegs sein und auch ihre große Schwester Hedwig ist von dem Gedanken infiziert, nochmal ganz neu anzufangen.

Gespannt verfolge ich die Reiseroute, bin beim Landgang in Lissabon dabei, passiere die Meerenge von Gibraltar, durchquere den Suezkanal, mache Halt in Colombo/Sri Lanka, bin in Penang in einer Opiumhöhle, die für eine schicksalhafte Begegnung sorgt. Später dann in Singapur ist es eine rothaarige Frau, die eine unangenehme Wahrheit ausspricht. Dies ist nur ein kleiner Abriss der Schiffsreise, die für so einige abrupt enden wird, für andere wird sie alles verändern. So manch Reisebekanntschaft erweist sich als Luftnummer, es entstehen Freundschaften, Enttäuschungen bis hin zu Verrat bleiben nicht aus, aber auch die Liebe reist mit.

Es ist schon ein Wagnis, alles zurückzulassen, noch dazu in ferne, unbekannte Gefilde. Und das vor 150 Jahren, als diese Schiffsreise eine strapaziöse, mehrmonatige Weltumsegelung bedeutete. Gefährlich war sie obendrein, nicht nur die Unwägbarkeiten einer stürmischen See mussten in Kauf genommen werden, auch wusste man weder von den Gefahren während der Reise noch von denen am Zielpunkt. Tara Haigh beschreibt dies alles so eindringlich, ich war gefühlt mit auf dem Schiff, hab die Landausflüge genossen und mich für Anna, Hedwig und Clara gefreut, hab mit ihnen gehadert und gelitten und auch später dann, nachdem sie endlich angekommen sind, war ich schon auch ernüchtert. Ihr ganzes Leben und das ihrer Familie und ihrer Freunde wird sich grundlegend ändern, in dem jungen Raba haben sie einen deutschsprechenden Einheimischen gefunden, der – so hoffe ich – ihnen in ihrer neuen Heimat in Finschhafen/Neuguinea zur Seite stehen wird. Der zweite Teil der Neuguinea-Saga „Unter fremden Himmeln“ wird am 20.01.2026 erscheinen, ich fiebere diesem Datum jetzt schon entgegen.

Bewertung vom 18.11.2025
Sveistrup, Søren

Der Kuckucksjunge


ausgezeichnet

Absolut fesselnd

„Das ist ein Rohrsängernest“ erklärt der junge Biologielehrer Bjarke Venø den Viertklässlern, als sie davor stehen. „Aber es hat Besuch von einem Kuckucksjungen bekommen“ fügt er noch an, als die Kinder mit ansehen müssen, wie dieses Junge die Brut der Rohrsänger aus dem Nest schmeißt. Es passiert noch sehr viel mehr, Bjarke sammelt eiligst die Kinder ein, beinahe hätten sie die Rucksäcke zurückgelassen, wir sind im Mai des Jahres 1992...

…um dann zu Silje Thomsen in die Gegenwart zu wechseln. Nicht das erste Mal ersetzt sie ihre SIM-Karte und schreibt ihrer Tochter kurz ihre neue Nummer. Trotz Wechsel der SIM-Karte hören die beängstigenden Nachrichten nicht auf. „Hab dich.“ Und - ein Abzählreim „Ich zähl eins, ich zähl zwei. Ist noch lange nicht vorbei“ setzt sich kontinuierlich fort. „Ich zähl drei…“, sie bekommt Fotos – sie verschwindet. Spurlos.

Die Kommissarin Naia Thomsen bearbeitet mit Mark Hess diesen mysteriösen Fall, dem bald ein weiterer folgt. Vor einiger Zeit hat eine 19jährige dieselbe Botschaft „Hab dich“ bekommen, bis heute ist ihr Mörder nicht gefunden. Es wird immer bedrohlicher, Thomsen und Hess werden von oben herab ausgebremst und auch ist es eher eine Hassliebe, die zwischen den beiden Ermittlern, die sich von früher kennen, lodert. Jeder ist auf seine Art knallhart, jeder hat genug private Probleme, auch das bekommen wir mit – und doch funktionieren sie als Team.

„Der Kastanienmann“ habe ich nicht gelesen, schon da haben Thomsen und Hess zusammengearbeitet, mehr kann ich eher erahnen als dass ich es wüsste. Ich brauche aber keinerlei Vorkenntnisse, Søren Sveistrups „Kuckucksjunge“ liest sich vom ersten bis zu letzten Satz spannend, er hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit. 666 Seiten voller Dramatik, voller brutaler Morde, voller hinterhältigen, nicht durchschaubaren Spielchen, die mich entsetzt und doch gefesselt haben. Ich hatte keinen Durchblick bis dem Ende zu, als sich alles nochmal zugespitzt hat, was ich nie für möglich gehalten hätte.

Alle Figuren, angefangen von Thomsen und Hess über die Mordopfer bis hin zu einer Mutter mitsamt Familie und ihrer Freundin sind ihren jeweiligen Rollen entsprechend gut und glaubhaft dargeboten, die Story, die mit dem Rückblick ins Jahr 1992 beginnt, bleibt danach in der Gegenwart. Man kann der aufwühlenden Handlung gut folgen, wenngleich man erst zum Schluss die Zusammenhänge so richtig fassen kann. Und ja – dieser Thriller ist heftig, er ist nervenaufreibend, er ist absolut fesselnd, ich hab ihn innerhalb kürzester Zeit inhaliert.

Bewertung vom 14.11.2025
Borrmann, Mechtild

Lebensbande (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Drei Frauen, drei Schicksale

Lene, Nora und Lotte – drei Frauen, drei Schicksale. Mechtild Borrmann erzählt von ihnen, sie spannt den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis hin zum Mauerfall.

Im Herbst 1991 bekommt eine von ihnen einen Brief der LVA Mecklenburg-Vorpommern mit der Bitte, Nachweise zu ihrer Tätigkeit vor 1953 und auch danach nachzureichen. Fast dreißig Jahre wohnt sie nun schon hier, sie hat als Krankenschwester gearbeitet, ihr Gustav ist schon einige Jahre tot und nun droht die Vergangenheit sie einzuholen. „Kühlungsborn, Oktober 1991. Ich bin 1953 in Frankfurt an der Oder angekommen, aber mein Entlassungsschein…“ So beginnt sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben.

Im September 1931 begegne ich der 17jährigen Lene, die an einem Tanzabend den jungen Holländer Joop kennenlernt. Ich lese von ihrem Schicksal und von dem ihrer Familie und auch von dem ihres Sohnes Leo, der bei der Schuleinschreibung eine niederschmetternde Diagnose erhält. Er wird in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Nora, die her als Krankenschwester arbeitet, hat ein Auge auf Leo und doch kann sie ihn nicht vor der Unbill der Nationalsozialisten beschützen. Leos Schicksal ist so eindringlich beschrieben, bei Lesen hatte ich Herzklopfen, konnte gar nicht glauben, mit welch Chuzpe mit diesen Kindern umgegangen wurde. Alle haben sie mitgemacht, sich freiwillig oder gezwungenermaßen dem Unrechtsregime untergeordnet.

Lotte dann lernt Nora kennen, als es für diese als Krankenschwester Richtung Osten geht. Das Schicksal verbindet sie, sie geben sich gegenseitig Halt, auch und gerade in schwersten Zeiten.

Von Mechtild Borrmann habe ich schon einige Bücher gelesen, keines davon möchte ich missen. Ihr neuestes Buch LEBENSBANDE basiert auf wahren Begebenheiten, sie erzählt auf zwei Zeitebenen von der Zeit des Nationalsozialismus, beginnend 1931 bis hin zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Jede ihrer Figuren hat trotz der Tragik dieser Zeit auch ihre Glücksmomente und doch ist es eine tieftraurige, eine entsetzliche Geschichte, die ich hier lese. Wir wissen um die NS-Zeit, um die Aussortierung unwerten Lebens, um die Medikamententests. Frauen wurden in sowjetische Arbeitslager verschleppt, auch davon lese ich - viele überlebten die tägliche Schwerstarbeit bei Wasser und Brot nicht.

Dieser gut recherchierte, lesenswerte, intensiv erzählte historische Roman blickt auf eine sehr dunkle Zeit, dessen Schrecken wir nie vergessen dürfen, LEBENSBANDE erzählt davon.

Bewertung vom 10.11.2025
Tidhar, Lavie

Adama


sehr gut

Die Geschichte Israels, die Geschichte einer Familie

Im Mittelpunkt dieses Thrillers, den ich eher als Roman sehe, steht Ruth, eine ungarische Jüdin, die es nach Palästina verschlägt, in einen Kibbuz. Ruth ist politisch aktiv, sie ist überzeugte Zionistin. Sie erlebe ich 1946 als junge Frau und folge bis hin zum Jahre 2009. Alles beginnt 2009 mit Hanna in Miami und es endet auch mit ihr in Florida im selben Jahr. Dazwischen sind wir 1989 im Kibbuz Trashim, um dann 1946 nach Haifa zu gehen, die Zeitebenen wechseln, auch die Orte und die Personen. Ruths Enkel Lior kommt an, als er von Dannys Tod erfährt. Er soll sich erschossen haben, was Lior jedoch nicht glaubt. Er ist im Kibbuz nicht gern gesehen, er sieht zu viel, sie alle wollen, dass er zurückgeht nach Tel Aviv.

Lavie Tidhar erzählt die Geschichte von Ruths Familie, vom Leben im Kibbuz, das gemeinschaftlich organisiert ist, von dem Kinderhaus und dem Gemeinschaftsverein, Privateigentum war nicht vorgesehen, diese Lebensform war mir so nicht bewusst. Immer wieder stehen andere Familienmitglieder mehr im Focus, dabei wird die israelische Geschichte lebendig. Von politischen Aktivitäten wird berichtet, vom Sechs-Tage-Krieg und dem Jom-Kippur-Krieg ist zu lesen, Drogenschmuggel scheint alltäglich zu sein, von Folter bis hin zu Mord spielt Gewalt immer mit, die Figuren sind nicht gerade zimperlich unterwegs.

Adama bedeutet auf hebräisch Erde. Und wie es im Roman heißt, gibt es kein Adama ohne dam. Was, wie ich gelernt habe, übersetzt „Kein Land ohne Blut“ bedeutet. Auf das Heute bezogen hat dieser Satz leider noch immer seine Gültigkeit, wir hören und lesen täglich davon.

Das Buch fordert Aufmerksamkeit und Zeit sollte man auch mitbringen, dann aber weiß man mehr um die Geschichte Israels, eingebettet ist diese in eine weit verzweigte Familie und deren Geschichte, Gewalt spielt immer eine Rolle. Ein für mich eher historischer Roman denn ein Thriller.