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Raumzeitreisender
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Buchwurm, der sich durch den multidimensionalen Wissenschafts- und Literaturkosmos frisst

Bewertungen

Insgesamt 791 Bewertungen
Bewertung vom 05.04.2018
Gaarder, Jostein

Ein treuer Freund


sehr gut

„Und warum bin ich [Jakop] dermaßen besessen von sprachlichen Verwandtschaftsbeziehungen? … Ich habe keine andere Großfamilie, mit der ich mich auseinandersetzen könnte, als die indogermanische Sprachfamilie.“ (183) In dieser Aussage kommen Situation, Interessen und Eigenarten von Protagonist Jakop prägnant zum Ausdruck. Seine Leidenschaft für sprachliche Strukturen und Beziehungen überträgt er wie selbstverständlich auch auf menschliche Verwandtschaftverhältnisse.

Jakop ist einsam und hat ein seltsames Hobby. Er sucht Unterhaltung ausgerechnet auf Beerdigungen. Mit diesem Roman beweist Jostein Gaarder, dass er ein höchst kreativer Autor ist. Gaarder hat – wie sein Protagonist Jakop - ein leidenschaftliches Interesse an Sprache und Etymologie. In einem Interview bezeichnet er Jakop als verdrehtes Alter Ego von ihm selbst. Auch wenn Jakops Eigenarten - manchmal humorvoll, manchmal peinlich - überzeichnet wirken, erfahren die Leser ein wenig über den Autor selbst und sein Verhältnis zur Einsamkeit.

Gaarder schreibt nicht nur Romane, sondern klärt Leser über verschiedene Themen auf. Manchmal ist es Kritik am Literaturbetrieb wie in „Der Geschichtenverkäufer“, manchmal ist es Aufklärung über Philosophie (Sofies Welt) oder über Evolution (Maya oder Das Wunder des Lebens). Dabei erweist er sich als feinfühliger Autor, der auch über sensible Themen schreibt (Das Orangenmädchen). In „Ein treuer Freund“ geht es m.E. nicht nur um Philosophie, sondern auch um Psychologie. Das Phänomen Pelle ist nicht anders zu erklären.

Bewertung vom 04.04.2018
Brinkmann, Svend

Pfeif drauf!


sehr gut

Stoizismus beschreibt eine (nicht nur) praktische Philosophie, die ihren Ursprung im alten Griechenland (Zenon aus Kition) hat und von den Römern (Seneca, Epiktet, Aurelius) adaptiert wurde. Sie propagiert ein tugendhaftes Leben in Übereinstimmung mit der Natur und der Vernunft. „Ideen sind Werkzeuge, die Menschen entwickelt haben, um Probleme des Daseins zu lösen.“ (151) Svend Brinkmann greift bestimmte Aspekte des Stoizismus auf, um damit auf Herausforderungen der Neuzeit zu reagieren.

Prägend für die Neuzeit sind lebenslanges Lernen, ständig wechselnde Trends, permanente Weiterentwicklung, zunehmende Dynamik im Arbeitsumfeld, ständige Optimierung von Arbeitsprozessen, positives Denken, Zeitknappheit, Flexibilität und daraus resultierend auch eine Zunahme von Burn-Out-Syndromen. Der Mensch hat Probleme, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Entwicklung wird zum Selbstzweck, ohne dass noch der Sinn hinterfragt wird.

Parallel zu dieser Entwicklung wird der Markt mit Selbsthilfebüchern überschwemmt, die den Lesern suggerieren, die Probleme könnten gemeistert werden. Aus diesem Grund hat Autor Brinkmann ein Anti-Selbsthilfebuch geschrieben, in dem die gängigen Weisheiten und Ratschläge auf den Kopf gestellt werden. Er greift dazu auf die Philosophie des Stoizismus zurück, in deren Fokus Selbstbeherrschung, innerer Frieden, Pflichtgefühl und Besinnung auf die Endlichkeit des Lebens stehen.

Eine der Hauptthesen lautet, dass Nörgelei, Kritik, Melancholie und Pessimismus in der heutigen Zeit ihre Berechtigung haben und einen Gegenpol zur beschleunigten Kultur bilden. In Analogie zu herkömmlichen Ratgebern gibt Brinkmann eine 7-Schritte-Anleitung, in der er etablierte Denkgewohnheiten auf den Kopf stellt. Dazu gehören eine Relativierung des Bauchgefühls, ein Zulassen des Negativen, ein Bekenntnis zum Nein-Sagen, eine Kontrolle der Gefühle und ein Verzicht auf Coaching, um Beispiele zu nennen.

Brinkmann empfiehlt statt Ratgeber Romane zu lesen. Romane vermitteln die Komplexität des Lebens und scheuen nicht vor negativen Entwicklungen zurück. Krisen und Missgeschicke führen nicht zwangsläufig zu einer positiven Entwicklung, sondern sind manchmal einfach nur Krisen und Missgeschicke. Auch wenn es paradox klingt: Romane bilden eine größere Palette an Lebenswirklichkeit ab. Paradox ist aber auch ein Ratgeber, den man erst gelesen haben muss, um der Empfehlung nachkommen zu können, Ratgeber abzulehnen. Fazit: Pfeif drauf! ...

Bewertung vom 31.03.2018
Auel, Jean M.

Ayla und der Clan des Bären / Ayla Bd.1


gut

Der Neandertaler (Homo neanderthalensis) ist vor ca. 30.000 Jahren ausgestorben. Durchgesetzt hat sich der moderne Mensch (Homo sapiens). Er ist der einzige Überlebende der Gattung Homo. Archäologische Funde weisen daraufhin, dass Neandertaler und unser Vorfahr bis vor 30.000 Jahren gleichzeitig auf der Erde gelebt haben. Untersuchungen des Genoms lassen vermuten, dass es Verbindungen zwischen Neandertaler und modernem Menschen gab. Von einem solchen Zusammentreffen handelt der Roman.

Jean M. Auel dreht die Uhr um 30.000 Jahre zurück und beschreibt das Leben einer Neandertaler-Sippe. Auf der Suche nach einer neuen Höhle entdeckt Iza, Medizinfrau eines Neandertaler-Clans, ein kleines verletztes Mädchen eines Stammes der anderen Art. Die kleine Ayla hat aufgrund einer Naturkatastrophe ihre Sippe verloren und streift allein durch die Gegend. Ein Höhlenlöwe hat sie verletzt. Der Clan nimmt das Mädchen auf und macht es mit den Regeln des Clans vertraut. Die körperlichen Unterschiede zwischen Neandertaler und modernem Menschen führen zu dauerhaften Konflikten.

Es sind diese Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Gattungen, die den Roman zeitlos machen. Die Geschichte von Ayla, die z.B. das Jagen erlernt, ist aber auch eine Befreiungsgeschichte der Frau. In diesem Sinne werden moderne gesellschaftliche Themen auf die Steinzeit projiziert. Es ist aber mehr als der Kampf der Geschlechter. Es liegen Veränderungen in der Luft. „Der Hass gegen Ayla war der Hass des Alten auf das Neue, des Vergehenden auf das Kommende.“ (208) Es ist der Mog-ur, der Zauberer des Clans, der Ahnungen über die Zukunft hat.

Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler. Wie das gesellschaftliche Leben in der Steinzeit wirklich geregelt war, kann nur auf Basis archäologischer Funde vermutet werden. Für ein Volk, das sich mittels Gebärdensprache und einfacher Laute verständigt, wirken die gesellschaftlichen Strukturen und Verhaltensweisen recht differenziert. Die Autorin konstruiert kulturelle Besonderheiten (z.B. Zusammenkunft der Clans) und Probleme (z.B. Abfall und Unrat beseitigen), die modern wirken. In diesem unterhaltsamen Roman werden zeitlose menschliche Verhaltensweisen in einen archaischen Rahmen gepresst.

Bewertung vom 25.03.2018
Kehlmann, Daniel

Du hättest gehen sollen


weniger gut

Der Ich-Erzähler und Protagonist der Erzählung, ein Drehbuchautor, fährt Anfang Dezember für fünf Tage mit seiner Frau Susanna und seiner vierjährigen Tochter Esther zu einem einsamen Ferienhaus in den Bergen. Soweit die Fakten. Alles was darüber hinaus passiert ist – wie das Haus selbst – perspektivisch verzerrt bzw. entspringt den Wahnvorstellungen des Ich-Erzählers.

Die nicht-euklidische Geometrie hat es Kehlmann, nicht nur in „Die Vermessung der Welt“, sondern auch in diesem Buch angetan. So erhält der Protagonist vom Gemischtwarenhändler des Bergdorfes ein Geodreieck (31), mit dem er Dreiecke konstruiert, deren Winkelsumme nicht 180 Grad ergeben will (54). Ein Hinweis auf die verzerrte Wirklichkeit.

Seine Flucht mit Tochter Esther vom Ferienhaus in Richtung Dorf endet am Ferienhaus. (84) Es gelingt ihm nicht, seinen Wahnvorstellungen zu entfliehen, stattdessen steigert er sich weiter hinein. Kehlmann kehrt die Innenwelt nach außen, thematisiert Identitätsprobleme und Psychosen. Es geht um mehr als eine Schaffenskrise, um eine psychotische Abwärtsspirale.

So wie der Ich-Erzähler, werden auch die Leser zunehmend von der düsteren Erzählung verwirrt. Die Ebenen der Erzählung vermischen sich, aber die Protagonisten wirken farblos. Kehlmann experimentiert, aber die Geschichte überzeugt nicht. Zu den Themen Identität und Wahn gibt es ausgereifte Werke in der Literatur, z.B. von Leo Perutz, einem wahren Meister verschachtelter Erzählungen.

Bewertung vom 24.03.2018
Orths, Markus

Lehrerzimmer


sehr gut

Eine schwarze Satire auf den Schulbetrieb

Das Geheimnis des Schullebens, doziert Schuldrektor Höllinger, seien die vier Säulen, die er Angst, Jammer, Schein und Lüge nennt. Ist eine Schule vergleichbar mit einem absurden Theater? Markus Orths, einst selbst als Lehrer tätig, vermittelt in seiner Satire genau diesen Eindruck.

Wer die innere Kündigung noch nicht vollzogen hat, ist übertrieben bürokratisch, pedantisch, psychopathisch oder im Extremfall ein Revolutionär. Jeder scheint seine eigene Antwort auf den grotesken Schulbetrieb gefunden zu haben. In Big Brother-Manier werden Räume überwacht und Gespräche belauscht.

Auffallend ist neben der beißenden Komik die besondere Perspektive. Der Autor betrachtet das gesamte Schulsystem einschließlich aller Beteiligten aus dem Blickwinkel der Lehrer. Auch werden keine altbekannten Schülerstreiche aus dem Klamottenkeller wiederbelebt. Diese Besonderheiten verleihen dem Buch die notwendige Würze.

Markus Orths brachte in einem Interview zum Ausdruck, dass er nach diesem Buch nicht mehr als Lehrer arbeiten könne. Warum eigentlich nicht? Wer Mängel im System erkennt und satirisch aufbereiten kann, sollte diesem System erhalten bleiben. Für humorvolle Lehrer ist an jeder Schule Platz vorhanden.

Bewertung vom 23.03.2018

Schwarzer Humor - Witze


sehr gut

Das Buch ist gestaltet wie ein Geschenkband und hinsichtlich Form und Inhalt auch als kleines Geschenk geeignet. Natürlich sind manche der über 300 Witze bekannt, aber dieser Effekt ist bei Büchern über Humor, Sprüche, Rätsel oder Rezepte nicht zu vermeiden. Das Buch lohnt sich auch dann, wenn nur 20% der Witze als echte makabere Kracher empfunden werden.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.03.2018
Haber, Heinz

Stirbt unser blauer Planet?


sehr gut

Professor Heinz Haber, bekannter naturwissenschaftlicher Aufklärer der 1960er und 1970er Jahre, analysiert in diesem Buch das selbstzerstörerische Verhalten der Menschheit. „Wir benehmen uns wie ein völlig verantwortungsloser Erbe, der das Familienvermögen in einer einzigen wilden Nacht durchbringt.“ (100) Ist diese Einschätzung berechtigt?

Haber begründet seine pessimistische Sicht ausführlich. Zu den Themen gehören das Bevölkerungswachstum, die Energieversorgung, die Umweltverschmutzung, die Nahrungsmittelversorgung und die Rohstoffknappheit. „Der Mensch ist als Gattung zu erfolgreich geworden.“ (16) Die Problembereiche bedingen einander; das Hauptproblem ist das Bevölkerungswachstum.

Das Thema hat auch eine politische Dimension. „Eine Menschheit in Not wird eine leichte Beute rücksichtsloser Gewaltherrscher.“ (17) Schaut man sich in der Welt um, so vertrauen Menschen zunehmend autoritären Heilversprechern – eine bedenkliche Entwicklung. Laut Haber sind wir für spätere Generationen „verantwortungslose Schänder eines Planeten“ (142).

Was hat sich geändert seit den 1970er Jahren? Das Bevölkerungswachstum verläuft etwas langsamer als prognostiziert, aber kein Grund zur Entwarnung. DDT ist verboten, dafür gibt es zahlreiche giftige Ersatzstoffe. Kernkraftwerke werden, zumindest in Deutschland, abgebaut, was Haber in den 1970er Jahren nicht für möglich hielt. (135) Dennoch gilt: Die Lösung der Probleme wird nachfolgenden Generationen aufgebürdet.

Bewertung vom 17.03.2018
Schilling, Barbara

Literatur 2 go


gut

Zauberberg für Einsteiger

Barbara Schilling vermittelt in diesem Buch einen schnellen Überblick über zwanzig bedeutende Werke der deutschen Literaturgeschichte. Die Ausführungen umfassen ein bis zwei Seiten, geschrieben in großer Schrift, und geben kurz und knapp Inhalt und Motiv wieder. Für wen ist ein solches Werk geeignet?

Für Schule und Studium sind die Ausführungen zu kurz und wer die die Bücher kennt, benötigt die Kurzfassungen nicht. Übrig bleiben potenzielle Leser, die für sich entscheiden wollen, ob sie den einen oder anderen Klassiker lesen wollen. Aber auch für diesen Zweck ist das Buch nur bedingt geeignet, da Angaben zum Schwierigkeitsgrad der Texte fehlen.

Bewertung vom 14.03.2018
Vorpahl, Elias

Der Wortschatz


gut

Eine fantasievolle Wortreise

Elias Vorpahl erzählt in diesem Werk eine Geschichte über einen alten Mann, der zur Feder greift und eine fantastische Geschichte über eine Welt der Worte schreibt. Protagonist Wort hat Ärger mit seinem Vater und haut von zu Hause ab. Auf seiner Reise lernt er die Welt der Worte kennen und macht zahlreiche Erfahrungen.

Vergleichbar einer Fabel besitzen die Worte menschliche Eigenschaften und die Reise kann als Entwicklungsprozess eines Heranwachsenden interpretiert werden. Das Wort ist auf der Suche nach seinem Sinn und in diesem Sinne sind auf der Tour zahlreiche Weisheiten eingestreut. Die Geschichte ist unterhaltsam, aber auch ein wenig naiv.

Bewertung vom 06.03.2018
Didierlaurent, Jean-Paul

Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky


sehr gut

Roman über die Liebe zum Leben

Was macht ein Thanatopraktiker? Protagonist Ambroise Lanier präpariert Leichen für die Aufbahrung. Er möchte Menschen ihre Würde bewahren und das ist seine Motivation für diesen nicht alltäglichen Beruf. Eine Freundin findet er mit dieser ungewöhnlichen Tätigkeit nicht. Er liebt seinen Beruf, aber dieser macht einsam.

Auch Manelle Flandin liegt die Würde der Menschen am Herzen. Sie ist Altenpflegerin bei einem ambulanten Pflegedienst. Nicht alle Senioren sind umgänglich, aber manche ältere Menschen hat sie in ihr Herz geschlossen. Einer dieser zu betreuenden Senioren ist Monsieur Dinsky, ein liebevoller älterer Herr.

Eine schwerwiegende Diagnose verändert das Leben von Monsieur Dinsky. Ein spezieller Wunsch führt die Protagonisten zusammen. Sie begeben sich auf eine längere Reise. Zur Reisebegleitung gehört auch Ambroises Oma Beth, eine eigenwillige Frau. Auffallend ist die positive Grundhaltung der Protagonisten.

Autor Didierlaurent begegnet den Menschen mit Respekt. Es ist schon eine Kunst, auf Basis extravaganter, teilweise niederschmetternder Rahmendaten eine unterhaltsame, humorvolle und lebensbejahende Geschichte zu schreiben. Insofern handelt es sich bei diesem Roman um ein modernes Märchen bzw. um eine Hommage auf das Leben.