Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
R. S.

Bewertungen

Insgesamt 170 Bewertungen
Bewertung vom 23.08.2023
Eine glückliche Familie
Kabler, Jackie

Eine glückliche Familie


weniger gut

Ein fesselnder und realistisch überzeugender Thriller sieht anders aus

Beths Mutter ist verschwunden und hat ihren Mann und ihre zehnjährige Tochter zurückgelassen. Beth hat ihr ganzes Leben lang darum gekämpft, diesen Schmerz zu überwinden. Jetzt, dreißig Jahre später, hat Beth, eine geschiedene Mutter von zwei Kindern, eine erfolgreiche Karriere, viele Freunde und ist glücklich. Als ihre Mutter Alice wieder vor ihrer Haustür auftaucht und eine neue Beziehung zu Beth aufbauen will, kann sich Beth nichts Schöneres vorstellen. Doch dann beginnen seltsame Dinge in Beths Leben zu passieren...

Mit "Einer glückliche Familie" habe ich mich von Beginn an schwergetan. Es ist ein unglaubwürdiges Familiendrama mit ein paar Thrillerelementen. Mein Hauptproblem beim Lesen der schleppend, teils zu ausschweifend erzählten und vorhersehbaren Handlung war vor allem, dass mich noch die anfangs interessant klingende Geschichte in ihrer Umsetzung überzeugen konnte, noch dass ich mit der Protagonistin zu irgendeinem Zeitpunkt warm wurde.

Die Ich-Erzählerin Beth ist auf Dauer anstrengend. Sie zweifelte ständig an sich selbst, ist von Schuldgefühlen geplagt, aufgrund eines Vorfalls im Grundschulalter und fühlt sich unwürdig geliebt zu werden. Ihre ständige Litanei ist auf Dauer einfach nur nervig.
Und dann erst ihre Reaktion als ihre verschwundene Mutter Alice nach 30 Jahren plötzlich wieder auftaucht, ist alles andere als realistisch. Wenn man seine lang vermisste Mutter nach 30 Jahren an der Türschwelle vorfindet, ist man da nicht überrascht? Stellt man ihr da nicht tausend Fragen oder macht ihr irgendwelche Vorwürfe, da sie nie versucht hat, sich zu melden oder Kontakt aufzunehmen? Stattdessen heißt Beth sie mit offenen Armen willkommen, ohne großartige Fragen zu stellen und auch ihre Alarmglocken fangen nicht an zu schrillen aufgrund des zwielichtigen Verhaltens von Alice. Stattdessen macht sich Beth ständig Sorgen, dass ihre Mutter sie wieder verlassen wird.

Zudem weiß man nach schon nach weniger als der Hälfte des Buches, wohin die Reise gehen wird. Wer spannende Wendungen in der spannungsarmen und wenig temporeichen Handlung erwartet, wird bitterlich enttäuscht. Zwar werden zum Ende hin verschiedene Geheimnisse und Lügen enthüllt, wirklich schocken oder überraschen, konnte mich jedoch keine davon.

Die Inhaltsangabe von "Eine glückliche Familie" verspricht einen fesselnden Thriller, doch der Inhalt könnte nicht weiter davon entfernt sein. Ein unglaubwürdiger Handlungsverlauf und wenig überzeugende Charaktere verbunden mit einem langatmigen Erzählstil lassen den Thriller zu einem Reinfall werden.

Bewertung vom 21.08.2023
Der Vorweiner
Bjerg, Bov

Der Vorweiner


gut

Ein dystopischer Blick, der nicht ganz überzeugen kann

Ende des 21. Jahrhunderts ist von Europa nur noch Resteuropa übrig, in dem auch Deutschland aufgegangen ist. Die Bevölkerung ist in eine Nieder- und eine Oberschicht gegliedert. Die Oberschicht ist nicht mehr in der Lage Gefühle zu zeigen und stellt deswegen Vorweiner, Trauergastarbeiter, in ihren Dienst, die auch bei den ihnen mit ihm Haus leben. Die Vorweiner übernehmen die Aufgabe öffentlich Trauer zu zeigen, für diejenige Person, für die sie tätig sind. Sie sind selbst Flüchtlinge, die nach Resteuropa wollen, da ihre eigenen Länder von Bürgerkriegen und Naturkatastrophen zerstört wurden.
Einblicke in diese gefühllose dystopische Welt erhält man durch die Protagonisten des Romanes A wie Anna, ihrem Vorweiner und B wie Berta.
Berta erzählt aus ihrer Perspektive die Geschichte ihrer Mutter Anna, wodurch man auch das Leben und die Gesellschaft an sich im Resteuropa kennenlernt. Das Leben und die Gesellschaft sind von Zerstreuung, fehlender Emotionalität und Grausamkeiten, die keinen wirklich mehr berühren, geprägt.

Auch wenn der eigenwillige und etwas abstruse Roman in einer fernen Zukunft spielt, besitzen die angesprochenen Themen, wie Flüchtlingskrise und Fake-News, Aktualitätsbezug.
Anfangs liest sich Bjergs dystopischer Blick auf Deutschland, Europa und die restliche Welt noch interessant, doch mit zunehmender Seitenzahl wirken manche Romanelemente ermüdend.
Die einzelnen Kapitel sind ähnlich eines Filmskripts aufgebaut und so bekommen die verschiedenen Erzählstränge auch einen episodenhaften Charakter. Das führt dazu, dass der Roman inhaltlich oberflächlich bleibt und sich eher in Belanglosigkeiten verliert. Es soll wahrscheinlich die emotionale Verarmung der Gesellschaft widerspiegeln, ein flüssiger Lesefluss, der das Interesse an der Geschichte hochhält, entsteht dadurch nicht gerade.
Darüber hinaus waren mir manche Textpassagen auch zu derb formuliert oder erschlossen sich mir auch nicht so wirklich in ihrem Sinn. Vielleicht ist es aber auch genau der Sinn der Handlung, dass sie stellenweise keinen Sinn ergibt...

Die Stärke des Romanes liegt für mich in seiner, wenn auch etwas befremdlichen, dystopischen Version und in seinen einzelnen starken Szenen, die jedoch leider nicht im Gesamtpaket überzeugen konnten.

"Der Vorweiner" ist ein sprachlich und inhaltlich gewagter Roman, der eine interessante dystopische Welt beschreibt. Er fängt stark an, verliert sich dann aber enttäuschenderweise etwas in Absurditäten und Belanglosigkeiten, sodass er es nicht schafft sein ganzes Potenzial auszuschöpfen.
Stilistisch und sprachlich ist der Roman durchaus interessant, jedoch fehlt mir die emotionale Wucht und die inhaltliche Stärke, die ich mir erhofft habe.

Bewertung vom 12.08.2023
Mord auf der Insel Gokumon / Kosuke Kindaichi ermittelt Bd.2
Yokomizo, Seishi

Mord auf der Insel Gokumon / Kosuke Kindaichi ermittelt Bd.2


gut

Solider japanischer Krimi

"Mord auf der Insel Gokumon" folgt dem Schema eines klassischen Kriminalromans mit dem Privatermittler Kosuke Kindaichi als Protagonisten. In diesem Teil der Serie trifft man auf Kosuke Kindaichi im Japan der Nachkriegszeit, mehrere Jahre nach dem Fall der Honshin-Morde, und auf dem Weg zur abgelegenen Insel Gokumon. Die Insel Gokumon, die Gerüchten zufolge von Generationen von Piraten und Sträflingen bewohnt wird, ist auch die Heimat von Chimata Kito, einem auf einem Truppentransportschiff gestorbenen Soldaten und Erbe einer reichen Fischerfamilie auf der Insel. Kurz bevor seinem Tod bittet Chimata Kosuke, die Insel zu besuchen und seine drei Stiefschwestern vor einer Prophezeiung und ihrer drohenden Ermordung zu retten. Dies setzt eine Kettenreaktion von seltsamen und grausamen Ereignissen in Gang, von dem Moment an, in dem Kosuke die Insel betritt, bis hin zum Ende, wenn der oder die Schuldigen entlarvt werden.

Wer ein Fan von Agatha Christie ist, wird wahrscheinlich Gefallen an diesem soliden Kriminalroman finden.
Dieses Buch wurde in den 1950er Jahren geschrieben, und der Stil eines allwissenden universellen Erzählers, der immer wieder die vierte Wand durchbricht, um mit dem Leser zu sprechen, ist ziemlich typisch für diese Zeit. Die Geschichte ist sehr stark in der japanischen Kultur und Geschichte verwurzelt, was, wenn man dieser nicht so sehr vertraut ist, nicht so leicht zu verstehen ist. Trotzdem schafft es der Autor, die Szenerie und die Stimmung auf der Insel Gokumon gut herüberzubringen.
Es ist ein klassischer Krimi der alten Schule, mit all den falschen Fährten, den dramatischen und mehr oder weniger plausiblen Enthüllungen und den Hinweisen, die über die ganze Geschichte verteilt sind.
Anfangs braucht die Handlung jedoch etwas, bis sie wirklich in Gang kommt. Es werden viele Figuren auf einmal eingeführt werden, wodurch es etwas schwierig, den Überblick zu behalten. Auch der Spannungsaufbau leidet etwas darunter. Trotz des etwas trockenen Schreibstils, schafft der Krimi dennoch zu fesseln und Neugierde für des Rätsels Lösung zu wecken, auch wenn die Auflösung etwas zu verworren, das Motiv hinter den Verbrechen ist für mich nicht so ersichtlich.
Außerdem ist es sinnvoll, die "Die rätselhaften Honjin-Morde" davor gelesen zu haben, da oftmals Bezug auf die Handlung bzw. die Morde genommen wird. Notwendig ist es jedoch nicht.

Bewertung vom 11.08.2023
Tasmanien
Giordano, Paolo

Tasmanien


sehr gut

Ein Ort der Sicherheit - sanft und präzise erzählte Desillusion

Was geschah in Hiroshima und Nagasaki? Darüber und über die Atombombe will der Erzähler des Buches, Paolo, ein Journalist, ein Buch schreiben. Währenddessen gerät sein Leben selbst aus den Fugen. In seiner Ehe kriselt es, nachdem er und seine Frau Lorenza den gemeinsamen Kinderwunsch aufgeben müssen. Auch seine Freunde kämpfen mit ihren eigenen Problemen, in die Paolo mit hineingezogen bzw. mit konfrontiert wird. Da ist Curzia, eine Journalistin, die nur über Terrorismus schreibt, Karol, der verliebte Priester, und Novelli, ein Physiker und Wolkenforscher, der seinen eigenen Me-Too-Fall hat. Doch nicht nur im kleinen und persönlichen Bereich gibt es Krisen, sondern auch im Großen. Terroranschläge, von Bataclan bis zum Konzert in Manchester 2017, und der allgegenwärtige Klimawandel führen zu Desillusionierung und Bestürzung bei Paolo.

Von 2015 bis in die Gegenwart, wird der Leser zum einen in eine Welt, die von vielen Krisen bedroht zu sein scheint, hineingezogen und wird zum anderen Zeuge, wie Paolo versucht sich selbst darin zurechtzufinden. Rettung stellt für einen Romancharakter die Insel Tasmanien. Tasmanien ist im Roman ein Sinnbild für einen rettenden Ort, an dem man sich zurückziehen kann, wenn die Bedrohung für einen persönlich zu groß zu werden scheint. Dabei kann Tasmanien, ein physischer Ort, aber auch eine Person, ein Gefühl oder eine Erinnerung sein.

Was "Tasmanien" auszeichnet ist ein sanfter und zugleich präziser Schreibstil, der einem in die Romanhandlung hineinzieht. Den Roman durchzieht eine bedrückende Stimmung und gewisse Hoffnungslosigkeit, die perfekt zur Desillusionierung von Paolo passt. Der Autor schafft es gut, die Balance zwischen den Krisen der Welt und den persönlichen Krisen zu halten und dabei ein vielschichtiges Charakterbild der einzelnen Akteure zu zeichnen, ohne dass diese dabei in Stereotype verfallen. In Bezug auf Paolo kratzt er manchmal jedoch nur an der Oberfläche, deswegen hätte ich mir stellenweise etwas mehr emotionale Tiefe gewünscht, um ihn als Person greifbarer zu machen. Seine Motive blieben so dadurch etwas im Dunklen. Trotz dessen wird ein umfassendes Panorama der Welt im Großen und den Einzeln im Kleinen geschaffen, dass mich in seinen Bann zu ziehen wusste.

"Tasmanien" ist ein Roman, auf den man sich einlassen muss, aber wenn man dazu bereit ist, wird man mit einer vielschichtigen und atmosphärisch gut erzählten Geschichte belohnt.

Bewertung vom 11.08.2023
KRYO - Die Verheißung
Ivanov, Petra

KRYO - Die Verheißung


sehr gut

Gefährliches Streben nach dem ewigen Leben - packend erzählt

Wer auf der Suche nach einem fesselnden und beängstigend realistischen, dystopisch angehauchten Thriller ist, kommt bei "KYRO- Die Verheißung" von Petra Ivanov auf seine Kosten. Unterschiedliche Erzählperspektiven, verschiedene Handlungsorte, kurze Kapitel und ein atmosphärisch packender Schreibstil sorgen für Spannung. Auch interessante Charaktere und eine gut konstruierte Handlung tragen dazu bei. Die Autorin schafft es hierbei überzeugend, dass der wissenschaftliche Hintergrund aus Biologie, Medizin und Technik gepaart mit philosophischen und religiösen Überlegungen gut in die packende Thrillerhandlung mit dem ein oder anderen Gänsehautmoment eingebettet ist.

Um was geht's?

Der Traum vom ewigen Leben oder von der ewigen Jugend scheint zum Greifen nah, zumindest wollen ein paar Unternehmen in Amerika und Russland Methoden bzw. Möglichkeiten gefunden haben, den menschlichen Körper zu verjüngen oder für ein Leben nach dem Leben zu konservieren. Dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zugeht, wird kaum überraschen. Manche sind sogar bereit, für ihre eigenen Ziele und zur Sicherung ihrer eigenen Interessen zu töten.
Michael Wild, ein ehemaliger Chirurg, der aufgrund einer Krankheit seinen Job nicht mehr ausführen kann, beginnt Nachforschungen in dieser Branche zu betreiben und fliegt deswegen nach Amerika, wo auch seine Mutter lebt. Doch schon bald verschwindet er spurlos von der Bildfläche und seine Mutter Julia beginnt nach ihm zu suchen. Um auf die Spur von Michael zu kommen, muss sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen und feststellen, dass sie den Vater von Michael vielleicht doch nicht so gut gekannt hat, wie sie gedacht hat.

Die Zutaten für einen Spannung versprechenden und wendungsreichen Thriller sind alle gegeben und die Autorin weiß diese geschickt zu kombinieren. Zwar habe ich ein paar Kapitel gebraucht um richtig in die Handlung hineinzufinden, doch dann nach ein paar Seiten entwickelte der Thriller eine gewisse Sogwirkung und kann den Spannungsbogen bis zum Ende hochhalten. Besonders interessant fand ich den Handlungsstrang rund um Michael und ich bin gespannt, welche Rolle er im zweiten Band spielen wird.
Nicht nur inhaltlich ist "KYRO" überzeugend, sondern auch die Figurenzeichnung und der packende, stimmungsvolle Erzählstil können überzeugen. So werden die handelnden Charaktere unter der Feder von Ivanov greifbar und machen neugierig darauf, wie sie sich im nächsten Band weiterentwickeln werden.

Alles in allem, ein vielversprechender und fesselnder Auftakt einer neuen Thriller-Reihe.

Bewertung vom 30.07.2023
Die letzte Nacht / Georgia Bd.11
Slaughter, Karin

Die letzte Nacht / Georgia Bd.11


sehr gut

Spannend, aber kein leichtes Thema

"Die letzte Nacht" von Karin Slaughter ist ein fesselnd erzählter Thriller aus der Reihe um Will Trent, der jedoch aufgrund seines Themas nicht immer leicht zu lesen ist.

Als Dani Cooper, die gerade ihr Auto in einen Krankenwagen gerammt hat, als Patientin in das Krankenhaus eingeliefert wird, wo Dr. Sara Linton arbeitet, weiß Sara noch nicht, dass der Fall sie noch Jahre später verfolgen wird. Während Sara um Danis Leben kämpft, erzählt diese ihr, dass sie vergewaltigt wurde und geflohen ist. Sara verspricht ihr, dass der Schuldige bestraft wird. 3 Jahre später, sagt Sara als wichtige Zeugin im Todesfall von Dani aus. Als sie herausfindet, dass Danis Fall mit ihrer eigenen Vergewaltigung vor 15 Jahren zusammenhängt, ist sie entschlossen, Antworten zu finden und ihr Versprechen gegenüber Dani einzulösen. Zudem scheinen beide nicht die einzigen Opfer gewesen zu sein. Unterstützung erhält sie von ihrem Verlobten Will Trent und Faith, die beschließen, ohne Erlaubnis ihrer Chefin Amanda den Fall zu untersuchen.

Von Beginn an schafft die Autorin es Spannung aufzubauen und insbesondere, wenn es um die Vergewaltigungen geht, eine düstere und beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Man empfindet Abscheu, wenn man liest, wie die potenziellen Täter über Frauen reden und wie sie aufgrund ihrer priveligierten Stellung mit ihren Taten davonkommen. Deswegen fiebert man um sehr mit Will und seinen Ermittlungspartnern und -partnerinnen mit, wenn man ihnen bei ihrer Nachforschearbeit folgt.
Die Handlung ist komplex und gut konstruiert, teils aber zu ausschweifend erzählt.
Wie von Slaughter gewohnt, ist der Schreibstil packend und atmosphärisch.
Ebenso kann die Charakterzeichnung überzeugen. So schafft es die Autorin, vornehmlich Sara, Will und Faith mit all ihren Gedanken und Gefühlen lebendig zu werden lassen.
Neben dem Fall an sich spielt auch die Dynamik unter den wichtigsten handelnden Personen und das Privatleben eine Rolle im Roman, wodurch der Fall zum einen persönlichere Komponente bekommt und zum anderen dem Thema etwas an Schwere genommen wird.

Nicht nur Fans von Slaughter kommen hier auf ihre Kosten. "Die letzte Nacht" ist ein packender Thriller, der trotz kleiner inhaltlicher Schwächen, zu überzeugen weiß.

Bewertung vom 30.07.2023
Treacle Walker
Garner, Alan

Treacle Walker


weniger gut

Verwirrende Reise ins Nirgendwo

"Treacle Walker" von Alan Garner lässt mich ratlos zurück, denn eine wirkliche Handlung war für mich schwer auszumachen. Weder der Inhalt noch die Sprache und der Erzählstil konnten mich überzeugen.

Damit man Gefallen an der fantasievollen und von englischer Folklore beeinflussten Novelle findet, muss man Zugang zu der merkwürdigen Fantasiewelt finden, die einem in "Treacle Walker" präsentiert wird. Und genau da lag mein Problem. Grob gesagt, geht es um einen Jungen namens Joseph Coppock, der von einem Mann namens Treacle Walker besucht wird, mit dem er einen alten Pyjama und einen Lammschulterknochen gegen ein leeres Glas allheilender Medizin und einen Reibstein tauscht. Dann passieren einige seltsame Dinge mit einem Comic und einem Mann in einem Moor.

Was wie eine charmante und magische Fantasiegeschichte beginnt, verliert sich dann aber schnell in eine ziellose und verwirrende Mischung aus mysthischen und magischen Elementen, um dann schließlich am Ende ins Leere zu führen. Es wird hierbei mehr angedeutet als erzählt wird, sodass es einen nicht wundert, dass man eher verwirrt als verzaubert zurückbleibt.
Auch der Erzählstil konnte mich nicht wirklich überzeugen. Er wirkte für mich zu gezwungen "märchen- bzw. sagenhaft".

Alles in allem ist "Treacle Walker" ein Buch, das unfertig wirkt und sein Potenzial bei weitem nicht ausschöpft.

Bewertung vom 16.07.2023
Die Einladung
Cline, Emma

Die Einladung


weniger gut

Spannungsarme und nichtssagende Herumtreiberei

"Die Einladung" von Emma Cline konnte mich trotz der interessant klingenden Prämisse nicht wirklich überzeugen. Die Geschichte fühlte sich an wie ein langer dahinplätschernder Fiebertraum, in dem die Protagonistin Alex durch Long Island treibt und darum kämpft, ihren Platz zu finden, nachdem sie von dem älteren Mann, mit dem sie bis vor kurzem zusammengelebt hat, vor die Tür gesetzt wurde. Auf einer Dinnerparty hat sie sich einen Fehltritt geleistet, infolgedessen sie beim ihm ausziehen musste. Ohne Wohnsitz, festen Job, Geld und Moral und nur mit dem Ziel vor Augen irgendwie bis zum Labor Day durchzukommen, um dort wieder ihren ehemaligen Liebhaber gegenüberzutreten, sodass dieser sie wieder bei ihm aufnimmt.

Erzählt aus der Sicht eines personalen Erzählers, bleibt die Handlung über den ganzen Romanverlauf hinweg verwirrend, ohne Tiefe und ohne irgendeinen Höhepunkt. So richtig hat sich mir auch nicht Sinn der Geschichte entschlossen. Anstatt der erwartenden scharfen gesellschaftlichen Beobachtung gähnte mich nur inhaltliche Leere und Langeweile an. Zudem fehlen einige notwendige Details, die es ermöglicht hätten, ein vollständiges und vielschichtiges Bild von Alex als Person zubekommen. Über ihre Vergangenheit weiß man nicht wirklich etwas, außer dass sie einem Typen namens Dom etwas Schlimmes angetan hat. Mehr lernt man im weiteren Verlauf auch nicht, sodass Alex mir als Person mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen nicht wirklich greifbar wurde. Aufgrund ihrer Handlungen, darunter Lügen, Betrügen und Stehlen, erzeugt sie nur wenig Sympathie, was das Interesse an ihrem weiteren Werdegang nicht wirklich steigert. Sie ist eine Herumtreiberin ohne erlösende Eigenschaften und verbringt den ganzen Roman damit, schreckliche Entscheidungen zu treffen. Moralisch interessantes Potenzial, das nicht genutzt wurde.
Doch nicht nur Alex blieb in ihrer Charakterisierung flach, auch die weiteren auftretenden Personen kommen nicht über eine zweidimensionale Darstellung hinaus.
Das Einzige, was ansprechend ist, ist der flüssige Schreibstil der Autorin.

Der Klappentext lädt zum Lesen ein, doch die Protagonistin und der Handlungsverlauf sorgen für Ernüchterung.

Bewertung vom 15.07.2023
Scurry 1
Smith, Mac

Scurry 1


sehr gut

Mäuse auf Futtersuche in einer postapokalyptischen Welt - beeindruckender Zeichenstil

"Scurry" fällt gleich von Beginn mit seinem detailreichen und besonders ausdrucksstarken animierten Zeichenstil auf. Die Protagonisten des liebevoll gezeichneten Comics sind verschiedene Tiere, der Fokus liegt dabei auf Mäuse und Katzen, aber auch Elche und Wölfe kommen vor. Was alle auszeichnet ist, dass sie sehr realistisch dargestellt sind und nahezu echt erscheinen. Auch der Einsatz von Licht und Schatten und die düster-atmosphärisch gestaltende Umwelt sorgen für Stimmung.

Die Handlung fällt im Vergleich zum tollen Illustrationsstil etwas ab, ist aber auch unterhaltsam und weiß zu fesseln. Von Beginn an taucht man in eine postapokalyptische Welt ein, in der die Menschen, die früher für die Nahrung für die Mäuse sorgten, verschwunden sind. Da die Vorräte der Menschen geplündert sind, sind die Mäuse auf der Suche nach einer neuen Nahrungsquelle. Die Mäuse leben in Kolonien und in so einer Kolonie lebt Wix, der gemeinsam mit seinen Freunden sich auf Nahrungssuche begibt, um das Überleben der Kolonie zu sichern. Dabei wagen sie sich immer weiter hinaus und Wix findet sich schnell im verbotenen Wald wieder. Währenddessen findet ein Machtkampf in der Kolonie zu Hause statt ...

Die Geschichte ist episodenhaft, erzählt und wechselt zwischen verschiedenen Orten hin und her. Man begegnet unterschiedlichen Tierarten, einige davon sind Bösewichte, andere sind Helden – Menschen gibt es nicht, sie sind nur eine Erinnerung, dem ganzen Comic noch einen besonderen Reiz verleiht.
Leider wirkt die Geschichte manchmal etwas vorhersehbar und braucht besonders am Anfang etwas um in Schwung zu kommen. Ebenso merkt man der Geschichte an, dass es sich um den ersten Band einer Reihe handelt, da das Ende etwas an Tiefe missen lässt und leicht überstürzt wirkt.

Alles in allem ist "Scurry" ein Comic, der besonders durch seinen atmosphärischen und lebendigen Zeichenstil überzeugen kann. Zusammen mit einer kurzweilig erzählten Handlung, macht es Spaß ihn zu lesen.

Bewertung vom 15.07.2023
Chef's Kiss
Melendez, Jarrett

Chef's Kiss


sehr gut

Unterhaltsame kulinarische Liebesgeschichte

3,5/5

"Chef's Kiss" ist ein gut gezeichneter und unterhaltsamer Graphic Novel, der mit viel Herz und Liebe gezeichnet bzw. geschrieben wurde.

Ben Cook kommt gerade vom College und lebt mit seinen Freunden in einer WG zusammen. Er hat Englisch studiert hat und ist auf der Suche nach einem Job. Nach erfolglosen Bewerbungen bei verschiedenen Redaktionen, bewirbt er sich entmutigt bei dem Restaurant "Cochon Doré", das Mitarbeiter ohne Vorkenntnisse einstellt. Der Chefkoch dieses Restaurants ist sich nicht so sicher, ob er Ben einstellen soll, und so schlägt er ihm eine Herausforderung vor: Er muss verschiedene Gerichte aus dem Restaurant sowie ein persönliches Rezept kochen, die alle von einem Schwein getestet und genehmigt werden müssen. Sein Mentor Liam führt ihn durch drei Wochen voller Herausforderungen, um herauszufinden, ob er die Stelle bekommen wird. Während er verschiedene Rezepte ausprobiert, kommen sich Ben und Liam näher und die Funken fangen an zu fliegen.

"Chef's Kiss" ist ein Grapic Novel mit einigen zärtlichen und humorvollen Momenten, innerhalb einer typischen Post-College-Coming-of-Age-Geschichte. Auch wenn die Idee mit dem Schwein als Rezepttester für nette Szenen sorgte, fand ich diesen Handlungsaspekt etwas unrealistisch und leider wenig überzeugend.
Ben als Hauptfigur ist ein liebenswerter Charakter, ist, der sich Sorgen um sein Leben nach der Universität macht und der im Zwiespalt darüber ist, was er will und was seine Eltern für ihn wollen. Auch die anderen handelnden Personen machen einen sympathischen Eindruck, hätte aber noch etwas mehr ausgearbeitet werden können. In ihrer Charakterisierung kamen sie enttäuschenderweise etwas flach und zweidimensional rüber.
Was mir auch nicht so gut gefallen hat, war dass manche Szenen sich zu sehr in die Länge gezogen haben und manche etwas zu kurz kamen. Zudem war auch nicht immer das Verhältnis Text zu Bild gut ausbalanciert, manchmal hatte man das Gefühl, dass die Wortblasen die Seiten überfrachteten, weil es so viele waren.
Trotzdem macht es Spaß den Graphic Novel zu lesen.

Wer auf der Suche nach einer schwulen Coming-of-Age-Geschichte ist, die in der kulinarischen Welt angesiedelt ist, Comic-Liebhaber ist und für eine kurzweilige Unterhaltung für zwischendurch sucht, macht mit "Chef's Kiss" nichts falsch. zurechtfindet.