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Bories vom Berg
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Bewertungen

Insgesamt 874 Bewertungen
Bewertung vom 04.10.2024
Hasenprosa
Kames, Maren

Hasenprosa


schlecht

Polarisierendes Experiment

Mit dem Titel «Hasenprosa» spielt die Schriftstellerin Maren Kames in ihrem neuen Roman auf das weiße Kaninchen in dem berühmten Kinderbuch «Alice im Wunderland» an, ein Langohr fungiert nämlich auch hier als literarischer Sidekick. Womit eines schon mal geklärt ist, eine realistische Erzählung wartet da nicht auf den Leser. Dieses experimentelle Buch ist ein virtuoser Parforceritt durch die Genres Memoir, Coming-of-Age und Familiengeschichte, erzählt in einer irritierend flatterhaften Kunstsprache, die häufig zu verblüffenden Assoziationen führt. Es wurde für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024 ausgewählt und von den Feuilletons einhellig gefeiert, die Resonanz in Leserkreisen hingegen zeugt ebenso einhellig von hilflosem Unverständnis und strikter Ablehnung. Derart polarisierende Literatur findet man selten!

«Das mit dem Hasen ist rückwirkend betrachtet doch der Sommer der Anbahnung, der Maserung gewesen. Subkutan mauserte sich alles, äste sich unterholz vorwärts durchs Gras zu einer wie insgeheim vorgesehenen Stelle, suchte sich je eine behutsam ausgebuchtete Mulde und narbte dort friedwärts verabredet ganz langsam zu.» Mit diesem ersten Satz beschreibt die Autorin ihre Intentionen für den kreativen Prozess, der zu dem Buch in unseren Händen geführt hat. Ein wiederkehrendes Merkmal ihres Romans besteht darin, dem Leser Einblick in ihren Schreibprozess zu gewähren. Zu dem gehört auch eine Einbeziehung literarischer Vorbilder, deren wichtigstes die für ihren antirealistischen Stil bekannte österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist, die immer wieder zitiert wird. Kein Wunder auch, dass hier, wie nicht selten in der «modernen» belletristischen Prosa, so etwas wie ein Plot nicht vorhanden ist. Der Roman beginnt mit einer fantasierten Reise der Ich-Erzählerin Maren durch Zeit und Raum, mit dem Hasen als ständigem Begleiter und Gesprächspartner, die erst im letzten Drittel von der weitgehend konventionell erzählten Geschichte ihrer beiden Großeltern-Paare abgelöst wird.

«Dann begaben wir uns zum Rand der Steppe und machten, was wir uns fürs Ende vorgenommen hatten. Der Hase zog seine Fliegerkappe auf. ‹Ope, there goes gravity,› sagte er leise. Ich nahm ihn fest um den Bauch und warf ihn mit aller Kraft meiner kleinen Arme vom Steppenrand Richtung Alpha Leporis. Das hatte er sich gewünscht. Ade, rief er im Abflug, ade! Mit meinem Fernrohr sah ich ihn auf einer elliptischen Kurve durchs All segeln, im Anstieg kleiner werdend, punktförmig, bis fast zum Verschwinden, dann am Scheitelpunkt wenden und sich im Absinken wieder materialisieren, bis er schließlich im Lichthof des Hasensterns landete (versank). Ich justierte das Objektiv. Der Stern nickte und blinkte. Der Hase winkte. Vom Himmel fiel fliederner Regen.»

Mit dieser ausufernd lyrischen Prosa überfordert Maren Kames bewusst ihre Leser. Sie spielt unbeirrt auf ihrer stilistischen Klaviatur mit Klangmalereien, Neologismen, mit stakkatoartigen Wortvariationen und sinnfreien Reihungen oder mit fremdsprachigen Einschüben. Nicht selten unterläuft ihr dabei so mancher linguistischen Lapsus, handfeste Kalauer sogar. Neben literarischen Bezügen reichert sie ihren Text auch mit musikalischen Verweisen an, die dazu aufzufordern scheinen, begleitend zum Lesen auch noch die Lieblingsmusik der Autorin zu hören, die Worte quasi musikalisch zu unterlegen. Zu allem Überfluss sind auch noch Bilder eingefügt, die allein schon 18 Seiten der 182 Buchseiten füllen. Die Krone der Ironie aber ist ein achtseitiges Quellenverzeichnis im Anhang, das jedem Fachbuch alle Ehre machen würde, beginnend mit drei Seiten ‹Manifester Soundtrack›, ‹Subkutaner Soundtrack›, ‹Zitierte Texte›, ‹Bilder›, ‹Theater-Referenzen› und ‹Begleitender Soundtrack›, gefolgt von fünf Seiten Quellen- und Bildnachweisen. Ob der Versuch gelungen ist, ein Gesamt-Kunstwerk á la Richard Wagner zu schaffen, hier also verschiedenartige Texte, Musik und Bilder literarisch überzeugend in einem Buch zu vereinen, das muss und kann letzten Endes jeder Leser nur für sich entscheiden!

Bewertung vom 01.10.2024
Nostalgia
Kubiczek, André

Nostalgia


gut

Hier also bin ich

Der stark autografisch inspirierte Roman «Nostalgia» des Schriftstellers André Kubiczek, dessen Mutter aus Laos stammte, beginnt wie eine Coming-of-Age-Geschichte, um dann aus laotischer Perspektive ein Frauenschicksal zu schildern, wie es beklemmender kaum vorstellbar ist. Ohne aber, trotz des Titels, nostalgisch verklärt zu sein. Die ersten zwei Teile der vierteiligen Erzählung schildern aus der Sicht Andrés dessen Schulalltag in der Spätphase der DDR. Mit seinem asiatischen Aussehen ist er in Potsdam Hänseleien der Mitschüler ausgesetzt, aber auch Schikanen einer böswilligen Lehrerin. Der jüngere Bruder des Dreizehnjährigen ist geistig behindert. Nur nicht auffallen ist die Devise von André angesichts des Alltagsrassismus, dem er ausgesetzt ist, und deshalb achtet er strikt darauf, dass ja niemand etwas von der Behinderung seines Bruders erfährt, auch seine Freundin nicht. Es ist eine Geschichte, die einem unter die Haut geht, deren Tragik aber von einem wohltuend lockeren Erzählton angenehm kontrastiert wird.

Der in der DDR geborene André ist sehr zufrieden mit seinem Leben, er kommt in der Schule gut voran, hat viele Freunde, ist gerne auch bei den Großeltern zu Besuch und erlebt all jene für einen Heranwachsenden prägenden Ereignisse. Der Autor versteht es, diese Jugend derart authentisch zu schildern, dass man häufig auch an eigenes Erleben erinnert wird. Das klingt dann auch sprachlich nicht nur so unglaublich real, dass man die Gedankengänge des Jugendlichen, seine Wünsche und Träume, aber auch seine Ängste geradezu mitzuspüren glaubt, alles scheint außerdem auch dokumentarisch echt zu sein. Für die Wessis unter den Lesern wird die sozialistische Idylle mit ihren subtilen Gängelungen und dem gehirnwäsche-artigen, politischen Weltbild äußerst stimmig beschrieben. Insoweit ist dieses Buch nicht nur ein Entwicklungs-Roman, sondern auch ein DDR-Roman.

Das kommt dann auch im dritten Teil der Geschichte zum Tragen, wenn im Rückblick Teo, die laotischen Mutter, in den Fokus rückt. Sie stammt aus einer prominenten Familie, ihr Vater war bis zum kommunistischen Putsch 1975 Außenminister von Laos und wurde dann von der eigenen Leibgarde ermordet. Während ihres Studiums in Moskau hatte Teo ihren aus der DDR stammenden Mann kennen gelernt und ist ihm in seine Heimat gefolgt, wo sie geheiratet haben und wo schon bald auch ihre zwei Söhne geboren wurden. Andrés Vater strebt eine wissenschaftliche Karriere an und schreibt an seiner Doktorarbeit, die Mutter arbeitet, deutlich unterqualifiziert, als Dolmetscherin, bis ihr Vorgesetzter auch ihr den Weg zur Promotion öffnet. Sie erkrankt aber unheilbar an Krebs, und eines Tages erhält André, der inzwischen selbst studiert, ein Telegramm mit der Todesnachricht. Über seinen Kommilitonen, der ihm kondoliert, heiß es im Buch: «Jens weiß, wie es ist, keine Mutter zu haben. Er hat seine eigene vor Jahren an einen Mann verloren, der nicht sein Vater ist».

Derartig stimmige, lockere Formulierungen finden sich viele in diesem Roman, der die Chronologie virtuos negiert und dann am Schluss eben damit endet, dass die junge Teo mit ihrem Samsonite-Koffer, «der T34 unter den Koffern der Welt», wie ihr Mann meint, am Bahnhof ankommt. Sie war nach Moskau geflogen und mit dem Nachtzug nach Berlin weiter gefahren, wo sie der Vater ihres Mannes abholt. Sie tritt auf den Bahnhofs-Vorplatz und denkt: «Hier also bin ich». Mit ihrem ersten Schritt ins Unbekannte, in ein neues Leben für die junge Loatin, endet diese Geschichte schließlich, so paradox es scheint. Alle Figuren werden so lebensecht geschildert und sind durchweg so sympathisch, dass man sich nur schwer von ihnen trennen kann. Der Roman wurde für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert, man kann dem in Anbetracht seiner literarischen Qualitäten nur zustimmen!

Bewertung vom 23.09.2024
Mein drittes Leben
Krien, Daniela

Mein drittes Leben


sehr gut

Trauer ohne Larmoyanz

Der vierte Roman der Schriftstellerin Daniela Krien mit dem Titel «Mein drittes Leben» behandelt nicht weniger als die Vergänglichkeit des Menschen und seine oft vergebliche Suche nach Glück. Er gehört zu dem heiklen Genre der Trauer-Romane, ohne aber ganz in Pathos zu versinken, wie das bei dieser Thematik allzu häufig der Fall ist. Seit der Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2024 gilt dem Roman erhöhte Aufmerksamkeit, die Besprechungen in den Feuilletons und die Bewertungen in der Leserschaft sind durchweg positiv. Und tatsächlich: Die Lektüre lohnt sich in jeder Hinsicht

«Heute Morgen kam ein Bussard vom Himmel geschossen und stürzte sich auf eine meiner jungen Hennen», lautet der erste Satz. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Linda hat sich einen komplett eingerichteten Dreiseit-Bauernhof samt Tieren gemietet. Ein bewusst gewählter Rückzugsort in einem gottverlassenen, sächsischen Straßendorf, wo sie ihre grenzenlose, zerstörerische Trauer über den Tod ihrer siebzehnjährigen Tochter zu bewältigen sucht. Sie war als gutbezahlte Kuratorin für eine große Kunststiftung tätig, ihr Mann ist einer jener Kategorie Kunstmaler, denen der ganz große Erfolg versagt geblieben ist. Sie lebten beide glücklich und zufrieden mit ihrer 17jährigen Tochter in einer luxuriösen Eigentumswohnung in Leipzig. Bis Sonja bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Für Linda eine Zäsur, sie kündigt ihre Stellung und ergreift die sich zufällig ergebende Möglichkeit, den bescheidenen Bauerhof in einer ländlichen Einöde für sich zu mieten. Ihr Mann ist entsetzt, er glaubt an eine vorübergehende Laune und fragt sie immer wieder, wann sie zurückkommt nach Leipzig.

Aber Linda kann die mit ihrer Trauer verbundene Hoffnungslosigkeit nicht überwinden. Sie hat schon mal eine Krebserkrankung überstanden, hat glücklicher Weise aber damals wieder ins normale Leben zurückgefunden. Der Tod ihres einzigen Kindes hat sie nun in tiefste Depressionen gestürzt, zu denen auch Suizidgedanken gehören. Durch die ungewohnte, harte Arbeit auf dem Hof lenkt sie sich von diesen düsteren Gedanken ab, lebt selbstvergessen ein einsames, ländliches Leben. Ihre junge Henne übrigens hat sie gerettet, hat sie dem Bussard beherzt entrissen, ein kleiner Triumph für sie! Nach und nach lernt sie dann auch Leute kennen. Ihr Nachbar besorgt ihr das Brennholz für den Winter, sie freundet sich mit der Mutter einer autistischen Tochter an, geht sogar mal zum Dorffest mit, sie beginnt also ihr «drittes Leben». Und da passt ihre beste Freundin, die sich einen reichen Mann geangelt hat, absolut nicht mehr hinein, weil sie in einer Welt lebt, die Linda regelrecht abstößt mit ihrer unersättlichen Konsumgier. Lindas Mann hat sich inzwischen eine Freundin gesucht, meldet sich trotzdem aber immer wieder mal bei ihr mit der Frage, «wann kommst du zurück», aber er erhält nie eine Antwort.

Erfreulich bei einer so unerfreulichen Thematik ist es, dass die Autorin mit psychologischem Sachverstand so ganz ohne Larmoyanz auskommt, also nicht auf die Tränendrüsen drückt, und dass ganz selten nur auch ein wenig Pathos mitschwingt. Die in vielen Rückblenden erzählte Geschichte ist stilistisch geradezu brillant in eine wortmächtige Sprache umgesetzt, die das Lesen zum puren Vergnügen werden lässt. Der straff gegliederte Plot des zweiteiligen Romans steuert zielstrebig auf ein überraschendes Ende zu, das dem Genre gerecht werdend kein Happy End ist, auch wenn zumindest doch ein klein wenig Hoffnung aufkeimt. Die ausführlichen, sich fatal ähnelnden Szenen der verzweifelten, schier endlosen Trauerarbeit erweisen sich als ein geringfügiges Manko, welches aber durch gelegentlich ganz versteckt auftretenden Humor (sic!) im Sprachlichen mehr als ausgeglichen wird.

Bewertung vom 21.09.2024
Das Wohlbefinden
Lenze, Ulla

Das Wohlbefinden


schlecht

Nachhilfe beim Okkulten

Ulla Lenze hat ihren für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman mit «Das Wohlbefinden» betitelt, eine für bestimmte Therapien ebenso bedeutsame wie utopische medizinische Grundbedingung. Ihre eigentliche Thematik aber ist der Okkultismus, der im zu Ende gehenden Kaiserreich nicht nur in den höheren Kreisen Deutschlands eine Hochblüte erlebt hat. Vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis hin zur Coronakrise reichend ist die Geschichte des Romans in die drei Zeitebenen 1907, 1967 und 2020 gegliedert. Im Mittelpunkt steht die Schriftstellerin Johanna Schellmann. Die lernt bei Recherchen für ihr neues Buch in den Heilstätten von Beelitz die Patientin Anna Brenner kennen, eine Fabrikarbeiterin, der übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt werden. «Ein Jahrhundertroman über die Kraft der Heilung» glaubt man dem Buchumschlag, in den Feuilletons sind die Kritiken hingegen überwiegend negativ, – zu Recht?

Die jüngste Erzählebene des Romans beginnt in der Gegenwart. Vanessa, die Enkelin von Johanna, besichtigt eine luxussanierte Mietwohnung in den ehemaligen Arbeiter-Lungenheilstätten Beelitz, weil sie sich die Mieten in Berlin einfach nicht mehr leisten kann. Und wie es der Zufall will, besitzt der Makler ein Manuskript von Vanessas einst berühmter Großmutter, welches in hohem Alter geschrieben, aber nie veröffentlicht wurde. In dieser mittleren Erzählebene betreut Klaus, der Vater des Maklers, als Student ab 1967 im Auftrag der Tochter von Johanna die greise Dichterin bis zu ihrem Tod. Die dritte, chronologisch aber älteste Erzählebene beschäftigt sich mit der folgenreichen Begegnung von Johanna und Anna in Beelitz, die 1907 bei der Schriftstellerin eine bislang versteckte Spiritualität freisetzt. Sie erhofft sich von dieser Begegnung einen Auftrieb für ihr neues literarisches Projekt und nimmt an einigen Séancen teil, die der okkultismus-skeptische, aber die damit einher gehende Publicity schätzende Anstaltsleiter mit Anna als Medium veranstaltet. Während einige der Patientinnen vor Anna ehrfurchtsvoll auf die Knie sinken, sich von ihr Heilung erhoffen oder einen Blick in die Zukunft, sehen andere ihre spiritistischen Aktivitäten als Humbug an.

Johannas Hoffnungen auf die positiven Wirkungen ihrer Bekanntschaft mit Anna erfüllen sich nicht, denn sie lässt sich als Medium nicht vereinnahmen und beharrt auf ihrem Mantra, nicht sie bewirke ihre hellseherischen Vorhersagen und die mysteriösen Geschehnisse, sondern Gott allein, sie folge ihm nur. Sie könne nicht beeinflussen, was sie vorhersieht, ja sogar nicht mal entscheiden, was davon sie offenbaren soll, denn auch die direkten Folgen ihrer Mitteilungen entzögen sich ihrem Einfluss. Gleichwohl schlägt ihr Johanna vor, künftig in ihrer luxuriösen Berliner Villa zu wohnen und sie beim Schreiben spiritistisch zu begleiten. Ihre Kinder und auch die englische Kinderfrau freuen sich über die neue Mitbewohnerin, ihr Mann aber ist entsetzt. Er zieht sich für seine medizinischen Studien in das Gartenhaus zurück, wo ihn später sein Schicksal ereilt. Selbst im hohen Alter noch leidet Johanna an ihren Verstrickungen in das damalige Geschehen. Am Ende des Romans beginnt Vanessa, die Geschichte ihrer berühmten Großmutter über Social Media zu posten und wird mit zustimmenden, aber auch mit internet-typisch aggressiven Kommentaren überzogen.

Der thematisch überladene, chronologisch ungeschickt verschachtelte Roman mit seinen wenig sympathischen Figuren weist so einige Ungereimtheiten auf. Zu denen gehört nicht zuletzt auch eine absurde Menge von Zufällen, selbst Günter Grass taucht da ganz unvermittelt auf. Stilistisch bedauerlich sind auch etliche triviale Ausrutscher, irritierend aber ist vor Allem der Umgang mit dem Okkulten, das irgendwann ganz verschämt als Manipulation desavouiert wird, vom Beelitz- Direktor als «Nachhilfe» bezeichnet, obwohl das doch eigentlich hier das Spannendste wäre!

Bewertung vom 18.09.2024
Die Wurzeln des Lebens
Powers, Richard

Die Wurzeln des Lebens


gut

Staunend am Mammutbaum

In seinem Epos «Die Wurzeln des Lebens» verknüpft der US-amerikanische Schriftsteller Richard Powers seine Figuren mit den Bäumen, deren kommunizierendes Wurzelgeflecht im Boden einen Wald bildet. Seine Protagonisten sind auf ganz unterschiedliche Weise individuell und positiv mit Bäumen verknüpft, schätzen sie als äußerst wichtig ein für das Wohlergehen der Menschheit. Die aber steht ihnen im besten Fall ziemlich gleichgültig gegenüber, im schlimmsten jedoch geradezu feindlich. Mit kapitalistischer Gier werden dem Staat Wälder abgekauft, die dann in kürzester Zeit abgeholzt werden, weil sie Profit bringen. Nicht nur dass Holz als Rohstoff vermarktet wird, die Kahlschlag-Flächen werden anschließend renditeträchtig in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. In mehreren parallelen Handlungs-Strängen agieren die im Westen der USA angesiedelten, recht unterschiedlichen Roman-Figuren in ihrem privaten und beruflichen Umfeld, wobei sie alle auf besondere Weise mit Bäumen und Wald verbunden sind.

Da ist zum Beispiel der Sohn eines norwegischen Einwanderers, der sechs Kastanienbäume gepflanzt hat, die alle, bis auf einen, den aus Asien eingeschleppten Parasiten zum Opfer fallen. Der Vater und nach ihm Sohn und Enkelsohn fotografieren seither einmal im Jahr diesen überlebenden Baum aus der immergleichen Perspektive, ein familiäres Ritual. Eine Ingenieurin, deren chinesischer Vater einen Maulbeerbaum pflanzt, Symbol für die Zukunft, muss erleben, dass der Vater, als der Baum von Bakterien befallen wird und die Familie sich auflöst, sein Leben durch einen Pistolenschuss beendet. Die schwierige Beziehung eines Juristen mit seiner Frau erfährt eine Wende, als sie nach einem Unfall mit dem Auto beschießen, zum Dank für den glimpflichen Ausgang jedes Jahr zu ihrem Hochzeitstag einen Baum zu pflanzen.

Im Vietnamkrieg wird ein Soldat mit dem Flugzeug abgeschossen und landet in einem Feigenbaum, dessen Zweige seinen Absturz abbremsen. Als Veteran findet er schließlich seine Erfüllung als Waldarbeiter, auf einer gerodeten Fläche pflanzt er Tausende von Douglasien an. Ein Digital-Nativ macht eine kometenhafte Karriere als Programmierer von Computer-Spielen, die immer leistungsfähiger werden und ihn zum Millionär machen. Er bekommt Zweifel, wo das noch hinführen soll mit den lebensecht auf Zuwachs und Gewinn ausgerichteten Spielen. Auf dem Campus der Stanford Universität entdeckt er schließlich, wie inspirierend Bäume sein können, und er beschließt spontan, die Natur zum Gegenstand seiner Spiele zu machen. Eine Forscherin entdeckt, dass Bäume bewusst über ein biochemisches Netzwerk miteinander kommunizieren, und erregt damit in der Wissenschaft einiges Aufsehen. Sie wird aber schon bald heftig von Kollegen kritisiert, bis sie im Wald auf eine Gruppe Gleichgesinnter stößt und wissenschaftlich rehabilitiert wird. Eine Studentin der Mathematik mit wildem Vorleben bekommt kurz vor ihrer Abschlussprüfung einen Stromschlag, der zum Herzstillstand führt. Sie überlebt und bildet mit anderen Protagonisten eine Gruppe von Umweltaktivisten, die durch Baumbesetzungen und zuletzt auch Brandanschläge auf das schreiende Unrecht hinweisen, das dem Wald angetan wird.

Der Autor vermittelt einen umfassenden Einblick in die Zusammenhänge der Natur und prangert deren Gefährdung durch den Menschen an, ohne jedoch indoktrinierend zu sein. Leider wirkt das Ganze doch arg konstruiert, zuweilen auch pathetisch und ins Visionäre abgleitend. Ohne Zweifel aber ist der Roman auch deutlich überdimensioniert, einerseits was die schiere Textmasse anbelangt, andererseits durch gefühlt Tausende von verschiedenen Bäumen, denen man als Nicht-Biologe hilflos gegenüber steht. Die Begeisterung der Protagonisten, von denen jeder seine Baum-Geschichte hat, ist durchaus mitreißend für Naturfreunde. Staunend am Mammutbaum zu stehen wird dann vielleicht manchem Leser ein vertrautes Gefühl geworden sein.

Bewertung vom 14.09.2024
Die Nickel Boys
Whitehead, Colson

Die Nickel Boys


gut

Unbegrenzte Gewalttätigkeit

Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead hat mit «Die Nickelboys» zum zweiten Mal diesen begehrten Literaturpreis verliehen bekommen, was in der mehr als hundertjährigen Geschichte dieses Preises vor ihm erst dreimal geschehen ist. Er gehört damit zu den wichtigsten Schriftstellern der US-amerikanischen Literatur. Das große Vorbild ist für ihn Martin Luther King, den er in seinem Roman häufig zitiert mit seinen Schriften für den gewaltfreien Kampf gegen die Rassentrennung. Inspiriert sei der fiktive Roman mit seinen frei erfundenen Charakteren «durch die Geschichte der Dozier School for Boys in Marianna, Florida», wie er im Nachwort schreibt, er habe davon 2014 zum ersten Mal in der «Tampa Bay Times» gelesen. Es gäbe inzwischen sogar eine «Website der Überlebenden» und viele weitere Publikationen, auf die er bei seinen Recherchen gestoßen sei.

«Sogar als Tote machen die Jungs noch Ärger», lautet der erste Satz im Prolog, der davon berichtet, wie eine Gruppe von Archäologinnen bei Untersuchungen auf dem für einen Bürokomplex vorgesehenen Gelände der längst verschwundenen, ehemaligen Besserungsanstalt etliche Tote finden. Elwood, der fünfzehnjährige, farbige Protagonist des Romans, lebt bei seiner Großmutter, die als Putzfrau arbeitet. Der in sich gekehrte Junge liest gerne Bücher, sein wertvollster Besitz ist eine Langspielplatte mit der Rede Martin Luther Kings auf dem Zion Hill. Elwood wird von seinem Lehrer gefördert und bekommt durch dessen Protektion sogar einen Studienplatz am College. Auf dem Weg zur Einschulung nimmt ihn ein farbiger Mann in einem schicken Auto mit. Sie werden von der Polizei gestoppt, das tolle Auto ist gestohlen, und Elwood wird völlig willkürlich als Mittäter in die Besserungs-Anstalt eingewiesen, - schließlich ist er ja auch ein Farbiger, ergo muss er ebenfalls ein Autodieb sein! Und damit beginnt für ihn eine lange Leidensgeschichte.

Unermüdlich spürt der Autor den Demütigungen nach, denen die Insassen dieser Hölle namens «Besserungsanstalt» ausgesetzt sind. Die ist geradezu eine Garantie dafür, dass die weißen und farbigen Delinquenten ebenfalls zu Monstern werden, ganz so wie ihre sadistischen Aufseher und Betreuer in dieser vermeintlichen «School for Boys.» Die Teenager werden zu allerlei Arbeiten in der Anstalt herangezogen. Die Sadisten kommen meist aus prekären Verhältnissen und haben oft ihrerseits Schlimmes hinter sich, sie fühlen sich quasi im Besitz eines Freibriefs zur Quälerei. Selbst bei den geringsten Vergehen der Zöglinge werden drakonische Strafen verhängt und auch gnadenlos exekutiert. Dabei geht es so grausam zu, dass manche der Opfer die Torturen nicht überleben. Korrupte Ärzte sorgen dann dafür, dass eine unverdächtige Todesursache angegeben wird, es gibt aber auch Fälle, in denen die Jungs einfach spurlos verschwinden und heimlich irgendwo auf dem weitläufigen Areal verscharrt werden. Die bis hoch zum Direktor durchgängig korrupte Belegschaft dieser Stätte des Grauens verleiht die Jungen für die verschiedensten Arbeiten an Geschäftsleute oder auch Privatpersonen, wobei die Erlöse untereinander aufgeteilt werden und nicht etwa der «School for Boys» zugute kommen. Das Gleiche passiert mit den Lebensmitteln oder mit Kleidung, die in dunkle Kanäle verschwinden. Leidtragenden sind die inhaftierten Teenager, die einen immergleichen, ekligen Fraß vorgesetzt bekommen oder in längst verschlissener Kleidung herumlaufen müssen.

Colson Whitehead erweist sich als unermüdlicher Chronist dieser dunklen Geschichte der USA, die Anfang der sechziger Jahre noch ebenso real war wie die Skandale in Internaten und kirchlichen Einrichtungen in Deutschland, die bis heute ebenfalls nicht gesühnt sind. In einer unprätentiösen Sprache erzählt, ist dieser Roman eine flammende Anklage gegen den auch heute noch vorhandenen Rassismus im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zu denen traditionell auch unbegrenzte Gewalttätigkeit gehört.

Bewertung vom 11.09.2024
Auf allen vieren
July, Miranda

Auf allen vieren


weniger gut

No risk, no fun

In ihrem autofiktionalen Roman «Auf allen Vieren» erzählt die als Multitalent bekannte US-amerikanische Künstlerin und Autorin Miranda July von den Verwerfungen, denen Frauen kurz vor der Menopause ausgesetzt sind. Die 45jährige, namenlose Ich-Erzählerin erleidet einen Schock, als sie die auch im Buch abgebildete Grafik sieht, auf der, getrennt für Männer und Frauen, die Entwicklung der Sexualhormone dargestellt ist. Während diese Kurve beim Testosteron der Männer im Alter nur leicht abfällt, stürzt sie beim Östrogen der Frauen mit dem fünfzigsten Lebensjahr steil ab. In Panik beschließt die mit Mann und Kind in L.A. lebende Frau, allein mit dem Auto nach New York zu fahren. Ein zweiwöchiger Selbstfindungstrip, den sie sich zu ihrem Geburtstag leistet, der dann aber schon nach kaum einer halben Stunde Fahrzeit an einer Tankstelle endet. Sie ist völlig hingerissen von dem jungen Tankwart, den sie aus dem Wagen heraus sieht, als er ihre Windschutzscheibe putzt. Sie mietet sich spontan in einem Motel in der Nähe ein, um ihn wiederzusehen und kennen zu lernen.

Es stellt sich heraus, dass Davey verheiratet ist, seine Frau ist Innenarchitektin. Die Protagonistin lässt sich von ihr das nüchterne Motelzimmer, in dem sie wohnt, nach ihren Wünschen komplett neu einrichten. Das Bad wird neu gefliest, alle Möbel werden durch gediegene neue ersetzt, die Wände neu tapeziert. Nach wenigen Tagen ist sie die zwanzigtausend Dollar los, die sie von einem begeisterten Kunden für ihre unkonventionelle, kreative Umsetzung seines Auftrags erhalten hat. Die Affäre mit Davey aber verläuft nicht so, wie sie sich das erhofft hat. Er bleibt zurückhaltend, was den Sex anbelangt, der ihr so außerordentlich wichtig ist. Davon unbeirrt imaginiert sie sich in ein neues Leben mit ihm hinein, sie ist bereit, dafür alles aufzugeben. Nach ihrer Rückkehr nach L.A. trifft sie sich noch einige Male mit ihm in dem Motelzimmer, das ihr der Besitzer des Motels kostenlos zu Verfügung stellt. Denn er macht mit dem Luxuszimmer sehr gute Geschäfte, er bekommt ein Vielfaches des normalen Zimmerpreises dafür. Der telefonische Kontakt mit Davey reißt irgendwann komplett ab, er ist mit seiner Frau, die ein Kind erwartet, nach Sacramento gezogen, wo er ein Haus gekauft hat. Die Ich-Erzählerin lernt bei ihrem letzten Besuch in dem Motel eine ältere Frau kennen und landet mit ihr im Bett, wobei sie völlig überrascht ihre wiedererwachte Libido und den Reiz von lesbischem Sex entdeckt.

All das erörtert die Erzählerin in endlosen Telefonaten mit ihrer besten Freundin, in denen in sexueller Hinsicht Klartext gesprochen wird. Nach der Devise «Sex mit Davey» steuerte die Protagonistin vergebens ihrer sexuellen Befreiung entgegen, die sie stattdessen vor allem durch multiples masturbieren bei jeder sich bietenden Gelegenheit erreicht. Schließlich offenbart sie sich ihrem Mann und vereinbart mit ihm, dass jeder an einem bestimmten Tag in der Woche nicht zu Hause sein muss. Diesen Tag könne ihr Mann dann mit seiner Geliebten verbringen, und sie wird sich an ihrem Tag mit ihrer lesbischen Partnerin vergnügen. Der Klappentext spricht von «Lust außerhalb von Konventionen». Der Erfolg des Romans beruht zu einem großen Teil auf den vielen pornoartigem Szenen mit deftigen sexuellen Details, die konservative Kreise als unanständig empfinden mögen, die Freigeister aber jubilieren lassen.

Die Ich-Erzählerin gehöre zu den «Einparkern», hatte ihr Ehemann ihr erklärt, also zu der Sorte von Menschen, die stehen bleiben und eine Lücke suchen, die bestätigt werden wollen und auf das Glück warten. Die «Fahrer» hingegen würden nach dem Motto «no risk, no fun» die freie Fahrt genießen. Die eingängige, ungeniert direkte Sprache verleiht dem skurrilen Roman einigen Schwung, wobei der wenig plausible Plot allerdings immer uninteressanter wird. Allenfalls die reichlich eingestreuten feministischen Thesen und wohlfeilen Lebens-Weisheiten versprechen ein wenig Erkenntnis-Gewinn.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.09.2024
Heilung
Kaleyta, Timon Karl

Heilung


schlecht

Vom Sinnsucher zum Bauernknecht

In seinem zweiten Roman mit dem Titel «Heilung» erzählt Timon Karl Kaleyta von einem Mann, der nicht mehr schlafen kann. Unter den Überschriften «Innen» und «Außen» des zweiteiligen Romans wird zunächst der verzweifelte Kampf des egozentrischen Ich-Erzählers gegen seine Schlaflosigkeit in einem vom Schauplatz her dem «Zauberberg» ähnelnden, exklusiven Resort in den Dolomiten geschildert. Dort werden Leute behandelt, denen nichts fehlt, immer nach der Erkenntnis von Karl Valentin: «Gar ned krank is a ned g'sund». Im zweiten Teil befindet sich der Protagonist nach einem abrupten Wechsel des Settings in einem Prozess der Sinnfindung, frei nach dem Motto «Zurück zur Natur» des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau, örtlich angesiedelt in einer idealtypischen, bäuerlichen Idylle, mitten in einer gottverlassenen Gegend.

Nach langem Sträuben gibt der namenlose Protagonist Mitte vierzig endlich dem Drängen seiner Frau Imogen nach, sich in die Obhut des für seine Behandlungs-Erfolge berühmten Prof. Trinkl zu begeben. Denn seine andauernde Schlaflosigkeit droht die immer noch kinderlose Ehe zu zerstören. Der Professor stellt fest, dass ein in seiner Vergangenheit begründetes «Unbehagen» schuld sei an seinen geheimnisvollen, psychischen Störungen. Schon am ersten Tag seines Aufenthalts lernt er im Schwimmbad Mona kennen, eine Frau, die offensichtlich Kontakt zu ihm sucht, obwohl sie weiß, dass er verheiratet ist. Zu den fragwürdigen Methoden des Professors gehört stundenlanges Einsperren seines Patienten in einer stockdunklen Kammer, und er geht auch zur Jagd mit ihm. Auf einem Hochsitz drückt er ihm, der noch nie eine Waffe in der Hand hatte, plötzlich ein Gewehr in die Hand. Er soll auf einen Bären schießen, den sie in Schussweite entdeckt haben, und als der Bär dann nur angeschossen ist, muss er ihn waidmännisch korrekt auch noch mit einem Messerstich ins Herz töten.

In einer traumartigen Szene lässt der Ich-Erzähler alles stehen und liegen und flüchtet vor diesen merkwürdigen Behandlungs-Methoden zu seinem Freund aus Kindertagen, der mit seiner Frau einen Bauernhof in einer einsamen Gegend bewirtschaftet. Der liefert den beiden Selbstversorgern alles, was sie zum Leben brauchen. Und hier findet der verzweifelte Mann auch endlich Ruhe, er beschließt, immer bei seinem Freund zu bleiben. Voller Elan bringt er sich ein in dieses archaische Leben, arbeitet körperlich hart und erlernt all die Arbeiten, die ein solcher Bauernhof mit sich bringt. Bis die Dinge schließlich eskalieren und ihn dort seine Vergangenheit einholt. Mit viel Symbolik, zu der auch diverse, immer wieder mal zitierte Klopstock-Gedichte zählen, entwickelt der Autor in verstörenden Szenen das Bild einer aus den Fugen geratenen Gegenwart, die auch die drohende Klimakatastrophe mit einbezieht. Es sind ebenso unheimliche wie absurde Bilder, die da heraufbeschworen werden.

Sowohl der Plot als auch das Setting dieses stilistisch misslungenen Romans, der den Rückzug aus der verachteten Leistungs-Gesellschaft zum Thema hat, sind wenig überzeugend, denn da ist Vieles geradezu an den Haaren herbeigezogen. Man weiß als Leser nicht, ob das, was man da liest, wirklich ernst gemeint oder einfach nur komisch ist. Gut gelungen ist die Schilderung der Seelenpein des gequälten Protagonisten, der bäuerliche Jugendfreund hingegen ist wenig glaubwürdig dargestellt, er bleibt als Figur eher blass. Imogen und die Frau des Freundes fristen erzählerisch sogar ein Mauerblümchen-Dasein. Und auch die begehrenswerte Mona verschwindet heimlich und spurlos während der erzählerischen Metamorphose des Helden vom ohnmächtigen Sinnsucher zum kraftstrotzenden Bauernknecht. Der kommt schließlich nach Ha und ist geheilt. Der Roman endet abrupt mit dem kaum noch zu überbietenden, kitschigen Satz des Ich-Erzählers: «Heute Nacht würde ich Imogen ein Kind schenken.»

Bewertung vom 06.09.2024
Der Nachtwächter
Erdrich, Louise

Der Nachtwächter


sehr gut

Modernes Indianer-Epos

Mit dem Roman «Der Nachtwächter» öffnet die US-amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich einen aufschlussreichen Einblick in die Kämpfe der indigenen Bevölkerung gegen die geplante Assimilierung. Im Nachlass ihres indianischen Großvaters fand die Autorin viele Briefe von ihm an seine Kinder, die «eine Fundgrube für spannende, lustige, klischeeferne Alltags-Geschichten aus dem Reservat» waren, wie sie im Nachwort schreibt, und die fiktional ergänzt in ihren Roman eingeflossen sind. Die Regierung in Washington verfolgte Anfang der 1950er Jahre Pläne zur Aufhebung der einst vertraglich festgelegten Sonderrechte der indianischen Bevölkerung, die, so lautet der Vertrag, gelten sollen, «solange das Gras wächst und die Flüsse fließen». In den USA gilt die in Deutschland weniger bekannte Louise Erdrich als eine der besten Gegenwarts-Autorinnen, der vorliegende Roman wurde 2021 mit dem begehrten ‹Pulitzer Prize for Fiction› ausgezeichnet.

Am 1. August 1953 wurden in der House Concurrent Resolution 108 die Indianerstämme benannt, die zur «Terminierung» vorgesehen waren, unter ihnen auch der Turtle Mountain Band of Chippewa. Die sogenannte Terminations-Politik sollte angeblich die in prekären Verhältnissen lebende, indianische Bevölkerung wirtschaftlich dem Niveau der weißen Bevölkerung angleichen. Letztendlich aber zielte sie nur darauf ab, endlich die Reservate aufzulösen und damit im Immobilienboom jener Jahre das Land für die großen Konzerne verfügbar zu machen. Männlicher Protagonist des Romans ist Thomas Wazhashk, der titelgebende Nachtwächter. Er kämpft als Vorsitzender des Stammesrates an vorderster Front gegen diese Pläne, beschäftigt sich intensiv mit der listig verklausulierten Gesetzesvorlage, schreibt in den langen Nachtstunden Briefe an das Bureau of Indian Affairs, an den Senator von North Dakota, und er korrespondiert mit den weitverstreut siedelnden, anderen Stammesräten. Als er nach zähem Kampf schließlich erreicht, dass eine Anhörung vor dem zuständigen Unterausschuss im Kongress anberaumt wird, sammelt er auch noch Geld ein bei seinen Leuten, damit eine kleine Delegation mit ihm zusammen für einige Tage nach Washington reisen kann.

Um diesen Handlungsrahmen herum schildert die Autorin in mehreren parallel verlaufenden Handlungssträngen vom Leben der Indianer im Reservat North Dakotas. Einziger Arbeitgeber ist dort eine in der Nähe angesiedelte Lagersteinfabrik, in der viele indigene Frauen beschäftigt sind. Sie bohren winzige Löcher in Edelsteine, die vor allem in der Uhrenindustrie gebraucht werden, eine Präzisionsarbeit, die für Männerhände nicht geeignet ist. Die beste Arbeiterin dort ist Patrice, die weibliche Protagonistin des Romans, eine blitzgescheite, toughe junge Frau, die von ihrem Lohn die ganze Familie ernähren muss. Ihre ältere Schwester ist nach Minneapolis gegangen und hat sich dann nicht mehr gemeldet. Monate später macht Patrice sich auf, um ihre verschollene Schwester und deren Baby zu finden. Sie findet das Baby auch und nimmt es mit nach Hause, ihre Schwester aber ist mutmaßlich in die Hände von Zuhältern geraten und wird irgendwo als Sexsklavin gefangen gehalten. Ein weiterer Handlungsstrang beschäftigt sich mit dem Boxsport, dessen Trainer für die schöne Patrice schwärmt, die ihm aber die kalte Schulter zeigt. In vielen Episoden, die kunstvoll zu einem beeindruckenden Epos miteinander verbunden sind, wird von weiteren Figuren aus dem Stamm der Chippewa erzählt. Sie sind allesamt sympathische Charaktere, die stimmig geschildert werden.

Mit leichter Hand und trotz aller Tragik humorvoll wird hier vom drohenden Verlust der Identität indianischer Stämme berichtet, die alle nicht Farmer werden wollen. In ihnen ist das Erbe ihrer Vorfahren tief verwurzelt, die bekanntlich nomadisierende Jäger waren. Leicht lesbar und mit einem klug aufgebauten Plot ist dieses moderne Indianer-Epos eine bereichernde Lektüre.

Bewertung vom 02.09.2024
Vierundsiebzig
Othmann, Ronya

Vierundsiebzig


weniger gut

Nervige Arabesken

Der zweite Roman von Ronya Othmann mit dem kryptisch erscheinenden, tatsächlich aber für unsägliche Gräuel stehenden Titel «Vierundsiebzig» schließt an ihren Debütroman an. Der hat ebenfalls die Ethnie der Jesiden zum Thema, eine etwa eine Million Angehörige zählende Volksgruppe im Kurdengebiet zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei. Diese auf keinen heiligen Schriften, sondern nur auf mündlich weitergegebene Regeln beruhende Sekte wurde Opfer des IS, dem eine Theokratie anstrebenden ‹Islamischen Staat›. Es war das historisch 74ste Genozid, dem die «Teufelsanbeter» und Ungläubigen, wie die Islamisten sie nennen, in ihrer Geschichte ausgesetzt waren. Der Vater der Autorin ist ein säkularer kurdischer Jeside, der mit einer Deutschen verheiratet ist. Womit er sofort, nach den strengen Regeln der Sekte, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen ist, denn Jesiden dürfen nur unter sich heiraten.

Ronya Othmann wurde in München geboren, ist im Landkreis Freising aufgewachsen und hat Literatur studiert. Im Fernsehen erfährt sie 2014 von den Gräueltaten an den Jesiden und sieht die flüchtenden Menschen, die ihre dort in Shingal lebenden Verwandten seien könnten. Sie müssen jetzt um ihr Leben rennen vor den Mördern des IS, sie ist entsetzt! Sie war schon öfter dort und hat mit dem Vater ihre Verwandtschaft besucht, und nun herrscht dort ein unbeschreiblicher Terror. Mit journalistischem Eifer beginnt sie, ihren Vater zu befragen und andere Jesiden, die sie kennt und die, wie 200.000 andere, in Deutschland in der weltweit größten Diaspora leben. In der Bibliothek findet sie Reiseberichte, die bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreichen, sie studiert alles, was mit der Geschichte der Jesiden zu tun hat und recherchiert im Internet. Immer wieder katalogisiert die Sammelwütige ihre Flut von Notizen, ordnet unzählige Ton- und Videoaufnahmen auf ihrem Smartphone und kopiert sie auf eine Festplatte. Im Jahre 2018 reist sie dann erstmals wieder mit ihrem Vater nach Shingal, um Material zu sammeln, sie möchte ein Buch über den 74sten Genozid schreiben. Diese Reise, der noch zwei weitere folgen, bildet den erzählerischen Rahmen für ihre Geschichte, deren Entstehen sie ebenfalls ausführlich schildert und das sie dann mit den Erlebnissen und Erfahrungen auf ihrer Reise zu einem gemeinsamen Erzählstrang verknüpft.

Die Autorin hat ihr Buch als Roman bezeichnet, und so ist es denn auch vom Verlag deklariert, was in den Feuilletons verschiedentlich beanstandet wurde. Es sei eher ein Reisetagebuch, eine Autobiografie, Dokumentation, Geschichtsschreibung oder subjektive Reportage, kann man da lesen. Andererseits, und das entspricht dann doch einem Roman, ist das Buch deutlich fiktional angereichert und enthält auch einige poetische Einsprengsel. Nachdem die kurdischen Peschmerga den IS zurückgedrängt hatten, sind die vertriebenen Jesiden allmählich in ihre Heimat zurückgekehrt. Ihr auch als Dolmetscher fungierender Vater besucht mit ihr die Verwandtschaft, gemeinsam bereisen sie das ehemalige Jesiden-Gebiet. Immer wieder treffen sie dabei auf freundliche Leute, die ihnen gern weiterhelfen, wenn eine Fahrt an den Straßensperren der verschiedenen militärischen Gruppierungen zu scheitern droht.

Mit scharfem Blick für Details registriert die Autorin fast alles und beschreibt es minutiös. Die gastfreundlichen Menschen, sogar Soldaten oder Beamte, bieten ihnen sofort Tee an, wenn sie auf etwas warten müssen. Geschätzt Hunderte von Malen wird da Tee getrunken. Spätestens ab der Hälfte des gut gemeinten und absolut wichtigen, dickleibigen Buches beginnt man sich zu ärgern über diese immergleichen, banalen Beschreibungen und die unzählbaren, oft wortwörtlichen Wiederholungen. Erzählerische Arabesken mithin, die nicht kitschig, sondern einfach nur nervig sind. Da ist ein erstmaliger IS-Prozess vor dem Oberlandesgericht München mit einer grandiosen Urteilsbegründung geradezu ein Labsal für den frustrierten Leser. Schade eigentlich, aber literarisch nicht überzeugend!