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Havers
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Insgesamt 1378 Bewertungen
Bewertung vom 17.09.2020
Leben ist ein unregelmäßiges Verb
Lappert, Rolf

Leben ist ein unregelmäßiges Verb


gut

1980. Leander, Frida, Ringo und Linus, vier Zwölfjährige, aufgewachsen in einer niedersächsischen Land-WG, in der die Erwachsenen sich von den Reglementierungen der Gesellschaft befreien wollen und abgeschottet als Selbstversorger leben. Aber sie ignorieren auch geltende Gesetze wie die Schulpflicht, was letzten Endes dazu führt, dass die Kommune von den Behörden zerschlagen wird und man die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung reißt.

Sie werden getrennt, bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht, die sich mal mehr, mal weniger gut um sie kümmern und ihnen helfen sollen, sich in einer Welt zurechtzufinden, die ihnen komplett fremd ist. Zwar haben sie eine Ahnung von dem Leben dort draußen, aber diese speist sich im Wesentlichen aus dem, was die Erwachsenen ihnen eingetrichtert haben. Aber glücklicherweise gibt es da auch noch die Erinnerungen an die Klassiker der Weltliteratur, aus denen ihnen Konrad abends vorgelesen hat und die ihnen helfen, ihre neue Lebenssituation einzuordnen.

Alternierend verfolgen wir in den nachfolgenden vierzig Jahren ihre Wege, ihre Versuche der Anpassung und der Rebellion und schlussendlich des Scheiterns.

Der Roman lässt mich zwiespältig zurück. Auf der einen Seite ist da diese unglaublich beeindruckende Sprache, einfallsreich und fantasievoll, die jedem der vier Leben einen eigenen Klang verleiht. Auf der anderen Seite die Komplexität der Lebensgeschichten, und damit sind wir auch schon bei dem Punkt, an dem meine Kritik ansetzt. Ab knapp der Hälfte des Romans gehen die Pferde mit dem Autor durch, er kommt vom Hölzchen auf‘s Stöckchen. Eine dramatische Situation jagt die nächste, Klischeefallen nicht vermieden, eine Unmenge von Figuren ohne besondere Funktion für den Fortgang der jeweiligen Geschichte eingeführt. Komplexität schön und gut, aber man muss es ja nicht gleich übertreiben. So bleiben am Ende fast 1000 Seiten, prall gefüllt mit allerlei Überflüssigem, die man meiner Meinung nach durchaus ohne Qualitätsverlust hätte einkürzen können.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 15.09.2020
Das Manuskript
Grisham, John

Das Manuskript


sehr gut

In „Das Manuskript“ wird die Geschichte um die Bewohner von Camino Island, der fiktiven Insel vor Floridas Küste, fortgeschrieben, und beschert uns ein Wiedersehen mit alten Bekannten, die wir bereits aus dem Vorgänger kennen.

Camino liegt genau auf der Zugbahn eines immens heftigen Hurrikans. Ein Teil der Bewohner ergreift die Flucht, andere bleiben vor Ort. So unter anderem auch Bruce Cable, Buchhändler mit Leib und Seele und ein Lebemann, wie er im sprichwörtlichen Buche steht. Als der Hurrikan auf Land trifft, hinterlässt er eine Spur der Verwüstung und fordert etliche Todesopfer. Auch Nelson Kerr, Anwalt und Autor, wird tot aufgefunden. Aber wurde er wirklich ein Opfer des Wirbelsturms? Die Polizei ist jedenfalls davon überzeugt, aber seine Verletzungen sind nicht eindeutig, und so beginnen Bruce und seine Freunde Nick und Bob, später auch noch die Schwester des Opfers, auf eigene Faust herumzuschnüffeln. Offenbar hat Nelsons Tod etwas mit dem Inhalt seines USB-Sticks zu tun…

Um es gleich vorweg zu nehmen, mit dem, was wir üblicherweise von Grishams Thrillern gewohnt sind, hat die Camino-Reihe wenig zu tun. Natürlich kann er schreiben und einen Plot entwickeln, das steht außer Frage, greift aber in diesem Roman leider erst in der zweiten Hälfte. Bis dahin sind wir Gast auf einer langweiligen Dinnerparty, interessierte Zuschauer des Weather Channel und begleiten die Helfer bei den Aufräumaktionen nach dem Sturm. Alles sehr langatmig und betulich. Der zweite Teil allerdings entschädigt für das Durchhalten, denn hier zieht zum einen das Tempo deutlich an, zum anderen greift Grisham ein brisantes Thema auf, das nicht nur, mir aber gerade in Florida, wenn man sich die Altersstruktur anschaut, besonders relevant scheint.

„Das Manuskript“ führt uns nicht in die Untiefen des amerikanischen Rechtssystems, sondern ist eher eine Urlaubslektüre mit gesellschaftskritischen Untertönen. Kann man lesen.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.09.2020
Mord in Highgate / Hawthorne ermittelt Bd.2
Horowitz, Anthony

Mord in Highgate / Hawthorne ermittelt Bd.2


sehr gut

Richard Pryce, Scheidungsanwalt der Reichen und Schönen, kommt so zu Tode, wie er gelebt hat. Für ihn ist das Beste nur gut genug, und so verlässt er die Welt, den Schädel eingeschlagen mit einem hochpreisigen 82er Château Lafite Rothschild. Aber Pryce war Abstinenzler, und was hat die an die Wand geschmierte Zahl 182 zu bedeuten? Scotland Yard steht vor einem Rätsel, und so soll es einmal mehr der Ex-DI Hawthorne richten, der natürlich umgehend seinen „persönlichen Schreiber“ Horowitz hinzuzieht. Warum? Nun ja, Hawthornes Erfolge sollen natürlich der Nachwelt überliefert werden, und diese Aufgabe hat er Horowitz übertragen.

Dass ein Autor sich selbst zur Hauptfigur seines Romans macht, kommt selten vor. Bei Krimis kenne ich es nur von Arthur Conan Doyle und dem ersten Band der Hawthorne/Horowitz-Reihe „Ein perfider Plan“. Und wie bereits bei dem Vorgänger funktioniert es auch hier sehr gut, ist äußerst amüsant. Vor allem dann, wenn in Horowitz‘ Kommentaren der typisch britische Humor aufblitzt und den Leser damit bestens unterhält. Aber auch die entlarvenden Informationen zum Literaturbetrieb, die der Autor natürlich aus erster Hand und eigenem Erleben hat, sind höchst vergnüglich zu lesen. Als Kriminalroman funktioniert die Story ebenfalls, denn die Anzahl der Verdächtigen und Motive nimmt ab der Mitte rasant zu.

„Mord in Highgate“ ist ein Buddy-Movie in Romanform, der sich an den Klassikern der englischen Kriminalliteratur, allen voran Sir Arthur Conan Doyle, orientiert. Wie dessen Sherlock Holmes ist auch Hawthorne ein Meister der Deduktion und kann mit seinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen nicht nur seinen Sidekick Horowitz sondern auch den Leser immer wieder verblüffen. Am Ende ist der Fall gelöst, aber wie in jeder guten Krimireihe deckt der Autor nicht alle Karten auf. Und so müssen wir uns wohl bis zu dem dritten Fall des Duos Hawthorne/Horowitz gedulden.

Bewertung vom 13.09.2020
Jamas! Griechisch kochen und gemeinsam genießen
Dusy, Tanja

Jamas! Griechisch kochen und gemeinsam genießen


ausgezeichnet

Fernweh, aber kein Urlaub in Sicht? Dann ist „Jamas! Griechisch kochen und gemeinsam genießen“ genau das richtige Kochbuch, denn mit diesen Rezepten holt man sich Griechenland-Feeling auf den heimischen Teller. Und wie Tanja Dusy bin ich ein großer Fan dieser mediterranen Küche, die Leib und Seele erfreut. Bei zahlreichen Urlauben abseits der Touristenzentren hatte ich das Glück, in kleinen Tavernen schlichte Gerichte kennenzulernen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und mit den diversen Fantasietellern der „deutschen Griechen“ so überhaupt nichts zu tun haben.

Die Gliederung des Kochbuchs orientiert sich an der klassischen Menüfolge. Mezedes und Snacks (Vorspeisen), Fisch und Fleisch (Hauptgerichte), Salate und Gemüse (Beilagen) sowie süße und kalorienreiche Desserts zum Abschluss. Natürlich sind auch die Klassiker wie Gyros, Bifteki und Souvlaki zu finden, diese sind allerdings zum einen deutlich abgespeckt, zum anderen auch jeweils noch in vegetarischen Varianten zu finden. Für mich ein großes Plus dieser Sammlung, denn wer einmal die schmackhaften Kolokithokeftedes mit Joghurt-Dip (Zucchini-Krapfen), Gemista (Gemüse mit Reisfüllung) oder Briam mit Feta (Gebackenes Gemüse aus dem Ofen) probiert hat, wird keinen Gedanken mehr an üppige Grillteller verschwenden.

Die Rezepte, meist für 4 bis 6 Personen, werden jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt, links die in jedem Supermarkt erhältlichen Zutaten (mit Ausnahme der Wildkräuter, die man aber problemlos durch Rote Bete Blätter, Brunnenkresse oder Löwenzahn ersetzen kann) sowie eine detaillierte Kochanleitung, rechts ansprechende und appetitanregende Fotos des fertigen Gerichts. Positiv zu bewerten ist die Vielzahl der Gemüserezepte, die allesamt als Hauptgericht taugen, aber auch die Fleisch- und Fischesser kommen durchaus auf ihre Kosten.

Alles in allem ein sehr schönes, alltagstaugliches Kochbuch mit authentischen Rezepten, die sich problemlos realisieren lassen und weder besonderes Know how, noch exotische Zutaten erfordern. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Gerichte - zumindest im Register - auch unter ihrem griechischen Namen aufgeführt werden, denn die eingedeutschten Bezeichnungen wirken dann doch das eine oder andere Mal etwas fantasievoll. Und es erschwert die Suche, wenn man ein Gericht nachkochen möchte, das man nur unter dem Originalnamen kennt.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.09.2020
Volkswagen Blues
Poulin, Jacques

Volkswagen Blues


ausgezeichnet

Jack Waterman, mäßig erfolgreicher Autor in einer Schaffenskrise, an einem Punkt angelangt, an dem die Vergangenheit an Bedeutung gewinnt. Insbesondere sein vor knapp zwanzig Jahren verschwundener Bruder Theo. Die einzige Spur ist eine unleserliche Postkarte, in Gaspé abgeschickt. Jack möchte ihn wiedersehen, und so macht er sich in seinem altersschwachen Bulli auf den Weg. Gleich zu Beginn seiner Tour gabelt er eine Anhalterin auf, die ihm im weiteren Verlauf nicht nur eine angenehme Reisebegleitung sondern auch eine wertvolle Hilfe sein wird. Pitsemine, die „Große Heuschrecke“, ist eine Halb-Innu, eine intelligente junge Frau, rastlos auf der Suche nach der wahren Geschichte der Ureinwohner und somit auch nach ihrer eigenen Identität.

Das Highlight dieses Romans sind für mich die Gespräche der Protagonisten, in denen sie sich über Literatur und die amerikanische Geschichte austauschen, nicht nur unterhaltsam sondern auch höchst informativ. Insbesondere der Blick Pitsemines zeigt einen gänzlich anderen Blick auf die gängige Geschichtsschreibung, was die Entdeckung Nordamerikas angeht. Die Motivationen der französischen Forscher mögen ja edel gewesen und einem wissenschaftlichen Interesse entsprungen sein, aber ihre Reisen bereiteten den Boden für all diejenigen, denen es in erster Linie nicht um die Entdeckung sondern um die Eroberung, die Inbesitznahme des Kontinents und seiner Ressourcen ging. Die Dezimierung und Vertreibung der Ureinwohner und damit auch die Zerstörung ihrer Identität wurde dabei billigend in Kauf genommen.

„Volkswagen Blues“ ist ein Klassiker der franko-kanadischen Literatur, der der Gattung der Road Novel zugeordnet wird. Und obwohl im Original bereits 1984 erschienen, wirkt der Roman noch immer zeitlos. Es ist eine melancholische Geschichte, in der die Suche nach dem Bruder gleichsam zu einer Suche nach dem kollektiven Gedächtnis und dem eigenen Selbst wird.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.09.2020
Tasty Das Original - Die geniale Jeden-Tag-Küche
Tasty

Tasty Das Original - Die geniale Jeden-Tag-Küche


sehr gut

Hunger und wenig Zeit zum Kochen? Dann ist „Tasty- Die geniale Jeden-Tag-Küche“ mit 75 Rezepten samt Variationen genau das Richtige und animiert auch Kochanfänger dazu, auf den Lieferdienst zu verzichten und selbst den Kochlöffel zu schwingen.

Die Gerichte sind durch die Bank weg leicht nachzukochen und erfordern weder besondere Fähigkeiten noch die Ausrüstung einer Profiküche. Allerdings merkt man ihnen bei dem Blick auf die Gewichte an, dass sie ursprünglich für den britischen Markt entwickelt und 1:1 ins Deutsche übertragen wurden. Und auch der Einsatz von Crockpots (Schongarer & Multikocher), dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist, lässt darauf schließen, wobei man aber gut darauf verzichten kann, indem man die Garzeit entsprechend anpasst.

Die Rezepte decken sämtliche Bereiche ab: Von der Suppe, über das Hauptgericht, bis hin zum Dessert ist alles vertreten, wobei allerdings Vegetarisches eher mit der Lupe zu suchen ist. Dafür gibt es unzählige Meal Prep Variationen, die aber meiner Meinung nach eher etwas einfallslos daherkommen. Beispiel gefällig? Das Ausgangsrezept ist die Toskanische Bohnensuppe, die Varianten beschränken sich auf – wohlgemerkt jeweils – pürieren und frisch geriebenen Parmesan, auf die Zugabe von Grillhähnchenfleisch, eine Scheibe Brot, eine Handvoll Nudeln. Das wirkt dann doch eher einfallslos. Aber wenn es hilft Reste zu verarbeiten, ist es unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit absolut in Ordnung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zutatenlisten überschaubar und problemlos überall zu bekommen sind. Die einzelnen Arbeitsschritte sind detailliert beschrieben, was insbesondere für Kochanfänger wichtig ist, und das Endergebnis kann sich sehen lassen und schmeckt. Die großzügige Bebilderung macht Appetit und motiviert zum Nachkochen. Ein ansprechendes Kochbuch mit kleinen Schwächen (s.o.), gleichermaßen für Anfänger und versierte Hobbyköche geeignet.

Bewertung vom 08.09.2020
Das Grab im Moor / Karen Pirie Bd.5
McDermid, Val

Das Grab im Moor / Karen Pirie Bd.5


ausgezeichnet

Was haben ein Highlander mit Kilt, zwei Motorräder, Ohrringe von Tiffanys, das schwarze Wohnmobil, die Schatzkarte, der rote Rover 214, der Hundekuchen und die Moorleiche gemeinsam? Richtig, all das spielt eine Rolle in „Das Grab im Moor“ von Val McDermid und somit den neuen Fällen für Karen Pirie (Band 5 der Reihe).

Karen Pirie, noch immer in Trauer um Phil, ihren Liebhaber, Seelenverwandten und ehemaligen Vorgesetzten, muss diesmal an verschiedenen Fronten kämpfen. Zum einen hat die Historic Cases Unit zwei knifflige Altfälle auf dem Tisch, zum anderen gilt es, sich gegen Ann Markie, ihre neue Chefin zu behaupten, die, von Missgunst und verletzten Gefühlen getrieben, alles daran setzt, Piries berufliche Reputation zu beschädigen. Und dann ist da noch die Unterhaltung zweier Frauen, die sie per Zufall in ihrem Lieblingscafé mitangehört und sie misstrauisch gemacht hat.

Wieder einmal beweist Val McDermid, dass sie zurecht zur oberen Liga der schottischen Autoren gehört. Natürlich ist es spannend, die Polizeiarbeit an Altfällen zu begleiten, aber genauso interessant ist die Sicht der Autorin auf das Edinburgh der Gegenwart, in dessen Vielfalt ein syrisches Café ebenso seinen Platz hat wie das italienische Gebäck, der schottische Whisky und der Craft-Gin. Und auch die mehr oder weniger in Nebensätzen eingeflochtenen Informationen zur jüngeren Historie und die kritischen Anmerkungen zur Arbeit der Stadtplaner und Bauträger, die gewachsene Viertel zugunsten des Profits zerstören. Durchaus ernste Themen, die McDermid aber mit dem ihr eigenen trockenen Humor auflockert. Und der harmoniesüchtige Leser wird natürlich auch zufriedengestellt. Die Fälle gelöst, der Angriff der Vorgesetzten abgewehrt und der Boden (vielleicht) bereitet für eine neue Beziehung. Also -alles zur absoluten Zufriedenheit erledigt. Aber etwas anderes hätte ich von der Autorin auch nicht erwartet. Daumen hoch!

Bewertung vom 03.09.2020
Ihr Königreich
Nesbø, Jo

Ihr Königreich


ausgezeichnet

Jo Nesbøs Bücher sind ein Muss. Ganz gleich, ob die Harry-Hole-Reihe, die Macbeth Adaption im Rahmen des Shakespeare-Projekts oder die übrigen Kriminalromane, der Autor hat mich noch nie enttäuscht. Nun ist also mit „Ihr Königreich“ ein weiterer Stand alone erschienen, in dessen Zentrum die Beziehung zweier Brüder steht. Auf den ersten Blick kein typischer Nesbø, auf den Zweiten dann aber doch. Liebe, Schuldgefühle, jede Menge Drama und natürlich, wie könnte es anders sein, Mord.

Erzählt wird aus der Perspektive des älteren Bruders Roy, bodenständiger Einzelgänger Typ einsamer Wolf, der den Ort seiner Kindheit nicht verlassen hat. Ganz anders Carl, der Jüngere, der nach vielen Jahren heimkommt, im Schlepptau seine Ehefrau und den Kopf voll Ideen, die den Einwohnern des Dorfes den ersehnten Wohlstand bringen sollen. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, denn Erlebnisse aus der Vergangenheit werfen lange Schatten.

Der Anfang ist verhalten, es dauert etwas, bis die Handlung in die Gänge kommt, aber das ist wichtig, um die Sozialisationsbedingungen, die Entwicklung und das Verhältnis der Brüder zu verstehen. Deshalb auch die verschiedenen Zeitebenen, die durchaus ihre Berechtigung haben, auch wenn Spannung vorerst nicht wirklich aufkommen will. Aber das ändert sich glücklicherweise im Verlauf der Ereignisse und mit zunehmender Seitenzahl.

Auf der sprachlichen Ebene gibt es, wie immer bei Nesbø, keine Kritikpunkte. Für einen Familienroman mit Krimi-Elementen fast schon literarisch, macht es Freude, „Ihr Königreich“ zu lesen und die tragische und zunehmend komplexe Geschichte der beiden Brüder zu verfolgen, bis sie schlussendlich in dem Unausweichlichen endet.

Bewertung vom 01.09.2020
Feuerrache / Widerstandstrilogie Bd.3
Boije af Gennäs, Louise

Feuerrache / Widerstandstrilogie Bd.3


ausgezeichnet

„Feuerrache“ ist nach „Blutblume“ und „Scheintod“ der Abschlussband von Louise Boije af Gennäs‘ Trilogie um Sara, eine junge Frau, die von einer einflussreichen Organisation verfolgt wird, deren Mitglieder offenbar an den Schaltstellen der Macht sitzen. Dreh- und Angelpunkt sind die brisanten Informationen, die ihr Vater ausgegraben und schlussendlich mit dem Leben bezahlt hat und deren Veröffentlichung mit aller Macht verhindert werden soll. Und dabei schrecken die Mächtigen auch nicht vor Mord zurück, um Sara einzuschüchtern. Ihr persönliches Umfeld ist permanent bedroht, Freunde, Familie, alle stehen im Fokus. Und dann ist da noch die geheime Widerstandsgruppe, die ihre eigenen Ziele verfolgt und Sara zum Spielball ihrer Sache machen will. Kann sie ihnen wirklich vertrauen?

Romane, in deren Zentrum Verschwörungstheorien stehen, gibt es zuhauf, aber die Guten kommen im Wesentlichen aus dem skandinavischen Raum. Das mag daran liegen, dass sich diese Nationen gerne als offen, tolerant und sozial präsentieren und ihren Dreck lieber unter besagten Teppich kehren. Louise Boije af Gennäs spielt in ihrer Trilogie mit der Realität, orientiert sich an zeitgenössischen Ereignissen und verknüpft diese mit Fiktion. Oder etwa doch nicht?

Es ist ein spannendes Szenario, das sich in diesem finalen Band rund um die sympathische Hauptfigur entfaltet. Vor allem, weil man davon ausgehen kann, dass die Autorin authentisches Material verwendet hat, um den Sumpf zu beschreiben, in dem auch die schwedische Gesellschaft watet. Aber das wissen wir ja bereits seit Stieg Larssons Milleniums-Trilogie, dem Meilenstein der skandinavischen Spannungsliteratur.

Noch eine kurze Schlussbemerkung: Die drei Bände sollte man unbedingt in Reihe lesen, da immer wieder Bezug auf vorhergehende Ereignisse genommen wird.

Bewertung vom 31.08.2020
Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück
Villard, Sophie

Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück


gut

Guggenheim, Name einer Dynastie, jedem Kunstinteressierten geläufig, sind die von ihnen gegründeten Museen doch rund um den Erdball vertreten. In dem vorliegenden Roman steht Peggy Guggenheim im Zentrum, unkonventionellen Nichte von Solomon Guggenheim, Philantroph, Kunstsammler und Begründer der gleichnamigen Stiftung zur Förderung des Verständnisse für moderne Kunst sowie Namensgeber des weltberühmten Guggenheim-Museums in New York.

Der Roman ist im Wesentlichen auf Peggys Zeit in Europa zwischen 1937 und 1942 fokussiert, in der sie den Grundstock für ihre Sammlung legt. Ganz die verwöhnte Tochter der amerikanischen Upper Class mischt sie sich nicht unter das gewöhnliche Volk, sondern verkehrt in Künstler- und Literatenkreisen. Und das liest sich wie ein Who-is-Who der Berühmtheiten: Joyce, Beckett, Cocteau, Kandinsky, Tanguy, Ernst, um nur einige zu nennen. Sie ist ruhelos, ständig auf der Suche. Und so, wie sie zwischen Paris und London hin und her pendelt, ist es auch mit den Männern. Unzählige, mit denen sie Bett und Tisch teilt, immer auf der Suche nach dem Einen.

Leider sind es diese zahlreichen Beziehungs- und Bettgeschichten, die alles andere überlagern und mir den Zugang zu Peggy Guggenheim als Persönlichkeit, Sammlerin und Mäzenin erschwert haben. Nicht zu vergessen ihr Leben als Jüdin in einem nationalsozialistisch geprägten Europa vor dem Zweiten Weltkrieg und großzügige Unterstützerin des Emergency Rescue Committee, einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge vor dem NS-Regime.

Was bleibt ist das Bild einer naiven Salonlöwin auf der Suche nach privatem Glück, die zwar für die Rettung zahlreicher von den Nazis als entartete Kunst bezeichneten Gemälde verantwortlich ist, für die aber Kunst letztendlich ein Mittel zum Zweck war. Schade.

Ein Hinweis an das Lektorat: „Swinging London“ (auf der zweiten Textseite) ist ein Begriff, der in den Sechzigern geprägt wurde und 1937 mit Sicherheit noch nicht gebräuchlich war.