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Isa.Literature.Love
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Bewertungen

Insgesamt 199 Bewertungen
Bewertung vom 07.04.2024
Unlearn Patriarchy 2
Amojo, Ireti;Borcak, Melina;Boussaoud, Yassamin-Sophia

Unlearn Patriarchy 2


sehr gut

Die neue feministische Anthologie »Unlearn Patriarchy #2« diesmal herausgegeben von Emilia Roig, Alexandra Zykunov und Silvie Horch macht genau da weiter, wo die erste Anhologie »Unlearn Patriarchy« aufgehört hat: Patriarchatskritik at its best und zwar in den verschiedenen Bereichen, aus diversen Perspektiven und mit inspirierenden Möglichkeiten, die patriarchalischen Prägungen unserer Gesellschaft zu reflektieren, neu zu denken und zu verlernen.

»Und vor allem will ich wissen: Wer ist schuld an all dem? Die leichte Antwort wäre: das Patriarchat. Die komplexe Antwort: Puh, wo fängt man da bloß an?« (S. 140)

Alle Essays — mit Ausnahme von »unlearn kirche«, das ich wirklich sehr unsachlich, unkritisch, undifferenziert und subjektiv empfunden habe — finde ich die Beiträge wahnsinnig gut, feministisch, neue Perspektiven aufzeigend und den Finger in unsere blinden Patriarchatswunden legend ☝🏼. Das Literaturverzeichnis und die Anregungen für weiterführende Literatur finde ich großartig.

Besonders herausragend sind für mich die folgenden Essays:
· unlearn architektur - Karin Hartmann
· unlearn sport - Ireti Amojo
· unlearn krieg und genozid - Melina Borčak

So all in all: GROSSE Empfehlung 💜 für diese als auch die erste Ausgabe von »Unlearn Patriarchy« 💜🧡🔥

BTW: Ich bin sehr gespannt auf die nächste Anthologie, die im Ullstein Verlag im August erscheinen wird: »Unlearn CO2« 🔥

Bewertung vom 03.04.2024
Ein schönes Ausländerkind
Toxische Pommes

Ein schönes Ausländerkind


ausgezeichnet

💚 🐍 🍟 H I G H L I G H T 🍟 🐍 💚

»Ich habe meinen Namen in Österreich zum ersten Mal korrekt ausgesprochen, als mir mein Doktortitel verliehen wurde. Ich denke, dass ich mir meine richtige Anrede erst in diesem Moment zugestanden habe. Nun weiß ich nicht, ob es mehr wehtut, aus seinen Wurzeln gerissen zu werden oder niemals Wurzeln geschlagen zu haben.« 🎓🇦🇹 (S. 64)

In ihrem Debütroman »Ein schönes Ausländerkind« schreibt TikTok Kabarettistin, Juristin und Autorin Irina aka Toxische Pommes 🍟🐍💚 über ihre Kindheit, ihre Eltern und Familie, die Flucht vor dem drohenden Krieg in Kroatien und Migration nach Österreich ihrer Eltern mit ihr als Zweijährige. Aufgenommen bei einer Familie als günstige Arbeiter*innen, kann die junge Familie in Wiener Neustadt nach der Flucht aus Kroatien ein neues Leben aufbauen. Wie schwer es ist, als studierte Fachkräfte einen Job zu erhalten und die Anerkennung des Studiums, wird schnell klar und am Beispiel von ihren Eltern auch die finanziellen, menschlichen und familiären Konsequenzen deutlich. Auch wenn ihr Vater so Irinas bester Freund und Spielkamerad werden konnte, sich als Hausmann (wider Willen) kümmerte, und als quasi Profi-Schnäppchenjäger u. a. einen großartigen Barbie-Deal klar machte, zeigt sich gerade im Kontrast der Urlaube in der Heimat deutlich, was die Sprachlosigkeit, die fehlende Arbeitserlaubnis und die Migration bedeuten kann. Wie sehr Bildung im Allgemeinen und im Besonderen vor dem Streben nach der gewünschten Staatsbürgerschaft das Leben der Familie prägen, wird ebenfalls extrem gut dargestellt:

»Frau Professor Pichler war unsere Deutschlehrerin, und aus irgendeinem Grund schien sie mich leiden zu können. Egal, wie sehr ich mich im Unterricht anstrengte, gab sie mir immer nur einen »guten Zweier«. Nun war ein »Gut« natürlich eine gute Note, aber solange es noch eine bessere Note gab, war ein »Gut« eben nicht gut genug. Niemand wurde Staatsbürger, weil er »gut« war. Ich musste »sehr gut« sein. Da mein restliches Zeugnis nur aus Einsern bestand, störte mich ihre Beurteilung zudem aus rein ästhetischen Gründen.« (S. 124) 🚀

Liebevoll, ehrlich, witzig, selbst-ironisch, traurig und charmant analysiert Irina ihre Kindheit, ihre Familie, die Rollen ihrer Eltern, die Auswirkungen von Arbeitsmigration und die Opfer, die Menschen für ein sichereres Leben erbringen und ertragen.

Ich habe gelacht, wütend die Luft angehalten (Ausbeutung at it’s best 😮‍💨 & Migrationsgesetzte at it’s worst 🥵 — Deutschland ist hier kein bisschen besser…), habe mitgefühlt 🥺 und vor allem ein großartiges Debüt 💚 gelesen, das mich sehr gefesselt hat (btw wie toll ist der Schreibstil ?! 🥹) und lange nachhallt. Ganz ganz große Herzensempfehlung.

»Was hat uns Österreich gekostet? Meinen Vater seine Stimme, meine Mutter ihre Lebendigkeit. Und mich? Meinen Vater.« 💔 (S.202)

Bewertung vom 19.03.2024
Issa
Mahn, Mirrianne

Issa


ausgezeichnet

»Aber jetzt war ich auch dankbar, dankbar, dass sie mein Mutter ist. Dankbar ihr und allen Vorfahrinnen gegenüber, dass sie gekämpft haben. Dass sie mir gezeigt haben, dass ich ein Recht auf ein gutes Leben habe.« (S. 295)

»ISSA« von Mirrianne Mahn ist eine Hymne an Mütter, Solidarität, Zusammenhalt und weibliche Stärke. 💙 Für mich ist dieses Debüt ein absolutes Highlight 🩵 Einigen wir uns einfach darauf, dass wir es alle lesen und diskutieren 🫱🏼‍🫲🏾

Dieser Roman zelebriert die gesamte Range der Gefühlslagen und kann das alles gleichzeitig: Zum Lachen bringen, zum Nachdenken anregen, sich auf neue Perspektiven einlassen, wütend machen, mitfühlen lassen, das Herz brechen und wieder zusammenflicken. 💥 Chapeau an Mirrianne für dieses krasse Debüt! 😮‍💨

Es ist unglaublich, was für eine Bandbreite an Themen die Autorin in ihrem wunderbaren, immer wieder bildlichen und sehr schönen Schreib- & Erzählstil in ihrem Roman quasi ganz nebenbei thematisiert, jedoch ohne, dass man das Gefühl hätte, das Thema komme im Roman zu kurz: Mutterschaft, Oma-Mutter-Tochter-Beziehung, Generationskonflikte, Rassismus, Sklaverei, Kolonialismus, Mobbing, Freundschaft, Schwangerschaft, kulturelle Diversität, Mythen & Rituale, Zugehörigkeit, Identität, Kamerun & Deutschland, Familie, Patriarchat, Klassismus, Auswanderung, afrikanische Haarfrisuren und und und.



WHAT’S IT ABOUT? Issa wird ungewollt schwanger 🤰🏾und nach Streit mit ihrer Mutter fliegt sie in ihr Heimatland Kamerun, um dort traditionelle Rituale durchzuführen und ihre Familie wiederzusehen. Dort wird sie herzlich von ihren Omas empfangen und beginnt über ihre beiden Heimaten 🇨🇲&🇩🇪 , Mutterschaft, ihre Zugehörigkeit und Identität nachzudenken.

Parallel zu dieser Rahmenhandlung werden in aufeinanderfolgenden Kapitel die Leben und Perspektiven ihrer Vorfahrinnen (angefangen bei ihrer Ur-Ur-Oma bis zu ihrer Mutter, der Stammbaum am Ende des Buches hilft für den Überblick 🫱🏾‍🫲🏼) erzählt. Mehr und mehr wird das große Ganze deutlich: Mit wie viel Stärke, Solidarität zu anderen Frauen, Unabhängigkeit und Liebe die jeweilige Frau in ihrer eigenen Zeit und mit ihren jeweiligen Mitteln gekämpft hat. #empowerment

»»Ich will nicht, dass du zulässt, dass irgendein Mann jemals wieder etwas von dir nimmt, das du ihm nicht aus freien Stücken gibst.«« (S. 259)

Die wirkliche Magie, über die hier geschrieben wird, liegt im Zusammenhalt, der Liebe und der Solidarität unter Frauen — seit Generationen: »«In unseren eigenen Geschichten sind wir keine Opfer. Issa, du hast lesen und schreiben gelernt, aber das Denken kann dir niemand beibringen, das musst du selbst erlernen. Denn dann kannst du deine Geschichte selbst schreiben. Du musst in die Vergangenheit schauen, um die Gegenwart zu verstehen, damit du deine Zukunft gestalten kannst.»« Marijoh zu Issa (S. 260)

WAS FÜR EIN ROMAN 😮‍💨 Wirklich ein krasses Brett, das Autorin Mirrianne Mahn hier geschrieben hat und deren Buchbaby ich ALLEN empfehle. 🩷 HIGHLIGHT 🩵 Ich freue mich jetzt schon auf alles weitere literarische, das wir hoffentlich von Mirrianne lesen dürfen.

BTW: Wie schön kann ein Cover sein? ISSA: YESSS 💥

Bewertung vom 19.03.2024
Xerox
Veldman, Fien

Xerox


sehr gut

»Das Büro funktioniert auch ohne dich. Das Büro macht weiter, egal welche Marionette auch immer welchen Hebel betätigt. Wenn du nicht mehr da bist, um die Arbeitsplatte abzuwischen, macht das eben jemand anders.« XEROX 🖨️ über das Ökosystem des Büros 💥 (S. 158)

Die namenlose Ich-Erzählerin hat es geschafft: Sie hat studiert, ihr Herkunftsdorf weit hinter sich gelassen und arbeitet in einem fancy Start-up in Amsterdam. Dabei ist ihr Job ist sehr eintönig und langweilig, sie teilt sich ein Büro mit einem Drucker (Marke: XEROX) und in ihrer Einsamkeit beginnt sie XEROX 🖨️ zu ihrem Partner zu machen, indem sie mit ihm Gespräche über ihr Leben, ihre Jugend und ihre Gedanken führt. XEROX hört ihr zu. Er gibt ihr das Gefühl, sie zu verstehen und vor allem einen Grund täglich zur Arbeit zu kommen. Eines Tages wird sie von der Arbeit freigestellt, angeblich, weil sie zu viel telefoniert (wir erinnern: Gespräche mit dem Drucker). Dies stürzt die Protagonistin in eine Leere, die sie zunächst nicht zu füllen weiß (Abschnitte I & II). In Abschnitt III (Intervision) wechselt die Erzählperspektive zu der des Druckers XEROX 🖨️. Er weiß alles, analysiert als Roboter 🤖 die Menschen und stellt sehr kritische und zutreffende Analysen über das menschliche Zusammenleben und die Arbeit im Office an. Und wirft indirekt die Frage auf: Wie bewerten, gehen wir um und interagieren wir mit unserer UmWelt, MitMenschen, Maschinen.

»XEROX« 🖨️ das Debüt von Fien Feldmann, übersetzt aus dem Niederländischen von Christina Brunnenkamp, ist ein sehr vielschichtiger Roman: Eine exzellente Darstellung und Kritik am Ökosystem Arbeit/Office; die Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einer Maschine; ein Thriller am Rand unserer Gesellschaftsklassen (inkl. Klassismuskritik) und ein philosophischer Diskurs. Wunderbar, witzig und sarkastisch wird die Leere unserer ach so fancy modernen Arbeitswelt entlarvt und u. a. gut herausgestellt, dass wir alle letztlich auch nur ersetzbare (Arbeits-)Maschinen sind, die gerne glauben würden, dass sie etwas Besonderes sind und deswegen täglich unseren Job bestmöglich ausfüllen wollen.

Die Erzählweise ist sehr eigen und ich habe etwas gebraucht, um in die Story zu finden. Belohnt wurde ich mit einem vielschichtigen Leseerlebnis und 💥 Zitaten 💥. Ganz nebenbei bemerkt, finde ich den Zynismus und bissigen Ton der Protagonistin einfach herrlich! 🤌🏼

[3.5/5 ☆ ]

Bewertung vom 18.03.2024
Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht
Arnim, Gabriele von

Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht


ausgezeichnet

»Die Welt mit ihren Herausforderungen wahrnehmen und trotzdem gern und engagiert in ihr leben. Das ist die große Kunst. Die Kunst der Zuversicht.« (S. 14)

I have to admit: Ich verehre Gabriele von Arnim. 🥹 Ich finde sie einfach wahnsinnig intelligent, smart, humorvoll, wortgewandt, schlagfertig und ich lese ALLES von ihr. Die beiden letzten Jahre haben Anna und ich Gabriele von Arnim als Moderatorin sowie auf ihrer eigenen Lesung in Hamburg zugehört und wäre ich nicht schon Fan, spätestens dann wäre ich es gewesen. 💘

»Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht « ist das neue Buch der Journalistin & Autorin Gabriele von Arnim (ET 18.03.24) 💘 Es ist ein schmales Buch, das mit wenigen Seiten so viel zu sagen, auszudrücken und zum Denken anregen mag, wie viele andere auf hunderten Seiten nicht vermögen.

»Leben alles auf einmal, leben den Widerspruch und halten ihn kaum aus: Die Welt ist grausam, und das Leben ist schön.« (S. 63)

In diesem Buch geht um Zuversicht. Was Zuversicht in den heutigen Zeiten bedeutet, das Zusammenspiel (oder doch Gegensatz?) mit Hoffnung, um die Etymologie des Wortes und Kritik an dem Umgang mit unserer Welt und und und.

Wir können es kurz machen: Lest dieses wunderbare, zuversichtsschenkende, intelligente und inspirierendes Büchlein. 🩷 Und wenn Ihr danach noch mehr von Gabriele von Arnim lesen möchtet: GOOD NEWS: Es gibt da noch weitere großartige Bücher von ihr. 🤝🏼

»Ich glaube ja tatsächlich daran — findet Ihr das naiv? —, dass es unsere Bestimmung ist, zu versuchen, die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als wir sie vorgefunden haben.« (S. 33) ❤️‍🩹

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P.S.: Falls Ihr es nicht schon bei den ersten Sätzen gedacht habt: GANZ GANZ GROSSE HERZENSEMPFEHLUNG für dieses und alle anderen Bücher von Gabriele von Arnim. 🩷🩵

P.P.S.: Ich hab nachgeschaut, es sind weniger Seiten auf denen ich mir nicht gehighlighted habe, als diesen mit Markierungen.

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Bewertung vom 11.03.2024
wir sind pioniere (eBook, ePUB)
Erdmann, Kaleb

wir sind pioniere (eBook, ePUB)


gut

»why fix it if it isnt broken fragt er
es ist broken sage ich es war von anfang an broken und das war das schöne dran
das klingt grausam sagt keno« Vero & Keno (S. 90) 💔

»wir sind pioniere« ist der Debütroman von Autor Kaleb Erdmann. Es geht darin um die beiden Protagonist*innen Vero und (Quirin) Bruckner, die eine offene Beziehung führen und deren Regeln und Grundsätze durch die Wunsch-Schwangerschaft von Vero neu verhandelt werden müssen. Da es wenig Beispiele in unserer heteronormativen Gesellschaft gibt, sind sie Pioniere in der Ausgestaltung dieser Beziehungsform. Und dies hält natürlich seine Challenges bereit, die sich nicht immer über selbstgekochter Pasta ausschweigen lassen. 🍝

»bruckner sagt dass er die sache mit keno in letzter zeit mehr verdrängt als akzeptiert hat dass es sich für ihn immer stärker nach polyamorie anfühlt was er nie gewollt hat wir seien irgendwie in die polyamorie geschlittert
ich will nicht im dreieck ein kind großziehen sagt bruckner das haut nicht hin
okay sage ich damit kann ich doch schon mal was anfangen das ist besser als nichts das ist besser als klappe halten und nudeln essen« (S. 160)

Der Roman zeichnet sich nicht nur durch die moderne Verhandlung einer offenen Beziehung, sondern auch durch den Stil (keine Groß- & Kleinschreibung und Satzzeichen) und die sich durchziehende Aufeinander-zu-Bewegung der beiden Protagonist*innen räumlich aus. Die Story und auch den ungewohnten Schreibstil fand ich sehr interessant und konnte mich catchen. Dennoch hätte ich mir noch mehr Tiefe gewünscht, mehr Diskussion zwischen den beiden Lovern und damit einhergehend auch gerne noch mehr Storyline.

Insgesamt ein Debüt, durch dessen Seiten ich geflogen bin und erfrischend anders ist. 💙 NICE 🤌🏼

Bewertung vom 11.03.2024
Weiße Wolken
Seck, Yandé

Weiße Wolken


sehr gut

»Es sind die Welten, in denen ich mich bewege, die zu mir gehören. Es sind die Verletzungen und der Schmerz, die wie die kleinen weißen Punkte auf unseren Fingernägeln zu mir gehören.« (S. 267) ☁️

In ihrem Debütroman »WEISSE WOLKEN« ☁️ schreibt die Autorin Yandé Seck über die zwei Schwestern Dieynaba (Dieo, Mitdreißigerin) und die 8-Jahre jüngere Zazie, die in Frankfurt als Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters großgeworden sind und unterschiedliche Weltanschauungen und Wünsche entwickelt haben — trotz ihrer vielen Gemeinsamkeiten und Beziehung zueinander. Während Dieo als Mutter von drei Söhnen in der Ehe mit Simon nicht nur das Familienleben managt, sondern sich zusätzlich zu ihrem Job als Psychotherapeutin weiterbildet; setzt sich Zazie intensiv mit Themen wie White Privilege, struktureller Ungerechtigkeit, Rassismus, Macht & Diskrimmierungen uvm., auseinander — nicht nur im Rahmen ihres Studiums und anschließender Promotion, sondern immer:

»Wenn sie ehrlich war, war er im Rahmen des Möglichen perfekt. Es war eher sie, die nicht so recht wusste, was dieses ganze Lieben sollte. Es gab doch so viel anderes, was sie beschäftigte. So viel, was sie noch sehen und durchdenken und bewegen wollte. Dieser ganze Rückzug ins Private ging ihr auf den Senkel […].« Zazie ☁️ (S. 57)

Der Roman ist sehr vielschichtig, einfühlsam, modern und facettenreich: Durch die verschiedenen Protagonist*innen, deren Denkweisen und Argumente verhandelt der Roman so verschiedenen Perspektiven auf Themen: Identität, Zugehörigkeit, Rassismus, Sexismus, Kapitalismus & Patrichariat, Mutterschaft, Sehnsüchte und die Frage, wie wir unser Leben gestalten wollen.

»Warum war Sysiphos eigentlich ein Mann, wenn doch die Erfahrung der sich ewig wiederholenden Überlastung eine typisch weibliche war?« Dieo (S. 104)

Im Gegensatz zum Klappentext finde ich nicht, dass der Tod des Vaters so im Vordergrund steht. Das gedroppte und nicht weiter ausgeführte Thema rund um das Verhalten der Mutter Ulrike wurde jedoch trotz der Ausmaße gar nicht weiter thematisiert. Bei dieser Fülle an Themen des Romans ist dies verständlich, aber wäre für die Storyline sicherlich auch logisch und passend gewesen. Die Darstellung der Beziehung zwischen den beiden Schwestern fand ich dafür umso stärker und mochte ich sehr. Es ist ein starker Familienroman, der viele aktuelle Themen aufgreift, durch die Sicht der drei Protagonist*innen gut verhandelt und dabei einige sympathische Figuren bereit hält (BTW Otis hat mein Herz geklaut ). Das Ende finde ich im Vergleich sehr kurz gehalten und hätte aus meiner Sicht gerade in Bezug auf Mutterschaft differenzierter geschrieben werden können. Es ging mir dann doch etwas zu schnell und zu glatt mit dem Happy End.


Herzensempfehlung für diesen modernen, vielschichtigen, humorvollen und liebevollen Roman.

BTW: Neben vielen wichtigen Perspektiven zu den oben genannten Themen, ist mein Lieblingslearning aus diesem Buch: Jede*r sollte sich regelmäßig ein Croissant für die Seele gönnen.

Bewertung vom 19.02.2024
Geordnete Verhältnisse
Lux, Lana

Geordnete Verhältnisse


sehr gut

Es klingt so gut: Die seit Kindheitstagen besten Freund*innen Philipp und Faina entschließen sich nach dem Modell Co-Parenting gemeinsam ein Kind großzuziehen, als Faina ungewollt schwanger wird. Was nach einer aktuellen und feministischen Storyline klingt und genügend Stoff für einen Roman bieten würde, wird bei Lana Lux aus einer ganz anderen Richtung brisant. Es sind alles andere als geordnete Verhältnisse, die sich hier auftun und auch das Leben der beiden Protagonist*innen ist weit weniger geordnet, als beide sich wünschen. Dabei wird die Storyline aus der Rückschau von beiden — Philipp und Faina -- erzählt. Angefangen von ihren schwierigen Kindheit und Elternhaus über die Teenager-Zeit bis zum Jetzt als Erwachsene Mittdreißiger, werden in dieser Storyline wichtige, aktuelle wie Themen Philipp’s Asexualität als auch Fainas Bisexualität (was bis zur Hypersexualität ausgedehnt wird) und das Co-Parenting mitgezählt. Leider werden diese queren Themen zum einen sehr extrem dargestellt und zum anderen durch das Setting sehr negativ konnotiert. Da ich nichts vorwegnehmen möchte, stoppe ich an dieser Stelle und kann nur sagen: Es ist ein sehr gut geschriebener, sehr spannender und tiefschichtiger Roman, der eine krasse Sogwirkung entfaltet.

»Es ist verblüffend, wie aus Liebe Hass werden kann, […]. Ich glaube nicht, dass es wahr ist. Ich glaube, dass wir, die davon betroffen sind, bloß von Anfang an Kontrolle mit Liebe verwechselt haben. Ich jedenfalls habe schon von klein auf gelernt, dass Liebe und Schmerz zusammengehören.« Faina, S. 273

Wer Lana Lux Romane kennt, weiß, dass die Autorin mit ihrem fantastischen Schreibstil absolute Pageturner schreibt, die man nicht mehr aus der Hand legen kann. Auch dieser Roman besticht durch die Erzählweise, den Erzählten, den Zynismus und die fein-säuberlich ausgearbeitete Storyline und Protagonistinnen. Ihr neuer, dritter Roman »Geordnete Verhältnisse« ist ein unbequemer und verstörender Roman über fehlgedeutete Liebe, Sexualität, toxische Abhängigkeiten, dysfunktionale Familien, psychische und physische Gewalt, Kindheitstraumata, psychische Erkrankungen.

[CN: Psychische & physische Gewalt, Femizid, psychischer Missbrauch, Drogen, Alkohol]

Bewertung vom 15.02.2024
Die Verletzlichen
Nunez, Sigrid

Die Verletzlichen


sehr gut

»Wie oft muss ich es dir noch sagen? Du weißt, was ich will. Ich habe es dir hundertmal gesagt. Ich liebe dich. Ich liebe dich, aber ich kann so nicht mehr weitermachen. Wann immer wir jetzt miteinander sprechen, streiten wir. Es bringt mich um. Du sagst, ich würde dir nicht zuhören, aber du bist es, die nicht zuhört. Bitte, entscheide dich einfach, verdammt noch mal. Tu, was du willst, aber hör bitte, bitte auf,
mich zu verarschen.

Man muss aus eigener Erfahrung lernen, was eine Figur in einer Erzählung von Edna O'Brien feststellt, nämlich dass Liebe deshalb so schmerzhaft ist, weil zwei Menschen mehr wollen, als zwei Menschen geben können.« (S. 123) ❤️‍🩹

In ihrem neuen Roman »Die Verletzlichen« schreibt die Autorin Sigrid Nunez (übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube) über eine namenlose Ich-Erzählerin, die Autorin ist, und während des 1. Lockdowns der Corona Pandemie auf den Papageien Eureka 🦜 ihrer Freundin Iris aufpasst und sich gemeinsam mit einem jungen Familienfreund dieser — Giersch — das luxuriöse Appartement teilen muss. Der Roman ist eine Mischung zwischen der Schilderung dieser Situation einhergehend mit der Reflexion des Erlebten durch die Protagonistin selbst sowie deren Philosophieren und Sinnieren über das Schreiben und Schriftsteller*innen-Sein. Die eingestreuten Anspielungen und Zitate auf andere Autor*innen und Werke empfand ich als sehr gelungen und bereichernd:

»Jetzt kenne ich die Wahrheit: Wichtig ist, was man während des Lesens erlebt, die Gefühlszustände, die eine Geschichte hervorruft, die Fragen, die einem dazu einfallen, und nicht die fiktionalen Ereignisse, die geschildert werden.« (S.9)

Eine sehr schöne, inspirierende, humorvolle und philosophische Lektüre 🩷 Fans von Büchern über das schriftstellerische Schreiben und Gedanken dazu 📖💭 und alle Sigrid Nunez-Fans — you’ll love this lovely novel. 🦜💚

Bewertung vom 15.02.2024
Mutter ohne Kind
Lindner, Eva

Mutter ohne Kind


ausgezeichnet

»Weltweit kommt es jährlich zu 23 Millionen Fehlgeburten. In jeder Minute, die verstreicht, verlieren 44 Frauen auf dieser Welt ihre Schwangerschaft.« (S. 15)

In ihrem Sachbuch »Mutter ohne Kind — Das Tabu Fehlgeburt und was sich daran ändern muss« schreibt die Autorin Eva Lindner über das Tabu zu Fehl- & Totgeburten. In insgesamt 11 Kapiteln, gerandet von Einleitung und Ausblick schreibt die Autorin über verschiedene Aspekte rund um diese Themen. Jede Kapitelüberschrift enthält einen Frauennamen einer Frau, die ihre persönliche Geschichte dazu geteilt hat und die begleitende Unterüberschrift, die das Thema framt. Über die Problematik von fehlender Gender-Medizin, über mangelnde Forschung, Weiterbildung und Schulungen sowie die Zulassung von Medikamenten und Problematik im Umgang mit den Gesetzen (wie bspw. §218 Abtreibung, aber auch dem Mutterschutz) werden hier zahlreiche Aspekte aufgegriffen, an persönlichen Beispielen verdeutlicht und anschließend wissenschaftlich und sachlich erläutert und mit Statistiken belegt.

Bei diesem Thema zeigt sich wieder einmal, wie sehr das Patrichariat Frauen abwertet und schlechter stellt und wie dringend sich Missstände und Tabus ändern müssen in Bezug auf Fehlgeburten.

Als Mutter, die ebenfalls ein Kind in der Schwangerschaft verloren hat, hat die Autorin eine sehr persönlichen Perspektive zu diesem Thema. Es gelingt Ihr hervorragend, dies in den Kontext einzubetten und ein sowohl sachliches als auch sehr einfühlsames Sachbuch zu schreiben. Ich habe großen Respekt vor dieser Leistung! Das Sachbuch finde ich sehr gut formuliert, belegt und ausgearbeitet. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Autorin am Ende 11 Forderungen passend aus jedem Kapitel eine ableitet und damit ganz konkret aufzeigt, wie sich dies verbessern ließe. Das macht Hoffnung — noch mehr, wenn dieses Buch und die Forderungen ganz viele Menschen lesen würden!

Große Leseempfehlung 🩷