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seschat
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Insgesamt 908 Bewertungen
Bewertung vom 28.08.2018
Ich muss mit auf Klassenfahrt - meine Tochter kann sonst nicht schlafen! / Helikopter-Eltern Bd.2
Greiner, Lena;Padtberg-Kruse, Carola

Ich muss mit auf Klassenfahrt - meine Tochter kann sonst nicht schlafen! / Helikopter-Eltern Bd.2


ausgezeichnet

Lena Greiners und Carola Padtbergs zweite Anekdotensammlung zum Thema "Helikoptereltern" steht der ersten in punkto Unterhaltswert und Fremdschämpotenzial in nichts nach. Wieder einmal greift sich der "normal" aufgewachsene Leser bei den beschriebenen Alltagssituationen von Lehrern, Erziehern, Polizisten, Ärzten usw. vor Unverständnis an den Kopf und er fragt sich: Wie konnten die Erziehungsmethoden nur derart aus dem Ruder laufen? Wer seinem Nachwuchs alles abnimmt und vor jeglicher vermeintlicher Gefahr schützt, der macht ihn damit unselbstständig und nicht kritikfähig. Ich halte diese Tendenz zum Überbehüten der Kinder für höchst bedenklich, kann aber nichtsdestotrotz über die angeführten Erfahrungsberichte herzhaft lachen.

Von der Geburt bis hin zur Ausbildung oder zum Studium regeln diese "Übereltern" alles für ihre Söhne und Töchter und stellen dies auch nie infrage? Echt? Ich bin trotz der humorigen Herangehensweise der Autorinnen doch etwas über die vielfältigen Ausmaße des "Helikoptersyndroms" geschockt.

Ob nun die Jungmutter die Kitamitarbeiterin bittet, die Tochter nur auf eine angewärmte Toilette zu setzen, oder Eltern von der Klassenlehrerin über jede Ausfallstunde ihres Kindes informiert werden wollen, am liebsten per WhatsApp, dann hört doch der Spaß auf oder? Ganz zu schweigen von den zunehmenden "Elterntaxis" vor den Schulen und den unnötigen Gängen zur Notfallambulanz bei kleineren Verletzungen. Wenn dann auch noch den Lehrern, Professoren etc. Geld geboten wird, damit das eigene Kind bessere Noten bekommt und damit einen besseren Abschluss macht, dann läuft doch etwas verkehrt. Und diese geschilderten Fälle sind nur ein Bruchteil der Anekdotensammlung. Kurzum, als Leser weiß man oft nicht, ob man ob des geschilderten Sachverhalts lachen oder weinen soll.

Hier ein Beispiel zum Thema skurrile Entschuldigungen:
"Mein Kind konnte die Deutsch-Hausaufgabe nicht machen, da wir den ganzen Nachmittag im Freibad waren." (S. 64)

FAZIT
Eine zugleich lustige wie schockierende Lektüre, die in Sachen überambitionierte Erziehungsmethoden nachdenklich stimmen sollte. Auch in Zeiten des "Helikopterwahnsinns" gilt weniger ist oft mehr.

Bewertung vom 27.08.2018
Die Dame in Gold / Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe Bd.7
Trierweiler, Valérie

Die Dame in Gold / Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe Bd.7


ausgezeichnet

INHALT
Adele ist gerade einmal 18, als sie den 17 Jahre älteren Zuckerfabrikanten Ferdinand Bloch heiratet. Ihr Wohnsitz in der Wiener Innenstadt wird bald zum Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde-Szene. Dort sieht man häufig auch den Maler Gustav Klimt ein und ausgehen. Letzterer soll nämlich Ferdinands geliebte Gattin porträtieren. Doch Adele ist nicht wohl dabei, weil die Gerüchte um Klimts ausschweifendes Privatleben nicht abreißen wollen. Nichtsdestotrotz wagt sie sich in sein Atelier vor und entdeckt dort etwas, was sie vorher nicht für möglich gehalten hätte...

MEINUNG
Valérie Trierweilers Roman erzählt die Lebensgeschichte von Adele Bloch-Bauer (1881-1925) in emotionalen Worten nach. Hierfür hat sie allerhand Originalquellen wie Fachbücher zu Rate gezogen und Fehlstellen fiktional aufpoliert. Herausgekommen ist dabei ein interessantes Porträt einer Dame, die viele bisher nur durch Klimts Meisterwerk "Goldene Adele" kannten. Trierweilers Blick hinter die prachtvolle Fassade offenbart eine brüchige Seele. Denn weder der materielle Besitz noch der ihr hündisch ergebene Ehemann konnten sie glücklich machen. Vielmehr wollte sie ausbrechen, gebildeter sein und eine freies Leben führen. Doch das großbürgerliche Wiener Korsett ließ solche Extravaganzen und feministischen Bestrebungen nicht zu. Hinzu kamen Adeles Fehlgeburten, die sie beinahe in eine Depression stürzten. Zu diesem Zeitpunkt größter seelischer Ausweglosigkeit trat der berühmt berüchtigte Wiener Künstler Gustav Klimt (1862-1918) in ihr Leben. Er scherte sich wenig um Konventionen und hatte Verständnis für ihre Freiheitsliebe. Mit ihm konnte sie nicht nur herrlich über Kunst und Kultur diskutieren. Fortan wurde sie zu seiner Muse und Geliebten. Die künstlerischen Ergebnisse dieser Amour fou lassen sich heute in der Neuen Galerie in New York bestaunen. Doch die Weltkriege und die brodelnde Gerüchteküche ließen beide einander entzweien.

Das Besondere an Trierweilers Roman ist der leidenschaftliche, gefühlsbetonte Erzählstil, der auf eindrückliche Weise Adeles wechselhafte Seelenzustände nachzeichnet. Darüber hinaus wird ausführlich auf Gustav Klimts Malstil wie Obsession eingegangen. Der Vorzeigekünstler der Wiener Secession besaß eine elektrisierende Aura, die vor allem seine Modelle beeindruckte.

FAZIT
Ein spannendes Frauenporträt mit viel Melodramatik, das auf einer wahren Geschichte basiert.

Bewertung vom 26.08.2018
Die Kreuzfahrer
Kaminer, Wladimir

Die Kreuzfahrer


ausgezeichnet

Wladimir Kaminer gehört seit einigen Jahren zu meinen Lieblingsautoren. Seine feinsinnige Beobachtungsgabe und seine Ironie sind unübertroffen.

Für sein aktuelles Buch ging der Autor unter die Kreuzfahrer. Gemeinsam mit seiner Frau Olga bereiste er die Ostsee, den Atlantik, das Mittelmeer und die Karibik. Für das Ehepaar war es immer wieder ein Abenteuer, die großen Meereskreuzer (Queen of the Seas bzw. AIDA) zu besteigen, weil dort nicht nur Tausende von Passagieren Platz fanden, sondern auch unterschiedlichste Unterhaltungsmöglichkeiten geboten wurden. Kurzum, der Mikrokosmos "Kreuzfahrtschiff" hielt für den Autoren eine Menge Material bzw. Stoff für das vorliegende Buch bereit. Noch dazu musste er für diese Recherchereisen nicht einmal tief in die eigene Tasche greifen, denn meistens durfte er für zwei bis drei Schiffslesungen kostenlos an der Reise teilnehmen - wirklich eine Win-Win-Situation.

Ich habe die launigen 224 Buchseiten mit viel Freude gelesen. Kaminers Beschreibungen von Touristen und Landesnatur waren treffend, wenngleich immer ein wenig überspitzt. Doch das gehört bei ihm einfach dazu. Gern nimmt er auch sich und die Eigenheiten seiner Frau aufs Korn. Dass er dabei stets die Grenzen des guten Geschmacks wahrt, spricht auch für ihn. Mit seiner Meinung über aktuelle politische Entwicklungen hält er ebenso nicht hinter dem Berg, sondern äußert Kritik gern etwas versteckt bzw. metaphorisch verspielt. Ich fand in diesem Zusammenhang vor allem die Gegenüberstellung von Touristen und Flüchtlingen interessant. Denn beide Gruppen flüchten vor etwas. Zudem war es spannend, mit Kaminer hinter die ach so tollen Kulissen der Ozeanriesen und ihrer Urlauber schauen zu dürfen. Geht es doch häufig, so Kaminer, nur ums Essen und um Bespaßung und weniger ums Kennenlernen neuer Kulturen und Nationen. Der Autor hält uns auch hier den Spiegel vor, das aber auf eine charmant freundschaftliche Weise.
Und noch etwas stellte sich bei der Lektüre heraus, der Autor ist auch nur ein "normaler" Reisender, der stets auf der Suche nach einer Bar und guten Gesprächen ist und zu Bettlern nur schwer nein sagen kann. Abgesehen vom Inhalt konnte das "Kreuzfahrerbuch" auch mit seiner großen Schrift und dem bunten maritimen Cover punkten.

Hier noch zwei Lieblingszitate:
"Auch die Engländer wurden schnell rot, doch bei ihnen stach es nicht so ins Auge, weil sie in der Regel viele Tattoos hatten. [...] Andere hatten lange Texte auf dem Rücken, damit ihre Frauen und Kinder unterwegs immer etwas zu lesen hatten." (S. 9)

"Von unseren früheren Reisen wussten wir, dass ein Schlagerprogramm für eine Kreuzfahrt so unverzichtbar war wie die Kotztüte für ein Flugzeug. Beides wird nicht von jedem gebraucht, darf aber trotzdem nicht fehlen." (S. 113)

FAZIT
Kaminers Kreuzfahrtbeobachtungen sind eine lohnenswerte Lektüre, nicht nur für eingeschworene Fans. Lachmuskeltraining inklusive.

1 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 21.08.2018
Mord im Balkanexpress
Wittekindt, Matthias;Wittkamp, Rainer

Mord im Balkanexpress


ausgezeichnet

INHALT
Wien um 1895. Der Kaiser von Österreich-Ungarn Franz Joseph I. ist in Gefahr. Denn eine Gruppe serbischer Anarchisten und der Chef des serbischen Geheimdienstes wollen ihn stürzen.

Das erste Bombenattentat im Wiener Burgtheater schlägt fehl und das zweite steht kurz bevor.

Kann das prominente Ermittlerduo - bestehend aus der angesehenen Schauspielerin Christine Mayberger und dem adligen Agenten Albrecht Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt - das Schlimmste verhindern?

MEINUNG
Der Kriminalroman "Mord im Balkanexpress" ist nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ein Volltreffer. Das dramatisch wie edel inszenierte Cover zieht auf den ersten Blick alle Aufmerksamkeit auf sich, wobei mir vor allem der in Gold gehaltene Titel imponiert hat.

Die Handlung wurde von dem Autorenduo Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp nach allen Regeln der Krimikunst gestaltet. D. h., sie haben all ihr Können in diesen historischen Kriminalroman gelegt. So verwundert es keineswegs, dass der Spannungsbogen konstant hoch gehalten wurde. Dies lag zum einen an den häufigen Szenen- wie Personenwechseln, zum anderen am exquisiten, der damaligen Zeit entsprechenden Sprachstil. Ganz zu schweigen von den bildreichen, teils recht pompösen Beschreibungen Wiens und Belgrads um die Jahrhundertwende. Da möchte man als Leser sofort in eine Zeitmaschine steigen, um am Geschehen teilhaben zu können. Abgesehen davon, haben beide Autoren die zerfahrene sowie explosive außenpolitische Lage zwischen den damaligen Großmächten wunderbar treffend nachgezeichnet. Hier kam es wirklich zum "Tanz auf dem Vulkan".

Die Wahl der Protagonisten traf ebenso meinen Lesegeschmack. Denn Freund und Feind wurden realistisch in Szene gesetzt. Mich konnte vor allem das wagemutige Ermittlerpaar Mayberger-Schwarzburg-Rudolstadt begeistern. Ob der adlige Albrecht mit seinem Hang zum Mondänen oder die nassforsche Christine mit ihren gelegentlichen Divenallüren, beide fand ich sympathisch. Zudem gab es einige windige Charaktere, vor allem unter den Geheimagenten, die den Plot undurchsichtig machten; sprich, den Leser bei der Enttarnung der Staatsfeinde verwirrten und ihn auf falsche Fährten lockten. Hier zeigt sich das kriminalistische Talent der Autoren.

FAZIT
Ein temporeicher Kriminalroman, der mich begeistert hat und den ich einfach nicht mehr weglegen konnte.

Bewertung vom 19.08.2018
Hildegard von Bingen
Kaiser, Maria Regina

Hildegard von Bingen


ausgezeichnet

Ich kannte die Nonne und Heilkundlerin Hildegard von Bingen (1098-1179) bisher nur sporadisch. Dies sollte sich mit der vorliegenden Romanbiografie der Historikerin und Autorin Maria Regina Kaiser allerdings ändern. Denn auf insgesamt 256 Buchseiten liefert die versierte Schriftstellerin einen umfassenden wie spannenden Einblick in Hildegards Vita. Dabei hat mich vor allem Hildegards Macht innerhalb der damals Männer dominierten Kirchenwelt überrascht. Energisch, intelligent und mit viel Gottvertrauen hat die einstige Adelstochter stets ihre Interessen und die ihrer Mitschwestern durchsetzen können. Davon hielt sie auch ihre schwache Gesundheit, man mutmaßt, dass sie an MS litt, und die damit verbundenen häufigen Ruhephasen nicht ab. Schon früh erkannte sie ihr Schicksal und sprach mit Gott. Ihre sog. Schauungen, gemeint sind Prophezeiungen, machten sie legendär und einzigartig. Sie war dadurch anders als ihre Mitmenschen und konnte Entwicklungen und Menschenschicksale genau voraussehen. Zudem schätze sie den freundschaftlichen und weniger strengen Klosteralltag und fand damit viele neue Novizinnen. Obschon die sog. Benediktsregel auch für sie und die ihr unterstehenden Nonnen galt, so verabscheute sie Selbstkasteiung und -geißelung im Namen Gottes. Als Äbtissin in Disiboden oder Klostergründerin auf dem Rupertsberg in Bingen, stets wusste sie Unterstützer um sich und konnte sogar international als Kirchengelehrte mit Werken, wie z. B. Scivias, überzeugen. Kurzum, sie stand ihren männlichen Kollegen in nichts nach.

An Kaisers Buch hat mir nicht nur die liebevolle Illustration (s. Cover und Innenseiten), sondern auch die inhaltliche Umsetzung gefallen. Abwechslungsreich, chronologisch und quellenbasiert erzählt die Autorin Hildegards Werdegang nach. Dass sie dabei noch die Sprache der damaligen Zeit in Form von Originalzitaten bzw. Ausdrücken nutzt, war mein persönliches Highlight. Auf diese Weise kann sich der geneigte Leser nämlich bestens in diese historisch umtriebige Epoche (u. a. mit Investiturstreit, Friedrich Barbarossa usw.) einfühlen. Zudem ist die Lebenswelt der Nonnen und Mönche schon eine andere. Mit großer Kennerschaft führt Kaiser den Leser durch Klosterhallen wie -gärten. Beeindruckend waren die Ausführungen über die hauseigenen Skriptorien. Hier hatte das geschriebene Wort noch einen Wert...

FAZIT
Eine in sich stimmige Romanbiografie, die vor allem den Menschen sowie die Theologin im Blick hat und weniger auf ihr heilkundliches Vermächtnis abfährt.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.08.2018
Die Kunst des lässigen Anstands
Schönburg, Alexander von

Die Kunst des lässigen Anstands


gut

Für den Autor Alexander von Schönburg (*1969) ist Anstand zeit seiner Geburt ein erhaltenswertes Gut. Um mit anderen und sich selbst ins Reine zu kommen, gelte es 27 Tugenden einzuhalten, die alles andere als angestaubt seien.

Auf insgesamt 368 Buchseiten erklärt der Autor seinen Mitmenschen den korrekten Umgang miteinander, ohne dabei den altväterlichen Zeigefinger zu erheben. Schönburg geht es dabei vor allem um "ritterliche" Tugenden, wie beispielsweise Treue, Mut, Humor, Bescheidenheit, Selbstbewusstsein, Toleranz, Klugheit oder Gerechtigkeit. In Zeiten von Cybermobbing und fortschreitendem Egoismus habe es die Gesellschaft verlernt, sich auf ein friedliches und vorurteilsloses Zusammenleben zu besinnen. Auch die ständige Verfügbarkeit von Dingen stumpfe uns ab, so dass einmalige Erlebnisse nicht mehr als solche wahrgenommen und beliebig werden.

Ich empfand Schönburgs Anstandsleitfaden als stimmig und zeitgemäß, denn das soziale Miteinander ist unbestritten in Gefahr. Über seine Umsetzung lässt sich allerdings streiten. So gern ich seine persönlichen wie stark philosophisch geprägten bis literaturwissenschaftlichen Ausführungen gelesen habe, so fragwürdig ist doch seine Zielgruppe. Letztere sollte nämlich entsprechend vorgebildet sein, um allen Gedankengängen wie Anmerkungen Schönburgs folgen zu können. Denn Detailreichtum geht, wie auch in diesem Fall, oft mit Weitschweifigkeit einher. Kurzum, trotz des spannenden Sujets musste ich ein ums andere Mal weiterblättern bzw. das Buch für einen Moment beiseitelegen. Zudem blitzte die angekündigte Lässigkeit (vgl. Titel) m. E. zu wenig auf. Alltagstipps wurden auf ein Mindestmaß beschränkt.

FAZIT
Ein interessantes Sachbuch, dessen Lektüre allerdings eine gute Allgemeinbildung voraussetzt und das sich damit an ein ausgewähltes, meist schon anstandsaffines Publikum richtet. Axel Hackes „Anstandsfibel“ konnte mich mehr von sich überzeugen.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.08.2018
Ein Keim kommt selten allein
Egert, Markus;Thadeusz, Frank

Ein Keim kommt selten allein


ausgezeichnet

Der Buchtitel von Professor Dr. Markus Egerts Debüt hat mich magisch angezogen, erinnert er doch an ein bekanntes Sprichwort. Gepaart mit der delikaten Thematik und dem verspielt-sympathischen Cover, konnte ich mir dieses 256-seitige Machwerk einfach nicht entgehen lassen.

Mit "Ein Keim kommt selten allein" haben mich Markus Egert und sein Co-Autor, SPIEGEL-Redakteur Frank Thadeusz, restlos begeistern können. Denn spielerisch leicht vermitteln sie darin dem Leser mikrobiologisches Fachwissen. Beschränkten sich meine Kenntnisse über Bakterien, Viren und Pilze im Vorhinein noch auf Einzelheiten, so verfüge ich nun, dank der Lektüre, über einen groben Überblick. Mich hat vor allem die kurzweilige wie humorige Herangehensweise an die vielschichtige Mikroben-Thematik beeindruckt. Es ist schon erstaunlich, welches Potenzial in diesen nur mikroskopisch sichtbaren Einzellern lauert, die lange vor dem Menschen auf der Erde existierten (vor ca. 4,3 Milliarden Jahren). Markus Egert kennt sich als Professor der Mikrobiologie und führender Forscher der Haushaltshygiene bestens mit diesen Kleinstlebewesen aus, die für den Menschen Fluch und Segen zugleich sein können. Einerseits erhalten sie unsere Darmflora gesund und machen die Herstellung von Genussmitteln, wie Bier und Wein, erst möglich. Andererseits können sie unser Immunsystem ordentlich durcheinanderbringen, indem sie als Überträger von Infektionskrankheiten (z. B. Hepatitis, Pest, HIV, Cholera uvm.) agieren und unsere Wohn- und Lebensbereiche (z. B. Küche, öffentliche Verkehrsmittel etc.) kontaminieren. Natürlich konnte es sich Egert dabei nicht verkneifen, eine Top Ten der widerlichsten Keime mit einzubinden. Letztere las sich wie die gesamte Darstellung recht flüssig und fesselte den Leser. Das lag vor allem an Egerts prägnantem sowie offenem Erzählstil fernab der staubtrockenen Gelehrtensprache. Am unterhaltsamsten wurde es, wenn er auf eigene Erfahrungen bzw. Schwächen zu sprechen kam.

Darüber hinaus verfügt das Buch über allerhand nützliches Alltagswissen. So wird z. B. eingehend auf das Thema Händehygiene, Keime auf Smartphones, in der Spüle, im Krankenhaus oder auf unseren Haustieren eingegangen. Wie wir gegen diese Plagegeister effizient vorgehen und uns auch auf Fernreisen nicht mit Krankheiten infizieren, beschreibt Egert anschaulich und damit leicht nachahmenswert. Als ehemaliger Mitarbeiter der Deo- und Körpergeruchsforschung bei Henkel kennt er sich zudem sehr gut mit der Wirkung von Antitranspirantien, Waschmittel & Co. aus. Kurzum, dieses Buch ist nicht nur für Hausfrauen und -männer eine lohnenswerte Lektüre, sondern enthält auch für Otto Normalverbraucher allerhand nützliche Hygiene- wie Gesundheits-Tipps .

FAZIT
Meine Sachbuchentdeckung des Sommers. Hier wird lehrreiches Fachwissen leicht bekömmlich und spannend dargeboten - einfach eine perfekte Melange. Und eines steht nun auch fest, komplette Keimfreiheit ist e

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.08.2018
Die Perücke
Amara, Luigi

Die Perücke


ausgezeichnet

Bis heute sprechen Prominente bzw. Menschen des öffentlichen Lebens nur ungern darüber, dass sie eine Perücke tragen. Denn sie empfinden es vornehmlich als Makel, keine natürliche Haarpracht zu haben. Man denke nur an die endlose Diskussion über Donald Trumps echten bis unechten Kopfputz.

Von Tabuisierung bzw. Zurückweisung des künstlichen Haarersatzes konnte in den Frühen Hochkulturen noch keine Rede sein. Denn im Alten Ägypten trugen Pharaonen, Beamte, Priester und Künstler wie selbstverständlich eine Perücke aus echtem Haar oder Pflanzenfasern. Die hohen Temperaturen und das damalige Schönheitsideal machten es möglich.

Im antiken Rom entwickelte sich die Perücke mehr und mehr zum Machtsymbol und Trendsetter. Die wechselnden wie opulenten Frisuren der Kaisergattinnen wurden vom gemeinen Volk imitiert und wirkten sich sogar auf Bildhauerei aus. Und fortan verfügten die Marmorplastiken der kaiserlichen Ehefrauen über abnehmbare Perücken/Haarteile.

Neben der Macht- und Aristokratiesymbolik, die vor allem im Ancien Régime auf die Spitze getrieben wurde, diente die Perücke zeit ihrer Erfindung auch als probates Mittel der Verkleidung und Verstellung. Casanova schlüpfte beispielsweise mithilfe dieser "haarigen Maske" in verschiedene Rollen, u. a. Arzt, Geiger oder Anwalt, und verführte damit die Damenwelt. Selbst Tennislegende Andre Agassi (s. Cover) trug eine Langhaarperücke, um sein rebellisches, punkiges Image zu unterstreichen und von seinem kahlen Schädel abzulenken. Doch vor allem Verbrecher nutzen die künstliche Tarnkappe bis heute.

Die Vielschichtigkeit und das Nischendasein des Perückenthemas waren dem mexikanischen Essayisten und Verleger Luigi Amara Grund genug, sich einmal eingehend mit der Materie zu befassen. Herausgekommen ist dabei eine interessante und lyrisch verschnörkelte Abhandlung anachronistischen Charakters. Doch wer die feinsinnigen Bandwurmsätze des Autors aufmerksam studiert, der wird mit einer abwechslungsreichen sowie bereichernden Kulturgeschichte belohnt werden. Kapitelweise begibt sich Amara dabei auf einen geschichtlichen Streifzug, der mit allerhand Überraschungen und Skurrilitäten aufwartet. Historiker und Laien werden gleichermaßen begeistert sein. Meine Highlights waren die ausführlichen Einblicke in die Antike sowie ins Zeitalter der frühen Neuzeit. Vor allem die pompösen Prunkfrisuren der Damen am französischen Königshof, wie von Marie-Antoniette oder Madame Pompadour, erstaunten mich. Denn die damaligen 1,50 m hohen Haartürme waren alles außer gewöhnlich. Darüber hinaus symbolisiert das menschliche Kopfhaar seit Anbeginn der Zeit nun einmal Gesundheit, Schönheit und Fruchtbarkeit. Etliche Mythen wie Geschichten legen davon Zeugnis ab. Man denke nur an das Haar der Berenike oder den Germanenhaarhype im Alten Rom. Auch hierauf geht Amara pointiert ein. Seine lebendigen Fußnoten am Seitenende enthielten ebenfalls interessante Fakten und Anekdoten.

FAZIT
Egal ob Statussymbol oder Luxusartikel, die Perücke hat die Geschichte eisern überdauert und ist alles andere als ein bloßer Alltagsgegenstand. Mit ihr werden Trends gesetzt, Images gepflegt oder neue Identitäten gestiftet. Daher sollte sich m. E. auch mehr mit der Perückenkunst und dem Thema Haar auseinandergesetzt werden. Luigi Amaras Buch ist hierfür ein ungemein lesenswerter Einstieg.

Bewertung vom 02.08.2018
In Schönheit sterben / Robert Lichtenwald Bd.2
Ulrich, Stefan

In Schönheit sterben / Robert Lichtenwald Bd.2


ausgezeichnet

INHALT
Dieses Mal geht es für das ungewöhnliche Ermittlerduo nach Rom, wo kürzlich der mondäne Lebemann und Kunstsammler Annibale Colasanti wegen einer antiken Statue brutal ermordet wurde. Die Tätersuche ist kompliziert und der Kreis der Verdächtigen groß. Eine futuristische Schönheitspartei, eine Grabräuberbande und eine alte Liebschaft stehen gleichzeitig im Fokus der Ermittlungen.

MEINUNG
Stefan Ulrichs zweiter Italienkrimi für den Rechtsanwalt Robert Lichtenwald und die Lokaljournalistin Giada Bianchi bot wieder einmal gute Unterhaltung.

Der Endvierziger Robert Lichtenwald ist ein sympathisch authentischer Protagonist. Dem ehemaligen Münchner Rechtsanwalt, der sich in der Toskana ein Haus gekauft hat und mitten in der Midlife-Crisis steckt, wird des dolce farniente mit der Zeit überdrüssig. Da kommt das Angebot von Freundin Giada, sie bei Recherchearbeiten rund um den Mordfall Annibale Colasanti zu unterstützen, gerade recht. Giada besitzt im Gegensatz zu Robert einen temperamentvollen Charakter und kann ihre Emotionen nur schwer unterdrücken. Hat sie sich einmal an einem Fall festgebissen, lässt sie diesen so schnell nicht wieder los. Gut, dass Robert an ihrer Seite ist, der stets einen kühlen Kopf bewahrt und dem Charme der quirligen Powerfrau in den Dreißigern nicht widerstehen kann. Kurzum, neben Crime enthält der Plot auch Szenen fürs Herz.

Abgesehen von den überzeugenden Hauptcharakteren ist es der Kriminalfall gewesen, der mich ab der ersten Seite mitgerissen hat. Er ist komplex gestaltet und Informationen werden nur häppchenweise an den Leser weitergereicht, was den Spannungsbogen konstant hoch hält. Gemäß dem Titel wird das Thema Schönheit und vor allem deren Abgründe, wie Schönheitswahn und –kult, beleuchtet. Es ist schon erstaunlich, dass im Namen der Schönheit Morde begangen werden. Hierbei haben mich Ulrichs wohl recherchierte Exkurse zur antiken Plastik sowie seine eingestreuten Philosophenzitate begeistern können. Auch die Einblicke in die toskanische Grabräuberszene fand ich spannend und interessant zugleich.

Auf der Sprachebene lieferte der Autor ebenso eine reife Leistung ab. Kurzweilig, humorig und sprachlich gewandt (lateinische und italienische Einflüsse) erzählte er seine Geschichte. Die häufigen Szenenwechsel und der bewundernde Blick auf Italiens Schönheiten (Essen, antike Kultur etc.) fesselten mich.

FAZIT
Ein spannend inszenierter Kriminalfall für Italienfans.

Bewertung vom 02.08.2018
Couragiert gegen den Strom
Wagenknecht, Sahra

Couragiert gegen den Strom


ausgezeichnet

Sahra Wagenknecht ist das Gesicht der LINKEN. Sie spricht Wahrheiten aus, die andere Bundespolitiker lieber verschweigen und scheut keinen Diskurs. Kurzum, sie polarisiert, eckt an. Für mich gehört sie zum kleinen Kreis der glaubhaften Politiker innerhalb Deutschlands. Durch ihre Herkunft kennt sie sich zudem bestens mit den Nöten, Ängsten und Wünschen der "Ostdeutschen" aus.

"Couragiert gegen den Strom" ist ein aufrüttelndes 224-seitiges Interview, das der Journalist Florian Rötzer 2017 mit Wagenknecht geführt hat. Darin geht es nicht nur um politische Überzeugungen und heiß diskutierte Themen (z. B. Flüchtlingskrise, soziale Frage, Bildung oder Lobbyismus), sondern auch um die Person Wagenknecht. So erfährt u. a., dass sie, die Vielbeschäftigte, liebend gern liest, Philosophie studiert hat und in der DDR als asozial galt.

An diesem durchweg spannendem Gespräch hat mir vor allem Wagenknechts glasklare wie geradlinige Argumentation imponiert. Ohne zu beschönigen, legt sie den Finger in bundespolitische Wunden und spart an keiner Stelle mit Kritik. Sie spricht die Themen des kleinen Mannes an und appelliert daran, diesen trotz Handelskrieg, Asylstreit und Pflegenotstand nicht aus den Augen zu verlieren. Auch die momentane Politikverdrossenheit der Bundesbürger thematisiert sie und zeigt auf, dass sich die Profile der einzelnen Parteien immer weniger voneinander unterscheiden.

FAZIT
Scharfsinnige Einschätzung des momentanen politischen Status quo. M. E. braucht es mehr Politiker von Sahra Wagenknechts Format.