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yellowdog

Bewertungen

Insgesamt 2029 Bewertungen
Bewertung vom 10.03.2022
Casa Conti
Valangin, Aline

Casa Conti


sehr gut

Tessiner Familiengeschichte

Alina Valangins Roman Casa Conti ist zwar überwiegend verhalten geschrieben, aber es gibt durchaus eine Dramatik, die sich zwischen den Figuren entfaltet.Streckenweise ging die Handlung an mir vorbei, aber es gab auch wirklich zwingende Passagen.

Casa Conti stammt schon aus dem Jahr 1944, aber altmodisch wirkt der Roman eigentlich nicht. Das ergibt sich aus der Lebendigkeit der Figuren.
Gut, dass der Züricher Verlag Limmat dieses Stück Schweizer Literatur herausgegeben hat.

Bewertung vom 10.03.2022
Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
Önder, Yade Yasemin

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron


sehr gut

Debütroman

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron. Was für ein geheimnisvoller Titel, vielleicht aber auch etwas übertrieben.

Der Text ist dann durch die Wahrnehmung der Hauptfigur geprägt. Es wird auf überaus sensible Art erzählt, was ich sehr schätze.

Der Tod des türkischstämmingen Vaters lässt die deutsche Mutter und Tochter verloren zurück. Dass der Vater stark übergewichtig war, ist auch für die Tochter ein Problem, das offenbar in Essstörungen mündet. Das Thema Essen durchzieht den Roman.

Yade Yasemin Önder geht in ihrem Debütroman sprachlich in die vollen und wagt etwas. Auch wenn mich nicht jede Formulierung wirklich erreicht, bleiben Momente. Die Autorin ist schon eine Entdeckung.

Bewertung vom 10.03.2022
Thomas Melle über Beastie Boys, die beste Band der Welt, über frühe Konzerte und späte Versäumnisse
Melle, Thomas

Thomas Melle über Beastie Boys, die beste Band der Welt, über frühe Konzerte und späte Versäumnisse


gut

Ich liebe die Bücher KiWi-Musikbibliothek, eigentlich fast alle. Melles Buch ist auch gut, aber teilweise hatte ich Probleme und die waren überwiegend sprachliche. Thomas Melle war noch jung, als er von den Beastie Boys Fan wurde und er verfällt jetzt in eine Jugendsprache, die sich nicht gut liest.
Es wird zu vordergründig auf Coolness gesetzt, aber die andauernde Suche nach seinem Beastie Boys-T-Shirt halte ich doch für einen lahmen Witz.
Auch interessiert mich wenig, was Melle im Internat empfunden hat.

Einige oder sogar viele Verweise von ihm hingegen finde ich nicht schlecht, wenn sie auf wichtige Musik, Filme und Literatur einige Strömungen der neunziger Jahre hinweisen.

Das Buch ist kurz und man erfährt nicht gerade viel über die Band. Schade, dabei hätte man mehr darüber sagen können, wie sie funktionierten.
Auch werden verblüffend viele Songs komplett ausgeblendet.
Immerhin wird ihr absurder Witz betont, zum Beispiel ihre Lust an Verkleidungen (in vielen Musikvideos.

Das Buch hat keine 100 Seiten und dann werden gegen Ende Seitenlang Listen aufgeführt, die den schmalen Umfang weiter reduzieren.

Bewertung vom 10.03.2022
In all deinen Farben
Babalola, Bolu

In all deinen Farben


sehr gut

Geschichten von einer Frau für Frauen

In all deinen Farben von Bolu Babalola ist eine außerordentliche Kurzgeschichtensammlung. Das Buch enthält überwiegend romantische Geschichten, die sich an diverse Mythen anlehnen.
Ein paar von ihnen möchte ich kurz erwähnen.
Die erste Geschichte hat mich nicht so richtig umgehauen, aber danach wird es deutlich besser.

Ich mag aber die zweite Geschichte Shehezerade wegen der leidenschaftlichen Erzählstimme, die von einer intensiven Beziehung berichtet.

In Psche sind wir in einem Büro eines Modemagazins, dass einen modernen Olymp widerspiegelt mit Eros, Venus , Hera usw. Sprachlich an Chicklit angelehnt, aber sehr amüsant.

Yaa ist die Geschichte einer Frau zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern und der Frage, wer sie sein will.

ZU den guten Storys gehört „Naleli“ über eine Schülerin, die allmählich Selbstbewusstsein gewinnt.

Im Nachwort geht die Autorin auf die mythologischen Ursprünge ihrer Geschichten ein.

Fazit: Es sind Geschichten von einer Frau für Frauen. Und über Frauen, die jeweils an einem Punkt im Leben angekommen sind, an dem sie sich entscheiden müssen.

Bewertung vom 09.03.2022
Römer müssen draußen bleiben / Idefix und die Unbeugsamen Bd.1
Uderzo, Albert;Goscinny, René;Choquet, Matthieu

Römer müssen draußen bleiben / Idefix und die Unbeugsamen Bd.1


sehr gut

Over the Top

Idefix und die Unbeugsamen: Römer müssen draußen bleiben ist ein Ableger der Asterix-reihe, natürlich ohne die Genies Uderzo und Goscinny, die für immer unerreicht bleiben.

Wie viele meiner GenerationÜ50 bin ich Asterix-Fan und lese die Bände auch heute noch voller Nostalgie.
Idefiix war eigentlich immer ein besonders starker Charakter. Freut mich, dass er in diesem Band im Mittelpunkt steht.
Ähnlich wie bei Asterix gilt bei ihm Klein aber oho.
Im Vergleich zu den Asterixbänden geht es streckenweise etwas weniger dialogbetont zu.
Zeichnerisch ist der Band over the Top. Stark finde ich zum Beispiel die Farbgebung.
Zwar gibt es auch Katzen und Vögel, aber es sind vor allen Hunde, die hier die Rolle spielen. Die Römer sind eigentlich nur Beiwerk.
Beeindruckend, dass die Gesichter der tierischen Protagonisten so viel Charakter ausstrahlen.
Die Handlung reicht nicht für eine ganze Geschichte, daher teilt sie sich auf auf 3 Stories auf.

Bewertung vom 09.03.2022
Wilderer
Kaiser-Mühlecker, Reinhard

Wilderer


sehr gut

Die Romanhandlung um den Landwirt Jakob ist eigentlich unspektakulär, aber gibt eine unterschwellige, innere Dramatik, die den Leser an den gut formulierten Text fesselt.
Jakob betreibt den nahezu bankrotten Hof seines Vaters praktisch alleine und wirkt ziemlich verbittert, auch wegen anderen Konflikten. Man ist als Leser streckenweise auf der Spur nachdem, was zu seiner Haltung geführt hat.
Eine wende könnte es geben, als er Katja trifft, mit der er sogar ein Kind bekommt.

Wilderer hat mir deutlich besser gefallen als Kaiser-Mühleckers letzter Roman Enteignung.

Der österreichische Schriftsteller Reinhard Kaiser-Mühlecker hat die zeitgenössische Literatur nicht neu erfunden, aber ein gutes Beispiel für ein niveauvolles Buch dieser Form vorgelegt.
Vielleicht ist es sogar ein Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises dieses Jahr!

Bewertung vom 09.03.2022
Kangal
Schentke, Anna Yeliz

Kangal


ausgezeichnet

Schauplätze des kurzen Romans sind Istanbul und Frankfurt.
In der Türkei ist das Leben nach dem Putschversuch für die Oppositionellen gefährlich geworden. Verhaftungen drohen schon bei nur der Äußerung von Kritik.

Anna Yeliz Schentke schafft für ihren Debütroman drei Erzähler, die sich kapitelweise abwechseln.
Es sind die Türkin Dilek, die sich im Internet Kangal nennt und die Türkei verlässt, dann ihr Freund Tekin, der in Istanbul bleibt und schließlich Dileks Cousine Ayla, die in Frankfurt lebt.

Es ist der Autorin gelungen, ihren Figuren individuelle Stimmen zu geben.
Während bei Dilek ihre durch die politische Sitaution entstandene Getriebenheit spürbar ist, sind in den Tekin Passagen sogar fast poetische Stellen in den Beschreibungen Istanbuls.
Ayla hingegen hat als deutsche Türkin das Problem den Erwartungen ihrer konservativen Eltern nicht gerecht zu werden. Sie realisiert ihren Traum zu studieren und hat sich von ihrem Verlobten Yusuf getrennt, da er sie geschlagen hatte.

Die Kapitel sind kurz, dadurch wird der Roman umso dichter.
Ein bezwingend geschriebener Debütroman, der voll überzeugt.

Bewertung vom 08.03.2022
Wiedersehen im Shangri-La
Singh, Vibhor Kumar

Wiedersehen im Shangri-La


sehr gut

Der Millionär und der Mönch

Vorbemerkung: Vor den Kapiteln sind immer wieder gut ausgewählte Zitate gesetzt, die ich für wirklich zutreffend halte.

Beispiele:
Erfolg ist nicht der Schlüssel zum Glück. Glück ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn Sie lieben, was Sie tun, werden sie erfolgreich sein.
Albert Schweitzer

Du kannst dich nicht auf deine Augen verlassen,
wenn deine Vorstellungskraft unscharf ist.
Mark Twain


Im Prolog wird dann die Prämisse des Buches aufgebaut: Die Frage „Sind Sie glücklich?“.
Diese Frage stellt sich zum einen einen Millionär, zum anderen einen Mönch, und sie arbeiten dann zusammen.
Sie sind gemeinsam in dem Hotel Shangri-La in Kathmandu.
Shangri-La selbst ist ein Ort des Friedens und der Harmonie. Also eher fiktiv.

Im Buch werden einige interessante Dinge thematisiert, z.B. Minimalismus, ToDo-Listen mit Zielen, Umgang mit Finanzen etc.

Man sollte auch nicht verpassen, wenn sich der Autor am Schluss noch einmal direkt an die Leser wendet.

Bewertung vom 07.03.2022
Love in the Big City
Park, Sang Young

Love in the Big City


ausgezeichnet

Lebensgefühl in einer Großstadt

Der Ich-Erzähler Young gibt sich überwiegend cool, erzählt direkt, ironisch und ungehemmt, fast wie ein junger Charles Bukowski
Der Roman besteht aus 4 Teilen. Das verleiht dem Roman etwas episodenhaftes.

Youngs beste Freundin und Mitbewohnerin ist Jaehee, die seine Vorliebe für Männer und für das trinken teilt und sich ebenfalls abgeklärt gibt.
Doch ihr Zusammensein endet, als Jaehee überraschend heiratet und auch Youngs Leben ändert sich nun. Er kümmert sich um seine krebskranke Mutter, versucht sich als Schriftsteller und lässt sich auf Beziehungen ein, auch mit einem Mann, mit dem ihm Liebe verband. Ihre gemeinsame Zeit vor 5 Jahren wird in einem Rückblick erzählt.
Sang Young Park nutzt öfter die Methode der Rückblenden und des in den Zeiten springen und prägt seinen großen Seoul-Roman damit.

Die Stärke des Romans ist, dass hier auch unter die Oberfläche gegangen wird.
Trotz der vorgegebenen Coolness, die oft viel Witz versprüht, spürt man die Sensibilität des Protagonisten in vielen emotionalen Szenen.

Bewertung vom 07.03.2022
Laborschläfer
Schimmang, Jochen

Laborschläfer


sehr gut

Jochen Schimmang wirft in seinem zeitgenössischen Roman Laborschläfer einen Blick auf die Zeit der Bundesrepublik Deutschland.
Das sollte man jetzt nicht so verstehen, dass alle möglichen Ereignisse dieser Zeit erwähnt werden. es ist vielmehr eine eigenwillige Sichtweise der Hauptfigur.
Der Protagonist Rainer Roloff ist wie der Autor ein Jahr älter als die Bundesrepublik. Früher war er Lehrer und Privatgelehrter.
Während seiner Zeit als Proband in einem Schlaglabor in einer Langzeitstudie erzählt er dem Arzt Dr. Meissner von diversen Ereignissen dieser Zeit.
Einige Merkmale aus Zeitgeschehen, Musik und Literatur benennt er. So ganz finde ich mich bis auf ein paar Ausnahmen darin nicht wieder, da mich
anderes prägte. Aber eine Identifizierung mit der Hauptfigur ist auch nicht unbedingt erforderlich, um der Handlung mit Interesse zu folgen.
Der Stil ist ruhig, relativ locker und leicht ironisch.