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Alais

Bewertungen

Insgesamt 190 Bewertungen
Bewertung vom 10.08.2021
Die letzte Bibliothek der Welt (eBook, ePUB)
Sampson, Freya

Die letzte Bibliothek der Welt (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein Wohlfühl-Pageturner mit vielen Büchern, einer kleinen Liebesgeschichte und der Geschichte eines Aufstands

Dieses Buch beginnt bescheiden, still und leise mit June, einer Bibliothekarin, die in ihrer Bücherei vor sich hinträumt, und entwickelte sich im weiteren Verlauf für mich zu einem fesselnden Wohlfühl-Pageturner, den ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte: Angesichts einer drohenden Schließung der Bibliothek beginnt eine bunte Mischung ihrer Stammbesucher:innen, sich zu mobilisieren, die schüchterne June wird vor große Herausforderungen gestellt ... und, nein: Dieser Roman mit seinem feinen Humor ist keineswegs so vorhersehbar, wie es nun den Anschein hat, zumindest nicht in allen Punkten ...

Die Erzählung ist eine schöne Liebeserklärung an Büchereien und die Rolle, die sie innerhalb einer Gemeinschaft spielen können – als Stütze und Zufluchtsort für einsame Menschen, Menschen in Not oder einfach nur auf der Suche nach einem ruhigen Ort zum Lernen ...

Die Autorin lässt in ihrer Geschichte viele faszinierende, starke und zuweilen auch etwas kauzige Charaktere verschiedener Altersklassen auftreten. Sie miteinander agieren zu sehen ist eine helle Freude. So hatte ich viele Lieblingsfiguren - die resolute Mrs B, die schroffe Vera oder auch Stanley, ein älterer Herr und typisch britischer Gentleman, der mehr als ein Geheimnis hat. Ausgerechnet June selbst ist mir nicht hundertprozentig sympathisch, da es ihr nicht gelingt, einen Zugang zu Alan Bennett, dem Kater ihrer verstorbenen Mutter zu finden. Das missmutige Gesicht des Katers, wenn ihn wieder einmal eine Nachbarin nach Hause zurückträgt, entwickelte sich zwar fast schon zu einem gelungenen kleinen Running Gag, aber er tat mir auch, auch wenn sich June durchaus Mühe gab, fürchterlich leid. Was ich aber bei June als Romanfigur gut fand, war die Thematisierung von Schüchternheit bei Erwachsenen und die Probleme, die diese für die Betroffenen bewirkt.

Ein besonders wichtiges Thema in diesem Roman ist auch Trauer, der Umgang mit Verlust. Dieser eher schweren Thematik werden aber auch manchmal eine sanfte Heiterkeit und natürlich die für Wohlfühlromane typische Liebesgeschichte entgegengesetzt. Letztere hat mir tatsächlich gefallen, obwohl ich kein Liebesgeschichtenfan bin, viel erhebender war es für mich allerdings, von den Wundern zu lesen, die Zusammenhalt unter völlig verschiedenen Menschen bewirken. Es ist immer wieder schön, wenn Menschen über sich hinauswachsen ...

Ein Mutmachbuch, das nichts beschönigt, aber zeigt, wie sich manchmal trotz Dunkelheit ein Licht erkennen lässt.

Bewertung vom 05.08.2021
Sie schlüpfen auch in deiner Stadt / Bloom Bd.2
Oppel, Kenneth

Sie schlüpfen auch in deiner Stadt / Bloom Bd.2


sehr gut

Ein Fantasyabenteuer mit mysteriösen Aliens und frischen Ideen

Die Welt wird angegriffen von einer außerirdischen Macht, die eine Reihe von Boten bzw. Plagen entsendet. Doch wer genau attackiert sie und auf welcher Seite steht eine Gruppe von Jugendlichen, die sich allmählich selbst in außerirdische Lebewesen zu verwandeln scheinen? Manchen wachsen Schwänze, anderen Betroffenen Federn oder Fell … Die Teenagerzeit ist sicherlich für die meisten Menschen schwierig, doch diese Jugendlichen haben nicht nur mit extremen körperlichen Veränderungen zu kämpfen, sondern werden auch noch von ihren Familien getrennt, ihnen droht, dass ihnen ihre Menschlichkeit aberkannt wird, die Erde wird bedroht und die Jugendlichen werden vor schwierige Entscheidungen gestellt …
Eines vorweg: Obwohl ich eine rebellische Leserin bin, die Romanreihen gerne in chaotischer Reihenfolge liest, glaube ich bei dieser Reihe ausnahmsweise, dass eine Einhaltung der Lesereihenfolge besser wäre. Und dennoch hat mich, obwohl ich den ersten Band nicht kenne und ab und zu das Gefühl hatte, dass mir Vorwissen fehlt, dieses Leseabenteuer schnell in seinen Bann gezogen.
Der Roman bot für mich viel Unerwartetes, eine Geschichte mit reichlich Action und unvorhersehbarem Verlauf, die im zum Teil sehr abgenutzten Fantasybereich neue Wege findet – und auf unaufdringliche Weise bietet sie dazu noch Stoff zum Nachdenken. Diese Jugendlichen tragen eine große Last und werden mit Situationen konfrontiert, die alle ihre Gewissheiten in Frage stellen und für die es keine Handlungsanleitungen gibt. Letztendlich geht es so auch um spannende große Fragen des Lebens: wer man ist und inwieweit man darüber bestimmen kann, wer man ist bzw. zu wem man wird. Welchen Weg man im Leben einschlagen will, welche Rolle Freundschaften, Herkunft und Familie spielen können ... So werden vor dem Hintergrund einer fantastischen Erzählung typische Themen aus dem normalen Teenageralltag angesprochen – das fand ich sehr geschickt gemacht!
Die drei jugendlichen Protagonisten wirkten auf mich anfangs etwas schemenhaft. Erst allmählich entstanden facettenreiche Bilder ihrer Persönlichkeit, dann fand ich es aber sehr interessant, diese unterschiedlichen Charaktere durch ihre Abenteuer zu begleiten.
Eine Geschichte, die mich mitgerissen und beeindruckt hat - das Warten auf den nächsten Band wird allerdings schwer werden ...

Bewertung vom 26.07.2021
Eskalation
Benrath, Nora

Eskalation


sehr gut

Bietet nervenzerfetzende Spannung mit vielen unerwarteten Entwicklungen
Ich liebe es, wenn Thriller aus dem typischen Genre-Schema ausbrechen und neue Wege beschreiten – und das ist bei dieser Erzählung definitiv der Fall: Die Spannung wird ganz ohne Verklärung eines ach-so-faszinierenden Psychopathen aufrechterhalten, wesentlich interessanter wirken die Opfer und ihr Umfeld, die Erzählung ist zwar blutig, aber die Spannung zehrt nicht allein von grausigen Beschreibungen, und wer in diesem Roman Opfer wird, ist nicht so stark auf die Opferrolle beschränkt, wie dies bei ähnlichen Thrillern der Fall ist …
Für sein Genre ist das Buch mit seinen knapp über 300 Seiten darüber hinaus zwar auch relativ schlank, dennoch hat die Autorin die einzelnen Figuren sorgfältig herausgearbeitet und ich konnte sie mir gut vorstellen – wenn ich auch das Handeln und Verhalten mancher Charaktere nicht immer logisch fand. Aber natürlich handeln „echte“ Menschen auch nicht immer logisch, gerade dann nicht, wenn sie unter Stress stehen … Und schon die Ausgangssituation ist nicht nur ungewöhnlich, sondern extrem stressig: Ein anonymer Anrufer terrorisiert spät abends Dina, eine junge Mutter im Auto vor ihm, und erteilt ihr Befehle. Dass sie das Gespräch nicht einfach beendet, kann ich immer noch nicht ganz verstehen, auch wenn es sich zumindest zum Teil dadurch erklären lässt, dass der Täter sie mit der bloßen Nennung des Namens ihres Kindes erschreckt. Und Dinas Angst vor dem bedrohlichen Unbekannten im Wagen hinter ihr ist ja leider auch gerechtfertigt ...
Das Buch hat mich so mitgerissen, dass ich Zeile um Zeile verschlang und kaum Zeit hatte, auf den Schreibstil zu achten – „flüssig“ beschreibt ihn dann wohl sehr gut. Nebenbei meinte ich allerdings noch den unheilvollen Einfluss eines gewissen Online-Händlers zu spüren, so ist auf S. 70 auch von „Rezensionen“ die Rede, dabei geht es eindeutig nicht um Rezensionen von Büchern oder Theaterstücken, sondern um Kundenbewertungen für ein Nagelstudio – ein für diesen gewissen Online-Händler typischer Fehler, der zugegebenermaßen inzwischen so verbreitet ist, dass er vielleicht auch nicht mehr als Fehler, sondern als sprachliche Weiterentwicklung gelten kann. Außerdem trägt eine der Handlungsfiguren den Namen Alexa, was angesichts des Verhaltens ihres Mannes ihr gegenüber vielleicht auch kein Zufall ist ...
Nach einem so packenden Start wie bei dieser Geschichte folgt für gewöhnlich ein kleiner Spannungsabfall – nicht so bei diesem Buch, das ist fesselnd von der ersten Zeile an, geht rasant weiter … und bietet viele unerwartete Entwicklungen und einen für mich überraschenden Schluss.
Wer spannende Erzählungen mag, wird dieses Buch lieben!

Bewertung vom 10.07.2021
Berlin 1922 - Crime Mysteries
Küpper, Michaela

Berlin 1922 - Crime Mysteries


sehr gut

Ein bibliophiles Leseerlebnis mit dem Charme und Elan der 1920er Jahre
Mit diesen Kriminalerzählungen zum Mitraten kann man in das Berlin der 1920er Jahre eintauchen. Als Ermittlerteam treten stets ein Kommissar Hartmann und seine neue Polizeiassistentin Rosalie Menzel auf, die Ich-Erzählerin der Geschichten, die als Frau bei der Polizei, die auch noch Auto fahren kann, mit einigen Vorurteilen zu kämpfen hat.
Die verschiedenen Geschichten sind sehr abwechslungsreich. Die Kriminalhandlungen an sich fand ich aber in der Regel nur mäßig spannend – als viel spannender und oft amüsant empfand ich hingegen das Setting und die Dialoge. Erzählt werden die Geschichten mit viel Witz und einem auf angenehme Weise altmodischen und zugleich beschwingten Charme. Bei manchen Zeugen kommt auch der berlinerische Dialekt zum Vorschein, ohne dass ich mich als Nicht-Berlinerin überfordert fühlte.
Die Gestaltung verdient bei diesem ungewöhnlichen Buch besondere Erwähnung: Jede Seite ist liebevoll illustriert mit Zeichnungen und Fotografien, die die Atmosphäre der 1920er Jahre aufleben lassen und perfekt zu den Kriminalerzählungen passen. Die Frage, wie viele der Fotos tatsächlich aus der Zeit stammen und welche nachgestellt wurden, bleibt allerdings leider offen (oder muss mühsam anhand der Angaben im Bildnachweis recherchiert werden) – sehr schade, denn ein kleines "Making-of" am Ende des Buches hätte ich bei dieser beeindruckenden Gestaltung interessant und auch als Anerkennung für diese Leistung angebracht gefunden. Dafür gibt es ein weiteres ungewöhnliches Gestaltungsmerkmal: Auf einigen Seiten steht jeweils unten eine Frage, bei der die Leser:innen ihre Beobachtungsgabe und ihr Detektivtalent unter Beweis stellen können. Ich habe dabei leider meist kläglich versagt, aber es hat Spaß gemacht! Die Lösungen kann man dann jeweils im weiteren Verlauf der Erzählung erfahren.
Dies alles machte dieses Buch für mich zu einem ganz besonderen bibliophilen Leseerlebnis, das ich sehr genossen habe!

Bewertung vom 23.06.2021
Ein Bild der Niedertracht / Karen Pirie Bd.6
Mcdermid, Val

Ein Bild der Niedertracht / Karen Pirie Bd.6


sehr gut

Solide Krimiunterhaltung mit toughen Ermittlerinnen und einer gelungenen Einbettung in die Zeitgeschichte

Zwei toughe Ermittlerinnen, eine internationale Mörderjagd (oder auch zwei) und jede Menge Kaffee spielen die Hauptrollen in diesem schottischen Krimi.
Die Cold-Case-Ermittlerin Karen Pirie muss ihr Multitasking-Talent unter Beweis stellen und gleich in mehreren Verbrechensfällen aus der Vergangenheit und Gegenwart, der Welt der Kunst und der Politik ermitteln. Dabei an ihrer Seite: ihre neue Kollegin Daisy, hochintelligent, ehrgeizig und mit Karen ein unschlagbares Team bildend.
Die Autorin lässt ihre Leser ein klein bisschen durch Europa reisen: Die Handlung führt von Schottland nach England, Irland und Frankreich (Paris) - und auch die Niederlande leisten bei der Mörderjagd ihren Beitrag.
Dies ist der sechste Band aus der Karen-Pirie-Serie, aber er lässt sich auch gut ohne Hintergrundwissen lesen, zumindest hatte ich nicht den Eindruck, dass mir wesentliche Informationen aus den vorherigen Bänden fehlen würden, um diesen zu genießen. Und genossen haben ich ihn, weniger wegen der eigentlichen Kriminalerzählung, obwohl diese spannend und schön verzwickt ist, sondern vor allem aufgrund der burschikosen, raubeinigen Art von Karen Pirie, die erfrischend ist und manchmal etwas wunderbar Komisches hat.
Manchmal verliert sich die Erzählung allerdings etwas in Nebensächlichkeiten. Bei manchen kleinen Details aus dem Alltag wurde ich hellhörig und dachte mir immer wieder, dass diese oder jene Information sicher noch eine Rolle spielen wird und nun gleich jemand entführt oder vergiftet wird, denn sonst wäre das Detail einfach zu trivial, um so in den Vordergrund gerückt zu werden – ich wurde aber fast immer enttäuscht.
In anderer Hinsicht gefiel mir McDermids Schreibstil in diesem Roman hingegen sogar viel besser als in ihrer – von mir sehr geliebten – Carol-Jordan- und Tony-Hill-Reihe: So wirken die verschiedenen Handlungsfiguren allein schon durch ihr Handeln und ihr Verhalten äußerst facettenreich und lebendig.
Als besonders gelungen empfand ich auch die Einbettung der Handlung in die Geschichte der Gegenwart. Während sich in Deutschland beispielsweise die Tatort-Drehbuchautoren verzweifelt bemühen, an der Realität vorbeizuschreiben, um nur ja nicht das böse C-Wort zu erwähnen oder die Pandemie in irgendeiner Weise nicht zu leugnen, berücksichtigt Val McDermid ganz selbstverständlich die besondere Lage. Die Ermittlungen erfolgen im Februar und März 2020 und natürlich lässt sich bald erkennen, dass die Pandemie ihre Schatten vorauswirft, genauso wie auch der Brexit und das Streben nach der schottischen Unabhängigkeit thematisiert werden, wenn auch keines dieser Gegenwartsthemen im Zentrum der Handlung steht.
Für mich ist dieser Roman zwar nicht ganz perfekt, er hat mir aber wieder gezeigt, warum mir diese Autorin so sympathisch ist. In ihre Ermittlerin Karen Pirie bin ich nun regelrecht verliebt und ich freue mich schon darauf, weitere Werke aus dieser Reihe kennenzulernen!

Bewertung vom 10.06.2021
Lange Schatten über der Côte d'Azur / Kommissar Duval Bd.8
Cazon, Christine

Lange Schatten über der Côte d'Azur / Kommissar Duval Bd.8


sehr gut

Der Titel dieses ungewöhnlichen Kriminalromans ist geschickt gewählt, denn in diesem Buch spielen die langen Schatten der Vergangenheit eine zentrale Rolle. Ungewöhnlich wird dieser Roman durch die feinfühlige Behandlung sensibler Themen, die Konzentration auf den Umgang der Menschen untereinander, vor allem aber auch dadurch, dass er sich nicht eindeutig in die Schublade „Krimi“ packen lässt, sondern seinen eigenen Weg findet.
Und doch geht es um einen Mord: Auf einem Grab im jüdischen Teil des Friedhofs von Cannes wird eine Leiche aufgefunden – ein junger Mann mit etwas chaotischem Berufs- und Liebesleben, der seinem Großvater Jakob half, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Jakob war als kleines Kind als Einziger seiner Familie dem mörderischen Treiben der Nazis entkommen ...
Der Ermittler, Kommissar Duval, wirkt herrlich brummig und ist sehr mit seinem Baby und seiner engagierten Frau beschäftigt, einer Journalistin, die das Schicksal der jüdischen Kinder, die zur Nazizeit von mutigen Menschen versteckt wurden, sehr berührt und sich bald selbst mit Herzblut in die Recherchearbeit stürzt.
Wer durch dieses Buch lesend an die Côte d’Azur reist, lernt also neben dem eindrucksvoll beschriebenen Friedhof (auf dem auch Klaus Mann begraben liegt) einen Einblick in die Geschichte dieser Gegend zur Zeit des Vichy-Regimes und somit Aspekte kennen, die den meisten Touristen sicherlich entgehen. Das Cover spiegelt, finde ich, auf großartige Weise wider, worum es in diesem Buch geht - um Licht und Schatten und das Nebeneinander von beidem, wie auch die jüdischen Familien damals von Verrat und Hilfe umgeben waren ...
Und doch ist dieses Buch nicht düster und ich mochte den Humor, der stellenweise (und trotz der sensiblen Thematik nie unangemessen) immer wieder aufblitzt, sehr.
Dieser Roman las sich so leicht und löste doch in mir jede Menge Gefühle aus, ließ mich über vieles nachdenken ... Von einem klassischen Kriminalroman ist er freilich weit entfernt und die Kriminalhandlung tritt etwas in den Hintergrund, was mir persönlich sehr gefiel, aber vielleicht den einen oder anderen Krimileser enttäuschen könnte. Besonders berührt haben mich die Schilderung der Trauer der Mutter und Jakobs Kindheitserinnerungen, der Gedanke an all diese Kinder, die damals in großer Gefahr waren ...
Eine ungewöhnliche Krimilektüre, die mir eine schöne Lesezeit beschert hat.

Bewertung vom 30.05.2021
Das unsichtbare Leben der Addie LaRue
Schwab, V. E.

Das unsichtbare Leben der Addie LaRue


ausgezeichnet

Eine wunderschöne, fantasievolle und zugleich schmerzlich realistische Erzählung gegen das Aufgeben!
„Wie kann etwas real sein, wenn sich niemand daran erinnert?“ (S. 134)
Kurz zum Inhalt: Jede Begegnung mit Addie LaRue ist eine erste Begegnung, denn Menschen vergessen sie schon, sobald sie nur kurz den Raum verlässt. So muss sie, die einen unheilvollen Pakt mit einer dunklen Macht, in diesem Buch als „Schatten“ bezeichnet, einging, immer wieder von vorne anfangen. Sie hat keine Chance, Freundschaften oder Beziehungen aufzubauen, und ihr neues Leben nach dem Pakt ist nicht nur von Freiheit und Unsterblichkeit, sondern vor allem von großer Einsamkeit geprägt. Doch dann begegnet ihr nach einigen Jahrhunderten der eine Mensch, der sie nicht vergisst …
Was mich an diesem Roman gleich beeindruckt hat, ist, dass er einerseits so zart, voller Magie und Poesie, Eleganz, ansprechend gestalteten Sätzen und wunderbaren Bildern erzählt wird und gleichzeitig so realistisch wirkt und auch ohne jegliche Beschönigung die Härte, die Gefahren und die praktischen Probleme schildert, die Addies Unsterblichkeit kombiniert mit diesem ständigen Vergessenwerden mit sich bringt. Sie hat beispielsweise keine Möglichkeit, eine Arbeit anzunehmen oder eine Unterkunft zu mieten oder zu kaufen, denn niemand würde sich an sie und die entsprechende Abmachung erinnern. Sie könnte einen Anspruch mit nichts belegen, Buchstaben, die sie schreibt, lösen sich auf – und doch kann sie Schmerzen empfinden, muss sie essen und schlafen. Allein schon dieses sich täglich neu stellende Problem hätte mich zur Verzweiflung gebracht.
Dass Addie dennoch auf glaubhafte Weise einen Weg findet, sich in dieser schwierigen Existenz zurechtzufinden und durch Spuren, die sie indirekt in der Welt hinterlässt, doch an der Gesellschaft teilzunehmen, machte diesen Roman für mich zu etwas ganz Besonderem. Addie zeigt eine absolut bewundernswerte Resilienz, ohne dabei als Superheldin dargestellt zu werden. Wenn man von der „Kleinigkeit“ absieht, dass sie aufgrund ihres Pakts unsterblich geworden ist, wirkt sie fast schon ganz normal und ich konnte mich gut mit ihr identifizieren.
Die Geschichte ist im Übrigen keinesfalls so vorhersehbar, wie sie auf den ersten Blick wirkt, und wird aus mehreren Blickwinkeln und mit verschiedenen Zeitebenen erzählt. Ein ungewöhnlicher Roman, für den die Beschreibung „Liebesgeschichte“ viel zu kurz greift, wenn auch die Liebe in ihm eine große Rolle spielt. Für mich ging es eher allgemein um die Beziehungen der Menschen untereinander und welche Rolle sie füreinander spielen. Und letztendlich geht es auch darum, Wege zu erschaffen, wo es vorher keine gab …
Eine wichtige Rolle spielt in diesem Roman auch die Kunst und den einzelnen Kapiteln ist jeweils die Beschreibung eines Kunstwerks vorangestellt, das eng mit dem folgenden Teil der Erzählung verflochten ist. Ein bisschen schade fand ich zunächst, dass allem Anschein nach keine „echten“ Kunstwerke eingebaut wurden (zumindest fand ich im Internet nichts), aber die Verflechtung mit der Erzählung ist eben sehr eng und tatsächlich ist selbst das Zitat, das der Geschichte vorangestellt wurde (das ist ja in anderen Büchern häufig ein Zitat aus anderen Werken oder von einer berühmten Persönlichkeit), ein fiktives Zitat von einer der Handlungspersonen aus diesem Buch. So hat sich die Autorin ihre ganz eigene faszinierende Romanwelt geschaffen und gleichzeitig wirkt diese sehr real.
Ebenfalls faszinierend und äußerst mysteriös ist die Figur des Schattens, die an den Teufel erinnert und sich doch nicht so leicht in eine Schublade packen lässt … Wie überhaupt selbst kleine Nebenfiguren in diesem Buch sorgfältig gestaltet, facettenreich und oft charismatisch dargestellt werden.
Für mich ein Roman, der mich bezaubert und fasziniert hat und der zu jenen wertvollen Büchern zählt, die Hoffnung machen, wenn man sich selbst in einer verzweifelten Situation befindet.

Bewertung vom 09.04.2021
Das Geschenk eines Regentages
Shinkai, Makoto;Nagakawa, Naruki

Das Geschenk eines Regentages


ausgezeichnet

Ein Buch über Einsamkeit und Verletzungen, über Unsicherheit und Stärke, über Zusammenhalt und die Wunder, die entstehen können, wenn zwei Wesen einander beistehen …
Dieser Roman wirkt wie ein Blick durch ein buntes Kaleidoskop, in dem immer wieder eine neue Farbe, eine andere Figur in den Mittelpunkt gerückt wird. Durch diesen Aufbau erinnert er ein wenig an „Der Sprung“ von Simone Lappert – und ist doch ganz anders: ein kunstvoller Zusammenklang schlichter, poetischer Situationsbeschreibungen und der ergreifenden Geschichten einer Reihe von Katzen, Menschen und einem Hund, die sich miteinander zu einem bewegenden Roman verflechten. Diese besondere, bildreiche und sehr künstlerische Erzählform ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass dieser Roman von Anime-Künstlern geschrieben wurde und sich aus einem Kurzfilm heraus entwickelt hat, sodass in ihm gleich mehrere Kunstformen einander bereichern konnten.
Erzählt wird teils aus der Sicht der menschlichen Figuren, teils aus der Sicht der Katzen, wobei die Autoren sich nicht die Behauptung anmaßten, genau zu wissen, wie Katzen denken, und somit auch nicht in die üblichen Klischees verfielen, sondern den Katzen eine würdevolle Ausdrucksform gaben, die ein wenig an Fabeln erinnert.
Ein bisschen wie ein Fabelwesen wirkte auf mich auch John, der Hund, der voller Weisheit über sein Viertel und dessen Bewohner wacht. Wie John werden auch die Charaktere der Katzen und Menschen dem Leser mit erstaunlich wenigen Zeilen ausführlich beschrieben und ich war immer wieder voller Bewunderung, wie es den Autoren gelang, mein Herz für ein weiteres Wesen zu öffnen. Dabei gehen die Autoren mit all ihren Figuren sehr behutsam um, geradezu mit katzenhaftem Respekt.
Spannend war für mich, da ich leider noch nie in Japan war, natürlich auch der Einblick in das dortige Leben und gleichzeitig fühlte ich mich in dieser eindeutig von Katzenmenschen geschaffenen Erzählwelt sehr zuhause.
Ein Buch, von dem ich mich reich beschenkt fühlte – verzaubert und getröstet!

Bewertung vom 08.04.2021
Der Schneeleopard
Tesson, Sylvain

Der Schneeleopard


ausgezeichnet

Über das Warten und die vom Menschen bedrohten Wunder der Natur

„‚Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf,‘ sagte ich. ‚Schön wär’s,‘ sagte er.“, S. 173
Mit drei Begleitern, dem Fotografen Vincent Munier, dessen Verlobten, der Tierfilmerin Marie, und Muniers Adjutanten Leo, bricht der französische Reiseschriftsteller Sylvain Tesson zu einer Reise in das kalte Tibet auf der Suche nach den wenigen verbliebenen Schneeleoparden auf … Traurig und für unsere Spezies beschämend: Für dieses Buch sah sich der Autor veranlasst, einige Ortsnamen zu ändern – zu groß wäre sonst die Gefahr, dass Jäger diesen Reisebericht als Wegbeschreibung nehmen würden …
Es passiert auf dieser Reise nicht viel, für actiongeladene Reiseabenteuer sind andere Bücher zuständig, dessen sollte man sich bewusst sein – Tierbeobachtung erfordert viel Geduld und einen guten Umgang mit langen Stunden des Wartens. Und dennoch erzählt Tesson so eindrucksvoll von ihren Begegnungen mit der Landschaft und den Tieren, dass ich dieses Buch regelrecht verschlungen habe. Tesson bringt den Augenblick zum Funkeln, öffnet und weitet den Blick für die Wunder der Natur.
Er hat einen wunderbar ruhigen, bildhaften Schreibstil und ist voller Bewunderung und Achtung für die Natur, aber es ist auch eine leichte Bitterkeit zu spüren, die wohl nicht ausbleibt, wenn man die Augen nicht vor dem Vernichtungsdrang des Menschen verschließt … und manchmal wird er auch sehr persönlich, bringt seine Traurigkeit zum Ausdruck, lässt eine tiefe Verletzung spüren – diesen kleinen Einblick in sein Privatleben hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht, aber Reisen machen das eben mit Menschen: Sie bringen sie dazu, sich mit ihrem Innenleben auseinanderzusetzen.
So bescheiden der Umfang dieses Buches ist, so spannend und reich ist sein Schatz an philosophischen Betrachtungen über die Menschen und ihre Beziehung zu ihrem Planeten, über Religionen und die bedrohte Wildnis. Und auch die Gestaltung setzt auf Qualität statt Quantität: Das elegante Dunkelblau des Covers findet sich auch bei dem praktischen Lesebändchen wieder und neben charmanten Kartenzeichnungen enthält das Buch auch zwei Fotografien, bei denen es sich lohnt, sie länger zu betrachten.
Ich habe diese ganz besondere Reise sehr genossen, auch wenn sie mich sehr traurig gemacht hat.

Bewertung vom 13.03.2021
Das Flüstern der Bienen
Segovia, Sofía

Das Flüstern der Bienen


ausgezeichnet

Ganz große Erzählkunst!
Ein außergewöhnliches, märchenhaftes Buch, das gleichzeitig wie direkt aus dem Leben gegriffen wirkt und anhand einer Familiensaga Einblick in die mexikanische Geschichte bietet: Eines Tages wird ein ausgesetztes, von Bienen umschwärmtes und bedecktes Baby gefunden. Die Familie eines Großgrundbesitzers nimmt den kleinen Jungen auf und zieht ihn liebevoll groß. Doch was sie nicht ahnen: Der kleine Junge, der aufgrund einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte nie so sprechen lernen wird, wie die Menschen in seiner Umgebung, verfügt mit den Bienen nicht nur über ungewöhnliche Freunde, sondern auch über ungewöhnliche Fähigkeiten …
So märchenhaft dieser Einstieg in eine mexikanische Familiensaga und die Figur des Jungen wirken, so realistisch wirkt hingegen die restliche Erzählung, für die sich die Autorin Segovia nicht nur von dem realen historischen Kontext Mexikos, sondern auch von den persönlichen Erlebnissen einiger Menschen inspirieren ließ. So erzählt sie vor dem historischen Hintergrund von Krieg, Revolution und der Spanischen Grippe auf einfühlsame, behutsame Weise eine Familiengeschichte, die mich verzauberte, die sich aber aufgrund der Geschehnisse im hinteren Teil fast schon zu einem Thriller entwickelt.
Mit besonderem Interesse las ich aufgrund der Parallelen zu der Zeit, die wir gerade durchleben, die Passagen über die Spanische Grippe, wobei es der Autorin gelang, trotz der Darstellung der Not, doch auch eine schöne Prise von schwarzem Humor einzustreuen und eindrucksvolle, wenn auch gruselige Bilder zu schaffen. Ebenfalls mit sehr viel Herzblut, jedoch auch leider mit eindeutiger Parteinahme, flicht sie die Landreform in die Geschichte ein. Das ist der einzige Makel, den dieser Roman für mich hat – die ein bisschen einseitig positive Darstellung des Landbesitzerpaares Francisco und Beatriz, stets edel, bemüht, selbstkritisch … Natürlich gab und gibt es durchaus auch solche Ausnahmemenschen, dennoch hätte ich mir einen etwas differenzierteren Blickwinkel gewünscht.
Völlig begeistert hat mich dafür der Schreibstil. Die Autorin zählt zu den Wortmagiern unter den Autoren, deren Sätze regelrecht „organisch“ wirken und die Geschichte und die Personen unfassbar lebendig erscheinen lassen. Wie bei dem Cover und der Geschichte selbst ist auch hier ein starker Bezug zur Natur spürbar.
Poetisch, dabei nie abgehoben, kraftvoll und doch zartfühlend – dieser Roman hat mich verzaubert!