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Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
Xirxe
Wohnort: 
Hannover
Buchflüsterer: 

Bewertungen

Insgesamt 869 Bewertungen
Bewertung vom 10.09.2010
Gotteszahl / Yngvar Stubø Bd.4
Holt, Anne

Gotteszahl / Yngvar Stubø Bd.4


sehr gut

Es gibt eine ganze Reihe von Morden in Bergen und Oslo - oder besser Toten. Eine ermordete Bischöfin, ein toter Asylbewerber der aus dem Wasser gefischt wird, eine heroinsüchtige junge Frau stürzt aus dem Fenster, ihr Bruder wird in einem Park niedergeschlagen und noch ein, zwei mehr. Wer den Klappentext zuvor nicht gelesen hat, wird keinerlei Verbindungen erkennen, erste Anhaltspunkte tauchen ab der Mitte des Buches auf. Dort wird eine ominöse "Gruppe 25" eher beiläufig eingeführt, religiöse Fanatiker deren Ziel die Tötung einer bestimmten 'Art' Menschen ist. Doch erst nach 3/4 der Lektüre werden die Zusammenhänge klarer erkennbar, die zwischen all den Toten und dieser Gruppe bestehen. Bis dahin laufen die Ermittlungen unabhängig voneinander, wobei Kommissar Yngvar Stubø aufgrund der Brisanz des Falles in Bergen ermittelt, um dort den Mord an der Bischöfin aufzuklären. Insgesamt gibt es sicherlich sieben bis acht unterschiedliche Handlungsstränge, die mehr oder weniger zusammenhanglos nebeneinanderher laufen, bis dann im letzten Viertel des Buches sich alles ineinander fügt wie die Teile eines großen Puzzles (wobei das ein oder andere Teil übrigbleibt).

Gotteszahl war mein erstes Buch von Anne Holt und vermutlich auch nicht mein letztes. Denn eines steht fest: Frau Holt kann schreiben. Und zwar in dem Sinne, dass man es lesen möchte. Doch nach dem Lesen der letzten Seite bin ich mir immer noch unschlüssig: War das nun wirklich brilliant oder eher langatmig und zäh? Denn die typischen Eigenarten eines Krimis sind in diesem Buch nicht zu finden: Man fiebert vor Aufregung, wen erwischt es als Nächstes? Ist der/die ErmittlerIn auf der richtigen Spur? Liege ich mit meinem Verdacht richtig?

Vielleicht sollte man ein neues Genre einführen: Roman mit krimihaftem Charakter - dafür gibt es auch 4 Sterne :-)

Bewertung vom 03.09.2010
Kakerlaken / Harry Hole Bd.2
Nesbø, Jo

Kakerlaken / Harry Hole Bd.2


sehr gut

Nachdem Harry Hole in der ersten Folge in Australien ermitteln durfte, verschlägt es ihn diesmal nach Bangkok. Der norwegische Botschafter wurde ermordet und aus politischen Gründen ist äußerste Diskretion angesagt. Harry erkennt bald, dass man ihn nur unzureichend mit Informationen versorgt hat, er bekommt es mit Pädophilen zu tun und stößt zudem auf ein unschönes Konglomerat von Politik und Business. Schnell wird ihm klar, dass auf oberster Ebene auch bei der Polizei in Norwegen und Thailand kein allzu großes Interesse an einer genauen Aufklärung dieses Mordes besteht...
Wie in seinem ersten Fall erhält man auch in diesem Buch einen für einen Thriller recht genauen Einblick in die Gesellschaft, diesmal der thailändischen - für Thrillerbegeisterte vielleicht etwas zu viel des Guten. Die Lösung scheint ziemlich schnell auf der Hand zu liegen, bis nach der Hälfte des Buches der Fall eine überraschende Wendung nimmt - und sie bleibt nicht die einzige. Es gibt unkonventionelle Liebespaare und außergewöhnliche Persönlichkeiten - wirklich keine Lektüre nach Schema F.
Für einen Thriller mag das Buch zu ruhig daherkommen, bis kurz vor Schluss tropft nur relativ wenig Blut aus den Seiten :-) Spannend bleibt es dennoch, gut geschrieben ist es auch - und man freut sich auf den nächsten Harry-Hole-Krimi.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.08.2010
Falsche Opfer / A-Gruppe Bd.3 (6 Audio-CDs)
Dahl, Arne

Falsche Opfer / A-Gruppe Bd.3 (6 Audio-CDs)


ausgezeichnet

Für ein Hörbuch viel zu spannend und anspruchsvoll!! Und dieser Satz ist genauso gemeint wie ich ihn geschrieben habe. Nur kurz abgelenkt, schon fehlen einige Worte die nicht unwesentlich zum Verstehen des Ganzen beitragen. Da das 'Zurückblättern' oder '-spulen' bei einer CD doch etwas schwerer fällt, bleibt einem nichts anderes übrig, als wirklich ganz genau zuzuhören.
Die Handlung beginnt bereits etwas verworren: Das A-Team wurde aufgelöst, verstreut in alle Landesteile, und jede/r betreut unterschiedliche Fälle. Es gilt einen Mord unter Fußballfans aufzuklären, in einem Gefängnis explodierte eine Bombe und hinterließ einen Toten, ein wildes Gemetzel zweier Banden ergab ein Massaker und zuguterletzt ein Pädophilenring der hochgenommen werden soll. Der scheinbare Bandenkrieg wird zum Politikum und um baldige Ergebnisse aufweisen zu können, wird die A-Gruppe wieder in Amt und Würden gesetzt. Bei den weiteren Ermittlungen werden Verbindungen zu den anderen Ereignissen sichtbar und nach und nach fügen sich die einzelnen Teile wie ein Puzzle zu einem unglaublichen Bild zusammen.
Manche RezensentInnen kritisieren, all dies wäre zu sehr an den Haaren herbeigezogen, doch genau das habe ich nicht so empfunden. Das allmähliche Zusammenströmen der einzelnen Handlungsabläufe wirkte an keiner Stelle konstruiert, vielmehr fügte sich alles so logisch und klar zueinander, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass es auch anders hätte ablaufen können.
Im Gegensatz zu den beiden Vorläuferromanen sind Hjelm und Holm etwas in den Hintergrund gerückt, was der Geschichte aber keinen Abbruch tut. Dahls Figuren bleiben herrlich klischeefrei und für die kleinen Sätze wie (sinngemäß) 'der Pädophile erlebte in seiner Kindheit genau das, was er jetzt seinen Kindern antat' liebe ich seine Romane. Er schildert wie in den vorigen Büchern ein deutliches Bild der Gesellschaft ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Das Ganze noch dazu in einer schönen und durchaus anspruchsvollen Sprache - einfach genial.
Till Hagen liest auch dieses Buch akzentuiert und spannend, aber ich werde beim nächsten Mal dennoch lieber zu einem Buch greifen. Das Zurückblättern ist doch einfacher :-)

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.08.2010
Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers
Alexie, Sherman

Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers


ausgezeichnet

Hi, ich heisse Arnold, zumindest nennnen mich die Weißen an meiner Schule so (also alle in Springdale). Daheim, im Spokane-Reservat wo ich mit meiner Familie lebe, rufen sie mich Junior, für einen Spokane-Indianer ein völlig normaler Name. Wie beinahe alle im Reservat sind wir arm, richtig arm. Damit meine ich nicht, dass ich keinen i-Pod oder nur das vorletzte Modell der Nike-Treter habe, nein, wir sind so arm dass immer wieder mal das Essen ausfällt oder ich die 35 km von der Schule zu Fuss heimgehen muss. Und wie fast alle Familien haben wir ein Alkoholproblem: Mein Vater säuft, aber immerhin verprügelt er mich nicht. Als ob das alles nicht reichen würde für ein glückliches Leben, wurde ich regelmäßig verdroschen weil ich ein 'Schwachkopf' bin (Ich seh' ein bisschen merkwürdig aus und lisple und stottere). Deshalb blieb ich meistens daheim und zeichnete Karikaturen und Comics.
Wie ich dann als einziger Indianer an eine 'weiße' Schule gekommen bin? Das habe ich Mr. P zu verdanken, meinem Mathematiklehrer dem ich in der ersten Stunde in der Highschool im Reservat mein Geometriebuch ins Gesicht geworfen hatte (er hatte danach ein gebrochenes Nasenbein). Ohne seine Hilfe hätte ich mich nie getraut nach Springdale zu gehen, ich wäre kein guter Basketballspieler geworden, hätte nie Penelope kennengelernt (das schönste Mädchen an der Highschool) und wüsste nicht, dass man auch mit Büchern einen Ständer bekommen kann (nein, nicht solche Bücher ;-)) Aber bis dahin zu kommen war nicht leicht. Wie das genau abging, kannst du in meinem Tagebuch nachlesen. Ein paar Comics und Karikaturen habe ich auch 'reingemalt. Vielleicht trifft man sich ja wieder. Und damit du dir deine Mäuse sparen kannst, schreibe ich noch ein paar Sätze für deine Eltern - dann bekommst du das Geld für das Buch bestimmt von ihnen.

Es ist kaum zu glauben, wieviel ernste Themen Sherman Alexie in diesem Buch anspricht ohne auch nur ansatzweise mit dem allseits bekannten Zeigefinger zu winken. Rassismus (und zwar sowohl Weiß gegen Rot wie Rot gegen Weiß), das Armuts- und Alkoholproblem der (Spokane-)Indianer, nichtexistente Eltern (insbesondere Väter), Magersucht undundund. All dies und noch mehr mündet immer wieder in ein Plädoyer, für seine Träume zu kämpfen, Grenzen auch gegen Widerstände zu überschreiten, sich nicht unterkriegen zu lassen egal wie hart es kommt und sich darüber im Klaren zu sein, dass Freundschaften nicht von der Hautfarbe abhängig sind. Erzählt wird dies alles in einer wunderbar schnoddrigwitzigen Form sowie durch Comiczeichnungen und Karikaturen, dass einem selbst bei den betrüblichsten Ereignissen zumindest etwas die Mundwinkel zucken.
Uneingeschränkt empfehlenswert ab ca. 12, 13 Jahren.

1 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 15.08.2010
Wo fahren wir hin, Papa?
Fournier, Jean-Louis

Wo fahren wir hin, Papa?


sehr gut

Kinder sind ein Geschenk des Himmels - wer es wagt diesem Satz zu widersprechen, sollte damit rechnen zumindest scheel angeblickt zu werden. Klar, so etwas kann nur aus dem Munde eines/r Kinderlosen kommen, Egoisten, Hedonisten oder dergleichen. Doch ein Elternteil das einen solchen Widerspruch äußert? Undenkbar!
Jean-Louis Fournier riskiert es, 156 Seiten lang (wobei man es durchaus auf die Hälfte zusammenrücken könnte, soviel Leerraum beinhaltet dieses Buch). Er ist Vater zweier Söhne, zweier schwerstbehinderter Söhne, die 'nichts als Stroh im Kopf haben'. Und nie käme es ihm in den Sinn zu sagen, er ist ein 'stolzer Vater'. Fournier leidet: Leidet an dem Unglück das über ihn hereinbrach, das es ihm unmöglich macht, sein Wissen und seine Erfahrungen weiterzugeben, nie Enkelkinder an der Hand zu halten, nie stolz sein zu können auf seine Nachgeborenen. Er leidet auch mit, nein, für seine Söhne: dass ihnen so viele Dinge unbekannt bleiben, so viel Schönes und Gutes. Es ist ein einziger Schmerz der aus ihm spricht und dem er offenbar nichts entgegenzusetzen hat als seinen zynischen Humor.
Er liebt seine Kinder, doch es ist keine selbstlose Liebe wie sie Müttern vielleicht leichter fällt. Für ihn sollte es eine Liebe auf Gegenseitigkeit sein: Er würde ihnen das Fundament für ein eigenständiges selbstverantwortliches Leben vermitteln und im Gegenzug würde es ihn mit Stolz erfüllen. Er gibt ihnen Zärtlichkeit und Zuwendung und erhielte Gleiches zurück. Er 'opfert' ihnen einen Abschnitt seines Lebens und bekäme dafür von ihnen (oder deren Kinder) gemeinsame Zeit in der Zukunft. Doch nichts davon wird geschehen. Seine Liebe ist vertane Liebe, denn es kommt nichts (oder so gut wie nichts) zurück - so ist seine Sicht.
Fournier schildert zu kurzen Momentaufnahmen aus dem Zusammenleben mit seinen Söhnen seine Gedanken und Überlegungen, die locker leicht daher kommen und durchaus ein Schmunzeln bei den Lesenden erzeugen, aber die Unzufriedenheit und das Hadern mit seinem Schicksal nicht verbergen können. Interessant ist ein Blick auf die Website seiner Exfrau, die im Gegensatz zum ihm durchaus einen Sinn in der Liebe zu ihren Söhnen sieht (http://wherearewegoingmum.monsite.orange.fr/).
Fazit: Ein sehr ehrliches und offenherziges Buch, das einem eine völlig neue Sicht auf die Belastung der Eltern behinderter Kinder eröffnet.

Bewertung vom 10.08.2010
Den Teufel im Leib
Radiguet, Raymond

Den Teufel im Leib


ausgezeichnet

Das Erscheinen des Buches 1923 war ein Skandalon: Ein 15jähriger und eine verheiratete 18jährige beginnen ein amouröses Verhältnis, während der betrogene Gatte als Soldat im 1. Weltkrieg kämpft. Was heute vermutlich keinen Hund mehr hinter dem Ofen vorlocken würde, sorgte damals für weitreichendes Entsetzen in Frankreich. Nicht genug der moralischen Verwerflichkeit, nein, auch dass einer der in Frankreich hoch verehrten Kämpfer von 1914/18 schamlos hintergangen wurde, man ihm den Tod wünschte und zuguterletzt ein Kuckuckskind unterschob - das war mehr als ausreichend für einen Aufschrei in der Gesellschaft dieser Nachkriegszeit.
Doch ist das Grund genug dieses Buch auch heute noch zu lesen? Wohl kaum, wenn es nicht bemerkenswerte Einblicke in eine Liebesbeziehung gewähren würde, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Radiguet beschreibt in einem klaren, nüchternen fast schon kalt zu nennenden Ton aus der Sicht des heranwachsenden Liebhabers die Entwicklung dieses jugendlichen Verhältnisses. Schnell wird klar, dass diese Liebe geprägt ist durch seinen Egoismus, wie wohl in diesem Alter nicht unüblich. Doch auch wenn dem jungen Mann dies stets auf's Neue bewusst wird und er reumütig versucht sein Verhalten zu ändern, tritt seine Ichbezogenheit alsbald wieder zu Tage.
Radiguet vermittelt Einsichten und Erkenntnisse (nicht nur) über die Liebe, deren Bedeutung ebenso damals wie heute Gültigkeit haben und wohl auch alle Zeit überdauern werden.
Ich habe sowohl das Buch wie das Hörspiel 'konsumiert' und empfehle trotz eines hervorragenden Vorlesers (ideal besetzt: die etwas blasiert klingende Stimme von Christian Erdmann) die Papierversion: Dem leicht altertümlichen Stil (der sich jedoch flüssig lesen lässt) ist in der Audioversion nur konzentriert zu folgen, zu leicht verliert man den Faden. Auch liest man manche Passagen gerne ein zweites Mal was beim Hörbuch nur etwas umständlich möglich ist.

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.08.2010
Der Koch
Suter, Martin

Der Koch


gut

Hinter dem eher nichtssagenden Titel 'Der Koch' verbirgt sich eine vielschichtige Geschichte, reich an Überraschungen und Unglaublichkeiten, die sich aber genau so im Hier und Jetzt zugetragen haben könnte.
Maravan, tamilischer Asylant in der Schweiz und ein begnadeter Koch, eröffnet nach dem Verlust seiner Arbeit als Küchenhilfe gemeinsam mit seiner Kollegin Andrea einen ganz speziellen Cateringservice: Erotische Menüs, die selbst eingefleischte Lesben ihre Neigungen vergessen lassen. Schnell avancieren sie zu einem Geheimtipp in der Wirtschaftselite, doch Maravan hadert mit seiner Tätigkeit die seiner Lebens- und Moralauffassung fundamental widerspricht. Zudem plagen ihn die Sorgen um seine Familie in Sri Lanka, die vom dort herrschenden Bürgerkrieg direkt betroffen ist. Parallel dazu erhält man einen Einblick in die Welt der Schweizer 'Hochfinanz', die sich mit allem abgibt, was einen stattlichen Gewinn verspricht und auch vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschreckt. Es ist kein schönes Bild das Suter entwirft, schnell ist klar wo seine Sympathien liegen.
Ein zwiespältiges Buch: Es macht Spass es zu lesen, es regt den Appetit an, aber zuguterletzt bleibt man doch mit fast leerem Magen zurück. Vielleicht ist es die überdeutliche Schwarz-Weiß-Darstellung seiner Figuren, hier die Guten, dort die Schlechten, die ein Gefühl der Belanglosigkeit hinterlässt. Obwohl Suter sicherlich gut recherchiert hat, seine Bezugnahme zum realen Weltgeschehen kaum aktueller sein könnte, bleibt nach dem Lesen ein schales Gefühl zurück. Ein gut geschriebener Unterhaltungsroman mit ernstem Hintergrund - schnell gelesen, aber auch schnell wieder vergessen.
PS: Falls jemand weiß wo man diese herrlich beschriebenen Sachen essen kann: Bitte mitteilen! Danke :-)

10 von 15 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.