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Bellis-Perennis
Wohnort: 
Wien

Bewertungen

Insgesamt 924 Bewertungen
Bewertung vom 14.04.2022
Der Duft von Kaffeeblüten / Töchter der Speicherstadt Bd.1
Marschall, Anja

Der Duft von Kaffeeblüten / Töchter der Speicherstadt Bd.1


ausgezeichnet

Mit dieser Reihe „Töchter der Speicherstadt“ entführt uns Autorin Anja Marschall in die Welt des Kaffees, in der die Hansestadt rund 100 Jahre eine dominierende Rolle spielt. Den Auftakt macht „Der Duft von Kaffeeblüten“.

Kaffeehändler Johann Behmer reist nach Brasilien, um dort eine Kaffeeplantage zu kaufen. Als er dort auf Maria da Silva, die Tochter des Plantagenbesitzers trifft, ist er von Maria hingerissen und heiratet sie auf der Stelle. Maria argwöhnt, dass Behmer nur das Geld für den Kauf sparen wollte, und fügt sich ihrem Schicksal. In Hamburg angekommen, muss sie erkennen, dass sie Schwager Alfons und Schwägerin Gertrud Ehemann nicht willkommen ist.

Obwohl ihr Kaffee im Blut liegt, darf sie sich nicht in die Geschäfte einbringen. Das liegt natürlich an der starren Gesellschaftsordnung der Hanseaten und an den Intrigen der Schwägerin, die es nicht verwinden kann, dass sie als verarmte Adelige einen reichen Kaufmann heiraten musste.

Doch Maria gibt nicht so schnell auf und findet einen Weg, heimlich ein eigens Kaffeegeschäft zu gründen. Johann missbilligt zwar die Ambitionen seiner Frau, lässt sie aber zum Entsetzen seines Zwillingsbruders Alfons gewähren.

Schon hat es den Anschein, dass Maria doch akzeptiert würde, als ein ominöser Brief auftaucht, der die Existenz von Johann und Maria vernichten zu scheint ...

Meine Meinung:

Als erklärter Hamburg-Fan und Kaffeeschwester aus Wien habe ich diesen Reihenauftakt verschlungen. Bei unserem letzten Hamburgaufenthalt mussten wir natürlich die Speicherstadt-Rösterei besuchen.

Der Prolog, der vom Großen Brand Hamburgs von 1842 berichtet, birgt ein Geheimnis, das erst später, beim Brand des Michels, mit weitreichenden Folgen ans Tageslicht kommt.

Anja Marschal arbeitet sehr gut den Standesdünkel von Gertrud Behmer heraus, die um jeden Preis die Reputation des Familienunternehmens heben und in der Gunst des Kaiserhauses stehen will. Dabei geht sie beinahe über Leichen. Sie intrigiert und schätzt Maria gering.

Die Konventionen, die Maria in Hamburg zu schaffen machen, lassen sie letztendlich gestärkt aus der Katastrophe herauskommen. Ihr freundliches, hilfsbereites Wesen, das sie während der Cholera-Epidemie unter Beweis stellt, ist ihrer Schwägerin ein Dorn im Auge, vor allem auch deshalb, weil sie Maria die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen einer einflussreichen Persönlichkeit gewinnt. Dort wo Gertrud mit Krampf und Brechstange arbeitet, ist Maria höflich, zurückhaltend und kann auch in schwierigen Situationen zupacken.

Wie wir es von Anja Marschall gewöhnt sind, arbeitet sie historische Ereignisse subtil und völlig unaufgeregt in die Handlung ihres Romans ein. So erfahren wir vom Generalstreik der Hafenarbeiter, die gegen die schlechte Bezahlung und die harten Arbeitsbedingungen kämpfen und dürfen, als krassen Gegensatz dazu, durch die damalige Straßen flanieren, um im Alsterpavillon eine Tasse Kaffee zu trinken.

Fazit:

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung dieser Familiensaga, in der weiterhin starke Frauen das Sagen haben werden. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

9 von 11 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.04.2022
Pasta Criminale
Grägel, Gudrun

Pasta Criminale


gut

Doro Ritter und Freund Vincent sollen wieder einmal für Doros Vater, den Restaurantbesitzer Sascha Ritter, Recherchen zu einer bekannten Kulinarik-Sendung anstellen.
Dabei wollen sie ein paar Tage ausspannen und die kulinarischen Köstlichkeiten genießen. Besonders das Tortellini-Fest rund um die „Nodi d’amore“, die Liebesknoten, hat es ihnen angetan. Doch aus den unbeschwerten Tagen wird nichts. Denn mehrere Personen werden vergiftet. Die Tortellini sind schuld! Schon reisen die ersten Gäste ab und man versucht den Ball der Ermittlungen, flach zu halten.

Wie nicht anders zu erwarten steckt Doro ihre Nase wieder in Dinge, die sie so gar nichts angehen. Dabei kommt sie dem Täter ziemlich nahe und gerät - wieder einmal - in große Gefahr.

Meine Meinung:

Für Liebhaber des Gardasees und des italienischen Flairs ist dieser Krimi perfekt. Es wird gekocht, gegessen und Wein getrunken. Ach ja, die köstlichen Dolce nicht zu vergessen. So richtige Spannung vermag nicht aufzukommen. Es dauert eine geraume Zeit, bis die Polizeiarbeit in Gang kommt, denn der ermittelnde Polizist und der eine oder andere Verdächtige sind Teil der Stammtischrunde.

Es gibt neben Doro und Vincenz zahlreiches „Personal“ wie ein untreuer Ehemann, eine schwangere Geliebte, enttäuschte Verliebte, afrikanische Flüchtlinge und ein betagtes Ehepaar, das große Schuld auf sich geladen hat. Sie alle wuseln herum, manche - wie die Flüchtlinge - bringen die eigentliche Krimi- Handlung keinen Deut weiter.

Die Charaktere sind teils gut gelungen, jedoch leider nicht alle. So kann ich ausgerechnet bei Doro keine Entwicklung zu den Vorgängern entdecken. Sie wirkt auf mich nach wie vor wie ein kleines Mädchen und nicht wie eine erwachsene Frau.

Gut gefällt mir, wie die Geschichte der Tortellini im Allgemeinen und jene der „Nodi d’Amore“ (Liebesknoten) genannten für die Gegend typische Pasta in den Krimi eingeflochten wird. Diese regionale Spezialität wird gnadenlos vermarktet. Da sind natürlich Tote durch Vergiftungen nicht gerade förderlich.

Schmunzeln musste ich über den mintmetallicgrünen Oper Corsa Baujahr 1998, das Auto von Vincent.

Wer das eine oder andere Gericht nachkochen möchte, findet am Ende des Krimis die passenden Rezepte.

Der Krimi lässt sich leicht und flüssig lesen. Das richtige Buch für einen Italien-Urlaub. Die Vorgänger muss man nicht unbedingt kennen.
Die Auflösung ist für mich persönlich leicht vorherzusehen gewesen. Dazu sind einige deutliche Hinweise gegeben worden.

Fazit:

Ein Cosy-Krimi für Italienfans, mir fehlt ein wenig die Spannung, daher nur 3 Sterne.

Bewertung vom 14.04.2022
Das Mädchen und der Totengräber / Inspektor Leopold von Herzfeldt Bd.2
Pötzsch, Oliver

Das Mädchen und der Totengräber / Inspektor Leopold von Herzfeldt Bd.2


ausgezeichnet

In diesem zweiten Fall bekommt es Criminalinspector Leopold von Herzfeldt mit einem bizarren Mordfall zu tun: Der bekannte Ägyptologe Professor Strössner wird mumifiziert in der Ägyptischen Sammlung des Wiener Kunsthistorischen Museums gefunden. Woran ist Strössner, der sich vor einiger Zeit mit einer hochkarätigen Forschergruppe in Ägypten befunden hat, gestorben? Um die Gerüchte über einen „Fluch des Pharaos“ hinanzuhalten, soll die Akte - auf „höchsten Wunsch“ (sprich auf Befehl des Kaiserhauses) geschlossen werden. Als Herzfeld herausfindet, dass neben Strössner noch zwei andere Expeditionsteilnehmer verstorben sind, klingeln bei ihm alle Alarmglocken.

Gleichzeitig beschäftigt eine Reihe von Morden an jungen Männern, die sich augenscheinlich als männliche Prostituierte verdingen, die Wiener Polizei. Allerdings werden die Leichen in verschiedenen Bezirken Wiens gefunden, sodass der Zusammenhang anfangs nicht wahrgenommen wird, obwohl eine Gemeinsamkeit unübersehbar ist: Den Toten wurden Penis und Hoden entfernt.

Während Herzfeldts Kollegen Leinkirchner und Loibl diese Mordserie nur mit mäßigen Interesse verfolgen und deren Aufklärung betreiben, verschafft sich Herzfeld einen Überblick über die Fundorte der verstümmelten Leichen. Er hängt einen Plan von Wien an die Wand, markiert die Auffindungsorte und entdeckt eine weitere Gemeinsamkeit.

Natürlich dürfen auch Totengräber Augustin Rothmeyer und Polizeifotografin Julia Wolf nicht fehlen. Die beiden haben einen wesentlichen Anteil an Herzfelds Ermittlungsergebnissen.

Meine Meinung:

Oliver Pötzsch ist mit diesem zweiten historischen Krimi rund um Leopold von Herzfeldt, Augustin Rothmeyer und Julia Wolf eine fesselnde Fortsetzung gelungen. Der Autor vermittelt den Lesern die Gegensätze der morbiden sogenannten „Besseren Gesellschaft“, die sich mit Mumien-Partys die Zeit vertreibt und den täglichen Überlebenskampf der unterprivilegierten Einwohner Wiens. Oliver Pötzsch zeigt seinen Lesern das ungeschönte Wien, die Prostitution oder den Antisemitismus, der auch tief in den Polizisten verwurzelt ist.

Sehr interessant ist auch Herzfeldts Ausflug in die Wiener Kanalisation, die nicht erst seit Graham Greens Nachkriegsthriller „Der dritte Mann“, bekannt ist.

Wenn wir heute Krimi lesen (und sehen) sind uns Whiteboards, DNA-Abgleiche etc. vertraut und Verbrecher werden oft durch Fallanalytiker überführt. 1894 aber, steckt die moderne Kriminologie noch in den Kinderschuhen. Selbst die Daktyloskopie, die in England schon eingeführt ist, stößt hier in Wien noch auf Ablehnung.

Gut gefällt mir, dass beiden Fällen genügend Raum gegeben wird. Interessant ist auch der Ausflug in die „Völkerschau“ im Prater Tiergarten. Eine damals übliche, wenn auch üble Attraktion, bei der Menschen aus Afrika wie Tiere im Zoo bestaunt werden konnten. Natürlich gerät auch ein Mitglied dieser Gruppe unter Mordverdacht, als ein Tierpfleger angeblich von einem Löwen zerfleischt worden ist. Dass hier etwas ganz anderes dahintersteckt, versteht sich von selbst.

Das Privatleben der drei Hauptbeteiligten, Herzfeldt, Wolf und Rothmeyer, findet auch seinen Platz in diesem Krimi. Dabei darf sich vor allem Julia Wolf weiterentwickeln. Ich bin schon auf den dritten Fall gespannt, der sicherlich wieder fesselnd zu lesen sein wird.

Für Leser, die sich in Wien nicht so gut auskennen, gibt es einen Stadtplan und ein Glossar, das die geläufigsten Ausdrücke übersetzt.

Fazit:

Diesem penibel recherchierten und fesselnd erzählten historischen Kriminalroman gebe ich leichten Herzens 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

Bewertung vom 14.04.2022
Saugut und ein wenig wie wir
Hatteland Endresen, Kristoffer

Saugut und ein wenig wie wir


ausgezeichnet

Dieses Sachbuch aus dem Westend-Verlag habe ich gerne gelesen. Autor Kristoffer Hatteland Endresen ist dem Wesen des Hausschweins auf den Grund gegangen. Dazu hat er sich ein gutes halbes Jahr auf einem Bauernhof quasi als Knecht verdingt. Er hat einen Wurf Schweine von ihrer Geburt bis zu ihrer Schlachtung begleitet. Dabei hat er Bekanntes und Unbekanntes über Schweine und ihre Halter entdeckt und berichtet schonungslos über diese Erlebnisse.

In 17 Kapiteln erzählt er über das Schwein und seine Beziehung zum Menschen. Er beginnt bei den ersten Höhlenmalereien, die eine solche Koexistenz bereits seit 44.000 Jahren belegen. In seinem Epilog philosophiert Endresen über die Parallelen des Corona-Virus und des Erregers der Schweinepest, deren Verbreitung durchaus ähnlich erscheinen.

Meine Meinung:

Bereits in der Antike hat die Medizin, vor allem Galen, entdeckt, dass Mensch und Schwein einander ähneln, also einiges am Aufbau des Körpers. Sowohl der Mensch als auch das Schwein sind echte Allesfresser, die auch vor Artgenossen nicht Halt machen. Bei den Menschen verhindert ein anerzogener Moralkodex den Kannibalismus, wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wegen dieser Ähnlichkeiten ist es nicht verwunderlich, dass so manches „Ersatzteil“ für den menschlichen Körper aus Zellen des Schweines erzeugt wird. Das meiste ist noch im laboratorischen Versuchsstadium. Doch erst vor wenigen Wochen hat ein Patient, dem ein für menschliche Bedürfnisse adaptiertes Schweineherz transplantiert worden ist, Schlagzeilen gemacht. Ob das die Zukunft sein wird? Seit die Genschere erfunden und die letzten Geheimnisse des Genoms entschlüsselt worden sind, scheint es hier kaum Grenzen zu geben.

Doch zurück zum Buch und dem Schwein. Neben seiner sachlichen Darstellung der Schweinezucht und Schweinemast berichtet Endresen über die Symbolkraft des Schweines, die ziemlich ambivalent ist. Einerseits wird das Schwein als Glückssymbol verehrt, andererseits ist es Symbol für alles Unreine. Religionen wie der Islam oder das Judentum verbieten den Genuss von Schweinefleisch. Doch auch in unserer christlichen Welt wurde das Schwein immer wieder verfolgt und „vor Gericht gestellt“. Ein Procedere, das uns heute ein wenig abstrus erscheint.

Endresen berichtet von Massentierhaltung, von unwürdigen Haltungsbedingungen wie kupierten Schwänzen und Spaltenböden. Allerdings gibt es auch Landwirtschaften, in denen die Tiere beinahe artgerecht gehalten werden. Warum nur beinahe? Das Hausschwein ist seit Jahrtausenden domestiziert, sodass es mit seiner Wildform, nur wenig Ähnlichkeit hat. In manchen Bauernhöfen dürfen die Schweine tagaus tagein im Freien leben. Doch das ist eher die Ausnahme und nur für eine überschaubare Anzahl von Tieren möglich.

Wie ähnlich Mensch und Schwein sind, hat schon George Orwell in seiner Parabel „Animal Farm“ entdeckt. Hier ist mir der Zeichentrickfilm von John Halas und Joy Batchelor aus dem Jahr 1959 in Erinnerung, bei dem am Ende die Grenzen zwischen Mensch und Schwein verschwimmen.

Fazit:

Ein interessantes Sachbuch über das Schwein, dem ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.

Bewertung vom 11.04.2022
Tod an der Goldküste
Götschi, Silvia

Tod an der Goldküste


gut

Merlinde Vonlanthen, eine reiche Witwe, die nach einem Schlaganfall auf einen Rollstuhl angewiesen ist, wird auf einem Kreuzfahrtschiff überfallen und ausgeraubt. Schlimmer als der Verlust des Geldes und der Wertsachen ist der Verlust der körperlichen Integrität. Sie verrät niemandem, dass es das eigene Betreuungspersonal war, das für den Überfall verantwortlich ist.
Um über dieses Trauma hinwegzukommen, begibt sie sich wieder auf eine Kreuzfahrt und wird abermals überfallen, ausgeraubt und verletzt. Ein blöder Zufall oder eine absichtliche Attacke? Hat hier jemand mit Merlinde eine Rechnung offen?

Merlinde will die Angelegenheit vertuschen und rechnet aber nicht mit Milagros von Wirth, die sie kurz zuvor auf dem Kreuzfahrtschiff kennengelernt hat. Wenig später, die beiden Frauen sind in Merlindes Haus, wird Merlinde entführt und der Bodyguard getötet. Hat die halbseitig gelähmte Witwe den Mann erschossen?

Da Merlinde schon einmal unter Verdacht gestanden ist, einen Bediensteten ermordet zu haben, ist die Polizei schnell vor Ort.

Milagros wendet sich an ihren Sohn Maximilian, der mit seiner Freundin Federica Hardegger eine Detektei leitet, um Merlinde zu helfen. Während der Such nach der Wahrheit tun sich menschliche Abgründe auf, von denen auch Maximilian und Federica nicht verschont werden.

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist der 5. Fall für das Ermittler-Duo Maximilian von Wirth und Federica Hardegger. Für mich ist es das Erste aus dieser Reihe. Obwohl ich üblicherweise kein Problem habe, eine Reihe quasi von hinten aufzurollen, habe ich diesmal den Eindruck, einige Lücken in den Lebensläufen der Privatdetektive zu entdecken, die meinem Verständnis für die Handlungen der Charaktere fehlen.

Ich lese gerne komplexe Krimis, doch dieser hier ist mir ein wenig zu verstrickt. Die Autorin lässt uns durch abrupte Szenenwechsel in der Zeit und der Geschichte hin und her springen. Das stört meinen Lesefluss diesmal nachhaltig. Ich habe ja eine ganz andere Person unter Verdacht gehabt, die offensichtlich nur als Ablenkungsmanöver gedacht war. Die wirkliche Auflösung habe ich ein wenig an den Haaren herbeigezogen empfunden. Nun, vielleicht gefällt, diese Art zu schreiben, anderen Lesern besser.

Fazit:

Mir hat dieser Krimi aus dem Emons-Verlag, der mich üblicherweise mit spannender Lektüre versorgt, nicht so toll gefallen. Daher gibt es diesmal auch nur 3 Sterne.

Bewertung vom 11.04.2022
Eierkratz-Komplott
Stipsits, Thomas

Eierkratz-Komplott


ausgezeichnet

Wer bei dem Begriff „Eierkratzen“ an den oft unwillkürlichen Griff der Männer an ihre „Private Parts“ denkt, ist in guter Gesellschaft, und liegt doch bei diesem Burgenland-Krimi völlig falsch. Hier geht es um das alte Stinatzer Kunsthandwerk, bei dem gefärbte Eier durch Aus- und Abkratzen der Farbe kunstvoll verziert werden.

Während Gruppeninspektor Sifkovits mit seiner Mutter Nachschub für das Eierkratzen besorgt, erreicht ihn die Nachricht, dass es einen Toten gibt: Erstochen mit einem Eierkratzmesser, das blöderweise seiner Mutter Baba gehört. Natürlich glaubt Sifkovits keine Sekunde daran, dass seine Mutter den Horvatits umgebracht hat. Also verschweigt er vorerst diese Tatsache, die dann selbstverständlich ans Tageslicht kommt. Allerdings hat niemand mit der wehrhaften Baba gerechnet, die schönsten Burgenland-Kroatisch, den Oberst Taschner vom LKA Eisenstadt die Leviten liest und ihn mit dem besten Makarul, jenem Stinatzer Strudel, den man mit Mohn- oder Nussfülle backen kann, abfüllt.

Nachdem Baba Sifkovits sich wieder dem Eierkratzen hingeben kann, versucht die Kopftuchmafia, also Baba, die Grandits-Resl, die Resetarits-Hilda und der Greißler Franz Maikits, dem burgenländischen Columbo bei der Aufklärung zu helfen. Wird es dem Quartett auch diesmal gelingen, den Mörder zu überführen?

Meine Meinung:

Auch der dritte Krimi des gebürtigen Steirers, der nun im Burgenland lebt, gefällt mir ausgezeichnet. Das liegt natürlich an den Charakteren, wie Inspektor Sifkovits selbst, sowie an der Kopftuchmafia, die ja mit dem ersten Krimi ein extra Buch erhalten hat. Inspektor Sifkovits, obwohl schon verheiratet und über vierzig, wird von seiner Mutter immer noch „Schatzl“ genannt. Sein Verhältnis zu ihr ist liebevoll und sorgt für zahlreiche Schmunzler, wenn wir einige Anekdoten aus seiner Kindheit erfahren.

Sifkovits selbst ist so der Anti-Held der Krimiszene und wird gerne mit Inspektor Columbo verglichen. Er tritt ähnlich zerknautscht auf: ockerfarbene Hose, weißes Hemd, graue Strickweste und eine ockerfarben Ballonmütze, die er, einer Uniform gleich, mehrfach in seinem Kleiderschrank vorrätig hat. Auch, dass man Frau Sifkovits nur als Abwesende kennenlernt und, dass er mehrmals zurückkommt, um eine letzte Frage zu stellen, hat er mit seinem amerikanischen Pendant gemeinsam. Eine weitere Marotte ist der exzessive Genuss von Käsepappeltee, den der Otto-Normalverbraucher nur kurz vor dem Tod durch Verdursten trinken würde, sowie die Scheu vor allzu viel neuer Technik. Er verwendet ein Klapphandy, mit dem man nur telefonieren kann und notiert seine Gedanken lieber in sein Notizbuch. Alle diese Schrullen machen ihn liebenswert, im Gegensatz zum Toten, der ein großes Schlitzohr gewesen ist.

Diese Stinatz-Krimi zeichnen sich durch viel Liebe zum Detail aus, die neben der akribischen Ausarbeitung der Charaktere auch die Beschreibung von Traditionen der Einheimischen beinhaltet. Das sind diesmal, es ist ja bald Ostern, die Bräuche rund um dieses katholische Fest. Das Eierkratzen hat in einigen anderen Regionen wie Kroatien, Polen, Tschechien und Siebenbürgen lange Tradition. Natürlich darf auch ein Rezept aus Babas Kochbuch nicht fehlen.

Sifkovits ist auch ein scharfer Beobachter. So fallen ihm auf einem Foto bei Elfi Horvatits, der Mutter des Ermordeten, die „Adidas Jogging High“, jene Sportschuhe auf, die damals das Nonplusultra der Jugendlichen waren, aber für die meisten unerschwinglich.

Fazit:

Ich habe mich mit diesem dritten Stinatz-Krimi wieder bestens unterhalten gefühlt. Daher gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 09.04.2022
Düsteres Watt / Liv Lammers Bd.6 (eBook, ePUB)
Weiß, Sabine

Düsteres Watt / Liv Lammers Bd.6 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Dieser Krimi ist der 6. aus der Reihe der „Sylt-Krimis“ rund um die Ermittlerin Liv Lammers.

Karl von Raboisen, der Sohn einer reichen Adelsfamilie wird tot in den Dünen gefunden. Karli, wie er von allen gerufen wird, ist ertrunken, doch weit und breit ist kein Wasser zu sehen. Wenig später taucht eine weitere Leiche auf, die obwohl halb im Wasser liegend, verdurstet ist. Hängen die beiden Morde zusammen? Und wenn ja, wie?

Bei den Ermittlungen, die Liv aus dem wohlverdienten Urlaub mit ihrer neuen Liebe Sebastian holt, ist Liv gefordert. Denn das despotische Familienoberhaupt Eduard von Raboisen erinnert sie sehr stark an ihren eigenen Vater Ocke, von dem sie sich losgesagt hat. Als dann herauskommt, dass Eduard und Ocke Konkurrenten um ein Grundstück sind, wird Liv vom Fall abgezogen ...

Meine Meinung:

Dieser 6. Krimi ist wieder gut durchdacht und fesselt bis zur letzten Seite. Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist hier deutlich sichtbar. Häusliche Gewalt, ob körperlich oder noch fieser psychologisch, ist kein Phänomen der Unterschicht, sondern auch in der High Society durchaus vertreten. Die Mechanismen der Opfer, die Schuld an den Misshandlungen bei sich zu suchen und sie geschickt zu verbergen sowie der Umwelt allerlei mehr oder weniger glaubwürdige Geschichten über die Herkunft von Verletzungen zu erzählen, sind symptomatisch dafür.

Die Leser werden geschickt auf zahlreiche falsche Fährten gelockt, um dann in der Sackgasse umdrehen zu müssen. Das Team rund um Liv Lammers ist ziemlich gefordert. Dazu kommt noch der rekonvaleszente Kollege Andreas, der eine eigene Strategie fährt. Das wird vermutlich im nächsten Fall noch eine Bedeutung haben, ebenso wie der natürliche (?) Tod von Ocke Lammers. Nachdem Livs Schwester Annika einen recht dramatischen Auftritt hinlegt, wird es bestimmt noch recht spannend werden.

Wie schon in den Vorgängern gibt es auch im Team um Liv Lammers Spannungen bzw. haben auch die Kollegen ihre Ängste und Sorgen. Diesmal trifft es Hennes, der Angst vor dem Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung hat.

Mir hat dieser Sylt-Krimi sehr gut gefallen. Nicht nur Glanz und Glamour, sondern auch Abgründe und düstere Atmosphäre erzeugen die Spannung.

Fazit:

Trotz brütender Hitze behält Liv Lammers einen kühlen Kopf und klärt diesen komplexen Fall auf. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 09.04.2022
Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3
Ziebula, Thomas

Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3


ausgezeichnet

Der dritte Band der Reihe rund um Paul Stainer schließt zeitlich nur wenige Wochen nach dem zweiten an. Diesmal hat Autor Thomas Ziebula jene Tage des März 1920 als Hintergrund gewählt, die als „Kapp-Putsch“ mit dem „Blutsonntag“ in die Geschichte eingegangen sind. Worum geht’s?

Am 13.03.1920 versuchen ehemalige Militärangehörige, die aufgrund des Versailler Friedensvertrags, der eine Beschränkung der deutschen Armee auf 100.000 Mann befiehlt, ihren Job verloren haben, die gewählte Regierung zu stürzen.
Auch in Leipzig kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die zahlreiche zivile Opfer fordern. Parallel dazu treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer nicht nur tötet, sondern sie anschließend auch noch köpft und ihrer Zungen beraubt.

Meine Meinung:

Wie Autor Thomas Ziebula in seiner Buchvorstellung erwähnt, tritt die Arbeit als Kriminalbeamte diesmal zugunsten der historischen Ereignisse ein wenig zurück. Mir macht das nicht aus, denn ich beschäftige mich gerne und oft mit Geschichte. Die aufgeheizte Atmosphäre des März 1920 ist sehr gut dargestellt. Die Spaltung der Bürgerschaft macht auch vor der Polizei nicht Halt. Hier Paul Stainer, der eher mit den Sozialisten sympathisiert dort Heinze, von dem ja schon weiß, dass er ein früher Nationalsozialist ist. Als solcher benützt er ein zufällig entdecktes Liebesverhältnis für seine eigenen (miesen) Zwecke.

Wir dürfen den Täter recht bald kennenlernen. Fast muss man mit ihm Mitleid haben. Doch sein eigenes Trauma gibt ihm nicht das Recht, andere zu ermorden.

Neben den bereits bekannten Charakteren wie „Rasputin“ Schilling, Josefine, Rosa Sonntag oder Mona König werden neue Personen eingeführt. Sympathien erwirbt sich August „Gustl“ von Herzberg, der seine Offizierslaufbahn an den Nagel hängen will und zukünftig als Schriftsteller an der Seite von Valerie Schwarz leben will. Valerie ist eine Tänzerin à la Isadora Duncan und polarisiert durch ihren ausdrucksstarken Tanz, bei dem sie auch alle Hüllen fallen lässt. Sie wirkt ziemlich exaltiert und ich-bezogen.

Paul Stainers Privatleben tritt diesmal ein wenig in den Hintergrund, auch wenn eine Eröffnung für Überraschung sorgt. Ich denke, die wird ihn (und uns) in einem nächsten Band noch beschäftigen. Gut gefällt mir, dass Stainer trotz aller Kriegstraumata seine Menschlichkeit behalten durfte.

Der Stadtplan von Leipzig lässt die Leser durch die genannten Straßen eilen und Schutz vor den Kämpfen suchen.

Fazit:

Eine gelungene Fortsetzung, der ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.

Bewertung vom 09.04.2022
Die Wütenden
Reicher, Fabian;Melzer, Anja

Die Wütenden


ausgezeichnet

„Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich muss immer noch an den Dschihad denken.“

Fabian Reicher ist Sozialarbeiter und Streetworker und hat mit Unterstützung der Journalistin und Gerichtsreporterin Anja Melzer dieses interessante Buch geschrieben.

Das Buch berichtet sehr persönlich über seine Erfahrungen mit radikalisierten Jugendlichen. Anhand von fünf Biografien stellt Reicher seinen Zugange und seine Arbeit vor. Dabei werden bisherige Deradikalisierungsprogramme, die häufig nur das Symptom behandeln, kritisch hinterfragt. Was steckt hinter diesem schleichenden Radikalisierungsprozess, den vor allem männliche Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren durchlaufen?

Fabian Reicher gibt zu, dass er und sein Team zu Beginn ihrer Tätigkeit als Streetworker überfordert waren. Er hat sich Hilfe von Experten wie Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger geholt.

Immer wieder betont Fabian Reicher, dass es notwendig ist, den radikalisierten Jugendlichen das Gemeinsame statt des Trennenden vor Augen zu führen. Also einen „Common Ground“ anzubieten, der in einen „Window of Opportunity“, in einen Zeitpunkt der Veränderung, mündet. Fabian Reicher ortet bei vielen der Jugendlichen ein stark ausgeprägtes Ungerechtigkeitsempfinden (das wir Erwachsene im Laufe der Zeit verloren haben), das von der Propaganda des IS ausgenützt wird, um die Jugendliche zu manipulieren.

„Es gibt ein großes Missverständnis in der Diskussion über die De-Radikalisierung von Jugendlichen. Es reicht nicht, ausschließlich auf der Ebene des Verstandes anzusetzen, denn in dem Prozess, der gemeinhin als Radikalisierung bezeichnet wird, ist vor allem die Ebene der Emotionen entscheidend. Und niemand wusste das besser als der sogenannte Islamische Staat. Die Propagandavideos hatten sich verändert. Das Kalifat war verbrannt, daher spielten sie ihre letzte und beste Karte aus. Sie setzten auf ein dunkles, kaum kontrollierbares Verlangen, das jeden heimsuchen kann: Rache.“

Fabian Reicher verhehlt nicht, dass der Weg extrem mühsam ist. Denn er kämpft nicht gegen die Gespenster des Radikalismus, sondern auch gegen die Trägheit der Politik. Für langfristige Projekte fehlt das Geld, falsch - es wird nur nicht bereitgestellt, weil die Politik nur an schnellen (oft kurzsichtigen) Lösungen interessiert ist. Eine Erkenntnis ist, dass der Prozess, durch den Jugendliche radikalisiert werden, nicht von außen „repariert“ werden kann. Die jungen Menschen müssen, wie Reicher sagt, „sich selbst rausholen“, er könne das nicht, allerdings durfte er sie auf diesem ihren Weg begleiten.

Als gutes Beispiel des Umgangs auf Augenhöhe nennt der Autor jene Rede des damaligen Innenministers Karl Nehammer, in der er jene Männer mit Wurzeln aus der Türkei bzw. Palästina, die beim Terrorüberfall in Wien im November 2020 Verletzte aus der Gefahrenzone in Sicherheit gebracht haben, öffentlich gelobt hat. Leider war das wenig nachhaltig, denn wenig später ist das „Anti-Terror-Maßnahmenpaket“ in der Regierung beschlossen worden.

Meine Meinung:

Durch die „Ich-Form“ als Erzählweise sind wir Leser ziemlich nahe an den Erlebnissen des Autors bzw. an den Jugendlichen dran. Wir lesen Auszüge aus Chats und dürfen an ihren Gedanken teilhaben. Manches habe ich noch nie aus dieser (deren) Sicht betrachtet.

Die Illustrationen passen sehr gut zum Inhalt und wirken empathisch.

Was ist aus den fünf Männern geworden, die hier im Buch zu Wort kommen?
Einer ist tot, einer wurde abgeschoben, zwei verbüßen eine Gefängnisstrafe und werden danach abgeschoben und einer schreibt an einem Buch über seine Erfahrungen, das demnächst erscheinen wird.

Fazit:

Das Buch eignet sich sowohl für Einsteiger als auch für Erfahrene im Umgang mit diesem schwierigen Thema. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Bewertung vom 09.04.2022
Der große Homeoffice Guide
Froböse, Ingo;Biallas, Bianca

Der große Homeoffice Guide


ausgezeichnet

"Eat the Frog" - Ein gelungener Ratgeber für's Home-Office

Seit rund zwei Jahren begleitet uns Pandemiebedingt das Thema Home-Office. Dazu sind viele Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und Ratgeber erschienen. Einiges davon ist verständlich ausgedrückt, manches Schriftstück enthält dürre Worte, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten.

Dieses Buch ist ein gutes Nachschlagewerk. Nicht alles wird für jede Situation passend sein, denn Home-Office wird immer ein Kompromiss sein.

In sieben großen Abschnitten verrät das Autoren-Duo Bianca Biallas und Ingo Froböse Tipps und Tricks wie der Home-Office-Alltag auf längere Sicht zu guten Arbeitsergebnissen und Wohlbefinden beitragen kann:

Zwischen Herausforderung und Chancen: Arbeiten im Home-Office
Eine ausgewogene Ernährung sichern – gut zu wissen
Im Rhythmus essen und trinken – Rezepte für jeden Tag
Bewegung und Wahrnehmung – gut zu wissen
Mobil rund um den Schreibtisch – Übungen für jeden Tag
Erholung und Regeneration – gut zu wissen
Zwischen Anspannung und Entspannung – Auszeiten für jeden Tag

Das Buch ist ansprechend aufbereitet. Bunt, übersichtlich, mit zahlreichen praktischen Tipps, die in Tabellen zusammengefasst sind, sowie aussagekräftige Grafiken und Fotos wird die manchmal trockene Atmosphäre der diversen Vorschriften aufgelockert. Diesen Ratgeber kann ich für meine Beratungstätigkeit als Sicherheitsfachkraft in meiner Dienststelle sehr gut verwenden.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich im Home-Office selbst zu motivieren. Dazu gibt es ab S. 16 ein paar praktische Tipps „Eat the Frog“. Der Frosch ist jene Aufgabe, die am schwierigsten und wichtigsten (aber vielleicht am ungeliebtesten) ist. Diese gilt es (täglich neu) herauszufinden und als erstes abzuarbeiten. Die restliche Arbeit geht dann viel leichter von der Hand. Nicht ganz überzeugt? Einfach ausprobieren!

Einige dieser Ratschläge, wie das Aussperren von Zeitfressern lassen sich 1:1 in den „normalen“ Büroalltag mit Präsenz integrieren.

Fazit:

Ein gelungener Ratgeber für das Arbeiten im Home-Office. Optisch ansprechend, mit vielen Tipps, die sich auch in Präsenz gut anwenden lassen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.