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Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit: Seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner Heimat Afrika in die ganze Welt, auch nach Europa. Bis vor Kurzem lag diese Urgeschichte noch im Dunkeln, doch mit den neuen Methoden der Genetik hat sich das grundlegend geändert. Johannes Krause, einer der führenden Experten auf dem Gebiet, erzählt gemeinsam mit Thomas Trappe, was uns die Gene über unsere Herkunft verraten: Gibt es "Urvölker"? Wann verloren die frühen Europäer ihre dunkle Haut? Welche Rolle spielte die Balkanroute in den vergangenen 40…mehr

Produktbeschreibung
Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit: Seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner Heimat Afrika in die ganze Welt, auch nach Europa. Bis vor Kurzem lag diese Urgeschichte noch im Dunkeln, doch mit den neuen Methoden der Genetik hat sich das grundlegend geändert. Johannes Krause, einer der führenden Experten auf dem Gebiet, erzählt gemeinsam mit Thomas Trappe, was uns die Gene über unsere Herkunft verraten: Gibt es "Urvölker"? Wann verloren die frühen Europäer ihre dunkle Haut? Welche Rolle spielte die Balkanroute in den vergangenen 40 000 Jahren? Eine große Erzählung, die zeigt: Ohne die Einwanderer, die über Jahrtausende aus allen Richtungen nach Europa kamen und immer wieder Innovationen mitbrachten, wäre unser Kontinent gar nicht denkbar.

»Johannes Krause und Thomas Trappe geben einen spannenden Überblick über das, was uns die Revolution der Archäogenetik über die europäische Bevölkerungsgeschichte lehrt. Ihr Buch fängt die Begeisterung ein, die diese junge Wissenschaft auslöst.« Wall Street Journal

Autorenporträt
Prof. Dr. Johannes Krause, geb. 1980, ist Experte für die Entschlüsselung der DNA aus alten Knochen und Direktor des 2014 neu gegründeten Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. Er arbeitete zusammen mit Svante Pääbo an der Sequenzierung des Neandertalergenoms, 2010 entdeckte er auf Grundlage eines Mittelfingerknochens den Denisova-Menschen, also einen neuen Urmenschen. Heute ist Krause fokussiert auf DNA-Analyse zur Erklärung historischer Epidemien und menschlicher Wanderungsbewegungen. Das Wissenschaftsjournal "Nature" bezeichnete Krause als "rising star in ancient-DNA research". Er lebt in Leipzig. Thomas Trappe, geb. 1981, ist Journalist und hat sich lange mit den Themen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus beschäftigt. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Axel-Springer-Nachwuchspreis ("Herausragende Leistung") ausgezeichnet. Daneben arbeitet er auch im Wissenschaftsjournalismus und berichtete mehrfach über die Forschungsprojekte von Johannes Krause, die regelmäßig internationales Aufsehen erregen. Trappe studierte in Leipzig Diplom-Journalistik mit dem Schwerpunkt Politikwissenschaften und lebt heute in Berlin.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.03.2019

Europas alte Gene

Einwanderung und die Folgen: Die junge Archäogenetik liefert Fakten für die aktuelle Migrationsdebatte, aber auch einigen Zündstoff.

Von Joachim Müller-Jung

Man sollte dieses Buch dringend Politikern empfehlen, Populisten sowieso und überhaupt allen an Politik interessierten Querdenkern und Neonationalisten. Zumindest ist es sinnvoll, diesen Rat der eigentlichen Besprechung vorauszuschicken. Denn die muss sich weniger mit der politischen Intention als mit den differenzierten wissenschaftlichen Inhalten des Buches beschäftigen.

Johannes Krause, Molekularbiologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, der bei dem Leipziger Paläogenetik-Pionier Svante Pääbo angefangen hat, legt hier eine bemerkenswerte Neuinterpretation der Menschheitsgeschichte vor - mit Schwerpunkt europäische Prähistorie. Zusammen mit dem Journalisten Thomas Trappe, der an der gesellschaftlichen und politischen Einordnung mitgearbeitet hat, schildert Krause ein Jahrzehnt des Umbruchs in der Historiographie. Ein Umbruch, der in seiner Wucht noch längst nicht zu ermessen war, als man vor fast zwanzig Jahren die ersten menschlichen Genome entzifferte.

Wer sich für Krimis interessiert, kennt das: Jeder Mord, jede Vergewaltigung und jeder Raubüberfall ist heute ein Fall fürs Labor. Die Sherlock Holmes der Gegenwart sind forensisch im molekularen Kosmos unterwegs, und genau dasselbe erleben wir jetzt mit der Geschichtsschreibung und der Archäologie. DNA und Gene überall. Die Sequenzierung des Erbguts, das aus dem Knochenmehl prähistorischer Skelettreste heute fast mühelos gewonnen wird, ist zum "Logbuch für die persönliche Geschichte von Einwanderung und genetischer Vermischung" geworden. Krause und Trappe schütten dieses Füllhorn neuer Erkenntnisse über den Leser aus, leicht verständlich auch für genetische Laien, aber eben auch spannend wie ein historischer Krimi.

Die Autoren beginnen mit unseren genetisch frühen Beziehungen zu Neandertalern und den Danisovanern im Osten. Von der Alt- und Mittelsteinzeit geht es aber sehr bald in die jüngere Epoche, vor allem in die Zeit zwischen 8000 und 3000 Jahre vor heute, die genetisch wie kulturell für das heutige Europa (und nicht nur für es) entscheidende Veränderungen hervorgebracht hat. Es waren radikale, auch mit buchstäblicher Gewalt verbundene Revolutionen, die vor allem mit den zwei großen Einwanderungswellen des Homo sapiens einher gingen: dem ersten, vor achttausend Jahren beginnenden Zuzug von sesshaften, innovativen Großfamilien aus Anatolien, welche die im fruchtbaren Halbmond entwickelten Techniken der Landwirtschaft nach Europa brachten, und der zweiten Einwanderungswelle von nicht minder erfinderischen osteuropäischen Steppenbewohnern, die auf eine von Klimaeinbrüchen und Krankheiten geschwächte Bevölkerung traf und diese zahlenmäßig zum großen Teil ersetzten - und außerdem die Bronzezeit auf den Weg brachten.

All das lässt sich nach Überzeugung der Autoren aus der genetischen Zusammensetzung der Menschenreste inzwischen plausibel ableiten. Aber selbstverständlich schlummert in diesen Indizien einer "kulturellen Verdrängung" gerade vor dem Hintergrund heutiger Migrationsdebatten ein Konfliktpotential, weswegen die Autoren nach Kräften bemüht sind, die Gemüter zu beruhigen. Sie schreiben gegen Fatalismus ebenso an wie gegen Romantisierungen. Die genetische "Reise der Menschheit" werde weitergehen, Nationalismus hin oder her. Genetisch sei Annäherung angesagt. Man darf gespannt sein, wie ihre Faktensammlung gegen "Abschottung" in den politischen Kreisen diskutiert wird.

Johannes Krause: "Die Reise unserer Gene". Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren.

Unter Mitarbeit von Thomas Trappe.

Propyläen Verlag, Berlin 2019. 288 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 04.04.2019

Die Entdeckung des Denisova-Menschen
„Die Reise unserer Gene“ ist ein wunderbares Buch über die rasanten Erkenntnisfortschritte einer neuen Wissenschaft, der Archäogenetik
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollten wir ihn unergründlich nennen?“ So beginnt Thomas Mann sein umfangreichstes Werk, die Tetralogie „Josef und seine Brüder“, die zur Zeit der biblischen Patriarchen und ägyptischen Pharaonen spielt. Und zur Zeit von Thomas Mann hieß tief wirklich noch so viel wie unergründlich. Mit Erstaunen sah dieser Autor, dass so ziemlich alles, was wesenhaft die menschliche Kultur ausmacht – Ackerbau, Viehzucht, Gesellschaft, städtisches Leben – schon da war, als das erste historische Licht auf sie fällt. Was noch tiefer lag, was ohne Schrift und steinerne Häuser stattgefunden hatte, das hatte außer einem Haufen Faustkeile und Tonscherben, den ewigen Langweilern der Heimatmuseen, so gut wie keine Spuren hinterlassen. Und lange schien es, als müsste es auch so bleiben.
Aber in den Jahrzehnten seit Thomas Mann wurde eine Reihe von Verfahren entwickelt, die das vormals unbeachtet Stumme zum Reden brachten. Die Radiokarbonmethode erlaubte es auf einmal, die organischen Überbleibsel der Vergangenheit zu datieren. Die Dendrochronologie wies allem, was aus Holz war, mithilfe der Jahresringe ein genaues Alter zu. Die Analyse von Pollen aus den Schlammschichten der Seen gewährte Aufschluss, wann es welche Pflanzendecke gegeben hatte und was die Leute damals anbauten und aßen. Und als jüngstes und fesselndstes dieser Verfahren gibt es seit ungefähr zwanzig Jahren die Archäogenetik.
Als um die Jahrtausendwende erstmals die Decodierung eines kompletten menschlichen Genoms gelang, war das eine nicht nur wissenschaftliche, sondern auch populäre Sensation. Inzwischen ist die Archäogenetik in aller Stille erheblich vorangekommen. Wenn die Entschlüsselung des Erbguts eines einzelnen Menschen damals noch zehn Jahre in Anspruch nahm, so schafft man heute 300 menschliche Genome pro Tag, Tendenz steigend. So wird es möglich, flächendeckend ein Bild menschlichen und anderen Lebens auch in der entfernten Vergangenheit zu entwerfen.
Beim Übertritt von der Fach- auf die Sachbuchebene besteht immer das doppelte Risiko, dass entweder der Fachmann, der sich ans Publikum wendet, sein Wissen nicht fasslich zu vermitteln versteht oder aber der Vermittler nicht alles so genau verstanden hat und darum seichten Unfug produziert. Darum muss man es als einen Glücksfall bezeichnen, dass sich für das Buch „Die Reise unserer Gene“ zwei Autoren zusammengetan haben, die einander ergänzen: Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Institus für Menschheitsgeschichte in Jena, ist für den wissenschaftlichen Gehalt verantwortlich. Der Wissenschaftsjournalist Thomas Trappe hat geholfen, aus dem, was Krause weiß, ein gut und spannend lesbares Buch über die Forschungen der Archäogenetik zu machen.
Wenn also Krause aus dem russischen Altai das weniger als beerengroße Stückchen der Fingerspitze eines Mädchens, das vor 70 000 Jahren starb, zugeschickt bekommt und er daraus die Existenz einer ganz neuen Spezies deduziert, des Denisova-Menschen, der neben Homo sapiens und Neandertaler als Dritter im Bunde durchs vorzeitliche Eurasien streifte, dann verwandelt sich der Bericht hierüber in eine echte Story.
Der Wissenszuwachs, der durch die Archäogenetik eintritt, ist ungeheuer. Fragen, die als unlösbar galten, sind mit einem Mal gelöst. Wo der moderne Mensch sich entwickelte, welche Wanderungsbewegungen es zu welchem Zeitpunkt gab: Jetzt steht es fest. Die Bevölkerung Europas setzt sich (dies eins der wesentlichen Resultate) zu ungleichen Teilen aus dem Ergebnis von drei Einwanderungen zusammen. Der ältesten Gruppe der Jäger und Sammler folgten vor rund 8000 Jahren anatolische Bauern nach, die vom Balkan her einwanderten, und diesen wieder vor rund 5000 Jahren berittene Steppenvölker aus dem Osten.
Auch die alte Streitfrage, ob das Vordringen neuer Kulturformen auf friedlichem Weg durch Übernahme der Techniken oder gewaltsam durch Verdrängung der älteren Bevölkerung geschah, konnte entschieden werden: vorwiegend durch Gewalt. Die Eroberer aus dem Osten kamen als Junggesellenverbände und nahmen sich die Frauen, die sie brauchten, vor Ort, was schwerlich auf reinem Verhandlungsweg vor sich ging. Woher man so etwas weiß? Nun, man kann bei heute lebenden Menschen die DNA in den Mitochondrien, die ausschließlich durch die Mutter vererbt wird, mit derjenigen auf dem Y-Chromosom vergleichen, die immer der Vater weitergibt, und sieht dann deutlich, wer woher kam. Auch über die zentrale Rolle, die schon früh Krankheiten wie die Pest spielten, welche bereits vor Jahrtausenden zu einer weitgehenden Entvölkerung Europas führte, erfährt man Verblüffendes und Erschreckendes. Selten dürfte man auf nur 250 Seiten so viel und so grundstürzend Neues lernen wie bei diesem Buch.
Da bräuchte es noch nicht einmal die aktualisierende Anknüpfung an die Gegenwart, welche die Autoren für nötig halten. Sie beginnen ihr Buch mit dem Blick auf einen gewaltigen Migrantenstrom, der donauaufwärts nach Mitteleuropa eindringt, und verraten erst später, dass die Szene, die sie meinen, ein paar Hundert Generationen zurückliegt. Und gegen Ende betonen sie stark, dass Europa seinen heutigen Zustand, den die Nationalisten aller Couleur verteidigen, allein der Einwanderung verdankt. Die alte Gleichung Volk = Sprache = Kultur brechen sie nachdrücklich auf. Den Reaktionären der Gegenwart geben sie den bemerkenswerten Satz mit auf den Weg: Bliebe alles immer, was es war, so wäre das Heutige nicht, was es ist. Freilich machen sie uns wenig Hoffnung, dass das gemischte Neue je ohne Konflikt entsteht.
Dieses überaus bereichernde Buch begeht allerdings einen interessanten Missgriff. Gewissermaßen nebenbei will es auch das alte Problem lösen, woher und auf welchen Wegen die heute dominante Sprachfamilie des Indoeuropäischen nach Europa gekommen ist. Hierzu schlagen die Autoren eine „Hybridtheorie“ vor, in der sich die herkömmliche Sprachgeschichte mit den Erkenntnissen der Archäogenetik verschränkt. Sie wissen, dass im Erbgut eine genetische Uhr tickt, das heißt pro Zeiteinheit eine relativ konstante Anzahl spontaner Mutationen vorfällt, sodass man aus dem Maß der genetischen Differenzen zwischen Arten und Populationen auf den Zeitpunkt schließen kann, an dem sie sich voneinander getrennt haben.
Dieses Modell übertragen sie auf den Sprachwandel. Auch hier sei der Grad der Diversität eine direkte Funktion der verstrichenen Zeit. So landen sie bei einem Diagramm (es sieht wie ein Mobile aus), das mit großer Exaktheit die Abstammungsverhältnisse in einer Serie von Gabelungen festlegt. Zuerst habe sich das Anatolische abgespalten, dann das Tocharische, dann das Griechische und Armenische und so weiter. Sie setzen dabei voraus, dass die sprachliche wie die biologische Entwicklung ganz einfach auf einem Zeitstrahl vorangleitet, und lassen außer Acht, dass in der Sprache Zeit in ein Verhältnis zu sich selbst übergeht, also historisch wird.
Es ist ja richtig, dass durch gesetzmäßig beschreibbare Prozesse ein Ur sich in der deutschen Sprache allmählich in einen Auerochsen verwandelt hat und der Aar so unverständlich wurde, dass er zunächst verdeutlichend zu einem Edel-Aar und dann, gänzlich verdunkelt, zu einem Adler mutierte. Aber dann kommen im 18. Jahrhundert die jungen Poeten und holen das Abgetane wieder hervor, und plötzlich sind, obwohl in freier Wildbahn fast oder ganz ausgerottet, Aar und Ur wieder in aller Munde. Der Aar hält sich nicht so recht, aber das Ur verselbständigt sich zur Vorsilbe. Das Uralte ist, gemessen an sonstigen sprachlichen Erscheinungen, blutjung. Hier greift die Kategorie der Tradition, in der die Zeit sozusagen ihre Fließrichtung umkehrt. Tradition tut, was ein evolutiver Abkömmling niemals macht: Sie blickt zurück, denkt nach und wählt aus.
Dieses Phänomen lässt sich im Modell von Krause und Trappe schlechterdings nicht abbilden. Es ist genau genommen auch kein hybrides Modell, also eines, in dem zwei Wissenschaften und ihre Methoden verschmelzen, sondern eine feindliche Übernahme der Sprachwissenschaft durch die Evolutionstheorie. Immer soll es die große Theorie von allem sein, immer drängelt sich dabei eine Leitwissenschaft nach vorn – und immer werden ihre überzogenen Ansprüche an der Bockigkeit des Materials zuschanden. Lesen Sie das Buch trotzdem, es lohnt sich!
BURKHARD MÜLLER
Die alte Gleichung von Volk,
Sprache und Kultur wird hier
nachdrücklich aufgebrochen
Leider drängt sich auch hier wie
so oft eine Großtheorie ganz nach
vorn, die Evolutionstheorie
Johannes Krause mit Thomas Trappe: Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren. Propyläen Verlag, Berlin 2019. 284 Seiten, 22 Euro.
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"... "Die Reise unserer Gene" kommt zur rechten Zeit. Für mich ist es jetzt schon das Wissenschaftsbuch des Jahres" Niels Boeing ZEIT Wissen 20190820
"Selten dürfte man auf nur 250 Seiten so viel und so grundstürzend Neues lernen wie bei diesem Buch." Burkhard Müller Süddeutsche Zeitung 20190404